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Großmachtträume in Delhi

Indien verspricht sich viel von seiner neuen Freundschaft mit den USA von Martine Bulard

Amit Raynah, Student an der renommierten Jawaharlal Nehru University (JNU) in Neu-Delhi wiegt den Kopf in der unnachahmlichen Weise der Inder: „Ein Elefant kann sehr schnell laufen.“ Keiner seiner umstehenden Kommilitonen mag der mit aller Entschiedenheit vorgebrachten Behauptung widersprechen. Alle sind sich sicher, dass Indien, das Land mit der immerhin zweitgrößten Bevölkerung der Erde, seinen Rang in der Welt über kurz oder lang zurückerobern wird. Und dabei auch den chinesischen Drachen überholt? Da sind sich die jungen Leute nicht einig. Doch den Traum von der Macht haben alle.

In der Tat gab es eine Zeit, als die indische Zivilisation nach ganz Asien ausstrahlte. Eine Zeit, als Indien mit China (fast) auf gleichem Fuße ein gutes Fünftel des Welteinkommens erwirtschaftete und damit auf Platz eins der Weltrangliste stand.1 Das war um 1700. Ein gutes Jahrhundert später, um 1820, war Indiens Anteil, so Berechnungen der OECD, auf 15,7 Prozent gefallen, die Hälfte dessen, was der mächtige Nachbar im Norden verbuchte. Weitere anderthalb Jahrhunderte später, um 1980, waren Indien und China mit 3,4 beziehungsweise 5 Prozent des Welteinkommens nur noch von marginaler Bedeutung. Seither liefert China den Beweis, dass ein Wiederaufstieg möglich ist. Und Indien will den Rückstand nach langjährigem Zögern nun schnellstmöglich aufholen.

Um dieses Ziel zu erreichen, beschloss Indien, mehr aus Pragmatismus denn aus ideologischen Gründen, engere politische und wirtschaftliche Beziehungen zu den USA zu knüpfen.2 Navtej Singh, der Sprecher des indischen Außenministeriums, bestätigt in seinem Büro in Neu-Delhi in sorgsam abwägenden Worten: „Die Vereinigten Staaten sind die herrschende Supermacht. Es ist logisch, dass wir gute Beziehungen zu ihr suchen müssen.“ In seinen Augen geht es um eine Art Normalisierung, nachdem die indische Diplomatie jahrzehntelang im Schatten der UdSSR agiert und sich von den Grundsätzen der Blockfreiheit hatte leiten lassen. Washington war diese Staatengruppe stets ein Dorn im Auge. Jedenfalls hat der Warenaustausch mit den USA deutlich zugenommen, der 2005/2006 knapp 11 Prozent des gesamten Außenhandels betrug, während Indiens Handelsvolumen mit dem lange Zeit wichtigsten Partner Russland ein Prozent nicht übersteigt.

Indien hat Größeres im Sinn. Mit Faszination beobachten Indiens Wirtschaftsführer den exportgetriebenen Aufstieg3 seines feindlichen Bruders. Sie machen keinen Hehl aus ihrer Absicht, die neu erworbene Freundschaft mit den Vereinigten Staaten in klingende Münze umzusetzen und mehr Auslandskapital ins Land zu holen. Denn während China voriges Jahr 72,4 Milliarden US-Dollar an Auslandsdirektinvestitionen erhielt, musste sich Indien mit ganzen 6,6 Milliarden Dollar zufrieden geben. Die Schätzung ist, da nicht alle Kapitalbewegungen erfasst werden, ohne Frage zu tief angesetzt. Auch weist Neu-Delhi zu Recht darauf hin, dass 40 Prozent der gesamten Auslandsdirektinvestitionen in den IT-Sektor von Entwicklungsländern nach Indien fließen, nach China hingegen nur 11 Prozent. Die schiere Größendifferenz lässt sich dadurch freilich nicht wegdiskutieren.

