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Theologen der Marktwirtschaft

Das Dogma der allein selig machenden Konkurrenz ist ungebrochen, obwohl es empirisch längst widerlegt ist von Jacques Sapir

Politische Debatten werden heute oft durch wirtschaftstheoretische Behauptungen und „Selbstverständlichkeiten“ vergiftet, die sich als unbezweifelbare Tatsachen ausgeben und als „objektive“ Aussagen daherkommen, die über alle politischen Grenzen hinweg Gültigkeit haben. Das hat zur Folge, dass manche Themen – wie protektionistische Maßnahmen und die positive Rolle öffentlicher Unternehmen oder staatlicher Eingriffe – von vornherein ausgeklammert werden.

Wenn diese angeblichen wirtschaftstheoretischen Selbstverständlichkeiten eine wissenschaftliche Basis hätten, könnte man sie nicht infrage stellen. Niemand würde auf die Idee kommen, die Naturgesetze zur Diskussion zu stellen. Erweisen sich die Grundlagen jedoch als zweifelhaft, muss die Bedeutung, die sie in der öffentlichen Debatte erlangt haben, nicht nur als Betrug, sondern auch als demokratiefeindliche Anmaßung gelten.

In der Tat werden diese Behauptungen von einer Minderheit („den Experten“) aufgestellt, die politisch nicht in der Verantwortung steht. Wenn aber die Disziplin der Volkswirtschaft als wissenschaftlich gelten will, muss sie sich an bestimmte Verifikationsregeln und Argumentationsweisen halten. Das neoliberale Denken hat sich von solchen Erfordernissen verabschiedet.1

Die wichtigste Pseudoevidenz des neoliberalen Denkens betrifft die fundamentale Rolle der Konkurrenz, mit der sich makroökonomisch das Primat des Freihandels, mikroökonomisch das Primat der Flexibilität rechtfertigen lässt.2 Deshalb wollten die Neoliberalen das Konkurrenzprinzip als zentralen Grundsatz im europäischen Verfassungsvertrag festschreiben.

Um dieses Prinzip dreht sich eine der ältesten Debatten der modernen Wirtschaftstheorie. Die geht aber nicht so sehr um die Frage, ob Konkurrenz unter bestimmten Umständen und mit bestimmten Zielen das geeignete Mittel zur gegenseitigen Abstimmung individuellen Handelns sei. So gestellt, hätte die Frage noch Realitätsbezug. Die Neoliberalen aber erhöhen die Konkurrenz zu einem Dogma, das über die Frage nach den konkreten Bedingungen ihrer Umsetzung erhaben ist.

Private Laster und politische Tugenden

Das Konkurrenz-Dogma geht auf die im 18. Jahrhundert wirkenden Gründerväter der klassischen Ökonomie zurück: auf David Hume, Bernard Mandeville und Adam Smith. Sie wollten zeigen, dass das Wirken von Einzelnen, die miteinander konkurrieren und dabei egoistisch ihre Ziele verfolgen, ganz spontan dem Allgemeinwohl zugutekommt. Das ist die fundamentale Bedeutung der ersten allgemeinen Freihandelstheorie bei Hume, der Bienenfabel von Mandeville und der berühmten „unsichtbaren Hand“ in der Theorie von Adam Smith.

Die Argumentation der drei Autoren hält einer Überprüfung indes nicht stand. Humes Theorie vom automatisch ausgeglichenen internationalen Handel, die von den Apologeten der Welthandelsorganisation (WTO) fast wörtlich übernommen wird, fußt auf unrealistischen Annahmen. Das gilt vor allem für die Vorstellung, dass alle Wirtschaftsakteure jederzeit über die gleichen und vollständigen Informationen verfügen und dass sich zwischen Angebot und Nachfrage jederzeit ein kostenfreier Ausgleich vollziehe. Dabei ist stets vorausgesetzt, dass Güter und Dienstleistungen für Nachfrager wie für Anbieter vollständig substituierbar seien.

