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Die Rückkehr der Taliban

Die aus Afghanistan vertriebenen Islamisten schöpfen neue Kraft aus Koalitionen mit den Warlords von Syed Saleem Shazad

Vor drei Jahren ließ ein US-amerikanischer Kommandeur im Südwesten Afghanistans verlauten, er denke daran, in seinem Frontabschnitt eine Frühjahrsoffensive gegen die Taliban zu starten. Die Taliban-Führung war alarmiert. Seitdem reagierte sie jedes Frühjahr mit Vergeltungsdrohungen gegen die Truppen des Westens. Aber die Jahre 2003, 2004 und 2005 vergingen ohne die immer wieder beschworene Offensive der Isaf-Truppen. Und im Frühjahr 2006 waren es schließlich die Taliban, die zum Angriff übergingen.

Fast das ganze Jahr 2005 über hatten sie im Südwesten die Operation vorbereitet. Eine Gruppe von Kämpfern mit Erfahrungen aus dem irakischen Widerstand organisierte „Übungskurse“ für eine neue Strategie: Der Terror sollte nun von ganz Waziristan ausgehen, der pakistanischen Region an der Grenze zu Afghanistan, die sich in viele Stammesgebiete gliedert und den durchlässigsten Abschnitt der „Durand-Linie“1 bildet. In den Süden und Norden Waziristans hatten sich nach dem Fall der letzten Taliban-Hochburg Kandahar im Dezember 2001 die schwerbewaffneten Taliban-Einheiten und die Söldnertruppen aus Arabern, Usbeken und Tschetschenen zurückgezogen und in primitiven Feldlagern neu formiert.

Die Offensive im Frühjahr 2006 ist kaum als Beginn einer allgemeinen Erhebung gegen die Regierung unter Hamid Karsai gedacht – sie soll viel eher die alten Kontakte der Taliban im Südwesten auffrischen. Immerhin ist sie ein Anlass, die offenbar weit verstreuten Fraktionen zusammenzuführen und zu mobilisieren. Mullah Mohammed Omar, dem Obersten Führer der Taliban, geht es wohl darum, der übermächtigen US-Kriegsmaschine einen spürbaren Schlag zu versetzen, die Kampfmoral ihrer Truppen zu schwächen und die eigene Souveränität im Süden Afghanistans und den angrenzenden pakistanischen Stammesgebieten zu behaupten. Damit könnten die Taliban wieder eine ernst zu nehmende Kraft in der Region werden.

Ende Mai 2006 führte die Reise eines Abgesandten der Taliban-Führung durch die Stützpunkte in Waziristan zur drastischen Veränderung der örtlichen Machtverhältnisse und zu einer Einigung unter den zerstrittenen Taliban-Fraktionen in Waziristan. Der Gesandte Mullah Dadullah, ein etwa vierzigjähriger Kommandant mit struppigem Bart und Beinprothese, war ein äußerst geschickter Verhandlungsführer. Er wuchs nahe Kandahar in der Provinz Helmand auf und ging 1994 nach Quetta (der Hauptstadt von Balutschistan, der größten Provinz im Westen Pakistans), wo er eine sehr konservative Ausbildung zum Islamgelehrten absolvierte.

Den Taliban trat er schon bei, als die Bewegung noch kaum bekannt war. Schon als junger Mann wurde er bei Kämpfen in Afghanistan schwer verwundet. Den Ruf eines furchtlosen Militärkommandeurs erwarb er sich in zahlreichen Gefechten mit sowjetischen Truppen. Die Taliban-Führung ernannte ihn in daraufhin zu einem der Kommandanten an der Nordfront, wo er etwa 12 000 Mann befehligte. Ende der 1990er-Jahre fügte er in Kundus den kampferprobten und von Gulbuddin Hekmatjar geführten Truppen der Hezb-e-Islami Afghanistan (HIA) eine schwere Niederlage zu.2

Der Hardliner Mullah Omar vertraute aber auch auf das diplomatische Geschick seines Schützlings, das sich vielfach bewährte. So war es nur logisch, dass Mullah Dadullah 2005 bei der Vorbereitung der Taliban-Offensive eine entscheidende Rolle zukam.