Die Regierung unter Manmohan Singh geizt daher nicht mit dem Angebot von Vorzugsbehandlungen aller Art und bietet nach chinesischem Vorbild Sonderwirtschaftszonen mit fast vollständiger Steuerbefreiung, die Aufhebung administrativer Schutzvorschriften, Zollsenkungen und dergleichen mehr an. Die Anstrengungen bleiben nicht umsonst: Es flossen Investitionen in die Sektoren IT-Dienstleistungen und Automobilbau. Im November 2006 gab etwa Renault den Bau einer Montagefabrik bekannt.

Die USA leisten Hilfe im Nuklearsektor

Dann kündigten sich die großen Einzelhandelsketten (Wal-Mart aus den USA, Tesco aus Großbritannien, Carrefour aus Frankreich) an. Dass Einkaufszentren nach hiesigem Vorbild den Kleinhandel vor Ort kaputt machen und das Landschaftsbild mit dem bekannten Einerlei westlicher Urbanisierung verschandeln werden, sollte dabei nicht stören, schließlich befindet sich hier die „Modernisierung“ auf dem Vormarsch. An der Spitze der Investoren lagen die Vereinigten Staaten, gefolgt von der Steueroase Mauritius, von Großbritannien, Japan und Südkorea.

Doch mehr noch als wirtschaftliche Ambitionen motivieren politische Überlegungen die indische Regierung: Indien will als asiatische und weltweite Supermacht anerkannt sein. Daher rührt die Bedeutung, die dem Atomabkommen mit den Vereinigten Staaten beigemessen wird. Nach seiner Ratifizierung durch den US-Kongress Ende 2006 – es fand trotz anfänglicher Kritik bei einer breiten Mehrheit von Demokraten wie Republikanern Zustimmung – trat es Anfang dieses Jahres in Kraft, kurz vor dem Staatsbesuch von George W. Bush in Neu-Delhi im März. Damit endeten die Wirtschaftssanktionen, die nach den Nuklearversuchen 1998 gegen Indien verhängt worden waren. Obgleich das Land den Atomwaffensperrvertrag noch immer nicht unterzeichnet hat und internationale Inspektionen unter Berufung auf seine staatliche Unabhängigkeit in über einem Drittel der Atomanlagen weiterhin verweigert. (In den Verhandlungen mit Pakistan, Nordkorea und Iran fordern die Vereinigten Staaten und der Westen hingegen, dass Inspektionen in vollem Umfang stattfinden müssen.)

Künftig darf Indien also Technologie zur Erzeugung von Atomstrom einführen, um den sprunghaft ansteigenden Strombedarf zu befriedigen. Doch es geht Indien eigentlich um etwas anderes. Shashi Tharoor, einer der meistgefragten indischen Diplomaten, für die Kommunikation zuständiger UN-Untergeneralsekretär und glückloser Mitbewerber um die Nachfolge von Kofi Annan, erklärt: „Wichtiger als der Aspekt Energieversorgung ist, dass Indien mit diesem Abkommen als eigenständige Atommacht anerkannt ist. Die USA und die Nuklearmächte erkennen die Sonderrolle Indiens an.“ Denn dass „Indien kein Land wie jedes andere“ ist, stehe außer Frage. Diese Ansicht zieht sich wie ein roter Faden durch die neuere Geschichte.

Einzigartigkeit beanspruchte Indien nach der Unabhängigkeit 1947 als „moralische Macht“, deren Autorität im Verlauf der Entkolonisierung wuchs und in der Blockfreienpolitik Gestalt annahm. Einzigartigkeit beansprucht Indien heute als „militärische Macht“, die von den Amerikanern den Ritterschlag erhielt. Manche Inder kritisieren an diesem Kurswechsel, Neu-Delhi sei in die „Falle der Blockpolitik“ getappt. Dies trug ihnen eine recht heftige Reaktion seitens des indischen Premierministers Manmohan Singh ein, der besonders bei führenden indischen Politikern „einen Mangel an korrekter Einschätzung der in unseren internationalen Beziehungen anstehenden Veränderungen“4 beklagt.

