Besatzer im eigenen Land

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Besatzer im eigenen Land

Propaganda und Wirklichkeit im befriedeten Norden von Sri Lanka von Cédric Gouverneur

Besatzer im eigenen Land
Krieg und Nachkrieg

Kilinochchi war über zwanzig Jahre lang die „Hauptstadt“ der Befreiungstiger „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE). Im Januar 2009 wurde es von der Armee Sri Lankas zurückerobert. Die Unabhängigkeitskämpfer hatten die Stadt zum Schaufenster des von ihnen beanspruchten Staats gemacht: mit „Ministerien“, an deren Fassade ein brüllender Tiger prangte, und einer Polizei, die sich Verkehrssünder vorknöpfte. Aber dieser Anschein von Normalität konnte nicht verbergen, was den wenigen Besuchern auffallen musste: der Personenkult um den Chef der Tiger, Velupillai Prabhakaran, der bei den letzten Gefechten im Mai 2009 ums Leben kam, oder die große Anzahl von Kindersoldaten in den Reihen der „Befreier“.1

Heute ist Kilinochchi immer noch ein Schaufenster, aber für die Sieger des Bürgerkriegs. Mahinda Rajapakse, Präsident der Republik Sri Lanka, will die Stadt zum Vorzeigeprojekt für den gesamten Norden machen, der offiziell „vom Terrorismus befreit“ ist.

„Willkommen in Kilinochchi, Stadt des Friedens, der Hoffnung und Harmonie“, verkünden Poster auf Englisch. Zwar sieht man hier und da noch von Einschusslöchern übersäte Ruinen, aber insgesamt scheint Normalität zu herrschen. Die Fernstraße A9 wurde neu betoniert. Die nächste größere Stadt Vavuniya erreicht man heute mit der Bahn in dreißig Minuten, die Strecke war zwanzig Jahre lang unterbrochen. Die meisten Checkpoints wurden abgebaut, Minenfelder geräumt. Es gibt Geschäfte und sogar Hotels. Nur der in den letzten Kämpfen zerstörte Wasserturm ist noch eine Ruine, daneben ein mahnendes Plakat: „Nie wieder Zerstörungen!“

Ein Fallschirmjäger-Major ist abgestellt, um uns an ausgewählte Orte zu führen. Zuerst besichtigen wir das „Harmony Center“, ein dreistöckiges Gebäude mit einer Spielecke für Kinder und einem Springbrunnen. „Sie werden sehen, wie glücklich die Leute in Kilinochchi sind, auch wenn die Propaganda der tamilischen Diaspora das Gegenteil behauptet.“ Von diesen Exiltamilen gibt es immerhin etwa 750 000, die vor allem in Europa und Kanada leben.

Im Parterre des Harmony Centers ist Unterricht für junge Tamilinnen in Uniform. Die meisten waren bei den Befreiungstigern, erklärt der Major, jetzt habe die Regierungsarmee ihnen einen Job versprochen. Dann stellt er uns einen Exoffizier der LTTE vor. Der 37-jährige Naxpadan war schon mit 17 dabei, zuletzt hat er 150 Kämpfer befehligt. Zweimal im Monat wurden die Offiziere zu Prabhakaran bestellt, um dessen Anweisungen entgegenzunehmen.

Naxpadan trägt eine Beinprothese. Seinen vollen Namen möchte er nicht nennen. Als er Anfang 2009 gefangen genommen wurde, hat er nicht wie vorgeschrieben die Zyankalikapsel zerbissen, die alle Kämpfer bei sich trugen. „Ich habe mich ergeben, ich hatte genug. Im Gefangenenlager hat mir die Armee eine Ausbildung zum Zimmermann angeboten. Heute verdiene ich gut, ich habe bessere Chancen als damals bei den Tigern. Meine Verwandten können das nicht verstehen. Aber ich habe drei Kinder zu ernähren.“

In den oberen Etagen sind Schalter, hinter denen Armeeangehörige in Zivil sitzen. Man erklärt uns, dass sie Genehmigungen zu erteilen haben, für eine Berufsausbildung, für Fischernetze, Milchkühe oder Kokospalmen. An einem Schalter finden Leute Rat, die in die Golfstaaten ausreisen wollen, wo bereits 2 Millionen Sri Lanker arbeiten. An einem anderen werden Fälle von „Verschwundenen“ bearbeitet, den Opfern außergerichtlicher Exekutionen. „Die Familien der Verschwundenen kommen lieber hierher als zur Polizei“, erklärt ein junger Leutnant in Zivil.

