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Obamas Volkshochschulen

Lebenslanges Lernen in den USA von Dominique Godrèche

Präsident Obama kündigte im Juli 2009 an, dass die Zahl der Hochschulabsolventen in den USA nach Jahren der Stagnation wieder auf ein weltweit führendes Niveau gehoben werden soll – und zwar durch die Förderung der Community Colleges, der öffentlichen voruniversitären Hochschulen (siehe Kasten). Sie sollen mit Hilfe des 12-Milliarden-Dollar-Förderprojekts „American Graduation Initiative“ ab 2020 jährlich 5 Millionen Absolventen hervorbringen. Seit etwa einem Jahr gibt es einen regelrechten Ansturm auf die Community Colleges. Warum dieser plötzliche Hype?

Die Gründe sind in diesen Krisenzeiten vor allem wirtschaftlicher Natur. Amerikas Community Colleges sind mit ihrem breit gefächerten Angebot offen für alle, gleich welchen Alters, sozialer Schicht oder akademischen Standes: von der zertifizierten Berufsausbildung oder der Wiedereingliederung nach einer unterbrochenen Schullaufbahn bis zur Vorbereitung auf ein Universitätsstudium. Wer etwa einen Bachelor an der Uni anstrebt, kann hier nach zwei Jahren die dafür erforderliche Zugangsvoraussetzung erwerben, den Associate Degree, und hat so gleichzeitig zwei teure Jahre an einer Privatuni gespart.

Das 1982 gegründete College von Santa Fe im Bundesstaat New Mexico ist ein typisches Beispiel für die inhaltliche Vielfalt eines regelrechten Studium generale: Ob Jura, Filmwissenschaft, Krankenpflege oder Solartechnik, jeder wird ermutigt, in verschiedene Bereiche hineinzuschnuppern. Für Bruno Bornet, Dekan am Fachbereich Psychologie und Geisteswissenschaften, ist das College ein Beitrag zur „demokratischen Gesellschaft, weil es allen eine Chance gibt, auch denjenigen, die ansonsten vom Bildungssystem ausgeschlossen sind“.

Santa Fe ist eine Künstlerstadt. Viele der hier ansässigen Bildhauer, Maler und Galeristen kommen ans College – als Lehrende und als Lernende. „Wir unterrichten 3 000 Studenten pro Semester, die im Durchschnitt 40 Jahre alt sind, darunter gibt es sowohl ausgebildete Künstler als auch Schülerinnen und Schüler. Unsere Dozenten müssen entweder einen Master haben oder 20 Jahre Berufserfahrung vorweisen: Sie sind genauso gut ausgebildet wie die Profs an der Uni“, erklärt Douglas Barkey, Dekan der Kunstfakultät.

Die Einbindung der Community Colleges in das Wirtschaftsleben der Region und die inhaltliche Flexibilität sind ihre wichtigsten Pluspunkte. Am College von Santa Fe trifft man Rentner aus anderen Bundesstaaten, die das hispanoamerikanische Leben kennenlernen wollen, oder neu Zugezogene wie Kathleen, die einen Spanischkurs besucht, „um die Straßennamen zu verstehen und sich mit den spanischsprachigen Kollegen verständigen zu können“. „In meinem Kurs sitzen 16 Studenten zwischen 20 und 70 Jahren, sie kommen hier aus der Gegend oder aus dem Ausland1 “, erzählt Felix Lopez, der am College Kunst unterrichtet und nebenbei santos (traditionelle hispanische Heiligenfiguren) herstellt. „Wenn hier ein junger Mann heiratet, kann er am College einen Adobe-Kurs besuchen [adobe hießt auf Spanisch Lehmziegel], wenn er in einem traditionellen Lehmhaus und nicht in einem Wohncontainer leben möchte. Im College können wir unsere Kultur pflegen.“