Auch wenn das Nuklearabkommen mit den USA – was einige US-Senatoren im Übrigen bedauern5 – Indien die Möglichkeit einräumt, „eigene Programme zur Produktion von spaltbarem Material zu entwickeln“, erwartet Washington durchaus Gegenleistungen. Im Februar werden die USA erstmals an der indischen Luftfahrt- und Verteidigungsschau teilnehmen und hoffen dort auf militärische Aufträge. Außerdem ließ die Bush-Administration bereits wissen, dass sie sich dem geplanten Bau einer Gaspipeline zusammen mit dem Iran widersetzen werde. Abgesehen davon, dass Indien auf diesem Wege einen nicht unerheblichen Teil seines Energiebedarfs decken könnte, hätte das Projekt auch diplomatisch weit reichende Konsequenzen. Da die Leitung über pakistanisches Staatsgebiet führen soll, müsste Indien sich mit seinem Hauptfeind Pakistan ins Benehmen setzen. „Das wäre ein starker Anreiz zur Schaffung stabiler Beziehungen zwischen Indien und Pakistan“, notiert der ehemalige Clinton-Mitarbeiter Edward Luce, heute Washington-Kolumnist bei der Financial Times.6 Einstweilen nimmt Singh die übermäßigen Preisvorstellungen Teherans zum Vorwand, um sich nicht eindeutig festlegen zu müssen.

Im Übrigen muss sich Indien irgendwie mit dem mächtigen Nachbarn China arrangieren. Fraglich ist, ob die beiden Giganten eine regionale Entente schmieden werden, um gemeinsam Einfluss auf die asiatische und weltweite Entwicklung zu nehmen, oder ob ein Kampf um die regionale Führungsrolle ins Haus steht. Letzteres ist zwar wahrscheinlicher, aber noch sind die Würfel nicht gefallen. Denn neben Indien und China spielen auch die Vereinigten Staaten und Japan mit.

Die USA machten für Indien eine durchaus riskante Ausnahme von den Regeln des Atomwaffensperrvertrags, weil sie Indien als Gegengewicht zu China brauchen. Der wirtschaftliche, militärische, aber auch diplomatische Bedeutungsgewinn der Volksrepublik bedroht die US-Hegemonie in der Region. Andere traditionelle Pfeiler der Ostasienpolitik Washingtons zeigen in jüngster Zeit Anzeichen von Schwäche – so Südkorea, das den Drohungen der USA an die Adresse Nordkoreas nicht folgen will.

Im Moment verfolgt man in Indien aufmerksam die Politik der Bush-Administration. Und ist voller Misstrauen gegenüber dem mächtigen Nachbarn im Norden. Dabei bewies der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao bei seinem Staatsbesuch in Neu-Delhi im April 2005 durchaus historisches Feingefühl, als er erklärte: „Während der vergangenen 2 200 Jahre – oder sagen wir: während 99,9 Prozent dieser Zeit – haben wir zwischen unseren beiden Ländern gute Beziehungen aufgebaut und freundschaftlich zusammengearbeitet.“7 Die fehlenden 0,1 Prozent in der chinesischen Rechnung beziehen sich auf den Grenzkrieg von 1962,8 der in Indien noch in lebhafter Erinnerung ist. Die unerwartete Niederlage läutete damals das Ende der Ära Nehru ein.

Wie in den historischen Anfängen der indisch-chinesischen Beziehungen – die dem Ökonomen Amartya Sen zufolge „mit dem Handel, nicht mit dem Buddhismus“9 begannen – knüpften die beiden Länder abermals Handelsbeziehungen. Von 3 Milliarden US-Dollar zur Jahrtausendwende wuchs der beiderseitige Handel bis Ende 2006 auf rund 22 Milliarden Dollar im Jahr. Da China mehr aus- als einführt und seinen technologischen Rückstand schnellstmöglich aufholen will, befürwortet Peking ein Freihandelsabkommen, das jedoch immer wieder verschoben wurde. Indien befürchtet eine Warenschwemme aus China, dessen Bruttoinlandsprodukt das indische um das Zweieinhalbfache übersteigt. Vor allem sucht Indien seine überalterte, vergleichsweise schwache Industrie zu konsolidieren. Es ist deutlich geworden, dass die Spezialisierung auf Callcenter, Dienstleistungen für angloamerikanische Unternehmen in aller Welt und IT-Technologie keine hinreichende Grundlage für eine sichere Zukunft bietet. Trotz dieser Vorbehalte unterzeichnete die Regierung in Neu-Delhi im November 2006 während des Staatsbesuchs des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao dreizehn Kooperationsabkommen, unter anderem in den Bereichen Finanzen, Landwirtschaft, IT-Technologie und Energie.