In diesem Jahr versuchten die Taliban, alte Kontakte zu den Kräften zu erneuern, die inzwischen in Kabul an der Regierungsmacht beteiligt waren – als erklärte Verbündete der USA oder jedenfalls als Vertreter der offiziellen Opposition. Emissäre suchten auch die halbautonom in den Provinzen agierenden Kriegsfürsten auf. Wichtigster Erfolg dieser Bemühungen waren strategische Absprachen mit zwei wichtigen Gruppen der Allianz, die einst die Sowjetarmee aus Afghanistan vertrieben hatte: der Hezb-e-Islami unter Gulbuddin Hekmatjar und der davon abgespaltenen Fraktion des radikalen Mullah Mohammed Junes Khalis.

Die beiden Gruppen sind stark verfeindet – umso mehr zählt der Erfolg der neuen Taliban-Diplomatie, beide für ein Bündnis gegen Karsai gewonnen zu haben. Des Weiteren gelang es den Taliban, die Aktionen ihrer neuformierten Kräfte im Südwesten mit den Kommandeuren paschtunischer wie usbekischer und tadschikischer Milizen abzustimmen.

Auf seiner Reise durch Waziristan übermittelte Mullah Dadullah eine Botschaft von Mullah Omar: „Stellt unverzüglich die Kämpfe gegen das pakistanische Militär ein.3 Solche ungeordneten Unternehmungen haben mit dem wahren Islamischen Dschihad nichts zu tun. Der Dschihad wurde in Afghanistan begonnen – also schließt euch uns an, um dort die Amerikaner und die mit ihnen verbündeten Ungläubigen zu bekämpfen.“

Mullah Omar genoss schon immer hohes Ansehen unter den Unterstützern der Taliban. Auch diesmal konnte er die unterschiedlichsten Gruppierungen überzeugen: 27 000 Kämpfer im Norden und 13 000 im Süden erklärten einen Waffenstillstand mit der pakistanischen Armee. Nun zogen die Taliban ihre Kämpfer im Norden, in den Städten Shawal und Birmal (in der Bergregion Ghulam Khan), und im Süden, in der Stadt Shakai, zusammen.

Die Reise von Mullah Dadullah erwies sich als voller Erfolg. Im März 2006 schickte der irakische Al-Qaida-Führer Abu Mussab al-Sarkawi eine dreiköpfige Delegation nach Afghanistan, die dort mit Ussama Bin Laden, seinem Stellvertreter Aiman al-Sawahiri und Mullah Omar zusammentraf. Die Delegation hatte Videoaufnahmen im Gepäck, die zur Rechtfertigung von Selbstmordattentaten dienen sollten.

Unter den strenggläubigen Afghanen gilt Selbsttötung eigentlich als Sünde: Diese Praxis konnte sich im Land nicht durchsetzen, es gab nur wenige Selbstmordattentäter. Mullah Dadullah verfügte nun über Dutzende von Videoaufnahmen, die zeigten, wie wirkungsvoll der irakische Widerstand diese Form des Anschlags einsetzte. Und es gelang ihm, Gruppierungen in Waziristan, in Tadschikistan und Usbekistan und verschiedenen pakistanischen Städten von dieser neuen Methode zu überzeugen.

Im Kunar-Tal wurde eine erste Einsatzgruppe von 450 Personen zusammengestellt, darunter 70 Frauen, die überwiegend aus arabischen Ländern oder aus Mittelasien stammen. Manche von ihnen hatten in Waziristan oder Afghanistan erlebt, wie ihre Eltern getötet wurden, einige wurden von ihrem Ehemann oder ihrem Vater in den Kampf geschickt.

