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Im asymmetrischen Krieg gibt es keine Sieger

Lehren aus dem vorhersehbaren Scheitern der USA im Kampf gegen den Terrorismus von Marwan Bishara

Für den 12. September 2001 hatte die American University of Paris ein Seminar mit dem Titel „Asymmetrischer Krieg im Zeitalter der Globalisierung“ angekündigt. Einen Tag davor lieferte al-Qaida ein perfektes Fallbeispiel für die Aktionsweise eines „globalen asymmetrischen Feindes“. Die Attentäter des 11. September entsprachen exakt dem sogenannten Spin-Modell, das eine nichtstaatliche, transnationale Organisation beschreibt, die als locker verknüpftes und horizontal strukturiertes Netzwerk funktioniert – ganz ähnlich wie ökologische, feministische und andere moderne NGOs –, zugleich aber so klandestin organisiert ist wie mafiose Gruppen, Drogenkartelle und andere illegale Schmugglerbanden.1

Seit dem 11. September hat sich die Definition von „asymmetrischen“ Bedrohungen und Feinden jedoch verschoben. Entscheidend wurde jetzt, ob eine Gruppe „mit oder gegen uns ist“, wobei diese Definition sich nach den jeweiligen Launen und Interessen der Entscheidungsträger in Washington richtet und keinerlei Bezug zu den realen neuen Gefahren hat, die das neue globale System und die USA bedrohen. Doch die Übung, alle mit al-Qaida in einen Topf zu werfen – die Feinde in einem uniformen „globalen Krieg gegen den Terrorismus“ ebenso wie klassische antikoloniale Widerstandsbewegungen und missliebige nationale Regime –, ist nicht nur ein Irrtum, sie erweist sich als katastrophaler Fehler.

In den zehn Jahren vor dem September 2001 sind in gewaltsamen kriegerischen Konflikten nahezu vier Millionen Menschen umgekommen, und zwar zumeist Zivilisten. Die Bilanz dieser Kriege mit ethnischem oder schlicht kriminellem Hintergrund, die aus dem Drogen-, Diamanten- und Waffenhandel finanziert wurden, hat den Optimismus nach dem Ende des Kalten Krieges stark gedämpft. Nach der Ära der Rivalität der Supermächte und ihrer Stellvertreterkriege begannen die politischen Strategen und Militärplaner des Westens darüber nachzudenken, was die Besonderheit der neuen Kriege im Zeitalter der Globalisierung ausmacht und wie bedrohlich sie für die Sicherheit und die Interessen der USA und des Westens sind.

Aufstand der Peripherien gegen die Herrschaftszentren

Dabei identifizierten sie zwei Typen einer neuen asymmetrischen Bedrohung: zum einen innerstaatliche Kriege, die ausbrachen, wenn bestehende Staaten unter dem Druck der Globalisierung geschwächt wurden oder auseinanderbrachen. Zum anderen neue transnationale Bedrohungen, die nicht von anderen Systemen oder Religionen ausgehen, sondern aus „kriminellen Kleinkriegen“, ökonomischer Unterentwicklung oder demografischen Veränderungen resultieren.

Heute wissen wir, dass globale asymmetrische Bedrohungen durch al-Qaida-ähnliche Gruppen auf die Rebellion von Leuten zurückgehen, die unter der Globalisierung leiden oder von deren Segnungen nichts abbekommen haben. Die „Peripherien“ unserer Erde – die von „Failed States“ bis zu den Armutsinseln der wohlhabendsten Länder reicht – stehen auf gegen die Herrschaftszentren der reichen Welt. Sie empören sich gegen die Ungleichheiten, die eine neoliberale Globalisierung produziert, nutzen dabei aber auch die neuen Technologien und Kommunikationsmittel, welche die Welt kleiner gemacht haben.

