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Die Unruhe der jungen Griechen

In Athen liegen Revolte und Resignation nahe beieinander von Pierre Daum

Beginnen wir am Tatort: Die Odos Mesolongiou ist eine enge, verkehrsberuhigte Straße im Athener Stadtviertel Exarchia, mit ein paar struppigen Bäumen und einigen Bars. Auf den Bänken und auf dem Zementpflaster sitzen Studenten und trinken Bier aus Halbliterflaschen vom nächsten Eckladen. „Weil es billiger ist.“ Die Hauswände sind mit Plakaten und Tags gepflastert. Und überall das Foto eines jungen Mannes mit sanftem Blick: Der fünfzehnjährige Alexis Grigoropoulos wurde am 6. Dezember 2008 von einem Polizisten erschossen.1

„Es war genau dort!“ Die jungen Leute zeigen auf eine schwarze Marmortafel. Haben sie an jenem Abend und an den folgenden Tagen die Demonstrationen mitgemacht, von denen einige in Gewalt ausgeartet sind? „Natürlich!“, rufen alle: „Das war ungeheuerlich! Wir trauerten um Alexis, und gleichzeitig hatten wir die totale Wut. Am liebsten hätten wir alles kaputtgeschlagen!“ Alle waren sie dabei, in diesen irren Tagen im Dezember 2008, und auch in den Nächten der zerschlagenen Schaufensterscheiben und der Tränengaswolken.

Über Exarchia liest man immer wieder dieselben Stereotype: Anarchistenherd, Junkiegegend, Tummelplatz der Randalierer und so weiter. Man erwartet finstere Gassen, bevölkert mit schwarzgekleideten Jugendlichen und Drogensüchtigen. Stattdessen entdecken wir nette kleine Straßen mit Buchhandlungen, Trödelläden, Kunstgewerbe und vielen Bars und Restaurants. Das Publikum sind Studenten aus den nahen Universitäten, aber auch Dozenten, Intellektuelle, linke Künstler aller Art. Und jede Menge Polizisten: kräftige junge Männer mit Beinschutz, Helmen, Pistolen, Schlagstöcken und Gasmasken am Gürtel.

„Exarchia ist meine Lieblingsgegend“, versichert Christos Papoutsis, der griechische „Minister für den Schutz des Bürgers“.2 Aber er sagt auch, ohne die Präsenz der Polizei würde es einen Aufstand der Randalierer geben, mit Molotowcocktails und zertrümmerten Schaufenstern. Die jungen Leute von der Odos Mesolongiou halten das für Blödsinn: „Niemand hier will Läden zerstören“, versichert Petros, ein Anwohner. „Die Bullen sind doch nur da, um das Viertel abzusperren und den Bürgern zu zeigen, dass man die Steinewerfer unter Beobachtung hat.“

Ein wichtiges Detail der Hauptstadtgeografie: Der Stadtteil Kolonaki, wo die Reichen wohnen und einkaufen, grenzt unmittelbar an das Exarchia-Viertel. Bei den Demonstrationen im Dezember 2008 überschritten die jungen Leute diese Grenze und attackierten wiederholt die Luxusgeschäfte von Kolonaki. Heute ist die Polizei auch hier massiv präsent.

Was ist zwei Jahre nach diesen Ereignissen von der Protestenergie der griechischen Jugend geblieben? „Einerseits fast nichts, andererseits sehr viel“, antwortet Vangelis, der der AK angehört (Antiexousiastiki Kinisi oder Antiautoritäre Bewegung), eine der zahllosen Grüppchen des griechischen Anarchismus. Mit ein paar Freunden hat Vangelis ein kleines Haus in der Themistokleous-Straße 66 übernommen. Neben einer Bar gibt es hier auch einen Raum für Sprachkurse für Immigranten und einen Saal für Konferenzen über den Anarchismus. Zwei Straßen entfernt wurde ein ehemaliger Parkplatz von den Einwohnern besetzt, um ihn in einen kleinen botanischen Garten mit selbst verwaltetem Imbiss umzuwandeln.