Das Harmony Center ist eine Einrichtung des Verteidigungsministeriums. Sie bietet, wie wir aus neutraler Quelle erfahren, den Angehörigen von Verschwundenen Geld, damit sie die Sache auf sich beruhen lassen. Die Fragen an die Antragsteller sind einschüchternd formuliert: „Wie können Sie beweisen, dass es nicht die LTTE waren, die ihr Kind getötet haben? Wie können Sie beweisen, dass Ihr Sohn oder Ihre Tochter von Soldaten entführt wurde? Können Sie die Soldaten identifizieren, die Ihr Kind entführt haben?“

Die Führung geht weiter. Der Major bringt uns zum Waisenhaus Senchcholai. In der Eingangshalle werden wir von rund hundert kleinen, brav aussehenden Mädchen in Empfang genommen. Der Direktor heißt Kumaran Pathmanathan, ein Mann in den Sechzigern. Bedenkt man seine Vergangenheit, sind sein Blick wie seine Stimme überraschend sanft. Er war ein bekannter Kämpfer, einer der meistgesuchten Männer der Welt. „KP“ hatte die LTTE 1976 mitbegründet und war danach dreißig Jahre lang für den Waffennachschub der Tiger verantwortlich. Womöglich war er auch in das Selbstmordattentat verwickelt, bei dem 1991 der damalige indische Premierminister Rajiv Gandhi 1991 ums Leben kam. KP wurde im August 2009 in Malaysia verhaftet und nach Sri Lanka ausgeliefert. Im Oktober 2012 kam er aus dem Gefängnis, seitdem leitet er das Waisenhaus für Kriegsopfer. Der Major begrüßt seinen früheren Feind durchaus höflich.

Früher standen KP die – freiwilligen oder erzwungenen – Beiträge der Diaspora2 , eine Frachterflotte und ein gut ausgebautes regionales Netzwerk zur Verfügung. Die heimliche Aufrüstung der LTTE betrieb er offensichtlich so erfolgreich, dass die Regierungstruppen im März 2007 völlig überrascht waren, als sie von Jagdflugzeugen mit Tigerflagge bombardiert wurden.

Guerilla mit eigener Luftwaffe

In der Tat waren die Tiger die erste Guerilla der Welt, die eine Luftwaffe hatte. Wie war das möglich? „Wir haben die Flugzeuge auseinandergebaut und in Containern transportiert“, erzählt KP, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Über den Tiger-Chef Prabhakaran erzählt er: „Privat konnte er ganz nett sein. Aber er ließ nur sein Wort gelten, und niemand wagte es, ihm zu widersprechen: Es war zu gefährlich.“ Wie erklärt sich die Niederlage der Tiger, die lange Zeit als unbesiegbar galten? „Prabhakaran hat nicht verstanden, dass die Welt nach 9/11 eine andere war. Die LTTE hätten darauf reagieren sollen. Man hätte verhandeln müssen.“

Trotz des Waffenstillstands vom Februar 2002, der Friedenshoffnungen weckte, beharrten die LTTE im falschen Gefühl ihrer militärischen Überlegenheit auf ihrer Maximalforderung nach einem eigenen Staat. Das war für Colombo unannehmbar, und so entschloss sich die Regierung zum Angriff. „Man muss nach vorn schauen“, sagt KP heute. „Wir haben mit den Waffen nichts erreicht. So viele Menschen haben dabei ihr Leben verloren. Das macht mich sehr traurig.“ Er habe Zuflucht im hinduistischen Glauben gefunden, bekennt der alte Guerillero.

Was sagt er zu den Stimmen aus der Diaspora, die ihm vorwerfen, sein Mäntelchen nach dem Wind zu hängen? „Die kennen doch die Lage hier gar nicht. Manche glauben sogar, dass Prabhakaran noch lebt! Sie müssen die Dinge akzeptieren, so wie sie sind.“ Die Botschaft lautet: Der Krieg ist verloren, man muss sich darauf einstellen. KP wagt es auch, die Sieger zu kritisieren: „Die Armee besetzt zu viele landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Tamilen fühlen sich unterdrückt. Dieses große Problem bringe ich immer wieder gegenüber Offizieren und Mitgliedern der Regierung zur Sprache.“