Diese Gruppen sind aber etwas völlig anderes als etwa Hamas, Fatah, Hisbollah und andere nationale Widerstandsgruppen wie die irakischen. Die Bush-Regierung wirft solche Organisationen mit al-Qaida in einen Topf, dem sie neuerdings das Etikett „Islamofaschismus“ aufklebt. Zwar greifen diese Gruppen sporadisch auf die Methoden einer städtischen Guerilla – zeitweise allerdings auch auf terroristische Mittel – zurück, doch diese nationalen Widerstandsgruppen setzen nicht auf einen gewalttätigen Dschihad und unterscheiden sich von al-Qaida auch in drei weiteren Aspekten: Sie haben eine feste Basis in ihrer Gesellschaft, sie verfolgen begrenzte und gerechtfertigte territoriale Ziele und sie sind durchaus für eine politische Lösung zu gewinnen. Es wäre also viel sinnvoller, diese Gruppen in einen politischen Prozess einzubinden, der zur Befreiung ihres Territoriums führen würde, was zugleich ein sinnvoller Beitrag zum Kampf gegen den Terrorismus wäre.

Die meisten der Bombenattentäter von Madrid und London waren Muslime, die im Westen aufgewachsen sind, sich hier aber an den Rand gedrängt fühlen. Aufgestachelt wurden sie durch das populistische Programm der al-Qaida, aber auch durch die aktuellen Kriegsszenen aus dem Irak und aus Palästina. Al-Qaida und ähnliche Gruppen profitieren also genau von dem großartig verkündeten Krieg, der in den letzten fünf Jahren auf ihre Vernichtung zielte. Ihre Macht resultiert aus der Tatsache, dass sie ganz leicht Unterstützung und personellen Nachschub bei rechtlosen und zornigen Muslimen finden, die sich als Opfer der US-Politik in Afghanistan, Irak, Palästina und Libanon sehen. Die intelligente Planung und Unberechenbarkeit ihrer asymmetrischen Aktionen steht in krassem Gegensatz zu der übermäßigen Gewalt, aber auch zu den berechenbaren und erfolglosen Territorialkriegen, wie sie die USA und ihre Klientenstaaten im Großraum des Nahen und Mittleren Ostens praktizieren.

Einige moralische Pazifisten sahen den Krieg gegen den „apokalyptischen Terrorismus“ in Afghanistan zu Beginn als den „ersten gerechten Krieg“ der USA, wobei sie allerdings eine sehr eingeschränkte Zielsetzung unterstellten. Doch dieser „moralische“ Krieg wurde durch die „unangemessenen Mittel und die überzogenen Zielsetzungen“2 schnell diskreditiert. Der „unverhältnismäßige“, also gemessen an den Kriegszielen überschüssige Einsatz von Gewaltmitteln hat die Legitimität dieses Kriegs beschädigt, die Militanz der Islamisten weiter angeheizt und deren Aufrufe zu einem heiligen Krieg noch wirksamer gemacht. F-16-Kampfflugzeuge und Tomahawk-Marschflugkörper sicherten der westlichen Koalition zwar die Lufthoheit, doch bei den Kämpfen am Boden ist immer noch die Kalaschnikow die entscheidende Waffe. Im asymmetrischen Krieg in Afghanistan hat sich also gezeigt, dass es höchst problematisch ist, eine neue Weltordnung mit gewaltsamen Mitteln erzwingen zu wollen.2

Dabei hätten die USA mit gezielten Aktionen die Urheber der Attentate des 11. September ausschalten können, ohne große Teile der afghanische Bevölkerung gegen sich aufzubringen, bei der sich im Lauf der Jahre eine gewisse Gleichgültigkeit oder Ablehnung gegenüber den „arabischen Afghanen“ entwickelt hat. Desgleichen hätten begrenzte und präzise Angriffe gegen die Unterstützerszene von al-Qaida dafür sorgen können, dass sich einflussreiche und ehrgeizige Stammesführer aus den Auseinandersetzungen heraushalten.