Und noch etwas hat sich verändert: Die Junkies, die seit Jahren auf dem Exarchia-Platz im Zentrum des Viertels hausten, wurden von der Anwohnervereinigung vertrieben, mit zuweilen recht brutaler Unterstützung anarchistischer Gruppen. Der Platz selbst ist wieder zum Treffpunkt und Zentrum des Nachtlebens von Exarchia geworden. Und das war’s schon mit den Erfolgen? „Wir haben vor allem die Hoffnung gewonnen, dass unsere Utopien realistisch sind!“, beeilt sich Vangelis zu versichern.

Nur wenige hundert Meter entfernt liegt die Fakultät für politische Wissenschaft und öffentliche Verwaltung. Über dem Eingang hängt ein Plakat mit der Parole: „Nein zur Entwertung unserer Diplome!“ Jede Studentengruppe hat einen Tisch, an dem Mitglieder geworben werden. Alexis Lycoudis gehört zu der weit links stehenden EAAK oder „Bewegung der unabhängigen Linken“. Im Dezember 2008 zog er mit Sprechchören wie „Bullen, Schweine, Mörder“ durch die Straßen, schlief in seiner besetzten Fakultät und ließ keine Vollversammlung aus.3 Und was macht er heute?

Nächte in Tränengaswolken

„Im Januar 2009 hatten wir eine kleine Depression. Wir wollten den Sturz der Regierung, aber das hat nicht geklappt. Aber dann gab es bald wieder eine Menge zu tun. Studenten wollten beitreten, die wir zuvor nie gesehen hatten. Die Leute fingen an, in den Nachbarschaftskollektiven zu kämpfen. Der Dezember 2008 hat wirklich eine Art politischer Erziehung der Jugend erzeugt.“

Aus dieser Euphorie entstand im März 2009 eine weitere Bewegung: Die Antarsya (Kooperation der Antikapitalistischen Linken für den Umsturz) vereinigt ein Dutzend linksextremer Grüppchen, bis hin zu den Trotzkisten. Das Bündnis sollte dem Protest in den Städten eine politische Orientierung geben. Bei den Parlamentswahlen Anfang Oktober 2009 erhielt es 0,36 Prozent der Stimmen.4 Die Wahlliste Syriza, das andere, ältere linkssozialistische Bündnis, bekam 4,6 Prozent und büßte damit einen seiner 14 Parlamentssitze ein. „Es dauert eben seine Zeit“, meint Alexis unverdrossen. „Aber wir kommen Schritt für Schritt voran.“

Dann begann Ende 2009 die griechische Haushalts- und Wirtschaftskrise.5 Über das ganze Jahr 2010 hielten die Streiks und Demonstrationen an, und die Jugendlichen von Exarchia waren natürlich dabei. Über das „Memorandum“, das zwischen der Papandreou-Regierung und der „Troika“ aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) vereinbart wurde, gibt es hier nur eine Meinung: „Das ist ein weiteres kapitalistisches Komplott. Die breiten Massen sollen eine Staatsschuld abbezahlen, für die sie nicht verantwortlich sind“, erklärt uns Christina, eine 26-jährige arbeitslose Architektin.

Die Demonstrationen waren nicht immer sehr groß, außer am 5. Mai: „So viele Menschen habe ich noch nie auf der Straße gesehen, das war irre!“, schwärmt Xenia, Dozentin für Sozialpsychologie an der Panteion-Universität. „Irgendwann brüllte eine Gruppe plötzlich ‚Zündet dieses Bordell von Parlament an!‘ Und alle schrien mit. Es ist mir etwas peinlich, aber ich habe auch mitgeschrien!“

Xenias Freundin Maria, die eine hohe Stelle im Wirtschaftsministerium bekleidet, meint, danach sei die weitere Mobilisierung durch „die drei Toten“ verhindert worden. Gemeint sind die drei Bankangestellten, die am 5. Mai nach einem Brandanschlag auf die Filiale der Marfin Egnatia Bank erstickten. Die Unfähigkeit der Polizei, die drei „Vermummten“ zu finden, die den mörderischen Molotowcocktail geworfen haben, lässt breiten Raum für die in Griechenland so beliebten Verschwörungstheorien über politische Machenschaften von Seiten des Staats.

