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Apachen und Poeten

Apachen und Poeten

Istanbuls junge Subkultur von Timour Muhidine

Am Morgen des 1. Mai 2013 war die Galatabrücke über dem Goldenen Horn hochgeklappt, zum ersten Mal seit 43 Jahren. Die beiden Straßenteile ragten wie schwarze Asphaltmauern in den Himmel über Istanbul. Damit war die Verbindung zwischen den Stadtteilen Fatih und Beyoglu gekappt. Im Umkreis von mehreren Kilometern wurde der Taksimplatz in Beyoglu abgeriegelt. Der Fährverkehr zwischen der europäischen und der asiatischen Seite Istanbuls war bis nachmittags um vier eingestellt. Die Demonstranten, die es am Tag der Arbeit trotzdem auf den Taksim geschafft hatten, wurden von Tränengas und Panzern empfangen. Einige Wochen später begannen auf dem Platz die Gezi-Proteste,1 die bald von einer breiten gesellschaftlichen Bewegung unterstützt wurden.

Der Taksim, auf dem schon viele politische Kundgebungen stattgefunden haben, war seit jeher ein Abbild der Widersprüche und Bestrebungen des Landes. Das spiegelt auch die semimodernistische Anlage des Platzes wider, den der französische Stadtplaner Henri Prost 1939 entworfen hat und der in einer symbolischen Verbindung mit der 1923 gegründeten Türkischen Republik steht. Die Pläne der Regierung Erdogan zielen darauf ab, diese Bande zu zerschneiden: Der Park soll verschwinden, an seine Stelle soll eine rekonstruierte osmanische Kaserne treten; eine Moschee ist geplant, und das Atatürk-Kulturzentrum, benannt nach dem Gründungsvater der modernen Türkei, soll abgerissen werden.

Der Taksim ist ein Verkehrsknotenpunkt und das Tor zum Szeneviertel Beyoglu mit seinen vielen Restaurants, Bars, Theatern, Kinos und Nachtklubs. Unter die Menschenmenge auf der Flaniermeile Istiklal Caddesi mischen sich die „Apachen“, wie man in Istanbul die Vorstadtjugendlichen nennt, die hier in schrillem Aufzug und mit skurrilen Frisuren gerade noch toleriert werden.

Nun hat sich zum ersten Mal ein Soziologe mit diesen jungen Außenseitern beschäftigt. In seinem Buch „Apaçi Gençlik“ beschreibt Ömer Mirac Yaman mit viel Feingefühl die jungen Männer (Frauen sind nur vereinzelt darunter) und ihre Großstadtcliquen. Yamans Feldforschungen aus den Jahren 2008 bis 2012 konzentrieren sich auf die nordöstlichen Stadtteile Esenler und Bagcilar auf der europäischen Seite der Stadt. Er zeichnet ein nüchternes Bild vom Leben an den urbanen Rändern, die man bislang „varos“ („Vororte“) oder häufiger einfach „semt“ („Viertel“) nannte und die neuerdings immer häufiger als „banliyö“ (vom französischen „Banlieue“) bezeichnet werden.

Yamans Interviews mit Kaffeehausbesitzern, Busfahrern und Lehrern machen die Starrheit der sozialen Ordnung spürbar ebenso wie die Feindseligkeit, die den Jugendlichen mit ihrem provozierenden Aussehen fast immer entgegenschlägt. Unverkennbar ist der Wille zur moralischen Kontrolle, von dem auch Ministerpräsident Erdogan getrieben ist. Immer wieder mahnt er in seinen Reden an, dass die Jugend nicht vom rechten – islamischen – Weg abkommen dürfe. Zuletzt verurteilte er im November letzten Jahres gemischte Studentenwohnheime: „Wir haben es nicht erlaubt und wir werden auch nicht erlauben, dass Mädchen und Jungen zusammen in staatlichen Wohnheimen leben.“

Jogginghosen gefährden das Türkentum

Manche Leute sind der Meinung, dass die Apachen mit ihrem Electro Dance (halay), ihren Haarlackfrisuren, Jogginghosen und den bunt bemalten T-Shirts das „Türkentum“ in Gefahr brächten, jene auf der türkischen Sprache und dem sunnitischen Islam gründende „nationale Identität“, auf die sich Konservative aller Art berufen. Die Apachen sind zwar schon mehrfach mit der Polizei aneinandergeraten, waren aber bisher eher unpolitisch und haben sich auch bei den Protesten auf dem Taksimplatz abseits gehalten – genauso wie viele junge Kurden, die der Konfrontation mit dem Staat aus dem Weg gehen, um die Friedensverhandlungen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK nicht zu gefährden.