Mandevilles These, wonach sich häufig private Laster (Egoismus, Ehrgeiz) unbeabsichtigt in „kollektive Tugenden“ verwandeln, so wie eine Biene am Bau des Bienenstocks mitwirkt, ohne es zu wissen und zu wollen, ist nichts weiter als eine literarische Konstruktion. Und Adam Smith hat die Funktionsweise der „unsichtbaren Hand“ (also des Markts, der Produktion und Konsum spontan und besser als jedes vorweg durchdachte System aufeinander abstimmt) nirgends dargestellt. Wie der Historiker Jean-Claude Perrot aufzeigt, ist der Markt in Smith’ Versuch einer wissenschaftlichen Erklärung tatsächlich nichts weiter als eine religiöse Aporie.3

Tatsächlich verfolgten die drei Autoren mit ihrer Formulierung quasinatürlicher Gesetze präzise politische Ziele. Hume wollte zeigen, dass der Freihandel, indem er das Glück aller bewirke, zwischenstaatliche Konflikte überflüssig mache.4 Mandeville und Smith verwiesen auf eine spontan per Konkurrenz hergestellte Ordnung, um zu zeigen, dass die Gesellschaft ohne aufgeklärte Despoten und deren Willkür auskommen kann. Für die Friedensliebe Humes wie für die Ablehnung des Despotismus bei Mandeville und Smith kann man nur Sympathie hegen, doch die Instrumentalisierung eines pseudowissenschaftlichen Diskurses für gute Zwecke ist nicht mit einer stichhaltigen Beweisführung zu verwechseln.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die Konkurrenztheorie in drei Schulen verzweigt. Die erste, die noch heute den größten Einfluss besitzt, geht in der Nachfolge von Léon Walras (1834–1910) davon aus, dass der Konkurrenzmechanismus ein Gleichgewicht bewirkt zwischen der Nachfrage der einen und der Fähigkeit der anderen, diese Nachfrage zu befriedigen. Vilfredo Pareto (1848–1923) ergänzte dies durch den Gedanken, dass das wirtschaftliche Gleichgewicht von Natur aus auch ein soziales Gleichgewicht sei. Deshalb gebe es auf die diverse Wirtschaftsprobleme nur immer wieder dieselbe Antwort: Konkurrenz sei auf wirtschaftlicher Ebene ebenso optimal wie auf sozialer Ebene – womit sich jede weitere Diskussion erübrigt.5

Die zweite Schule entstand als Antwort auf die diversen Probleme, die sich aus der Theorie von Walras und Pareto ergeben. Zu dieser „österreichischen Schule“ gehören Autoren wie Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek. Für sie ist Konkurrenz kein spontan wirkender Mechanismus, sondern ein neodarwinistischer Prozess der Eliminierung ineffizienter Lösungen.

Die dritte Schule schließlich versteht Konkurrenz in erster Linie als Innovationsdynamik, in deren Verlauf ältere Lösungen verschwinden und neue, geeignetere Lösungen sich durchsetzen. Von einem wie auch immer gearteten Gleichgewicht ist hier überhaupt nicht mehr die Rede: Konkurrenz fungiert nur mehr als Instrument einer permanenten Umwälzung der Wirtschaftstätigkeit, die als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnet wird. Joseph Schumpeter (1883–1950), der zu dieser Theorie am meisten beigetragen hat, hatte dieselben Ziele im Auge wie seine Vorgänger im 18. Jahrhundert. Auch er wollte die Wirtschaft entpolitisieren und sah an Stelle des bewussten und konzertierten Handelns der Einzelnen immanente „Gesetze“ am Werk.6

Die theoretischen Bezugsrahmen dieser drei Schulen lassen sich nicht unter einen Hut bringen. Stellt man sich auf den Standpunkt von Kenneth Arrow und Gérard Debreu, die das Modell von Walras und Pareto in den 1940er- und 1950er-Jahren in eine modernere Form brachten, so kann man weder die „österreichische“ noch die schumpeterianische Konkurrenztheorie akzeptieren. Dasselbe gilt umgekehrt: Wer sich die Annahmen Hayeks zu eigen macht, verabschiedet sich von der Gleichgewichtstheorie. Die drei Theorien fügen sich nicht zusammen, sie schließen sich vielmehr gegenseitig aus.

