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Brief aus Teheran, 10. August 2006

von Mitra Keyvan

Heute Morgen fühle ich mich voller Elan, trotz der brummenden Klimaanlage. Trockene Augusthitze strömt durchs geöffnete Fenster und trägt Jasmindüfte aus der Grünanlage vor unserem Haus in mein Zimmer. Ich höre die sanfte Stimme des Sängers Viguen, mein Vater hat eine Platte von ihm aufgelegt. Er steht immer sehr früh auf, obwohl er seit zwanzig Jahren nicht mehr arbeitet. Er war Ingenieur bei Talbot. Jetzt schreibt er Gedichte mit verspielten Reimen. Meine Großmutter, eine gute Köchin, wickelt manchmal „einen Fisch in die Verse“ meines Vaters. Sie sagt, dass man den Fisch immer gründlich trockentupfen muss, bevor man ihn brät. Ich umarme meinen Vater, der Zeitung liest und raucht, obwohl er nach seinem Herzinfarkt eigentlich damit aufhören sollte. Er lächelt und bittet mich um eine Tasse Tee. Ich habe auch Lust auf eine Zigarette, aber niemals würde ich mir in seinem Beisein eine anstecken, das gehört sich nicht.

Meine Mutter schläft den ganzen Vormittag, manchmal auch den halben Nachmittag. Wenn sie wach ist, hängt sie am Telefon und schwatzt mit ihren Freundinnen oder tippt auf der Schreibmaschine die Gedichte meines Vaters ab, um sie zu „retten“. Sie hat sich immer gegen einen Computer gesträubt und arbeitet nach wie vor mit der alten Schreibmaschine, die sie vor über fünfzehn Jahren aus dem Büro mitgebracht hat. Damals wurde sie in den Vorruhestand geschickt, unter anderem wegen ihrer leicht koketten, um nicht zu sagen „teuflischen“ Erscheinung. Seither lässt sie sich gehen. Sie kann sich immer noch nicht an Mantel und Kopftuch gewöhnen, unter dem es vor allem im Sommer schrecklich heiß ist, wie ein wandelnder Ofen kommt sie sich vor, sagt sie, wie eine „Replik der Hölle“.

Weite Hose, eng anliegendes Top, darüber der beige Sommermantel, kurz, durchscheinend, aber unumgänglich. Ich stecke mein langes braunes Haar hoch, schminke mich dezent, lege meinen weißen Schal um, der meine aufsässigen Locken halbwegs verdeckt, und laufe los, damit ich den Bus auf dem früheren Tajrish-Platz im Norden von Teheran nicht verpasse.

Ich komme am Zeitungskiosk neben der Mauer des großen Imam-Saleh-Mausoleums vorbei, wo tausende Männer und Frauen dafür beten, von einer unheilbaren Krankheit erlöst zu werden, Arbeit zu finden, ihre Schulden bezahlen oder ihre Tochter verheiraten zu können. Manche sind auch gekommen, um eine mildtätige Gabe in Empfang zu nehmen. Zwischen der Tageszeitung Shargh, die keiner mehr kauft, seit sie nichts mehr schreiben darf, und der Zeitschrift Kino mit einem Foto von „Fluch der Karibik“ liegt Ausgabe fünfzehn von Le Monde diplomatique auf Farsi. Wenn ich Zugang zum Internet habe, lese ich sie online und knacke den Filter, der diese Netzseite wie so viele andere wegen angeblicher Irreführung einfach sperrt. Aber seit ich mit Navid, der DSL hatte, Schluss gemacht habe, wird es immer schwieriger für mich mit dem Internetzugang. Ich habe auch nicht immer Zeit, ins „Coffee Net“ zu gehen. Ehrlich gesagt, hat Navid mich sitzen lassen und geht jetzt mit einer anderen.

Auf der schön grünen Titelseite von Monde diplo macht mich eine Überschrift neugierig: „Frauen, Rauch und Literatur“1 . Ich kaufe die Zeitung und ein Päckchen Bahmanzigaretten, die ich heimlich rauchen werde. Der Bus ist überfüllt, neben mir sitzt eine dicke Frau, die sehr viel Platz einnimmt. Ihr langer schwarzer Tschador ist unter dem Kinn befestigt. Ich frage mich immer, wie diese Frauen es schaffen, nicht zu schwitzen und völlig entspannt dazusitzen, und warum sie den großen schwarzen Umhang nicht einfach abwerfen. Die Hitze raubt mir den Atem, ich bitte meine Nachbarin, das Fenster zu öffnen. Sie macht es auf und sagt mit einem starken Isfahan-Akzent: „Wir haben noch Glück, vorn bei den Männern gibt es gar keine Sitzplätze mehr.“

Nachdem ich lange an Ampeln gestanden habe, komme ich um acht endlich in der Taleghanistraße im Zentrum von Teheran an. Die Luft ist schmutzig, aber trocken, bei 32 Grad lässt es sich im Schatten gerade noch aushalten. Ich betrete das Forschungsinstitut für Lepra und Hautkrankheiten, wo ich zurzeit ein Praktikum mache, das ich für meinen Abschluss in Medizinischer Datenverarbeitung an der Freien Islamischen Universität, einer privaten Bildungseinrichtung, brauche. Mein Chef, Herr Rad, ist da, aber er muss um zehn Uhr weg. Er leitet die Leishmaniose-Abteilung, verbringt aber viel Zeit an der Teheraner Börse, wo er iranische Aktien kauft und verkauft. Internationale Transaktionen macht er manchmal auch per Internet. Als Einziger im Büro hat er unbeschränkten Internetzugang, natürlich mit eigenem Passwort, das wir leider noch nicht rausbekommen haben.

