Ein kleines gallisches Dorf in Kanada

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Ein kleines gallisches Dorf in Kanada

Die Bürger von Saint-Camille verbinden soziale Utopie mit geschäftlichem Erfolg von Bernard Cassen

Wer an einem Freitagmittag einen Einwohner von Saint-Camille1 treffen möchte, braucht sich nicht eigens zu verabreden. Wenn der Gesuchte überhaupt im Dorf ist, findet man ihn und die dazugehörige Familie höchstwahrscheinlich im P’tit Bonheur bei einer Pizza nach Art des Hauses. Bereits um vier Uhr morgens hat der Bäcker nebenan mit der Zubereitung des Teigs begonnen, der ab sieben Uhr von drei ehrenamtlichen Helfern portioniert wird. Drei weitere Ehrenamtliche sind in der Küche dabei, drei verschiedene Pizzasorten zu backen, darunter eine vegetarische. Für 8,25 kanadische Dollar kann sich jeder bedienen, sooft er will.2 Ein ausgezeichnetes Bier aus einer nahegelegenen Dorfbrauerei löscht den Durst, und als Nachtisch stehen Erdbeeren auf dem Speiseplan. Sie stammen von einem Bauernhof der örtlichen Land- und Forstwirtschaftskooperative.

Für die, die auch dienstags nicht selbst kochen wollen, gibt es „Essen auf Rädern“ – ebenfalls aus der Küche des P’tit Bonheur. Es sind die älteren Leute im Dorf, die „Altvordern“, wie man hier sagt, die die Mahlzeiten zubereiten – selbstverständlich ehrenamtlich. Vor allem die Kinder der benachbarten Dorfschule, „Christ-Roi“ (Christ-König), die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Nonnen des französischen Ordens Soeurs de l’Assomption gegründet wurde, machen von dieser Möglichkeit Gebrauch. Der Preis ist unschlagbar: 4,50 Dollar für Erwachsene, 2 Dollar für Kinder.

Doch das P’tit Bonheur, dessen Name eine Hommage an den Chansonnier Félix Leclerc ist, dient nicht nur als Gasthof und Treffpunkt, wo man gern einmal einen Kaffee oder ein „Gebrautes“ zu sich nimmt, sondern auch als gemeinnütziges Bürgerhaus für alle Altersgruppen. Es ist der Ort für Versammlungen, Ausstellungen, Kurse, Tagungen, Theatervorstellungen, Konzerte, Sonntagsfrühschoppen und dergleichen.3 Aber wer denkt, das Leben in Saint-Camille spiele sich nur in diesem Lokal ab, wird bald eines Besseren belehrt. Heute Vormittag zum Beispiel hat der Besucher die Qual der Wahl zwischen drei verschiedenen Versammlungen, darunter eine mit einer Delegation aus Mali. Und das in einem Dorf mit ganzen 446 Einwohnern! Was ist das Geheimnis von Saint-Camille?

Seine Einwohner beschränken sich nicht auf eine einzige Funktion: Wie in einem Theaterstück, in dem jeder Schauspieler mehrere Rollen spielt, sind die Saint-Camiller vielseitig. Sie sind ehrenamtliche und bezahlte Mitarbeiter, Verbraucher und Erzeuger, Verkäufer und Kunde, Lehrer und Schüler, Schauspieler und Zuschauer. Je nach Tageszeit, Woche oder Monat wechseln sie sich in den Rollen ab.

Pioniere der Unabhängigkeit

Wer aber „Theatertruppe“ und „Theaterstück“ sagt, muss auch „Regisseur“ sagen. Gibt es in Saint-Camille so etwas wie einen Guru, der dem Dorf nach Art einer Sekte seinen Stempel aufdrückt? Allein der Gedanke daran lässt die Einheimischen in schallendes Gelächter ausbrechen, denn hier achtet jeder eifersüchtig auf seine Unabhängigkeit. Da gleichen sie ganz dem Gründer des Dörfchens, einem gewissen Edouard Desrivières. Die Chronik berichtet, dass er 1848 die Stadt Québec verließ und die ersten Flächen des Territoriums zu roden begann, auf dem heute die Gemeinde liegt. Dort lebte er anschließend dreißig Jahre lang als Eremit.

Jetzt pilgern regelmäßig Delegationen aus ganz Québec nach Saint-Camille, um die erstaunliche Alchemie der Gemeinde aus der Nähe zu betrachten. Diese ist nicht das Resultat des Wirkens irgendeiner „unsichtbaren Hand“, sondern dahinter stecken ein paar visionäre Individuen, starke Persönlichkeiten, die entscheidungsfreudig, aufopferungsvoll und entschlossen genug waren, das Überleben ihrer Gemeinde durch unkonventionelle Lösungen zu sichern. Sie waren auch pädagogisch genug, um ihren Mitbürgern diese Lösungen zu vermitteln, und interessiert am Geschehen in der übrigen Welt – ein Interesse, das im Nachbardorf beginnt und sich über alle fünf Kontinente erstreckt.