Nach alledem ist es kein Zufall, dass nunmehr die Taliban wieder mit neuem Elan auf die Szene treten. Auf diese Gefahr hat Pakistans Präsident Pervez Musharraf in einer Rede am 12. September hingewiesen: Für Afghanistan wie für Pakistan sei die „neue Talibanisierung“ eine strategische Bedrohung. Die Ausbreitung dieser Spielart eines gewaltsamem religiösen Extremismus sei weitaus gefährlicher als eine „Dachorganisation“ wie al-Qaida und müsse in erster Linie mit politischen Mitteln bekämpft werden.3

Seit Beginn des Krieges hat sich jenseits der Hauptstadt Kabul wenig oder nichts zum Positiven verändert, während die Bevölkerung weiterhin unter Krieg und Entbehrungen zu leiden hat. Der Rest des Landes ist nach wie vor ein wildes Patchwork aus Territorien, die von Drogenbaronen (über 90 Prozent der Weltopiumproduktion stammt aus Afghanistan), Stammesführern, Warlords und Islamisten kontrolliert werden.

Fünf Jahre nach der Invasion der alliierten Truppen und dem Fall des Taliban-Regimes ist dessen Führung immer noch in der Lage, einen permanenten Kleinkrieg zu führen, in dem die Nato-Truppen so viele Tote und Verwundete beklagen, dass ihre Führung im September Verstärkungen anforderte. Auf afghanischer Seite wurden – trotz der Präsenz von 20 000 US-Soldaten – allein dieses Jahr 2 000 Menschen getötet, darunter auch Gouverneure, Frauenbeauftragte und religiöse Führer.

Das Unternehmen Afghanistan wurde zu einem vergessenen Krieg

Wie das US-Magazin Time berichtet, sind heute immer noch 60 Prozent des Landes ohne Elektrizität und 80 Prozent ohne Trinkwasser, während die Arbeitslosenquote bei 40 Prozent liegt. Der Mangel an verlässlichen Polizeieinheiten schafft ein Sicherheitsvakuum, das alle möglichen regierungsfeindlichen Kräfte auszufüllen versuchen: im Süden die Islamisten, im Westen die in der 1980er-Jahren erstarkten Warlords und im Norden die Drogenhändler. Die Kämpfe zwischen den Koalitionstruppen und den Taliban im Süden haben mittlerweile dazu geführt, dass begonnene Infrastrukturprojekte eingestellt wurden und der Nutzwert der fertigen Projekte schwindet. Von den Hilfsgeldern, die dem Land seit 2001 zugesagt wurden, ist ohnehin nur die Hälfte zur Verteilung gekommen. Und die Straße von Kabul nach Kandahar, die bislang größte Wiederaufbauleistung der USA, kann wegen der Kämpfe nicht mehr befahren werden.4

So weit ist es auch deshalb gekommen, weil die USA ihre Politik nicht auf den Wiederaufbau und die ökonomische Entwicklung Afghanistans konzentriert haben. Dabei hätte ein Land, das von Washington und Moskau in zynischer Weise zum Schlachtfeld des Kalten Kriegs gemacht wurde, sehr wohl einen kleinen „Marshallplan“ verdient gehabt. Aber schon ein Jahr nach Beginn der Operation „Enduring Freedom“ wurde das Unternehmen Afghanistan zu einem „vergessenen Krieg“, das in den US-Medien in den Hintergrund rückte, weil Washington einen noch größeren und zynischeren Krieg begonnen hatte.

Im Irak, das die USA zum zweiten Hauptschlachtfeld ihres Antiterrorkriegs erklärt haben, geht die Okkupation ins vierte Jahr, ohne dass ein Ende absehbar ist. Die Eskalation der Gewalt im Sommer 2006 hat den Optimismus, der nach dem Tod des irakischen Al-Qaida-Führers Abu Mussab al-Sarkawi ausgebrochen war, ebenso Lügen gestraft wie die Behauptung von US-Vizepräsident Dick Cheney, der Widerstand gegen die neue Ordnung liege „in den letzten Zügen“. Der Chef des Nachrichtendienstes der US-Marines hat im September dem Pentagon gemeldet, dass die Aussichten, in der westirakischen Provinz Anbar sichere Bedingungen zu schaffen, ziemlich düster seien und das US-Militär praktisch nichts tun könne, „um die politische und soziale Lage zu verbessern“5 . Bis Ende Oktober waren 2 814 US-Militärangehörige im Irak getötet worden, dazu 239 Soldaten anderer Länder.6