Die Konkurrenztheorie – hält alle für allwissend

Schon die Ausgangshypothesen bereiten Kopfzerbrechen. Die für die Gleichgewichtstheorie notwendige Voraussetzung einer vollständigen und umfassenden Informiertheit der Wirtschaftsakteure ist absurd, es sei denn, man hält alle von ihnen für allwissend. Gleichwohl ist diese Annahme von zentraler Bedeutung, denn sobald man Unvollkommenheiten und Asymmetrien in der Informiertheit der Wirtschaftsakteure zulässt, funktionieren die Märkte nicht mehr effizient, wirkt Konkurrenz destabilisierend, werden staatliche Eingriffe erforderlich. Das ist in der Theorie längst bekannt, nicht zuletzt durch die Arbeiten des Nobelpreisträgers Joseph E. Stiglitz.7

Auch andere Annahmen der drei Theorieschulen erweisen sich als unhaltbar. Das Arrow-Debreu-Modell zum Beispiel setzt voraus, dass die Präferenzen der Einzelnen situationsunabhängig konstant und stabil bleiben. Ziehen wir dem Gut B das Gut A vor und dem Gut C das Gut B, so soll dies unter allen Umständen so sein: Bei identischen Wahlmöglichkeiten werden wir uns stets gleich entscheiden. Auch bei Hayeks Selektionsprozess ist impliziert, dass die angenommenen Präferenzen auf Dauer gleich bleiben. Selektion setzt voraus, dass unsere Einzelerfahrungen vollständig miteinander vergleichbar sind, dass unsere Vorlieben also nicht durch neue Erfahrungen beeinflusst werden. Ebenso ist vorausgesetzt, dass jede Erfahrung – ob gestern, heute oder morgen – dieselbe Erinnerung hinterlässt. Mathematisch ausgedrückt, setzt Hayek voraus, dass unsere Reaktion einen Mittelwert unserer Erfahrungen ausdrückt und nicht irgendeinen extremen Wert.

Das Schumpeter’sche Modell wiederum setzt voraus, dass die Schocks, die auf Innovationen zurückgehen, keine Folgen für unsere Präferenzstruktur haben. Wir ziehen also entweder den Gewinn der Sicherheit vor oder umgekehrt. Und der Grad unserer Befriedigung bleibt stets derselbe, egal wie stark das Nutzenspektrum neuerer Güter von dem älterer Güter abweichen mag.

All diese Annahmen zum menschlichen Verhalten wurden in den 1970er-Jahren umfassend überprüft.8 Und sie wurden in wiederholbaren und standardisierten Tests, unter streng wissenschaftlichen Bedingungen also, ausnahmslos widerlegt. Dabei zeigte sich zum Beispiel, dass unsere Präferenz zwischen zwei medizinischen Behandlungsverfahren stark davon abhängt, ob das Behandlungsergebnis als postoperative Lebenserwartung oder als Sterbewahrscheinlichkeit beziffert wird.

Ebenso ist der Preis, den wir für ein Gut zu zahlen bereit sind, nicht identisch mit dem, für den wir es hergeben würden. Ob wir Gewinn oder Sicherheit vorziehen, kann sich abrupt ändern. Bei Gewinnspielen hängt die Strategie der Testpersonen regelmäßig davon ab, ob es um Geld oder um Sachpreise geht, während dieser Sachverhalt theoretisch keine Rolle spielen dürfte. Bei einer medizinischen Untersuchung vergessen wir einen heftigen, aber kurzen Schmerz schneller als mittlere, aber dauerhafte Schmerzen. Diese Testergebnisse widerlegen die Annahmen des neoklassischen Modells (stabile Präferenzen und Handlungsstrategien) ebenso wie die Hypothesen, die den Modellen von Hayek und Schumpeter zugrunde liegen.

In Wirklichkeit sind unsere Präferenzen durch den Entscheidungskontext (framing effect) oder unseren materiellen Reichtum (endowment effect) bestimmt. Unser kognitiver Apparat reagiert auf extreme Erfahrungen stärker als auf schrittweise Entwicklungen, wobei neue Erfahrungselemente unsere Optionsmodelle ständig neu füttern.