Sind die jungen Leute von Exarchia, die keine Demonstrationen verpasst haben, repräsentativ für ihre Generation? Das ist stark zu bezweifeln. Um wirklich zu erfahren, was die griechische Jugend bewegt, müssen wir das Ghetto Exarchia verlassen, das die internationalen Medien auf ihrer Suche nach starken Bildern so magnetisch anzieht. Von den jungen Leuten und den politisierten Gruppen hier mögen starke Impulse ausgehen, aber Exarchia ist nicht Athen und schon gar nicht Griechenland.

Kellnern für 3,50 pro Stunde

Die neueren Vergnügungsviertel liegen in Psirri, Monastiraki und Gazi. In einer trendigen Bar treffen wir uns mit Giorgos, Hara, Panos, Elena, Efthinia, Michalis, Petros und Lalin. Sie alle haben im Dezember 2008 mitgemacht, wie Panos berichtet: „Meine ganze Schule war auf der Straße. Also bin ich mitgegangen.“

Efthinia hat wie die meisten ihrer Freunde nur zwei Tage demonstriert. „Um zu zeigen, dass wir da sind, dass es uns gibt. Aber es hat nichts gebracht!“ Panos, der neben seinem Studium für 3,50 Euro Stundenlohn kellnert, erklärt aufgebracht: „Es ist immer die gleiche Scheiße. Ich weiß, dass ich keine Arbeit bekommen werde. In Griechenland sind seit einem halben Jahrhundert zwei Familien an der Macht. Und das soll Demokratie sein?“6 Sein Nachbar stimmt zu: „Ich hasse meine Eltern und meine Großeltern, weil sie diese Leute gewählt haben!“

Für diese jungen Leute ist das Memorandum „viel zu kompliziert!“. Sie versuchen gar nicht erst, den Inhalt des mit der Troika vereinbarten Sparprogramms zu verstehen. Sie glauben ohnehin, dass es „nichts an der seit Jahren von der Pasok und der ND organisierten Korruption ändern wird“.7 Bei den Demonstrationen dieses Jahres war keiner von ihnen dabei. „Es ist zu gefährlich geworden, auf die Straße zu gehen“, rechtfertigt sich Lalin. „Außerdem bin ich gegen Gewalt.“ Seine Freundin Efthinia ergänzt: „Die Gewerkschaften sind doch alle von der Pasok gekauft!“ Keiner von ihnen gehört einer Organisation an. „Wir haben die Musik, wir haben unsere parea, das reicht.“8

In den Stadtteil Kypseli, der nördlich an Exarchia grenzt, verirren sich keine Touristen. In den Cafés und Restaurants der Odos Fokionou trifft sich der lokale Mittelstand: Beamte, Angestellte oder Kaufleute mit ihren Kindern. Elena, Dimitrios, Panos, Nina, Dzina, Eleni und ihre Freunde sitzen beim Bier, „nur eins, weil es sehr teuer ist“, und sehen sich im Fernsehen ein Fußballmatch an: das Lokalderby Panathinaikos gegen Panionios. Die meisten von ihnen haben im Dezember 2008 nicht an den Demonstrationen teilgenommen.

„Der Tod von Alexis war ein Unfall: Warum hätte ich deswegen auf die Straße gehen sollen?“, fragt Dimitrios. „Die politischen Parteien haben den Toten benutzt, um die Regierung zu attackieren“, meint auch Panos. „Da wollte ich nicht mitspielen.“ Nur Elena gibt zu, dass sie demonstrieren war, „aber nur einen Tag, dann habe ich die Gewalt der Steinewerfer gesehen und bin abgehauen.“

Bei den diesjährigen Protesten gegen die Sparpolitik war niemand von ihnen dabei. „Die Regierung und die Europäische Union haben diesen Plan beschlossen, was können wir dagegen machen?“, fragen sie ratlos. „Und an den Schulden sind wir auf jeden Fall gemeinsam schuld. Heute müssen wir dafür bezahlen.“ Ohne ihren Blick vom Bildschirm zu wenden, behauptet Dzina: „Die Medien arbeiten doch alle für die Regierung.“ Dann kommen wir auf die Immigranten zu sprechen. Der Tenor ist eindeutig: „Sie sind einfach zu viele, die Regierung muss sie rausschmeißen!“9

