12.11.2010

Technik der Kriege

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Technik der Kriege

Entwicklung und Gebrauch der Waffen im 20. Jahrhundert von Jean-Paul Hébert

Im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebte die Welt etwa 140 Kriege, darunter zwei Weltkriege sowie 15 regionale Konflikte mit allein über einer Million Toten. 25 dieser Kriege fallen in die Zeit vor 1939, 115 in die Periode nach 1945. Mit dem „Fortschritt“ in der Entwicklung neuer und ausgefeilter Waffensysteme nahm auch die Häufigkeit der militärischen Konflikte zu. Das gilt zumal bis zum Ende des Kalten Kriegs, während seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 mehr Bürgerkriege als klassische Kriege zwischen Staaten stattfanden.

Bereits während des Ersten Weltkriegs zeichneten sich Entwicklungen ab, die das Gesicht des Krieges verändern sollten. So dominierte bei der Waffenherstellung erstmals die industrielle Produktion. Zwischen 1914 und 1918 waren in Frankreich 800 000 Menschen in der Rüstungsindustrie beschäftigt, die unter anderem 51 700 Flugzeuge produzierten. Zugleich erweiterte sich die Kriegsführung durch den Einsatz von U-Booten und Flugzeugen um neue Dimensionen, während die Mechanisierung der Panzer eine Art modernisierter Kavallerie bedeutete. Bei der für die Lenkung des Artilleriefeuers unentbehrlichen Kommunikation zwischen verschiedenen Einheiten ersetzte das Feldtelefon die Stafetten und Trompetensignale (am Ende des Ersten Weltkriegs waren insgesamt 30 000 Telefone im Einsatz). Der monströse Rüstungswettlauf bei Kalibergrößen, Schiffstonnagen, Feuerfrequenzen und „neuen“ (vor allem chemischen) Waffen erfuhr eine ständige Steigerung, die ab 1939 in den „totalen Krieg“ mündete.

Die Niederlage Russlands im Krieg gegen Japan 1905 – die erste Niederlage des „weißen Mannes“ – hatte die Überlegenheit der traditionellen Mächte des „europäischen Konzerts“ erstmals infrage gestellt. Während der kolonialen Unabhängigkeitskriege zwischen 1918 und 1939 konnten die Aufständischen zwar einzelne Schlachten gewinnen1 , aber niemals den gesamten Krieg.

Der erste massive Einsatz von Chemiewaffen forderte bereits im Ersten Weltkrieg viele zivile Opfer. Danach setzten dann die Briten und die Italiener solche Waffen in den Kolonialkriegen im Irak und in Libyen ein. Der deutsche Angriff auf Guernica vom April 1937 war das erste massive Bombardement durch Flugzeuge in Europa;2 der Zweite Weltkrieg brachte eine Ausweitung der Bombardierungen aus der Luft, während die konventionellen Waffensysteme eine neue Entwicklungsstufe erreichten.

Der Zweite Weltkrieg hat die Entwicklung neuer Waffen und Kriegstechniken auf allen Gebieten beschleunigt: Radartechnik, Düsenflugzeuge, Panzerabwehrraketen, Maschinenpistolen, schwere Maschinengewehre, Flammenwerfer, Brandbomben, panzerbrechende Bomben bis zu einem Gewicht von zehn Tonnen, erste kabelgelenkte Waffen, Raketen (V 1 und V 2), Infrarotgeräte, Sonar und so weiter.

Die Rüstungsindustrie erreichte abermals neue Dimensionen: Deutschland, Großbritannien und die Sowjetunion produzierten jeweils etwa 100 000, die USA sogar 320 000 Flugzeuge. Von den amerikanischen Fließbändern liefen 2 Millionen Lkws, ebenso viele Jeeps und 220 000 Panzer. Die Luftangriffe auf Städte wie London und Dresden erreichten ein bis dahin unbekanntes Ausmaß. Und mit dem Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroschima und Nagasaki begann am 6. und 9. August 1945 das Zeitalter der „nuklearen Abschreckung“. Im Zuge des atomaren Rüstungswettlaufs zwischen Moskau und Washington wuchsen die Atomarsenale beider Seiten auf 30 000 strategische und 20 000 taktische Sprengköpfe an – dieses nukleare Potenzial hätte ausgereicht, alles Leben auf der Erde mehrfach auszulöschen.

Durch die beiden Militärblöcke – Nato und Warschauer Pakt – wurden die Konflikte an der Hauptfront der Großmächte in Europa entlang des „Eisernen Vorhangs“ gewissermaßen eingefroren, zugleich aber an die Peripherie exportiert. In der sogenannten Dritten Welt wurden die nationalen Befreiungskriege, etwa in Indochina, durch die globale Konfrontation überlagert und damit zu „Stellvertreterkriegen“.