Grenzfragen behindern Annäherung an China

Die Annäherung könnte sich auf den Energiesektor ausweiten. Im Konkurrenzkampf um Lieferanten von Öl, Gas und Kohle hat Peking insbesondere in Afrika bisher einen Vorsprung. Gleichwohl einigten sich die China National Petroleum Corporation (CNPC) und Indiens Oil and Natural Gas Corporation (ONGC) Ende 2005 auf gemeinsame Investitionen in die Förderung syrischer Erdölreserven. Noch im selben Jahr wollten beide Länder eine Art Käuferkartell bilden, um Druck auf die Preise auszuüben. Der Versuch scheiterte. Immerhin hieß es in der gemeinsamen Presseerklärung beim letzten Staatsbesuch von Minister Hu, man müsse „die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen beider Länder fördern, auch bei der gemeinsamen Erkundung und Nutzbarmachung der Energieressourcen in einem Drittland“10 . Wie wichtig diese Erklärung war, zeigt der laute Protest der Vereinigten Staaten bei der indischen Regierung, als die indischen Investitionen in Syrien bekannt wurden.

In derselben Erklärung sprachen sich Indien und China dafür aus, die beiderseitige „Zusammenarbeit im Bereich der Atomenergie unter Einhaltung der jeweiligen internationalen Vertragsverpflichtungen voranzutreiben“. Wie dies im Einzelnen aussehen soll, ließ das Kommuniqué zwar offen – anders als das Abkommen, das Hu wenige Tage später mit Pakistan unterzeichnete. Immerhin aber war erstmals in einem von Indien und China unterzeichneten Dokument von Zusammenarbeit in Nuklearfragen die Rede.11 Im Grunde nahm Peking damit nur das indisch-amerikanische Abkommen zur Kenntnis und versuchte zu verhindern, dass sich Neu-Delhi als privilegierter Gesprächspartner Washingtons positioniert.

Trotz alledem sind in den indisch-chinesischen Beziehungen nur winzige Fortschritte zu verzeichnen. Nach wie vor ungelöst sind die Grenzstreitigkeiten (im Nordosten Indiens erhebt Peking Anspruch auf einen Teil von Arunachal Pradesh, im Nordwesten reklamiert Indien Aksai Chin). Die zur Regelung der Grenzfrage gegründete Kommission kommt nicht wirklich voran. Zwar hat China anerkannt, dass das ehemalige buddhistische Königreich Sikkim, das 1975 indischer Bundesstaat wurde, zur Indischen Union gehört. Und Indien akzeptiert seit 2003 – was strategisch weitaus bedeutender ist –, dass Tibet zu China gehört, obwohl der Dalai Lama und 100 000 bis 120 000 tibetische Flüchtlinge noch immer in Indien leben. Im Juli 2006 wurde der seit 1962 geschlossene Gebirgspass Nathu La wieder geöffnet, der den indischen Bundesstaat Sikkim mit dem Autonomen Gebiet Tibet verbindet. Er war Teil der südlichen Route der Seidenstraße. Von der Geschäftigkeit, die Anfang des 20. Jahrhundert hier herrschte, als drei Viertel des beiderseitigen Warenhandels diesen Weg nahmen, sind beide Länder zwar noch weit entfernt, doch man darf vermuten, dass die Soldaten nach und nach den Händlern weichen werden.