Jetzt besteht in Somalia die Gefahr der Talibanisierung

Durch die ständige Gewalt wird im Irak der Graben zwischen Sunniten und Schiiten immer tiefer, Anschläge und sektiererische Morde bringen das Land der Tyrannei näher. Das Leichenschauhaus von Bagdad musste im Juli 2006 1 855 getötete Iraker registrieren. Diese Zahl ging für den August nur auf 1 526 zurück, und dies trotz der Verlegung von 8 000 US- und 3 000 irakischen Soldaten in die Hauptstadt, die seit Anfang August viele Häuser durchkämmten. Die Gesamtzahl der seit Kriegsbeginn getöteten irakischen Zivilisten wird auf fast 50 000 geschätzt.

Nach dreieinhalb Jahren Krieg bleiben Washington nur zwei Alternativen. Die bessere ist bitter genug: Wenn sich die Situation, wie zu erwarten, weiter verschlechtert, wird das Land „untergehen“ – so die Prognose des irakischen Parlamentspräsidenten Mahmud al-Maschhadani. Das würde jede politische Lösung auf lange Sicht höchst unwahrscheinlich machen. Wenn das Land hingegen, wie durch ein Wunder, die aktuelle kritische Phase überlebt, ist die Lage ebenso verfahren, denn die „Operation Iraqi Freedom“ wird zu einem „nicht gewinnbaren Krieg“. In beiden Szenarien werden noch mehr Aufstände ausbrechen und immer neue Widerstandsgruppen und Todesschwadronen, kriminelle Banden und paramilitärische Splittergruppen entstehen. Das wird die Bekämpfung des Aufstands wie auch den Wiederaufbau erschweren, die beiden von einander abhängigen Aufgaben also, ohne die im Irak kein Erfolg möglich ist.

Angesichts dessen bedeutet der Verbleib der US-Truppen ein immer höheres Risiko, weil weder die Soldaten noch der Militärhaushalt unbegrenzt belastbar sind. Andererseits können die USA sich nicht zum Sieger erklären und ein Land zurücklassen, das auf den Bürgerkrieg zusteuert. Beide Szenarien bringen für die langfristigen strategischen Interessen der USA wie für ihre Abschreckungskapazität in einer unsicheren Region gewaltige Probleme mit sich. Schon jetzt hat die „Mission unaccomplished“ der Bush-Regierung einem regionalen Feind wie dem Iran Auftrieb gegeben und das strategische Abschreckungspotenzial der USA geschwächt, während zugleich die Sicherheit der USA immer stärker bedroht ist. Deshalb ist es nicht erstaunlich, wenn inzwischen 60 Prozent der US-Bürger glauben, dass der Irakkrieg einen terroristischen Angriff auf ihr Land wahrscheinlicher gemacht habe.

In noch einem weiteren zerfallenden Staat könnte es zu einer „Talibanisierung“ kommen. In Somalia hat die „Bewegung der Islamischen Gerichte“ die Kontrolle über die Hauptstadt Mogadischu erlangt und schickt sich an, weitere Teile des Landes zu erobern. Diese islamistischen Kräfte haben die von den USA unterstützten Stammesführer besiegt, die ursprünglich von den in Äthiopien und in Dschibuti stationierten US-Truppen rekrutiert worden waren. Die militärischen Konflikte am Horn von Afrika verschärfen – zum Nachteil der USA und ihrer politischen Klientel – die Unsicherheit in dieser Region. Sie gilt als Trainingszentrum und Rekrutierungsbasis für die Bombenattentäter, deren Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam 1998 über 250 Todesopfer gefordert haben. Nach einem Report der International Crisis Group (ICG) droht die gegenwärtige Lage in Somalia „zu einem umfassenden Konflikt zu eskalieren, der auf einen großen Teil des Südens übergreifen, friedliche Landesteile wie Somaliland und Puntland destabilisieren und terroristische Angriffe in Nachbarländern zur Folge haben könnte“7 .