Der Oberbefehlshaber für die Region, Generalmajor Sudantha Ranasinghe, empfängt uns in seinem Hauptquartier. Im Treppenhaus zu seinem Büro hängen zwei Fresken: Auf dem ersten greift die singhalesische Kavallerie im Jahr 1803 die britischen Eroberer an. Das zweite zeigt, wie die Armee Sri Lankas die letzte Bastion der Tamil Tigers im Mai 2009 zerstört. Generalmajor Ranasinghe beklagt, dass die USA ihm ein Einreisevisum verweigern. Das gilt auch für andere Militärs, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden.3

Der General findet die Schuldzuweisungen nicht gerechtfertigt: „Sehen Sie doch, was die Armee für die Tamilen tut: Wir haben sie vom Terrorismus befreit. Viele arbeiten heute für uns, auch ehemalige Tiger! Ich bin stolz auf unser Programm zur Wiedereingliederung der Kindersoldaten. Und nach Guantánamo sollten die USA niemanden mehr belehren!“

Doch wie Ranasinghe selbst die Besetzung von Feldern durch die Armee rechtfertigt, ist auch nicht gerade geschickt: „Die Leute sagen, es sei ihr Land, aber sie können es nicht beweisen, denn die Terroristen haben das Kataster vernichtet. Wir werden kein Land zurückgeben oder Entschädigungen zahlen, wenn wir nicht wissen, wer der Eigentümer ist.“

Und wie viele Soldaten sind in der Region stationiert? „Drei Divisionen, also 6 000 Mann.“ Glaubt er, wir wissen nicht, dass in Sri Lanka eine Division normalerweise 7 000 bis 9 000 Mann stark ist? Fragt man ihn, wie lange die Truppen bleiben werden, weicht der Generalmajor aus: „Warum sollten wir abziehen? Das ist hier schließlich Sri Lanka. Und wir entlassen niemanden: Jeder Soldat trägt zur Entwicklung seines Landes bei.“

Überall im Norden baut das Militär seine Infrastruktur aus. Armeeangehörige betreiben Restaurants und Hotels, manche auch Bauernhöfe. Sie machen den Einheimischen direkte Konkurrenz, was den Unmut der Einheimischen nur noch weiter verstärkt.

Als wir nach Kilinochchi zurückkommen, treffen wir zwei ältere Tamilen, die bereit sind, mit uns zu sprechen. „Wir haben keine Angst, denn wir sind schon tot: Zu viele Familienmitglieder wurden getötet. Warum gibt es hier so viel Militär? Der Krieg ist doch vorbei. Sie wollen uns kontrollieren! Wir leben unter Besatzung. Wenn fünf oder sechs Leute beieinanderstehen, gehen Polizisten in Zivil dazwischen.“

Als wir von unserem Besuch im Harmony Center berichten, brechen beide in schallendes Gelächter aus: „Die reinste Propaganda! Die meisten hier sind gegen die Regierung.“ Und die Zahlen sprechen für sich: Bei den Regionalwahlen im September 2013 bekam das Parteienbündnis Tamil National Alliance (TNA), das für eine Autonomie eintritt, in Kilinochchi und Jaffna mehr als 80 Prozent der Stimmen.

Die beiden Männer verhehlen nicht, dass ihnen die Tiger lieber sind als die Armee: „Wir sagen nicht, dass alles perfekt war. Die Kindersoldaten, das war unmöglich. Aber wir fühlten uns freier unter den LTTE als heute unter der Armee. Sie waren unsere Regierung.“ Plötzlich sehen sich unsere Gesprächspartner unruhig um: Zwei junge Männer beobachten uns und tippen auf ihren Mobiltelefonen herum. Wir beenden die Unterredung.

Wir mieten ein Auto, um allein herumzufahren. Ohne neugierige Begleiter wollen wir mit Dorfbewohnern sprechen. Manche sind kriegsversehrt. Sie berichten, wie die Armee das Dorf am Ende von allen Seiten beschossen hat: „Wir haben alle Angehörigen verloren.“ Eine junge Frau bricht in Tränen aus, als sie erzählt, die Soldaten seien „sehr böse“ zu ihr gewesen. Ein Bauer berichtet, die Regierung habe jeder Familie 50 000 Rupien (290 Euro) versprochen, tatsächlich hätten sie nur 20 000 Rupien erhalten. „Die Unterstützung bekommen vor allem Leute, die kollaborieren wollen.“ Menschenrechts-NGOs bestätigen solche Aussagen.