Im Jahr 2012 widmete die Zeitschrift Toplumbilim („Soziologie“) dem Phänomen der Vorstädte eine ganze Nummer. Allerdings stützten sich die meisten Beiträge auf französische Quellen, ständig wurde Istanbul mit Paris verglichen, die soziologischen Feldforschungen waren unbefriedigend.

Wer sich für die Wirklichkeit an den Rändern der Stadt interessiert, wird eher bei den Schriftstellern fündig. Nach etlichen Texten über die Elendsviertel, die es vor 30 Jahren in jeder türkischen Metropole gab, und dem literarischen Auftritt der besseren Istanbuler Vororte in den Romanen der Autorin Buket Uzuner setzt sich heute eine neue Generation von Schriftstellern ganz anders mit der Stadt auseinander. In ihren Romanen dehnen sich die Städte bis zum Horizont und bis an die Endstationen der Minibuslinien aus; die Polarität von Zentrum und Peripherie spielt kaum noch eine Rolle. Die Stadt tritt als Ansammlung verschiedener urbaner Welten auf, zu denen auch die Vororte gehören.

Dabei verkörpern die Romanhelden von Hakan Günday oder Murat Uyurkulak2 (beide Jahrgang 1972) nicht gerade den Typus, der für den Erhalt eines Parks auf die Straße gehen würde: Gündays und Uyurkulaks Figuren sind oft gewalttätig, aufbrausend und kriminell. In der Erzählung „Vogelnest“3 von Murat Uyurkulak gehört der Taksim in einer poetischen Fantasie den Transsexuellen: „Der Taksim in Istanbul ist das Leben. Es ist der fröhlich-traurige Orkus der Türkei. Wasser sprudelt aus seinem Mund, Blut rinnt von seinem Rücken, und der Raki fließt aus seinem Gesäß.“

Bei den Parlamentswahlen im Juni 2011 hatten fast 50 Prozent der Wähler für die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von Ministerpräsident Erdogan gestimmt. Im Juli 2013 waren bei einer Umfrage 51 Prozent der Befragten der Ansicht, die Polizei habe bei den Protesten im Gezipark „das Notwendige getan“. Doch die andere Hälfte der türkischen Bevölkerung hat ihre Zweifel an der von Erdogan verkörperten Ordnung.

Ein deutliches Anzeichen für die Infragestellung von Autoritäten sind auch die vielen Publikationen über den historischen und zeitgenössischen Anarchismus sowie die Anleitungen zur Besetzung von Plätzen und Gebäuden oder zur Mobilisierung von Mitstreitern. Dass sich auf den Tischen der Buchhandlungen seit gut einem Jahr die Werke von Max Stirner und Michail Bakunin, übrigens von Murat Uyurkulak ins Türkische übersetzt, oder Bücher über die Pariser Kommune häufen, zeugt von einem großen Bedürfnis nach Veränderung.

Auf dem Titel der Märznummer 2013 der Zeitschrift Sabitfikir („Fixe Idee“) prangt die Zeichnung eines vermummten, schwarz gekleideten Revoluzzers, der ein brennendes Buch wegschleudert – es war wie ein Vorbote auf die wenig später beginnenden Proteste. In einem zehnseitigen Dossier stellte Sabitfikir in jener Ausgabe die wichtigsten jüngeren Veröffentlichungen zum Thema vor: „Die dritte Revolution“ von Murray Bookchin, „Frei von Herrschaft. Fragmente einer anarchistischen Anthropologie“ von David Graeber und die erste umfassende Studie zum „Anarchismus in der Türkei“ von Baris Soydan. Sie fragen nach dem Platz, der dem Einzelnen in einer von sozialen und politischen Veränderungen erschütterten Gesellschaft zukommt, und fordern, dass das Versprechen von einem besseren Leben nicht nur für einen winzigen Teil der Bevölkerung wahr wird.

Die Taksim-Demonstranten äußerten sich vorwiegend über Twitter, Graffitis und Musik: Die Lieder und Witze der „Tschapulierer“4 werden vielen noch lange in Erinnerung bleiben, ebenso wie der populäre „La Chapulita“-Song von Müge Zeren.