Das Misstrauen auf indischer Seite jedoch bleibt, ebenso die Angst davor, eingekesselt zu werden. China hat Pakistan in der Kaschmirfrage lange Zeit bedingungslos unterstützt. Die chinesische Finanzierung des Tiefwasserhafens in der pakistanischen Küstenstadt Gwadar in Belutschistan verstärkt solche Befürchtungen ebenso wie der von China finanzierte Ausbau der birmesischen Häfen. Peking ließ dazu verlauten, China wolle sich dort lediglich einen Zugang zum Meer verschaffen, um den eigenen Import zu erleichtern. Neu-Delhi mag das nicht recht glauben und veranstaltet mit der US-Marine vermehrt gemeinsame Seemanöver, die teils bis an die chinesische Grenze, teils bis an die Meerenge von Malacca heranführen, die die Öltanker auf dem Weg nach China passieren müssen. Gemeinsame Militäroperationen werden darüber hinaus mit Japan durchgeführt, das an einer offensiveren Zielkonzeption für die eigenen Streitkräfte arbeitet.12

Indien will also seine Muskeln zeigen. Die von der Bush-Administration zugedachte Bollwerkfunktion gegen China wird von der überwiegenden Mehrheit der indischen Elite jedenfalls akzeptiert. Zurückhaltender äußern sich in dieser Hinsicht manche Geschäftsleute. „Was uns erwartet, ist nicht Indien gegen China, sondern China plus Indien“, meinte kürzlich Syamam Gupta, Direktor von Tata Sons, einem der führenden Industrieunternehmen Indiens.13 Auch führende Politiker teilen diese Vorbehalte, darunter der Staatsminister für Handel, Jairam Ramesh, Mitglied der regierenden Kongress-Partei, dessen Buch mit dem bezeichnenden Titel „Chindia“ für einigen Wirbel sorgte.

Natürlich schlägt niemand vor, die chinesisch-indischen Beziehungen in Frontstellung zu den Vereinigten Staaten zu entwickeln. Und niemand kann vergessen, dass die chinesische Führung auf sehr enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten setzt, von denen sie wirtschaftlich abhängt. Der chinesisch-indischen Absichtserklärung, man wolle „eine neue Architektur für eine engere Zusammenarbeit in Asien erkunden“, sollten jedoch baldmöglichst Taten folgen, denn die Militärausgaben in der Region sind in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen (China steht bei den Rüstungsausgaben weltweit auf Platz zwei, Japan auf Platz vier, Indien auf Platz acht). Zuzustimmen ist daher Siddharth Varadarajan, dem bekannten Kommentator der indischen Tageszeitung The Hindu: „Asien ist zu wichtig, um von einer Macht allein geführt zu werden; weder China noch Indien noch Japan können daran denken, die Region allein oder im Bündnis mit einer ausländischen Macht zu führen.“ Wie viele andere fortschrittliche Intellektuelle befürwortet Varadarajan eine aktivere Präsenz Indiens in den regionalen Organisationen.

Ein wichtiger Bezugspunkt der früheren indischen Diplomatie scheint verschwunden zu sein: Russland. Von gemeinsamen Erklärungen bekommt kaum einer etwas mit, die bilateralen Beziehungen sind wenig spektakulär. Der Anfang der Neunzigerjahre zusammengebrochene Handel befindet sich jedoch im Aufschwung, vor allem der Handel mit Militärgütern. Nach Auskunft der Forscherin Anuradha Chenoy, Professorin für internationale Studien an der Jawaharlan-Nehru-Universität, „ist Indien das einzige Land, das mit Russland ein militärtechnisches Kooperationsprogramm“ unterzeichnet hat. 2005 belief es sich auf ein Handelsvolumen von rund 6,5 Milliarden Dollar. Russland ist nach wie vor Indiens wichtigster Rüstungslieferant, gefolgt von Israel, zu dem die von hinduistischen Nationalisten geführte Vorgängerregierung enge diplomatische Beziehungen knüpfte.14

Ein zusätzlicher Anreiz für engere Zusammenarbeit ist die Suche nach Erdöl und Erdgas. Im Oktober 2004 erklärte der damalige Erdölminister Mani Shakar Aiyer: „In den ersten fünfzig Jahren nach Indiens Unabhängigkeit garantierte Russland unsere territoriale Integrität, in den zweiten fünfzig Jahren ist Russland in der Lage, unsere Energiesicherheit zu garantieren.“15 Das spiegelt gewiss nicht die offizielle Meinung wider, aber die indische ONCG ist an der Ausbeutung der Erdöllagerstätten Sachalin I und II beteiligt. Und Russland hat die Lieferung von 60 Tonnen Uran zugesagt. Sundeep Waleskar, Leiter des Zentrums für Strategische Forschungen in Bombay, kommentiert: „Moskau versucht erneut, ein maßgeblicher Pol in der Weltpolitik zu werden.“ Energie ist dabei eine von Russlands Stärken. „Unter Putin hat sich die Militärsupermacht zur Erdölsupermacht entwickelt, denn Putin hat den Auftrag, Russland als eine wenn nicht Furcht einflößende, so doch Respekt gebietende Macht zu positionieren“, versichert Yu Bin vom International Relations Center.16