Leishmaniose ist der Oberbegriff für eine ganze Palette von parasitären Erkrankungen, die von Mücken übertragen werden und tödlich verlaufen können. Es gibt derzeit keine Impfung und kein Medikament, um die Kranken zu heilen. Keine Pharmafirma der Welt arbeitet an einem Gegenmittel, weil sich das nicht lohnt. Ich arbeite bei einer Informations- und Präventionskampagne für Leishmaniose im Erdbebengebiet von Bam mit. Weil wir nicht genug Geld haben, beschränkt sich meine Aufgabe darauf, die vor Ort über Fragebögen aufgenommenen Daten in einer WHO-Datenbank zu erfassen und zu bearbeiten: Ahmed, 35, 68 Kilo, Witwer, Beruf: arbeitslos, Wohnung: Heim, Krankheitstyp: kutan (Orientbeule), Fieber …

Der Tee ist fertig, meine Kollegin Mojdeh kommt zu spät, wir trinken zusammen eine Tasse Tee. Sie wartet jeden Tag auf ihr Visum, um endlich nach Kanada ausreisen zu können. Zu seiner fleißigen Archivarin, Bibliothekarin, Wissenschaftlerin und perfekten Stellvertreterin während seiner vielen Abwesenheiten sagt der Abteilungsleiter: „Mach dir keine Sorgen, Mojdeh, du wirst das Visum schon bekommen, dieses Theater mit dem iranischen Atomprogramm wird dir nicht schaden, die Kanadier suchen so fleißige Mädchen wie dich. Aber du brauchst Startkapital! Warum probierst du es nicht an der Börse? Der Pharmariese Sanofi-Aventis hat zwar Schwierigkeiten wegen der billigeren Generika, aber jetzt haben sie in Europa gerade das Sanofi-Präparat gegen Fettleibigkeit zugelassen, das wird ein Bombenerfolg. Ihr müsst unbedingt Aktien von denen kaufen, und zwar bald, zur Not macht ihr eben Schulden. Im Moment stehen sie bei 69 Euro, aber sie werden steigen!“

Mojdeh sieht ihn an, sie hat nicht alles mitbekommen. Ich sage mir, dass Fettleibigkeit in den reichen Ländern wirklich ein gutes Geschäft sein muss. Leider habe ich nicht die geringste Chance, Aktien zu kaufen, denn ich habe weder Geld noch eine Visa-Karte oder jemanden, der mir seine borgen würde. Ich habe ja nicht mal Internet zu Hause. Navid hätte sich bestimmt was einfallen lassen, sein Pech, er hätte ja nicht Schluss mit mir machen müssen.

Herr Rad sitzt vor dem Computer und möchte ein Blatt Papier, um sich etwas aufzuschreiben. Ohne nachzudenken, gebe ich ihm ein für die WHO vorbereitetes Papier mit unserem Zwischenergebnissen. Er kritzelt Summen und Namen von Aktienpaketen, die wir kaufen sollen, an den Rand, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, und reicht es Mojdeh. Ich werde das Papier noch mal zusammenstellen müssen.

Mittags essen wir alle zusammen im Sitzungssaal. Der Koch hat herrlichen Reis mit Fleisch und Auberginen gemacht, ein ideales Sommergericht. Die Buchhalterin hat Shirazisalat aus Gurke, Tomaten und Zwiebeln mitgebracht und erzählt uns Witze, die ihr Sohn per SMS bekommt. Der neue Kollege mag keine Witze über das iranische Atomprogramm. Er blickt der Buchhalterin hart in die Augen und erklärt, dass er genug von ihrem Gerede habe. Dann sprechen wir über die Kinder im Libanon und die Möglichkeit eines amerikanischen Angriffs auf den Iran, über die Lebenshaltungskosten in Teheran und schließlich über die bevorstehende Hochzeit der Sekretärin, die im Herbst mit ihrem Zukünftigen nach Rasht am Kaspischen Meer ziehen wird. Die Buchhalterin kann es sich nicht verkneifen, über die allseits bekannte Nachsicht der Ehemänner in Rasht und das Glück der Sekretärin zu scherzen, einen von ihnen zu heiraten. Der neue Mitarbeiter verlässt den Raum, Herr Rad folgt ihm, und wir blicken uns lächelnd an.

Nach dem Essen rauche ich im Garten unauffällig mit Mojdeh eine Bahman. Ich schlage die Monde diplo auf Seite 38 auf, deren Überschrift „Frauen, Rauch …“ mich neugierig gemacht hatte, und lese eine Passage vor: „(…) Die großherzige und undogmatische Rotarmistin verliebt sich in ihren gut aussehenden ideologischen Gegner. Dem geht irgendwann das Zigarettenpapier aus. Sie bietet ihm selbstlos ihren einzigen Schatz an, ein bescheidenes Notizbuch mit eigenen Gedichten. Der weiße Offizier rollt seinen Tabak in die Blätter und pafft dreist vor den Augen aller Zuschauer, bis der letzte Vers aufgeraucht ist.“ Mojdeh zeigt mir lachend die vollgekritzelte Vorlage, die ich am Nachmittag neu machen muss.

Fußnote:

1 Erzählung von Dubravka Ugresic, aus: „Lesen verboten“, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2002, S. 84–87 (alle Zitate sind Anspielungen auf diese Erzählung). Aus dem Französischen von Claudia Steinitz © Le Monde diplomatique, Berlin Mitra Keyvan ist eine Mitarbeiterin von Le Monde diplomatique auf Farsi.

Le Monde diplomatique vom 15.09.2006,