Rania Astrinaki ist Dozentin für Sozialanthropologie der Panteion-Universität. Sie bestätigt, dass die Mehrheit der jungen Demonstranten von 2008 bei den Streiks von 2010 nicht wieder auf die Straße gegangen sind: „2008 waren sehr viele an den Demonstrationen und auch an den Gewalttätigkeiten beteiligt, sie kamen aus allen gesellschaftlichen Schichten, aber eigentlich ist uns gar nicht mehr klar, was ihre tieferen Motive waren.“

Was bedeutet das für die Zukunft und die Möglichkeit gemeinsamer Proteste der jungen Generation mit den Leuten, die noch Arbeit haben? Auf den ersten Blick sind viele Voraussetzungen für ein solches Bündnis gegeben. Die Probleme der Jugend haben sich seit 2008 eher noch verschärft: Ihre Diplome sind kaum etwas wert, nach dem Uni-Abschluss finden sie keine angemessenen Jobs, und das Leben wird immer teurer. Der „Mindestlohn“ für Berufsanfänger ist auf 592 Euro festgelegt, und von den Eltern gibt es weniger Geld, weil die selbst unter der Sparpolitik leiden.

Seit dem Sommer 2010 machen sich die harten Auswirkungen des Sparprogramms überall im Straßenbild bemerkbar. Jedes vierte oder fünfte Geschäft ist geschlossen, an den Schaufenstern hängen gelbe Klebezettel mit der Aufschrift ENOIKIAZETAI („zu vermieten“). Viele Privatunternehmen machen zu oder bezahlen ihre Beschäftigten nur noch unter Tarif.

„2011 wird für Griechenland ohne Zweifel ein schreckliches Jahr“, meint Savas Robolis, Forschungsdirektor des Instituts für Arbeit des Gewerkschaftsverbands GSEE, der die Beschäftigten des privaten Sektors repräsentiert. „Ende 2011 wird die reale Arbeitslosenzahl die Millionengrenze übersteigen, also bei 20 Prozent liegen. 2009 waren es 15,5 Prozent.“

Der übliche Umschlag mit ein paar Scheinen drin

Niemand hält die Maßnahmen zur Sanierung der Staatsfinanzen für fair und gerecht, obwohl die Regierung der Bevölkerung ständig einhämmert, dass alle zusammen schuld sind: an den Betrügereien, der Vetternwirtschaft, der Korruption und damit der Staatsverschuldung.

„Das System zur Eintreibung der Steuern ist immer noch genauso korrupt“, erklärt der Schriftsteller Takis Theodoropoulos. „Und immer noch gibt es da ganz oben das komplizenhafte Bündnis zwischen den Regierenden und einer Handvoll Familien, die durch Staatsaufträge steinreich geworden sind: in der Rüstungsindustrie, in der IT-Branche, in der Schifffahrt und im Energiesektor. Diese Familien wird man niemals kontrollieren, stattdessen verfolgt man den einfachen Bürger, der sich 300 Euro beiseitelegen muss, damit er im Ernstfall seinem Arzt ein fakelaki10 zustecken kann.“

Dass sich die Dinge in Richtung einer Volkserhebung entwickeln, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Und zwar schon deshalb, weil viele Griechen neben ihrem Hauptwohnsitz noch eine Wohnung oder ein Stück Land besitzen. Ihre Miet- oder Pachteinnahmen können die Auswirkungen der Krise eine Zeit lang abfedern. Auf politischer Ebene behindert die extreme Zersplitterung der radikalen Linken die Entstehung einer Massenbewegung. Links der Pasok gibt es an die sechzig politische Gruppen.