Dasselbe lässt sich für die beiden anderen „asymmetrischen Kriege“ sagen, welche die Israelis in Palästina und im Libanon geführt haben, (wobei Bush den Libanon explizit zur „dritten Front im Krieg gegen den Terrorismus“ erklärt hat). Beide endeten in einer strategischen Sackgasse, nachdem sie große Zerstörungen gebracht und tausenden Palästinensern, Libanesen und Israelis das Leben gekostet hatten. Obwohl die USA den Krieg in Gaza diplomatisch wie logistisch und strategisch unterstützt und im Fall Libanon die Israelis sogar zum Handeln ermuntert haben, ist die Popularität der Hamas ebenso wie die Gefolgschaft der Hisbollah unter den Schiiten weiter angewachsen. Dagegen hat die strategische Abschreckungskraft Israels abgenommen. Sollte Israel doch noch sein Projekt eines einseitigen Rückzugs aus Teilen des Westjordanlands verwirklichen, könnte es dort zu einer Widerstandsbewegung nach dem Vorbild der Hisbollah kommen.8

Obwohl sich gezeigt hat, dass asymmetrische Kriege – im Vergleich mit konventionellen – für die militärisch schwächere Seite weit bessere Chancen bieten, gibt es auch am Ende solcher Auseinandersetzungen nur selten eindeutige Sieger und Verlierer. Eine Widerstandsgruppe wird sich kaum zum Sieger erklären können, wenn ihr Land bombardiert, besetzt und geplündert wurde – so wenig wie die imperiale Macht behaupten kann, ihr strategischen Ziele erreicht zu haben. Im Endeffekt verlieren beide Seiten, aber die schwächere Seite kann viel eher einen strategischen Sieg reklamieren, weil die stärkere Seite ihren Willen nicht durchsetzen konnte. Wenn der Starke zu lange gegen den Schwächeren kämpft, wird er selbst schwach.

Die USA setzten im Nahen Osten auf ein „konstruktives Chaos“

Der Report des Weißen Hauses über die „Nationale Strategie zur Bekämpfung des Terrorismus“ vom September 2006 verweist indessen nur auf „Erfolge“ und „Herausforderungen“ in Afghanistan, im Irak und anderswo, ohne die Misserfolge zu erwähnen. Die Fähigkeit Washingtons, „mit Erfolg zu scheitern“, hat als Ergebnis nur eine Verschärfung der Rhetorik. Wenn man einen Krieg, der nichts bringt, noch ständig ausweitet, wird man auch keinen Ausstieg finden, der mit dem Erreichen konkreter Zielen begründbar wäre.

Washingtons sieht seinen strategischen „Erfolg“ vielmehr dadurch erreicht, dass im Nahen Osten ein „konstruktives Chaos“ entsteht, das die regionale Ordnung dekonstruiert, indem sich die konkurrierenden Regime, religiösen Gruppen und Ethnien gegenseitig bekämpfen. Die zynische Grundidee Washingtons, „den Krieg auf das Gebiet des Feindes zu tragen“, entlarvt sich als Strategie nach dem Motto „Zerstören, Teilen und Herrschen“. Die Völker der Region zahlen dafür einen hohen Preis.

Der Irak schlittert in einen Bürgerkrieg. Somalia wird im Zuge der Kämpfe zwischen Fundamentalisten und Stammeskriegern immer weiter aufgesplittert. Im Libanon wachsen die Spannungen zwischen der schiitischen Hisbollah und den Kräften, die sich offenbar mit den USA arrangieren wollen, nachdem die Israelis einen Großteil der Infrastruktur des Landes zerstört, ein Drittel der Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht und über tausend Menschen getötet haben, ohne ihre Kriegsziele zu erreichen. Und in den besetzten palästinensischen Gebieten stärkt die von Washington abgesegnete israelische Belagerungsstrategie die islamistische Hamas und schwächt zugleich die „gemäßigte“, säkulare Fatah. Mit dem Resultat, dass die Macht – wie im Irak – von sich gegenseitig befehdenden dschihadistischen und extremistischen Gruppen, aber auch von bewaffneten Banden ehemaliger Guerillakämpfer usurpiert wird.

