Nette Nachbarn

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Nette Nachbarn

Viele französische Traditionsunternehmen sind in belgischer Hand – und die Gewerkschaften freuen sich von Michaël Sephiha

Im April titelte das belgische Wirtschaftsmagazin Trends Tendances provokant: „Albert, König von Frankreich – im Geschäftlichen“. Die Illustration zeigte den belgischen Milliardär Albert Frère mit einer malvenfarbenen Perücke als Ludwig XIV. verkleidet.1

Von der Frotzelei abgesehen, ist der Befund des Wirtschaftsmagazins durchaus ernst zu nehmen. Albert Frère, der Milliardär aus Charleroi, aber auch andere belgische Wirtschaftsführer investierten in den letzten Jahren erhebliche Summen in Frankreich und kauften mehrere französische Unternehmen auf. „Frère kontrolliert ein beachtliches Spektrum börsennotierter Unternehmen plus einiger Schätze, die er hier und da aufgetan hat. Insgesamt übersteigen seine Beteiligungen in Frankreich den Wert von 14,5 Milliarden Euro“, notiert das Magazin. Frère ist größter Privataktionär der Energiegruppe Suez und der Ölgesellschaft Total, er kontrolliert den Hersteller von Baumaterialien, Imerys, ist an Eiffage beteiligt, dem Bauherrn und Konzessionär der Autobahnbrücke „Viaduc de Millau“ – der höchsten in Europa – und hält Anteile am Zementhersteller Lafarge. Die Käserei Entremont Alliance mit ihren 4 100 Angestellten kontrolliert Albert zu zwei Dritteln. Mit seinem belgischen Partner Luc Bertrand besitzt er darüber hinaus die belgisch-französische Fastfoodkette Quick, die Flo-Gruppe und Anteile an den renommierten Weinbergen des Château Cheval Blanc und des Château Rieussec. Albert Frère und seine Mitstreiter fühlen sich in Frankreich zu Hause. „Wissen Sie, Reims ist von Charleroi nicht weiter entfernt als Knokke-le-Zoute“, sagt Frère-Vertrauter Gilles Samyn.2

Für belgische Unternehmensführer stellt sich Frankreich als natürliche Erweiterung des eigenen Markts dar, der sich für ihre Unternehmen rasch als zu klein erwies.3 „Frankreich steht wirtschaftlich gut da und hat bei Forschung und Entwicklung einiges zu bieten“, erklärt Dominique Frachon, Generaldirektor des Brüsseler Büros der Französischen Agentur für Internationale Investitionen (AFII). Auch die um 15 bis 25 Prozent niedrigeren Löhne in Frankreich spielen wohl eine Rolle.

Auch der TGV Thalys, der die Strecke Brüssel–Paris in einer Stunde und 25 Minuten zurücklegt, erleichterte die belgische Expansion. 2005 transportierte der Zug 6,15 Millionen Reisende, die Hälfte davon Geschäftsleute. „Er erlaubt es den belgischen Unternehmern, auf der Pariser Bühne präsent zu sein“, schreibt das belgische Wirtschaftsblatt L’Echo.4 Frankreich ist dank des Thalys auch das Land mit den meisten belgischen Auswanderern. Pierre-Dominique Schmidt, Belgiens Botschafter in Paris, schätzt ihre Zahl auf 150 000 bis 200 000. Umgekehrt ließen sich in letzter Zeit 30 000 bis 35 000 Franzosen im Nachbarland nieder, wohl auch deshalb, weil Belgien weder Vermögensteuer noch Gewinnsteuer kennt.

Vor allem französische Medien und Lifestyle-Unternehmen ziehen belgische Investoren an. So übernahm die flämische Mediengruppe Roularta kürzlich die Pressegruppe L’Express-L’Expansion. Die Zeitschriften Studio Magazine, À Nous Paris und Maisons Côté (Ouest, Est, Sud etc.) gibt Roularta schon seit einiger Zeit heraus. Rossel, Eigentümer der Brüsseler Tageszeitung Le Soir, übernahm die Tageszeitung von Lille, La Voix du Nord. Die Holding „Bois Sauvage“ kontrolliert indirekt den Schokoladenhersteller Jeff de Bruges, ist zu einem Drittel am Hersteller von Luxusdelikatessen, Fauchon, beteiligt und soeben beim Besteckproduzenten Guy Degrenne eingestiegen. Auch Paul-François Vranken, dem die Champagnersorten Vranken, Pommery, Charles Lafitte und Heidsieck gehören, ist Flame.