„Die gesellschaftliche Unzufriedenheit kann wachsen, aber es gibt keine Struktur, die sie in einen politischen Protest lenken könnte“, bedauert der Trotzkist Manos Skoufoglou, ein ehemaliger Architekturstudent am Polytechnion. Deutlicher wird Marina, die als Theaterpianistin arbeitet und mit anarchistischen Ideen sympathisiert: „Im Oktober 2009 habe ich für die Syriza gestimmt. Aber seitdem sind die nur noch dabei, sich zu zerfleischen. Ich habe die Nase voll.“11

Auch bei den Gewerkschaften herrscht Reglosigkeit. Die griechische Gewerkschaftsbewegung besteht im Wesentlichen aus zwei Organisationen: Die GSEE ist der Dachverband für den privaten Sektor, die Adedy für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Beide werden geführt von einflussreichen Pasok-Funktionären. Sie fordern nicht, das Memorandum aufzukündigen, sondern wollen mit ihren Demonstrationen und Streiks die Regierung und den IWF zwingen, das Sparprogramm abzumildern.

Angst vor den Koukoulofori

Eine weitere griechische Besonderheit ist die immer noch starke Kommunistische Partei. Diese KKE kam bei den letzten Parlamentswahlen 2009 auf 7,5 Prozent der Stimmen, bei den Kommunalwahlen 2010 sogar auf 10,9 Prozent.12 Die orthodoxen Kommunisten vertreten radikale Positionen. Wenn es nach ihnen ginge, müsste Griechenland aus der EU und der Eurozone ausscheiden. KKE-Generalsekretärin Aleka Papariga erteilt jeder Allianz mit den Gewerkschaften eine Absage: „Es wäre ein krimineller Verrat an der Arbeiterbewegung, wenn wir mit GSEE und Adedy zusammenarbeiten würden, vor allem jetzt, da sie alles tun, damit die Arbeiter das barbarische Programm der Regierung akzeptieren, indem sie die Idee verbreiten, dieses sei ungerecht, aber notwendig.“

Bei den großen Demonstrationen bestehen alle drei Gruppierungen auf strenger Abgrenzung: Wenn GSEE und Adedy zu einer Kundgebung auf dem zentralen Omoniaplatz aufrufen, versammelt sich die KKE auf dem Syntagmaplatz, während die linksextremen Gruppen in der Nähe des Polytechnions und des Exarchia-Viertels demonstrieren.

Die anarchistische Szene Griechenlands, die zweitstärkste nach Spanien, ist ein weiterer, sehr eigener Faktor im linken Spektrum des Landes. Yannis Androulidakis, Mitglied der anarchistischen Gruppe Rossi, behauptet, dass ihre führende Rolle bei den gewaltsamen Straßenunruhen von 2008 den Anarchisten enormen Zulauf gebracht habe: „Die Zahl unserer Anhänger ist von 5 000 auf 10 000 angewachsen, und zwar im ganzen Land.“

In der breiteren Linken stoßen die Anarchisten mit ihrer „Gewalt gegen die Gewalt des Staates“ auf eine gewisse Sympathie.13 Aber ihre Stärke ist ein zweischneidiges Schwert. Andere Linke werden durch gewaltsame Aktionen eher abgeschreckt. Viele junge Leute gehen nicht mehr zu Demos. Sie haben Angst vor dem Tränengas der Polizei wie vor den „Koukoulofori“, den vermummten Straßenkämpfern, die Scheiben einschlagen und Molotowcocktails werfen.

Zwei Jahre nach den Unruhen vom Dezember 2008 gibt es also über die Perspektiven der griechischen Protestbewegung sehr unterschiedliche Einschätzungen. Der Ökonom Kostas Vergopoulos etwa hält die gesellschaftliche Situation für hochexplosiv: „Es genügt ein Funke, und alles fliegt in die Luft!“ Das Rezept des IWF bezeichnet er als „teuflische Abwärtsspirale, weil die sinkenden Einkommen der Bevölkerung auch den Konsum schrumpfen lassen. Deswegen müssen dann Unternehmen schließen, was wiederum Arbeitslose produziert und die Einkommen weiter sinken lässt.“