Ein ständiger Kriegs- und Spannungszustand bewirkt eine fortschreitende Dezentralisierung der Staatsmacht, sie beeinträchtigt die Souveränität der Zentralmacht und begünstigt das Auftauchen vieler neuer Akteure. Ein Staat, der seine Bürger nicht wirksam schützen kann, hat aber keine Zukunft. Und ein Konzept, das in den (zugegeben repressiven) Staaten des Nahen Ostens die Funktion der inneren Sicherheit auf innerstaatliche und überstaatliche Akteure übertragen will, wird in eine katastrophale Diktatur münden. Die existierenden Staaten kann man reformieren und umgestalten. Die neuen Kräfte hingegen werden mit den Worten des französischen Friedens- und Konfliktforschers Alain Joxe ein „Reich des Chaos“ herbeiführen, das sich womöglich von Somalia bis Afghanistan und sogar bis in die von Immigranten bewohnten Armutssiedlungen der großen Städte des Westens erstreckt.

Auch wenn der Krieg gegen den Terror auf globaler Ebene geführt wird, sind seine Auswirkungen stets auf lokaler Ebene spürbar. Denn Gewalt bekommen letztlich immer die Menschen zu spüren. Gerade in Hinsicht auf diese lokalen Auswirkungen war und ist der globale Krieg gegen den Terror ein einziges Fiasko.

Nach Donald Rumsfeld bemisst sich der Erfolg oder Misserfolg der USA im Krieg gegen den Terror an einer einzigen Frage: „Schaffen wir es, die Dschihadisten schneller zu töten, zu fangen und abzuschrecken, als neue produziert werden?“ Die meisten Beobachter beantworten diese Frage wie der ehemalige US-Marineminister John Lehman mit einem „emphatischen Nein“. Denn es entstehen, so Lehmann, nicht nur weit mehr „Terroristen“, es gibt auch sehr viel mehr gewaltbereite Gruppen, mit denen die USA zu rechnen hat.9

In ihrem Krieg gegen den Terrorismus haben die USA nach fünf Jahren, fünf Kriegen und mit einem Aufwand von 500 Milliarden Dollar10 erreicht, dass die feindseligen religiösen Fundamentalisten zahlreicher und stärker, ihre eigenen säkularen und „gemäßigten“ Klientenstaaten dagegen schwächer geworden sind. Die Bush-Administration agierte wie ein pyromanischer Feuerwehrmann: Sie ersann diverse multilaterale Präventivstrategien sowie geheimdienstliche und polizeiliche Taktiken gegen terroristische Angriffe. Aber in der Praxis schaffte sie es, einen Teil des Nahen Ostens in ein Schlachtfeld zu verwandeln, gewaltsame inner- wie zwischenstaatliche Konflikte anzuheizen und die extremistischen Kräfte in der Region zu stärken.

Angesichts dessen bleibt der behauptete „Sieg“ ein schöner Traum. Von Afghanistan bis Somalia, über das östliche Mittelmeer zum Persischen Golf ist die asymmetrische Bedrohung der USA und ihrer Alliierten um ein Vielfaches angewachsen. Die einzige Supermacht der Welt scheint immer weniger imstande zu sein, die Eskalation des verheerenden Kriegs gegen den Terror einzudämmen.

Wir haben uns heute sehr weit von der Situation vor dem 11. September 2001 entfernt. Zwar haben die Menschen im Nahen Osten keine Tränen über die Attentate von New York und Washington vergossen, aber den Sturz des Taliban-Regimes in Afghanistan haben sie auch nicht als Katastrophe wahrgenommen. Und immerhin konnten die USA noch 2002 – trotz des Embargos gegen den Irak und der israelischen Belagerungsstrategie gegenüber den Palästinensern – die arabischen Regime zu einer weitreichenden Kooperation im Antiterrorkampf bewegen. Diese begannen 2002 sogar noch eine umfassende Friedensinitiative, um den israelisch-arabischen Konflikt zu beenden, weil sie damals noch hofften, Washington werde sich zu einer Politik der Stabilität und des Friedens entschließen.