Der Bürgermeister von Santa Fe, Davis Coss, setzt sich für das Recht der Immigranten auf Bildung ein, ganz gleich, welchen Aufenthaltsstatus sie besitzen: „Manche Bundesstaaten behaupten, die Ausbildung sogenannter illegaler Kinder wäre zu teuer. New Mexico ist einer der ärmsten Staaten in den USA, aber wir sind hier der Auffassung, dass es der heimischen Wirtschaft schadet, wenn wir sie nicht ausbilden.“ Andrew Lovatto, der seit 20 Jahren am College lehrt, hat eine einfache Erklärung für den Erfolg des Community-Modells: „Die Fabriken schließen, und wir haben hier eine Masse Arbeitsloser, die nur eine Chance auf einen Job haben, wenn sie eine Umschulung machen. Das ist die Stärke der Colleges: das lebenslange Lernen.“

Genau diese Aufgabe hat ihnen die Obama-Regierung auch zugedacht: Die Community Colleges sollen auf nationaler Ebene den Wirtschaftsaufschwung befördern und auf internationaler Ebene ein Vorbild für Entwicklungsländer werden. „An der Universität ist jeder auf sich allein gestellt“, erklärt Sheila Ortego, die Präsidentin des College von Santa Fe. „Wir tun unser Bestes, um unseren Studenten zu helfen, ihr Ziel zu erreichen; dabei ist unsere Ausbildung oft qualitativ besser als an den Unis, wo mehr als 300 Studenten in einem Kurs sitzen. Für ältere Leute und Arbeitnehmer ist das College oft die letzte Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Deshalb sage ich klipp und klar: Hier muss Geld reingesteckt werden, und nicht bei den Universitäten.“

Abschluss in Solartechnik

Im Laufe des letzten Jahres sind die Einschreibungen in Santa Fe um 12 Prozent gestiegen. Gleichzeitig haben die Bundesstaaten im Bildungsbereich heftig gekürzt: In Virginia ist das Bildungsbudget innerhalb von vier Jahren von 60 auf 45 Prozent des Gesamthaushalts gesunken, während die Studentenzahlen am Northern Virginia Community College im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 10 Prozent zulegten. Aufgrund dieses Ungleichgewichts stehen die Colleges, die sich aus Steuern, Staatshilfen und den Einnahmen aus den Immatrikulationsgebühren finanzieren, vor einer schwierigen Situation. „Wir haben einfach nicht die Mittel, um neue Lehrkräfte einzustellen, deshalb sehen wir uns gezwungen, kurzfristige Einschreibungen abzulehnen“, klagt Ortego.

Um dem Ansturm gerecht zu werden, haben viele Colleges die Anzahl ihrer Hochschulvorbereitungskurse erhöht. Der American Association of Community Colleges zufolge studiert fast die Hälfte der Bachelor-Anwärter derzeit in Colleges, vor allem Afroamerikaner und Hispanics. Immer mehr Kurse werden kostenlos angeboten, und Arbeitslose zahlen deutlich geringere Immatrikulationsgebühren2 .

Auf der anderen Seite, bei den privaten Universitäten, hat die Krise ebenfalls Wirkung gezeigt. Allerdings in umgekehrter Richtung: Um eine volle Auslastung zu erreichen, sahen sich Amerikas Privathochschulen zum ersten Mal dazu gezwungen, auf ihre Wartelisten zurückzugreifen und ihre Einschreibegebühren nur minimal zu erhöhen (um 4,2 Prozent zum Studienjahr 2009, der niedrigste Anstieg seit 37 Jahren). Die Gebühren sind allerdings für viele Familien immer noch viel zu hoch, daher sind die preiswerteren Hochschulen inzwischen beliebter als die renommierten Fakultäten (an der Privatuni George Washington kostet die Immatrikulation fürs erste Studienjahr 41 610 Dollar, während die Gebühr an der öffentlichen Universität von Maryland 8 000 Dollar beträgt). Nach einer Umfrage der Oppenheimer-Stiftung gehen neun von zehn US-Bürgern davon aus, dass ein Hochschulstudium in Zukunft unerschwinglich wird, sollten die Studiengebühren weiter steigen.