Als vor einem Jahr zwei belgische Investoren – Philippe Lhomme und Yannick Kalantarian – den berühmten Pariser Nachtklub Crazy Horse übernahmen, wunderte sich manch einer, dass die Öffentlichkeit kaum Notiz davon nahm. „Wenig Wehgeschrei wurde laut, als dieser Teil unserer ‚kulturellen Souveränität‘ mitsamt all den tanzenden Beinen an die Belgier fiel“, notierte die Pariser Tageszeitung Libération. „Kaum ein Verteidiger Frankreichs stieg in den Ring für diese Frauen, auf deren Körper projiziert wird, was das Welttheater an Bildern zu bieten hat.“5

Ist der neue Besitzer Belgier, wird die Übernahme oft gar nicht bemerkt, bestätigt Grégoire Pinson, Pariser Korrespondent der Brüsseler Tageszeitung La Tribune: „Die Redaktion unserer Zeitung kennt ihre Akten aus dem Effeff. Von Zeit zu Zeit muss man aber daran erinnern, dass dieses oder jenes Unternehmen inzwischen einem Belgier gehört und keine französischen Aktionäre mehr hat.“ Bleiben belgische Unternehmer so sehr im Hintergrund, so diskret? „Ihr Image ist eher neutral“, meint Pierre-Dominique Schmidt. Deshalb sind sie weniger gefürchtet als US-amerikanische oder britische Neubesitzer. Der führende sozialistische Abgeordnete Henri Emmanuelli kommentierte die Übernahme des Crazy Horse so: „Das ‚Crazy Horse‘ wird an unsere wallonischen Freunde verkauft? Das ist nicht besonders schlimm.“6

Die Franzosen erleben die Unternehmensübernahmen durch ihre nördlichen Nachbarn nicht als ökonomischen Ausverkauf ans Ausland. Zugegeben, gegenüber den französischen Übernahmen der unternehmerischen Schmuckstücke Belgiens Ende der Neunzigerjahre (siehe Kasten) nehmen sich die belgischen Operationen vergleichsweise klein aus. Auch die geringe Größe des Königreichs mag bei der gelassenen Wahrnehmung eine Rolle spielen. „Belgien macht keine Angst. Niemand nimmt die belgische Expansion als eine Art Imperialismus wahr“, meint Philippe Lhomme. Von Nationalismus also keine Spur. Dafür aber eine Art Regionalismus: „Die flämische Geschäftswelt hat sich mit Frankreich wieder versöhnt. Noch vor wenigen Jahren, als die Konfrontation zwischen Wallonen und Flamen heftiger war, verbannten flämische Unternehmer alles Frankophone. Das hat sich geändert. Sie tun so, als ob Wallonien – seine Stahlindustrie, seine politischen Finanzskandale, seine hohe Arbeitslosigkeit – gar nicht existiert. Viele flämische Unternehmer benutzen sogar das französische Wort für ‚neunzig‘, nämlich ‚quatre-vingt-dix‘, nicht das wallonische ‚nonante‘ “, erzählt der neue Besitzer des Crazy Horse. Laut AFII waren in den letzten Jahren rund 70 Prozent der belgischen Wirtschaftsvorhaben in Frankreich flämischen Ursprungs.

Im Übrigen ist Lhomme der Ansicht, dass es zwischen französischen und belgischen Unternehmern deutliche Unterschiede gibt. „Die französischen Arbeitgeber bilden sich ein, etwas Besseres zu sein. Das hängt ohne Frage mit dem System der Elitehochschulen zusammen, die es in Belgien nicht gibt. Der belgische Arbeitgeber tritt bescheidener auf und kommt damit gut an. Wenn Franzosen im Ausland investieren, reisen sie wie Eroberer an. Belgier sparen sich große Erklärungen. Der Unterschied zeigt sich auch im Detail. Als ich ins Crazy Horse ging, war es für mich ganz natürlich, die Empfangsdame zu grüßen. Die machte große Augen, denn die alten Chefs hatten sie nie gegrüßt.“

Nach Meinung des belgischen Botschafters in Paris gibt es bei den Unternehmern seines Landes eine Kultur des Dialogs und der Kompromissbereitschaft, eine gewisse Offenheit gegenüber allen Teilen des Unternehmens. „Das französische Unternehmensmodell ist konfliktorientiert, die Belgier hingegen reden mit der Belegschaft, bevor sie Entscheidungen fällen. Die französischen Gewerkschafter schätzen das und sagen uns das auch.“7

Angetan sind die Franzosen vom künstlerischen Talent ihrer Nachbarn. Sie schätzen Gérard Mortier, den Generaldirektor der Oper Garnier, Bernard Foccroulle von der Oper in Aix-en-Provence, Serge Dorny von der Oper in Lyon. Sie applaudieren den Schauspielern Benoît Boelvoorde, Cécile de France und Marie Gilain, und sie feiern Schriftsteller wie Amélie Nothomb und François Weyergans, 2005 Träger des Prix Goncourt. Für Philippe Lhomme jedenfalls ist „es in Frankreich derzeit in Mode, Belgier zu sein. Es gehört inzwischen zum guten Ton, seine Zugehörigkeit zu diesem sympathischen Klub namens Belgien herauszustellen.“

Fußnoten: 1 Trends Tendances, 13. April 2006. 2 Trends Tendances, 1. Juni 2006. 3 Siehe dazu www.uccife.org/belgique/infospays/pratique/commercer.htm – Ende 2003 war Belgien Frankreichs viertgrößter Lieferant und fünftgrößter Abnehmer. 4 L’Echo, 1. Juni 2006. 5 Libération, 26. Juli 2005. 6 Ebd. 7 Einige soziale Konflikte in Belgien entsprachen diesem Bild friedfertiger Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern überhaupt nicht. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Michaël Sephiha ist Journalist bei der flämischen Wirtschaftstageszeitung De Tijd.

Le Monde diplomatique vom 11.08.2006, von Michaël Sephiha

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