Die Intellektuellen waren nicht die Hauptakteure dieser breiten Bewegung aus Studenten, Arbeitern, Angestellten, Gewerkschaftern und Arbeitslosen. Aber auch sie haben das Wort ergriffen: Junge Frauen wie die Journalistin Ece Temelkuran oder die Schriftstellerin Sema Kaygusuz,5 aber auch Autoren, die sich normalerweise nicht öffentlich zu tagespolitischen Themen äußern, wie der Schriftsteller und Übersetzer Yigit Bener. In einem Beitrag für die Zeitung Radikal weist Bener darauf hin, dass eine ganz neue Sprache entstanden sei: „Eine Sprache, die ihre eigene Kultur verkörpert: eine Sprache des Humors, der Liebe, des Widerstands, der Solidarität, des gemeinsamen Leids; eine Sprache der Intelligenz, des Mutes und des Ungehorsams.“

Der belgisch-türkische Autor Ke-nan Görgün (Jahrgang 1977) ist wie viele moderne Schriftsteller ein Grenzgänger. Er schreibt normalerweise Romane, die eine Mischung aus Thriller und Fantasy sind. In seinem jüngsten Buch, dem journalistischen Tagebuch „Rebellion Park“, entwirft er eine vibrierende Welt, in der es jede Menge Fragen, aber keinen Platz mehr für Ideologien gibt. Wie auf einem spontan improvisierten Fest haben sich den Gezi-Protesten kleine Minderheitengruppen, Außenseiter und andere bunte Vögel angeschlossen, um dem starren, sunnitisch-konservativen Block, der unter Fortschritt nur Technik und Konsum versteht, die Deutungshoheit zu entreißen.

In diesem Sinne war der Auftritt der „antikapitalistischen Muslime“ zweifellos so etwas wie eine Offenbarung: Sie veröffentlichten in einer linksextremen Monatszeitung ein Manifest, beschwören seitdem eine „Ökumene“ der Aktivisten und betonen dabei immer wieder, dass der Kapitalismus der Feind Gottes sei.

In seinem Buch „Wolkenkratzer“ hat Tahsin Yücel (Jahrgang 1933) schon 2006 die aberwitzige Urbanisierung Istanbuls geschildert. Doch der Leser amüsierte sich nicht nur über die Geschichten von himmelstürmenden Gebäuden, abrisswütigen Baulöwen und befreundeten Altlinken, die entschlossen sind, gegen ein derart ungerechtes System Widerstand zu leisten. Yücels Buch enthält auch eine Warnung: Sein fiktiver Ministerpräsident Mevlüt Dogan (fehlt nur noch die Vorsilbe Er-) ist ein diktatorischer Vorbeter der Privatisierung. Ihm zur Seite steht ein Architekt, der von nichts anderem träumt, als Bäume fällen zu lassen. Doch die Vertriebenen erobern ihre Viertel zurück und demonstrieren auf den menschenleeren Straßen. In Yücels negativer Utopie des Jahres 2073 prägen Unzufriedenheit, Immobilienwahn und Profitgier die türkische Gesellschaft. Wer sich auflehnt, wird zermalmt – wie in der Wirklichkeit des Jahres 2013.

Fußnoten: 1 Zwischen dem 28. Mai und dem 16. Juni 2013 starben bei den Protesten im Zentrum von Istanbul sechs Menschen, 8 000 wurden verletzt und 255 Demonstranten wurden vor Gericht gestellt und verurteilt. 2 Von Murat Uyurkulak gibt es auch einige Bücher, die ins Deutsche übersetzt wurden, vor allem im Binooki Verlag, der auf türkische Literatur spezialisiert ist: binooki.com/blog/autoren/murat-uyurkulak/. 3 Uyurkulaks Erzählung „Nid d’oiseau“ ist in der Anthologie „Écrivains de Turquie. Sur les rives du soleil“, Paris (Galaade) 2013, erschienen. 4 Erdogan hatte die Demonstranten als „çapulcu“ („Plünderer“) beschimpft, die darauf lautstark ihr Recht auf „Çapuling“ einforderten. Siehe auch Tristan Coloma: „Erdogans Versprechen, Erdogans Versagen“, Le Monde diplomatique, Juli 2013. 5 Von Sema Kaygusuz erschien zuletzt auf Deutsch „Schwarze Galle“, Berlin (Matthes & Seitz) 2013. Von Ece Temelkuran erschien unter anderem auf Englisch „Deep Mountain. Across the Turkish-Armenian Divide“, (Verso Books) 2010. Aus dem Französischen von Jakob Horst Timour Muhidine ist Wissenschaftler am Institut national des langues et civilisations orientales (Inalco), Paris.

Le Monde diplomatique vom 14.02.2014,