Gleichzeitig konnten die Taliban vereinzelte Angriffe durchführen, was ihren wenigen tausend Kämpfern nur mit Unterstützung von Kriegsfürsten in ganz Afghanistan gelang. Bei der Frühjahrsoffensive, die von dem erfahrenen Kommandanten Jalaluddin Haqqani geleitet wurde, erhielten sie Verstärkung durch 40 000 Kämpfer aus Waziristan. Haqqani ist ein kleiner, dünner Mann, dessen Nimbus von seinen Siegen über die sowjetischen Truppen herrührt. 1991 gewann er die Schlacht um Matun, was den Mudschaheddin den Weg nach Kabul ebnete, das sie 1992 einnahmen.

Als 1994 die Taliban auf den Plan traten, war Haqqani als einziger Kriegsherr bereit, ihnen ohne Vorbedingungen seine Hochburg Matun zu überlassen. Aber er schloss sich ihnen nicht an – und fiel darum später in Ungnade. Als die Taliban dann 2001 von den USA und ihren Verbündeten vertrieben wurden, bot Haqqani den Kämpfern Zuflucht in seinem angestammten Herrschaftsgebiet in Nordwaziristan.

Mullah Omar zeigte sich dadurch erkenntlich, dass er ihm uneingeschränkte Vollmachten für die Frühjahrsoffensive 2006 erteilte. Damit ist Haqqani zur Nummer zwei des Widerstands in Afghanistan geworden. Besonders wertvoll ist er für die Taliban, weil er über weitreichende Kontakte zu den Paschtunen wie auch zu den Usbeken und Tadschiken verfügt.

Diversen Kriegsherren in den Provinzen Herat, Logar und Laghman, die nur ausnahmsweise mit den Taliban zusammengingen, half er mit jungen Rekruten aus. Das war ein wichtiger Beitrag zur Beseitigung von Schwachstellen in der Militärstruktur der Taliban. Außerdem sorgte er mit großzügigen Geldzuwendungen dafür, dass seinen Kämpfern Rückzugsgebiete im Territorium der lokalen Herrscher zu Verfügung standen.

Zudem schickte Haqqani seine Kampfgruppen in die grenznahen Regionen von Helmand, Kandahar, Paktia und Paktika, die auch den Auftrag haben, neue Kämpfer für einen Zermürbungskrieg zu rekrutieren. Bei diesen handelt es sich ausschließlich um Selbstmordattentäter, die gegen die Isaf-Truppen der Nato zum Einsatz kommen sollen.

Die Taliban haben ein neues Oberkommando gebildet, dessen zehn Mitglieder jeweils für eine Region zuständig sind. Mullah Omar als Führer der Bewegung ist in diesem Gremium durch einen ständigen Vertreter präsent – seinen früheren Verteidigungsminister Mullah Obaidullah Akhund.

Im Juni und Juli ist es den Taliban offenbar gelungen, bis in die Regionen um Kabul und Kandahar vorzustoßen. Die Koalitionstruppen sehen sich vermehrt mit Selbstmordattentätern konfrontiert, während sie genug damit zu tun haben, die großen Städte zu sichern. Auf eine solche Situation warten die Taliban seit 2003. Inzwischen rückt Mullah Dadullah aus Richtung Südwesten weiter vor und hat bereits zahlreiche Bezirke in den Provinzen Kandahar, Urusgan, Sabul und Helmand erobert und die lokale Verwaltung abgesetzt.

Damit haben die Taliban allen ihren heimlichen Anhängern Mut gemacht. Und an Unterstützung fehlt es ihnen tatsächlich nicht. Haqqani hat seine Zuständigkeit für die problemlose Provinz Paktika abgegeben und die Führung in der Provinz Nangarhar an Mullah Abdul Kabir übertragen. Der frühere Taliban-Gouverneur von Nangarhar ist zwar alles andere als ein Kriegsherr, aber unter der professionellen Anleitung von Haqqani eilt er von Sieg zu Sieg.