Wollte man ihre Leitgedanken als Konzept formulieren, würde man sagen: sozialer Zusammenhalt, generationenübergreifende Solidarität, nachhaltige Entwicklung, Stärkung der lokalen Wirtschaft, Volkserziehung, Fähigkeit zu Erneuerung und Kreativität, Priorität der Kultur, Internationalismus – wobei das Ganze ebenso lokales Gesellschaftsprojekt wie globales Denken ist. Mit nicht einmal einem halben tausend Akteuren? Aber ja doch, schließlich können soziale Experimente nicht nur in Metropolen wie Porto Alegre und Caracas durchgeführt werden. Auch ein kleines Dorf kann ein Weltdorf sein.

Seit Saint-Camille 1860 den Gemeindestatus erhielt, stand das Dorf in Québec stets in dem Ruf, seiner Zeit voraus zu sein. So wurde die Sägemühle bereits 1880 elektrifiziert, Straßenbeleuchtung und Haushalte kamen sechzehn Jahre später dran. Und die vier Teilhaber, die 1985 die Risikokapitalgesellschaft „Le Groupe du Coin“ gründeten, waren Erben dieses Pioniergeistes und hatten nicht die Absicht, Spekulationsgeschäfte zu tätigen. Mit einer jährlichen Einzahlung von jeweils 1 200 Dollar wollten die vier den Rückgang der Bevölkerung stoppen. Von 1 100 Einwohnern im Jahr 1911 sank die Zahl auf 400 Personen im Jahr 2001 – Grund war das Verschwinden sämtlicher Betriebe, die land- und forstwirtschaftliche Erzeugnisse weiterverarbeitet hatten.

Um das absehbare Sterben des Dorfes zu verhindern, kauften die Gesellschafter die frei gewordenen Räumlichkeiten auf und nutzten sie für Projekte, die die Abwanderung zunächst aufhielten und den Trend schließlich umkehrten. Die Alarmglocke schrillte 1992, als die Post geschlossen werden sollte. Es war ein beispielloser Anblick in diesem Dorf ohne Protesttradition, als die „Dorfbewohner mit Schildern in der Hand durch die Straße gingen“, erinnert sich Jacques Proulx, einer der Gründer der Groupe du Coin. Als Präsident der Organisation Solidarité rurale du Québec ist der pensionierte Landwirt, der der Slow-Food-Bewegung nahe steht, in der gesamten Provinz bekannt.

Nach der Schließung des Dorfladens kaufte die Groupe ihn auf, baute ihn zum Mehrzweckgebäude um und vermietete ihn 1988 an den Verein Le P’tit Bonheur (Das kleine Glück), der sich nach und nach zum Zentrum des Dorfes mauserte. Vorsitzender des Vereins ist Sylvain Laroche, ein anderer Mitbegründer der Groupe du Coin. Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Sylvain, damals Student an der Universität Sherbrooke, den spontanen Entschluss fasste, ins Dorf zurückzukehren. Er hat es nicht mehr verlassen. Schwer vorstellbar, dass das Dorf ohne ihn auskommen könnte, ihn, den geborenen Vermittler, der für alle ein offenes Ohr hat und die Fähigkeit besitzt, Konflikte zu entschärfen. Denn auch in Saint-Camille gibt es natürlich Streitigkeiten.

Nach dem Dorfladen kaufte die Gruppe das Pfarrhaus, in dem 1999 zwei Genossenschaften Platz fanden, die sich den in Québec nicht negativ konnotierten Namen „La Corvée“ (Die Fron) gaben: eine Wohnungsgenossenschaft mit neun Apartments für ältere Menschen und eine Wellness-Klinik, in der man auch Medikamente abholen kann, die man zuvor in einer Apotheke bestellt hat. La Corvée ist ein Schlüsselelement im Gemeindeleben von Saint-Camille, das auf dem Miteinander und der Solidarität der Generationen beruht. Am Tag des Essens auf Rädern, am Pizzatag und bei vielen anderen Gelegenheiten kommen die Kinder mit Menschen zusammen, die vom Alter her ihre Großeltern sein könnten. Letztere nehmen aktiv am Dorfleben teil, dessen 25 Vereine nicht weniger als 200 ehrenamtliche Helfer auf die Beine bringen können.5

Als Nächstes nahm sich die Gruppe eine alte Kfz-Werkstatt vor und baute sie zu einem Multimediazentrum um. Seit 2005 ein ausreichender Internetanschluss installiert wurde, haben sich die Möglichkeiten des Zentrums vervielfacht. Die Bedingungen für Telearbeit haben sich drastisch verbessert. Unternehmen wie die auf Brücken spezialisierte Hochbaufirma Constructions Randard können ihren Sitz im Dorf haben, und Martin Aubé, Physikprofessor in Sherbrooke, hat die Möglichkeit, sein Beratungsbüro Memo Environnement von seinem aufs Land ausgelagerten Büro aus zu verwalten.