Zeichnet sich hier anstelle des „Dreiecks China–Indien–Amerika“, das von seinen Gegnern „CIA-Dreieck“ genannt wird, ein Dreieck „Indien–China–Russland“ ab? So weit ist es wohl noch nicht. Immerhin aber hat Neu-Delhi beschlossen, neben Pakistan und Iran als Beobachter an den Treffen der Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) teilzunehmen, der außer China und Russland die zentralasiatischen Republiken Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan und Usbekistan angehören.

Im Moment scheint Indien kaum in der Lage zu sein, spektakuläre strategische Initiativen zu starten. Sunil Khilnani, Exdiplomat und Schriftsteller, nennt die Gründe: „Wir lassen uns von der Idee verführen, dass wir schon bald zu den ständigen Gästen des ewigen Festes der Großmächte gehören werden, dass wir alten Staub abschütteln und neue Festtagskleider anlegen müssen.“17

Gegenwärtig bemüht sich Indien um die Lösung der Grenzfragen. Mit gleichberechtigten Beziehungen zu den kleineren Nachbarn hat es das Land zwar nicht sonderlich eilig, immerhin aber wirkte Neu-Delhi an der Gründung der Südasiatischen Vereinigung für regionale Zusammenarbeit (Acras) mit, der neben Indien auch Bangladesch, Bhutan, die Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka angehören. Wirtschaftlich blieb die Zusammenarbeit bislang praktisch bedeutungslos (die Mitgliedsländer wickeln weniger als 10 Prozent ihres Handels untereinander ab).

Und die angespannten Beziehungen zwischen Indien und Pakistan sind natürlich auch ein Hemmschuh – zumal sich die 2004 begonnenen Kaschmir-Gespräche in die Länge ziehen. Seit die Demarkationslinie zwischen dem nördlichen, von Pakistan kontrollierten „freien Kaschmir“ und dem südlichen, indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir an fünf Stellen geöffnet wurde, ist der Warenhandel wieder leicht angestiegen. Und die Gespräche, die nach dem Attentat in Bombay im Juli 2006 unterbrochen worden waren, weil Indien den pakistanischen Geheimdienst dafür verantwortlich gemacht hatte, wurden Ende Oktober wieder aufgenommen. Am 5. Dezember des vergangenen Jahres verkündete der pakistanische Präsident Pervez Musharraf sogar erstmals, den pakistanischen Anspruch auf ganz Kaschmir aufzugeben, falls Indien mitziehen würde. Der Vorschlag wurde von indischer Seite „mit Interesse“ aufgenommen. Das Kaschmir-Thema bleibt jedoch ein sensibles.

Die Beziehungen zu den anderen unmittelbaren Nachbarn sind zwar nicht so konfliktbeladen, aber auch nicht normal. Mit Nepal klappt es vielleicht, nachdem die Regierung und die maoistischen Rebellen Anfang November 2006 ein Abkommen unterzeichnet haben. Die ungewisse Lage in Bangladesch und das Chaos auf Sri Lanka strahlt auch auf Indien aus. Schätzungen zufolge leben in Indien rund 20 000 Flüchtlinge aus Bangladesch, während in den Flüchtlingslagern im Bundesstaat Tamil Nadu ungefähr 10 000 Tamilen aus Sri Lanka hausen.