Der Schriftsteller Takis Theodoropoulos dagegen befürchtet „eine Art unkontrollierte Gewalt aller gegen alle“. Ähnlich denkt die Pianistin Martina: „Ich habe wirklich Angst vor einem Aufkommen des Faschismus. Im Agios-Panteleimon-Viertel, gar nicht weit von Exarchia, attackieren rechtsextreme Gruppen jeden Abend Immigranten auf der Straße.“

Derzeit erlebt Athen fast jeden Tag wütende Proteste einzelner Gruppen. Aber die Forderungen von Lkw-Fahrern, Obst- und Gemüsebauern, jungen Ärzten, die nicht bezahlt werden, oder den Mitarbeitern eines Verlags, der gerade dichtgemacht hat, sind zu unterschiedlich, als dass eine gemeinsame Position aus ihnen erwachsen könnte.

Die Regierung wiederum verstärkt die Polizeipatrouillen um das Parlament und im gesamten Stadtzentrum, das manchmal einer belagerten Festung gleicht. Darin zeigt sich die Taktik der Regierung, meint die Studentin Sophia, eine der Jugendlichen von der Odos Mesolongiou: „Papandreou weiß, dass die Menschen den Sparplan nicht ertragen können. Er will ihnen Angst machen und jede Lust auf Demonstrationen nehmen.“

Fußnoten: 1 Der Todesschütze wurde am 11. Oktober 2010 in erster Instanz zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. 2 Das Ministerium, dem die Polizei untersteht, hieß früher Ministerium für Öffentliche Ordnung. Von der Regierung Papandreou wurde es nach dem Pasok-Wahlsieg vom Oktober 2009 umbenannt, um das Volk mit seiner Polizei zu versöhnen. Bald darauf wurde dann aber die mobile Spezialeinheit „Dias“ gegründet: jeweils zwei Polizisten, die auf einem Motorrad durch die Innenstadt patrouillieren. 3 Eine französische Reporterin porträtierte ihn damals als „Abbild“ aller jungen griechischen Demonstranten, siehe Le Monde, 18. Dezember 2008. 4 Im ersten Wahlgang der Kommunalwahlen im November 2010 gewann die Liste Antarsya (zugleich das griechische Wort für „Rebellion“) immerhin 1,8 Prozent der abgegebenen Stimmen. 5 Niels Kadritzke, „Griechenland – auf Gedeih und Verderb“, Le Monde diplomatique, Januar 2010. 6 Gemeint sind die Familie Karamanlis, die auf der Rechten dominierte, und die Familie Papandreou, die über drei Generationen die Führung des Mitte-links-Lagers stellte: Der heutige Regierungschef Giorgos Papandreou ist Sohn des Pasok-Gründers Andreas und Enkel des früheren Ministerpräsidenten Georgios. 7 Pasok bedeutet: „Panellinio Sosialistiko Kinima“ (Sozialistische Bewegung für ganz Griechenland). ND ist die Abkürzung für „Nea Dimokratia“ (Neue Demokratie). 8 Die parea ist der feste Freundeskreis, in dem die meisten Griechen mehr Zeit verbringen als in der Familie. 9 Das früher gutbürgerliche Kypseli hat von allen Athener Stadtvierteln den zweithöchsten Anteil an (legalen und „illegalen“) Ausländern und gilt heute als eines der am dichtesten besiedelten Quartiere weltweit. 10 Das ist das „kleine Couvert“ mit Geldscheinen, das man dem Arzt zusteckt, wenn man ordentlich behandelt werden will. 11 Bei den Kommunalwahlen vom November 2010 kandidierten neben der Syriza zwei Listen von ehemaligen Mitgliedern der Linkspartei Synaspismos. Zusammen kamen die drei Gruppen auf knapp über 5 Prozent. 12 Das liegt allerdings an der geringen Wahlbeteiligung. Siehe dazu Niels Kadritzke, „Griechenland nach den Kommunalwahlen (I)“: www.nachdenkseiten.de/. 13 Das zeigt zum Beispiel das stark besuchte Solidaritätskonzert vom 26. September für den verhafteten Anarchisten Simon Seisidis (der einen Polizeibus mit Molotowcocktails angegriffen hatte).

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Pierre Daum ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 10.12.2010,