Die eindeutige Widerlegung der Modelle, die bei den Wirtschaftssubjekten von einer situationsunabhängigen Kalkulierbarkeit des Handelns ausgehen, ist für die Sozialwissenschaften sicher eine der bedeutendsten Errungenschaften der letzten dreißig Jahre. Allerdings verfolgen die meisten Ökonomen die Strategie, diese Forschungsergebnisse einfach zu ignorieren, um ihre Modelle nicht anzweifeln zu müssen. Damit zeigen sie, dass sie sich von ihrem wissenschaftlichen Anspruch längst verabschiedet haben.9 Die fundamentale Rolle der Konkurrenz für die Organisation des Wirtschaftslebens erweist sich somit nicht als Hypothese, sondern als quasireligiöser Glaubenssatz.

So fallen wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf das Niveau des ausgehenden 18. Jahrhunderts zurück. Ein legitimes wissenschaftliches Projekt – die Untersuchung der Vorgänge von Produktion, Tausch und Konsumption in menschlichen Gesellschaften – wird rein ideologischen Zwecken dienstbar gemacht. Angesichts der Skandale, in die diverse „Experten“ bei der Privatisierung der russischen Volkswirtschaft10 verwickelt waren, oder auch der Affären um Enron, WorldCom und Parmalat11 möchte man hinzufügen, dass diese ideologischen Ziele weit weniger nobel erscheinen als die, an denen sich Hume, Mandeville und Adam Smith orientiert haben.

Gewisse Ökonomen machen sich, wenn sie ihr Fach derart prostituieren – ob aus Machthunger oder Geldgier –, gleich in doppelter Weise schuldig. Zum einen verstoßen sie gegen die Prinzipien der Demokratie, wenn sie einen Mythos mit katastrophalen sozialen Folgen als wissenschaftliche Wahrheit und unhinterfragbare „Selbstverständlichkeit“ präsentieren. Zum anderen verletzen sie die Prinzipien wissenschaftlicher Forschung und diskreditieren die Legitimität einer wirklich wissenschaftlichen Erforschung ökonomischer Fragestellungen.

Fußnoten:

1 Dazu Daniel M. Hausman, „The Inexact and Separate Science of Economics“, Cambridge/GB (Cambridge University Press) 1994, insbesondere Kapitel 13: „On dogmatism in ectoproctes: the case of preference reversals“. 2 Dazu Frédéric Lordon, „Der Augenblick der Wahrheit“, Le Monde diplomatique, Mai 2005. 3 Jean-Claude Perrot, „Une histoire intellectuelle de l’économie politique“, Paris (Editions de l’EHESS) 1992, S. 141 f. 4 David Hume, „Political Discourses“ (1752). Siehe auch den Kommentar Jean-Claude Perrots zum Dialog Hume – Turgot, a. a. O., S. 237–255. 5 Siehe Jacques Sapir „Les trous noirs de la science économique“, Paris (Albin Michel) 2000. 6 Siehe Jacques Généreux, „Les vraies lois de l’économie“, Paris (Seuil) 2000. 7 Siehe etwa Sandford J. Grossman und Joseph E. Stiglitz, „On the Impossibility of Informationally Efficient Markets“, American Economic Review 44 (2), Pittsburg 1980, S. 451–463. 8 Daniel Kahneman, „New challenges to the rationality assumption“, und Amos Tversky, „Rational Theory and Constructive Choice“, in: Kenneth J. Arrow, Enrico Colombatto, Mark Perlman und Christian Schmidt (Hrsg.), „The Rational Foundations of Economic Behaviour“, New York (Saint Martin’s Press) 1996. 9 Daniel M. Hausman, „The Inexact and Separate Science of Economics“, a. a. O., Kapitel 13. Dazu Hazel Henderson, „Prix Nobel, l’imposture“, Le Monde diplomatique, Februar 2005. 10 Dazu Nina Bachkatov, „Russland: Patrioten und Oligarchen“, Le Monde diplomatique, Dezember 2003. 11 Dazu Thomas Frank, „Enron: Elvis singt hier nicht mehr“, Le Monde diplomatique, Februar 2002. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Jacques Sapir ist Forschungsleiter an der Ecole des Hautes Etudes en Siences Sociales und Autor unter anderem von „Les économistes contre la démocratie“, Paris (Albin Michel) 2002, sowie „La fin de l’euro-libéralisme“, Paris (Seuil) 2006.

Le Monde diplomatique vom 15.09.2006,