Das Elend spielt den Maoisten in Westbengalen und Orissa in die Hände, und im Bundesstaat Bihar, wo Unabhängigkeitsforderungen an Bedeutung gewinnen, die laut Premierminister Singh Indiens größtes Sicherheitsproblem darstellen. Gewiss, die Grenzen sind durchlässig, doch vergisst der Premierminister die sozialen Ursachen des Protests, namentlich die verheerenden Auswirkungen der „Modernisierung“ auf dem Land. 2005 haben sich über 10 000 Bauern umgebracht, meist durch Einnahme von Pestiziden, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Indien exportiert Getreide, doch die Hälfte der Kinder leidet an Unterernährung. Vier von zehn Indern können weder lesen noch schreiben (in China nur jeder Zehnte). Der Index für menschliche Entwicklung platziert Indien auf Rang 126 (vier Plätze vor Birma, China liegt auf Platz 81).

Zwar hat die Regierung einige Gegenmaßnahmen ergriffen, diese scheiterten jedoch an der massiven Korruption. Weder die Regierung noch die Eliten scheinen über die soziale Kluft beunruhigt, die die Mehrheit der 1,1 Milliarden Inder von den 60 oder 70 Millionen Landsleuten trennt, die annähernd westlichen Lebensstandard genießen. Shashi Tharoor gehört zu den wenigen, die es aussprechen: „Wir müssen uns um das andere Indien kümmern. (…) Wir müssen in die ‚Hardware‘ investieren (Straßen, Häfen und Flughäfen befinden sich in der Tat in einem beklagenswerten Zustand), aber auch in die ‚Software‘, das heißt in die Menschen, und ihnen geben, was sie brauchen. Das ist eine Frage der Zivilisation.“ Einstweilen bleibt die gesellschaftliche Ausgrenzung die Achillesferse Indiens. Die „größte Demokratie der Welt“ ist ein Land, in dem die Bürger, wie Edward Luce schreibt, „noch nicht alle gleich sind vor dem Gesetz. Unter diesem Gesichtspunkt ist Indien noch nicht demokratisch genug.“18

Fußnoten:

1 Angus Maddison, „L’Economie chinoise, une perspective historique“, Etudes de l’OCDE, Paris 1998. 2 Christophe Jaffrelot, „Begehrter Partner Indien“, Le Monde diplomatique, September 2006. 3 Indien bestreitet ein Prozent des Welthandels, China hingegen sechs Prozent. 4 Rede vor dem Indian Council for Research and International Economic Relations am 6. November 2006. 5 Dafna Linzer, „India nuclear report never done“, The Wall Street Journal, 16. November 2006. 6 Edward Luce, „Inspite of the Gods: The Strange Rise of Modern India“, Doubleday 2007. 7 Zitiert nach Jairam Ramesh, „Making sense of Chindia“, Neu-Delhi (India Research Press) 2005. 8 Im Oktober und November 1962 griff China im Himalaja vor dem Hintergrund der Spannungen um Tibet Indien an. Der Krieg, der 2 000 Menschenleben forderte, endete mit einem einseitigen, von China ausgerufenen Waffenstillstand. 9 Amartya Sen, „Von China nach Indien und zurück“, Le Monde diplomatique, Mai 2005. 10 Joint Declaration by the Republic of India and the People’s Republic of China, 21. November 2006, pmindia.nic.in. 11 Dazu Siddharth Varadarajan, „New Delhi, Beijing talk nuclear for the first time“, The Hindu, Neu-Delhi, 22. November 2006. 12 Dazu Guyonnet, „Japans Abschied vom Pazifismus“, Le Monde diplomatique, April 2006. 13 Associated Press, 22. November 2006. 14 Zum einen brauchte Indien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen neuen Waffenlieferanten, zum anderen richtete sich die Annäherung an Israel ideologisch gegen den Islam. Dazu Nicolas Blarel, „Inde et Israël: Le rapprochement stratégique“, Paris (L’Harmattan) 2006. 15 Zitiert nach Anuradha M. Chenoy, „India and Russia: allies in the international political system“, India’s Foreign Policy, erscheint 2007. 16 Yu Bin, „Central Asia between Competition and Cooperation“, Foreign Policy In Focus, Washington, 4. Dezember 2006, www.fpif.org/fpiftxt/3754. 17 „The Mirror Asking“, Outlook, Neu-Delhi, 21. August 2006. 18 Siehe Fußnote 6. Aus dem Französischen von Bodo Schulze

Le Monde diplomatique vom 12.01.2007,