Korrekte Prognose mit falschen Schlussfolgerungen

Die Hoffnung war vergebens. Die Bush-Regierung zog einer konstruktiven Politik das Prinzip der Vergeltung vor und setzte wild entschlossen auf ihr neues Dogma einer globalen Machtpräsenz. Als 2004 Marc Grossman, damals Staatssekretär für politische Fragen im US-Außenministerium, die europäischen Hauptstädte bereiste, schockierte er die Nato-Verbündeten mit der Mitteilung, seine Regierung plane eine umfassende quantitative wie qualitative Verlagerung der US-Truppen in Europa nach Asien, Afrika und in den Nahen Osten, und zwar im Rahmen einer grandiosen Strategie zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus jenseits von Afghanistan und dem Irak.11

Mit ihrer schon vor 2001 gestellten Prognose asymmetrischer Bedrohungen lag die US-Regierung richtig, doch seit dem 11. September setzt sie auf die falschen Lösungen. Dagegen haben die Europäer die neuen Herausforderungen zunächst unterschätzt, in der Folge aber weit angemessener auf die neuen Gefahren reagiert: Sie setzten auf multilaterale Anstrengungen und eine sensiblere und gerechtere Weltordnung, was auch ihrer inneren Verfassung entspricht. Sie zogen ein friedfertiges regionales Projekt vor, das vor allem auf die Wirkung „weicher“ politischer Instrumente setzt.

Die USA versinken heute mit jeder ihrer Reaktionen noch tiefer im Treibsand des „Greater Middle East“, weil die Bush-Administration – absichtlich oder nicht – zwei Lektionen über asymmetrische Kriege missachtet hat. Zum einen haben die Attacken vom 11. September demonstriert, dass es im neuen Zeitalter der Globalisierung keine isolierten Vorgänge mehr gibt: Gewalt und extremistische Aktionen im Gefolge krimineller Kriege, illegale Besetzungen oder auch „gescheiterte“ Staaten entfalten Wirkungen, die sich nicht an nationale Grenzen halten und die westliche Welt in ihrem Zentrum bedrohen. Dazu tragen vor allem die wachsende Mobilität und noch mehr die modernen Kommunikationsmittel bei, die Bilder von Kriegen oder aufwiegelnde religiöse Ansprachen ohne Zeitverzögerung in aller Welt verfügbar machen.

In dieser Situation konzentrieren die USA und die internationalen Gemeinschaft ihre Bemühungen nicht auf den Wiederaufbau Afghanistans oder die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts (der von den genannten Faktoren bei weitem die meisten antiamerikanischen Gefühle in der Region auslöst). Und die Bush-Regierung verfolgt nicht etwa eine Strategie der ökonomischen Entwicklung und der politischen Versöhnung für die gesamte Region, sondern eine Politik im Sinne der großen Ölinteressen und des militärisch-industriellen Komplexes.

Die zweite Lehre, die von den USA ignoriert wurde, lautet: So gut wie nie wurde ein nichtkonventioneller Krieg gewonnen, der gegen eine Guerilla oder eine aufständische Bewegung auf fremdem Boden geführt wurde. Die USA und ihre Verbündeten mögen heute, wie zuvor die Sowjets in Afghanistan, die Franzosen in Algerien und sie selbst in Vietnam, über ein weit moderneres und schlagkräftigeres Militärpotenzial verfügen als ihre Gegner, aber Moral und Engagement ihrer Truppen sind viel weniger entwickelt und sehr viel leichter zu irritieren und zu untergraben.

In diesem Duell stehen auf der einen Seite bestens ausgebildete, ausgerüstete und bezahlte Soldaten, die den Krieg überleben wollen, auf der anderen Seite dagegen freiwillige Low-Tech-Kämpfer, die nur zu bereit sind, als Märtyrer in einem Konflikt zu sterben, den sie für unvermeidlich halten. Und während die USA (oder Großbritannien oder Israel) ihre Gefallenen betrauern, werden diese auf Seiten ihres Gegners gefeiert.