Wachsende Arbeitslosenzahlen und entwertete Aktienportfolios haben die Gesamtlage verändert: Da ein Bachelorabschluss weiterhin die beste Voraussetzung ist, um einen Arbeitsplatz zu ergattern, versuchen immer mehr Studenten, ihn im seit 2005 erlaubten Schnellverfahren (in drei statt vier Jahren) zu erwerben, per Onlinestudium oder – und das ist die Regel – in den Community Colleges. Dort sind die Studentenzahlen in neun Jahren insgesamt um 30 Prozent gestiegen. Aber außerhalb der Elite-Unis (mit einer Erfolgsquote von 97 Prozent, beispielsweise in Harvard) verläuft für die meisten der Weg zum Bachelor inzwischen über mindestens zwei Hochschulen – und die Erfolgsquoten schwanken von College zu College erheblich, da sie maßgeblich von der jeweiligen Höhe der Stipendien und Studiengebühren abhängen. Deshalb wurde Obamas Initiative, die am 30. März 2010 in den „Student Aid and Fiscal Responsibility Act“3 mündete, in den Colleges so gut aufgenommen: Mit Hilfe des staatlichen Förderprogramms, das den Graben zwischen den wohlhabenden und den finanzschwachen Studenten überbrücken soll, können auch die Colleges eine bessere Erfolgsrate bei den Abschlüssen erreichen.

Um dieses Ziel zu verwirklichen, wird in vielen Colleges neuerdings der Bereich der „grünen“ Berufsausbildungen ausgebaut. Denn für Studienabsolventen in Bereichen wie erneuerbare Energien, Erhaltung von Wasserreserven und Energiemanagement gibt es eine steigende Nachfrage der Industrie.

„Green Jobs“ sind auch das aktuelle Lieblingsthema von Umweltaktivisten und Politikern: Die Obama-Administration hat gerade eine Gesetzesinitiative angekündigt, nach der mehr als 100 Millionen Dollar an Subventionen und Krediten in grüne Projekte fließen sollen: Ausbau erneuerbarer Energien, Anpassung von Gebäudesystemen an neueste Umweltstandards, Maßnahmen zur effizienteren Energienutzung und Modernisierung des Stromnetzes. Davon erhofft man sich hunderttausende neuer Arbeitsplätze.

Nach einem UN-Bericht liegt es in erster Linie am Facharbeitermangel, wenn es im Bereich erneuerbare Energien und besserer Energienutzung kein Wachstum gibt. In diesem Ausbildungsbereich spielen die Community Colleges eine wichtige Rolle. Das heben zumindest der Verein Academy for Educational Development und der National Council for Workforce Education in ihrem gemeinsamen Bericht hervor. Mindy Feldbaum, Mitherausgeberin des Berichts, betont: „Tausende Arbeitslose müssen sich weiterqualifizieren oder eine ganz neue Ausbildung beginnen. Die Community Colleges spielen dabei eine herausragende Rolle, weil sie gute Verbindungen zum Arbeitsmarkt haben […] und auf die wechselnden Bedürfnisse der aufstrebenden Industriesektoren reagieren können.“4 Das meint auch Präsidentin Ortego: „Die Community Colleges sind für die Wirtschaft unseres Landes maßgeblich.“

Fußnoten: 1 Manche Colleges werben auch außerhalb der USA, vor allem in China. Die Zahl ausländischer Studierender ist im Studienjahr 2008/2009 um 10,5 Prozent gestiegen; chronicle.com/article/Number-of-Foreign-Students-in/49142. 2 Staatliche Programme bieten weitere Unterstützung, Studienstipendien sowie -darlehen werden im Rahmen des „Free Application for Federal Student Aid“ vergeben. 3 Siehe auch Tino Brönne, „Revolutionäre Hochschulpolitik“, Neues Deutschland, 14. Mai 2010. 4 Jeffrey Thomas, „U.S. Community Colleges Are Ready to Train Green Work Force“, www.america.gov/st/econ-english/2009/March/200903031343441CJsamohT0.9511639.html.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Dominique Godrèche ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 10.09.2010,