Aus den gemeinsamen Überlegungen der Gemeinde, des Entwicklungsverbands, der Schule und des „Kleinen Glücks“ wurde eine Idee geboren, die dem Dorf wieder auf die Sprünge half: die Teilnahme an einem Feldversuch des Québecer Bildungsministeriums. Im Rahmen des seit 2002 laufenden Projekts „Vernetzte Zwergschule“ (École éloignée en réseau), an dem zunächst drei Gemeinden teilnahmen – heute sind es dreizehn –, entwickelten sich die Schule Christ-Roi und die Gemeinde zu Partnern einer „Lerngemeinschaft“. Solche synergetischen Effekte durch die Nutzung modernster Informationstechnologie streben alle Verantwortlichen im Dorf an.

Ginseng und Ökobeeren

Die zum größten Teil aus sehr jungen Landwirten bestehende Kooperative vermarktet 70 Prozent ihrer Erzeugnisse (Gemüse, rote Früchte) im näheren Umland, teils über den Lebensmittelladen im Dorf, teils über die „Gemüse- und Obstkiste“, die dem Abonnenten samt Rezeptzettel ins Hause geliefert wird und nur enthält, was die Jahreszeit zu bieten hat.

Um ehrlich zu sein, gefällt dieser Ansatz den rund 25 „traditionellen“ Landwirten im Dorf überhaupt nicht. Sie erzeugen Getreide, Viehfutter und Fleisch und nutzen den Wald als Holzlieferanten, während die Genossenschaftsbauern vom „Clé des Champs“ alles außer Holz aus dem Wald holen – hauptsächlich Ginseng, der – wie man hier beiläufig erfahren kann – lange Zeit das zweitwichtigste Ausfuhrerzeugnis Québecs war (das wichtigste waren Pelze). Zur kulturellen Versöhnung mit den jungen Ököbauern wird kaum beitragen, dass in Kürze rund zwei Dutzend Kleinhöfe in den Besitz junger Paare übergehen, die – so hofft die Schule Christ-Roi – viele Kinder haben werden. Hier die industrielle, exportorientierte Landwirtschaft, dort die bäuerliche, bodenständige Landwirtschaft, die auf Ernährungssicherheit vor Ort abzielt – dieser weltweite Konflikt zieht sich auch durch das kleine Dorf in Québec.

So also stehen die Dinge in Saint-Camille, wo es sich allem Anschein nach gut leben lässt und man in Fragen des Überlebens vor allem auf kollektive Intelligenz setzt. Zu den Grundlagen gehört dabei die angewandte Ethik, die Jean-François Malherbe, Professor an der Universität Sherbrooke, in seinen Kursen vor Ort in Saint-Camille lehrt. Was er von folgendem Churchill-Spruch hält, den Sylvain Laroche vom P’tit Bonheur gern zitiert, vergaßen wir leider, ihn zu fragen: „Es ist besser, den Wandel in die Hand zu nehmen, als den Wandel an der Kehle zu haben.“

Fußnoten: 1 Saint-Camille befindet sich 35 Kilometer nördlich von Sherbrooke, 150 Kilometer östlich von Montréal und nur 30 Kilometer von der Grenze zu den US-Bundesstaaten Vermont und New Hampshire entfernt. 2 Ein kanadischer Dollar sind rund 0,70 Eurocent. 3 www.ptitbonheur.org. 4 In: „La paroisse de Saint-Camille, comté de Wolfe, province de Québec“, erschienen 1908, (neu aufgelegt 1981 von der Imprimerie d’Asbestos) beschreibt der Pfarrer des Dorfs, Luc-Alphonse Lévêque, die Persönlichkeit dieses „Abenteurers“, dessen letzte Augenblicke „für seine Freunde ein Beispiel der Erbauung waren“. 5 Dazu Joanne Gardner, „À chacun son histoire. Recueil de vie d’aînés de notre campagne“, Saint-Camille (La Corvée) 2004. Aus dem Französischen von Bodo Schulze

Le Monde diplomatique vom 11.08.2006, von Bernard Cassen

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