Ziehen wir ein Fazit: Die Fragmentierung der aufständischen und Widerstandsgruppen hat es für die USA in allen Konfliktregionen schwerer gemacht, den globalen asymmetrischen Krieg zu gewinnen. Jeder Krieg muss auf Frieden zielen, und der ist nur durch politische Kompromisse zu erreichen. Das aber wird nur noch weiter erschwert, wenn die USA für ihren Krieg keine stimmigen und eindeutigen politischen Ziele definieren und auch keine klaren geografischen Grenzen ihres Engagements.

Im Hinblick auf die allgemeine Strategie im Kampf gegen den Terrorismus stellt sich damit die Frage: Hat die Bush-Regierung alles falsch verstanden? Hat sie sich zu ihren Kriegen im Nahen Osten verleiten lassen? Oder hat sie ihr Volk hinters Licht geführt, um mit einer Politik der bewussten Täuschung bestimmte Ziele zu erreichen?

Die letztere Erklärung erscheint mir wahrscheinlicher als die erste, wenn man bedenkt, dass Bush noch am 5. Jahrestag des 11. September alle Feinde der USA zu einer einzigen großen terroristischen Gefahr zusammengemanscht und den „größten ideologischen Kampf des 21. Jahrhunderts“ ausgerufen hat, den es mit Gottes Segen zu gewinnen gelte.

In Anspielung auf frühere gescheiterte Politiker verwies Bush dabei auf einen „exilierten Rechtsanwalt“ (Lenin) und einen „gescheiterten Maler“ (Hitler). Man könnte diesen Hinweis aufnehmen und auf das jüngste Beispiel eines gescheiterten Studenten verweisen, der es geschafft hat, aus asymmetrischen Bedrohungen einen globalen Krieg zu fabrizieren, der für die USA wie für den Rest der Welt verhängnisvolle Folgen haben wird.

Fußnoten:

1 Spin ist ein Acronym für „segmented polycentric ideologically networked“ groups. Siehe dazu meinen Beitrag: „Grauzonen einer globalen Welt“, Le Monde diplomatique, Oktober 2001. 2 Richard Falk, The Nation, 29. Oktober 2001 und Michael Howard „The Invention of Peace and the Reinvention of War“, London (Profile) 2001, S. 102. 3 Dabei verwies Musharraf auch auf die politische Verantwortung Pakistans, des Westens und der USA, die in den 1980er-Jahren rund 30 000 islamische Gotteskrieger aus aller Welt nach Afghanistan gebracht haben, wo man sie nach dem Ende des Krieges einfach zurückgelassen habe. 4 Time vom 18. September 2006. 5 New York Times, 12. September 2006. 6 Reuters vom 31. Oktober 2006. 7 Siehe den Africa Report Nr. 116 der ICG vom 10. August 2006. 8 So Robert Malley, der Leiter der ICG-Abteilung Mittlerer Osten: „ A New Middle East“, in: New York Review of Books, 21. September 2006, S. 83 ff. 9 Siehe Los Angeles Times, 21. August 2006. 10 Zu den Kosten des Irakkriegs siehe den Report des Congressional Research Service (CRS) vom 16. Juni 2006. 11 Beginnen sollte das Ganze mit der Stationierung kleiner und mobiler Einheiten von Spezialtruppen in Zentral- und Südasien und anschließend in Afrika und in der Mittelmeerregion. Zu den Details siehe in Foreign Affairs vol. 85, Nr. 5, New York, September/Oktober 2006. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Marwan Bishara ist Wissenschaftler an der École des Hautes Études en Science Sociales sowie Dozent an der American University in Paris. Sein letztes Buch, „Palestine Israel: Peace or Apartheid“, erschien bei La Découverte, Paris 2002, und Zed Press, London.

Le Monde diplomatique vom 10.11.2006,