Damit dienten diese Konflikte auch als Testfeld für neue Waffen und deren taktischen Einsatz. So erprobte Frankreich im Algerienkrieg (1954 bis 1962) den Einsatz von Hubschraubern und die Prinzipien des „antirevolutionären Krieges“, die man in Reaktion auf die chinesischen und vietnamesischen Strategien des revolutionären Guerilla-Kampfs entwickelt hatte. In Vietnam setzte die U.S. Air Force zum ersten Mal „intelligente“ Präzisionsbomben und chemische Waffen wie das Entlaubungsmittel Agent Orange ein. Und 1967 kamen im Sechstagekrieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn die ersten Antischiffsraketen zum Einsatz.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende der Blockkonfrontation begann eine neue Phase der Unordnung mit einer kaum noch überschaubaren Zahl von Bürgerkriegen. Während des Ersten Golfkriegs von 1991 und bei den „humanitären Interventionen“ auf dem Balkan wurden Raketenabwehrsysteme, Marschflugkörper und Präzisionsbomben perfektioniert und aufeinander abgestimmt. Dies war der Beginn der „chirurgischen Kriegführung“, wobei es allerdings eine Mär ist, dass dadurch die Zivilbevölkerung geschont wurde. Nie und nirgends, weder 1999 in Serbien noch 2001 in Afghanistan noch 2003 im Irak, gab es einen Zweifel an der absoluten militärischen Überlegenheit der westlichen Militärmacht; auch wenn diese zuweilen Mühe hatte, nach Abschluss ihrer Intervention die Kontrolle über die „Besiegten“ abzusichern.

Im Nahen Osten wurden die Techniken des Häuserkampfs permanent weiterentwickelt – zum Beispiel mit dem Einsatz von Waffen, die sich gegen die Zivilbevölkerung richten (Phosphorbomben, Schrapnellgranaten und Dime-Geschosse4 ), mit dem Missbrauch von „menschlichen Schutzschilden“, mit dem Einsatz riesiger Bulldozer sowie Kampf- und Aufklärungsdrohnen, mit Satellitenüberwachung und dem Bau von Sperranlagen.

Bei den Einsätzen der westlichen Interventionstruppen im Irak und in Afghanistan waren diese Techniken unverzichtbar, da sich das für einen bewaffneten Konflikt mit dem Warschauer Pakt entwickelte Kriegsgerät oft als unwirksam erwies. Auf der Gegenseite bedienten sich die Aufständischen primitiver, aber umso effektiverer Methoden wie Selbstmordattentate oder unkonventionelle Sprengvorrichtungen („Improvised Explosive Devices“, IED). Darauf reagierten die USA immer häufiger mit dem Einsatz von Drohnen und der gezielten Tötung von „Terroristen“, auch wenn die eigentlichen Ziele dabei oft verfehlt und Unbeteiligte getötet wurden.5

Mittlerweile sind die Kosten für moderne Waffensysteme explodiert: Der Preis für einen B2-Tarnkappenbomber der U.S. Air Force übersteigt das jährlichen Militärbudget der meisten Staaten der Erde, wobei freilich der Einsatz dieser Waffe in keinem Konflikt vorstellbar scheint, ausgenommen dem unwahrscheinlichen Fall eines Krieges zwischen den USA und China. Gleichzeitig verteilen sich die weltweiten Militärausgaben größtenteils auf wenige Staaten: Drei Viertel davon entfallen auf nur zehn Länder, auf die USA allein fast 50 Prozent. Die flächendeckende, satellitengestützte Überwachung, in Kombination mit einer neuen Generation von „Energiewaffen“ und unbemannten Fluggeräten, hat völlig neue Perspektiven des Tötens eröffnet: schneller, immer größere Reichweiten, immer teurer. Aber auch die neueste Waffengeneration wird die Probleme in Ländern wie Afghanistan, dem Sudan oder dem Irak nicht lösen. Und auch nicht dazu beitragen, die zu schonen, die in jedem Krieg die ersten Opfer sind: die Zivilbevölkerung.

Fußnoten: 1 Ein Beispiel ist der Krieg im heutigen Marokko zwischen 1921 und 1926, als sich die Rif-Kabylen unter Führung von Mohammed Abd al-Karim gegen die spanischen und französischen Kolonisatoren zur Wehr setzten. 2 Am 26. April 1937 bombardierten deutsche Flugzeuge der „Legion Condor“ die nordspanische Kleinstadt Guernica. Der Angriff, bei dem nach Schätzungen zwischen 200 und 300 Menschen starben, sollte die spanischen Faschisten in ihrem Kampf gegen die republikanische Seite unterstützen. 3 Siehe Francis Gendreau, „Au Vietnam, l’agent orange tue encore“, Le Monde diplomatique, Januar 2006. 4 www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Gaza/phosphor.html. 5 Siehe Laurent Checola und Edouard Pflimlin, „Aufspüren und Vernichten“, Le Monde diplomatique, November 2009.

Aus dem Französischen von Jakob Horst

Jean-Paul Hébert war Forscher am Centre interdisciplinaire de recherche sur la paix et d’études stratégiques, EHESS, und Mitherausgeber von: „La Politique industrielle d’armement et de défense de la Ve République“, Paris (L’Harmattan) 2010.

Le Monde diplomatique vom 12.11.2010, von Jean-Paul Hébert