Mittlerweile verfolgen die Taliban eine neue Strategie: Vor Angriffen der US-Luftwaffe ziehen sie sich in sichere Gebiete zurück. Und seit die Koalitionsstreitkräfte und afghanische Verbände den Kampf aufgenommen haben, fügen sie ihnen durch Selbstmordattentate und Bombenanschläge so schwere Verluste zu wie seit der Niederlage der Taliban 2001 nicht mehr.

Im Osten Afghanistans liegen die Dinge anders. Die Regionen Kunar und Nuristan (die auch die Russen nicht einnehmen konnten) haben sich stets fremder Übergriffe erwehrt. Dort ist die Propaganda der Taliban bislang nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Die meisten Einwohner sind einem salafistischen Islam verpflichtet – die hanafitische Schule4 , auf die sich die Taliban berufen, hat hier keine Chance.

Der bedeutendste regionale Herrscher, Kashmir Khan, ist ein alter Gefolgsmann von Hekmatjar und hat nach dessen Flucht in den Iran den Kampf gegen die Koalitionstruppen auf eigene Faust weitergeführt. Sein Verhältnis zu den Taliban war stets durch gegenseitiges Misstrauen geprägt. Aber Jalaluddin Haqqani besitzt weitreichenden Einfluss: In Kunar hat er inzwischen den Taliban-Kommandanten Mohammed Ismael installiert.

Seit Mitte Juli 2006 verzeichnen die Taliban offenbar auch Erfolge im Süden.5 Es gibt fast ständig neue Meldungen über die Eroberung von Bezirken (Musa Qala, Sagin, Panjwai). Natürlich versuchen die Koalitionstruppen, diese Gebiete zurückzuerobern. Aber dieses Katz-und-Maus-Spiel dürfte nicht viel Erfolg haben. Vielmehr hat es ganz den Anschein, als würden die Taliban den Südwesten Afghanistans noch vor dem Wintereinbruch besetzt haben.

Fußnoten:

1 Im November 1893 wurde die Grenze zwischen Indien und Afghanistan durch einen Vertrag festgelegt. Afghanistan hat diese „Durand-Linie“, die heute den Grenzverlauf zu Pakistan markiert, niemals anerkannt. 2 Hekmatjar war seit 1979 eine der wichtigsten Figuren im Kampf der Mudschaheddin gegen die Sowjetarmee. Er dirigierte seine Kämpfer aus dem Hauptquartier im pakistanischen Peschawar und erhielt erhebliche Zuwendungen von den USA und Rückendeckung durch die CIA. In der afghanischen Übergangsregierung von 1989 war er Außenminister; ab 1992 lieferte er sich einen Kampf um die Macht mit Ahmed Schah Massud. 1995 wurden seine Truppen von den Taliban geschlagen und entwaffnet; er suchte daraufhin die Allianz mit Burhanuddin Rabbani (der ihn am 26. Juni 1996 zum Ministerpräsidenten machte) und Schah Massud, um die Taliban zu vertreiben. 3 Seit dem 11. September 2001 hat sich Pakistan im Rahmen des Kampfs gegen den Terrorismus enger als je zuvor an die USA und ihre Verbündeten angeschlossen. 4 Eine der vier großen Rechtsschulen des sunnitischen Islam. Die meisten Anhänger finden die Hanafiten in Zentralasien, Indien, China und der Türkei. In Afghanistan war der hanafitische Islam Staatsreligion. 5 Die Offensive reagiert vermutlich auch darauf, dass das Kommando der Koalitionstruppen von den USA auf die Nato übergegangen ist. Laut Medienberichten glaubt die Taliban-Führung, dass die Regierungen der Nato-Staaten uneins und weniger zum Kampf entschlossen seien. Aus dem Französischen von Edgar Peinelt Syed Saleem Shazad ist Leiter des Büros von „Asia Times Online“ (Hongkong) in Pakistan.

Le Monde diplomatique vom 15.09.2006,