Andere Dorfbewohner klagen, alle Straßen würden von und für Singhalesen gebaut: „Wir haben ja sowieso keine Autos. Die Straßen dienen nur dazu, noch mehr Soldaten herzubringen. Wir haben Angst vor ihnen, Leute verschwinden.“ Auch diese Dörfler empfinden die Armee als Besatzung, während sie den LTTE nachtrauern: „Es gab keine Korruption, keine Kriminalität. Ihre Gerichte urteilten gerecht. Die Befreiungstiger setzten die Preise fest: ein Kilo Reis kostete 35 Rupien. Heute sind es 80 bis 100 Rupien. Eine Frau konnte nachts gefahrlos auf die Straße gehen.“

Auf die Frage nach den Kindersoldaten lautet die Antwort: „Sie waren Freiwillige!“ Diese Menschen sind inzwischen so verbittert, dass sie ihr Leben unter der Knute der Tamil Tigers im Nachhinein idealisieren.

Als die Soldaten ihre Marmordenkmäler zum Ruhm der Armee errichteten, zerstörten sie dabei auch die Friedhöfe der Tiger. „Die einzigen Friedhöfe, die wir noch haben, sind diese Ruinen“, sagt ein Mann und zeigt auf einen von Kugeln durchsiebten Mauerrest. Im Dorf wundern sie sich darüber, warum ihre Stimmen für die TNA nichts geändert haben: „Die TNA-Abgeordneten sagen uns, dass sie keine Macht besitzen. Alles wird von der Regierung in Colombo entschieden. Bei den LTTE gab es keine Wahlen, aber das war uns nicht so wichtig, sie waren unsere Regierung.“

Alles, was wir in solchen Gesprächen jenseits der offiziellen Führung zu hören bekamen, war geprägt von Angst, Wut und Nostalgie. An der Küste beschwerten sich die Fischer über die neuen Konkurrenten: singhalesische Fischer aus dem Süden und sogar chinesischer Fabriktrawler. Im Osten der Insel, im tamilisch-singhalesischen Grenzgebiet, klagen Dorfbewohner über die massive Einwanderung singhalesischer Bauern, die sie als „Kolonisatoren“ betrachten. Überall fühlen sich die Leute enteignet: „Die Singhalesen können alles machen, wir dagegen nichts.“

Die große Stadt Jaffna im äußersten Norden der Insel war in den 1980er und 1990er Jahren stark umkämpft. Immer wieder sind die Befreiungstiger eingerückt, abgezogen und wieder eingerückt. Das historische Zentrum der tamilischen Kultur ist immer noch von Ruinen übersät. Doch die Zahl der Autos nimmt zu, und hier und da haben Hotels eröffnet: Nach den NGO-Mitarbeitern sind auch die ersten Touristen eingetroffen. Doch Polizisten und Soldaten sind weiterhin dominant, auch wenn die Straßensperren abgebaut wurden.

Wir besuchen den Generalsekretär der tamilischen Bundespartei Illankai Tamil Arasu Kachchi (ILAK), eine der führenden Gruppen innerhalb der TNA. Xivoi Kulanayaganvon ist sehr enttäuscht: „Die Tamilen haben uns ihr Vertrauen geschenkt, damit wir auf demokratische Weise für ihre Rechte kämpfen: Im Provinzrat hat die TNA 30 von 38 Sitzen, aber wir können nichts ausrichten. Die wenigen Rechte, die der 13. Verfassungszusatz dem Rat verleiht, nimmt einfach der vom Präsidenten ernannte Gouverneur in Anspruch. Die Leute sind wütend.“ Die TNA forderte vergeblich eine Entmilitarisierung der Nord- und Ostprovinzen.

Thomas Savundaranayagam, der katholische Bischof von Jaffna, empfängt uns in seinem Amtssitz. Bei unserem Besuch vor vier Jahren wartete er auf Nachrichten von einem seiner Pastoren und dessen Assistenten, die seit August 2006 verschwunden waren. Heute fordert er, der Staat müsse dem Provinzrat als „Stimme des Volks“ endlich wirkliche Rechte verleihen. Die Regierung habe nichts getan, um die Bewohner des Landes zu versöhnen: „Gleich nach Kriegsende hätte der Präsident alle um einen Tisch versammeln können. Diese Chance wurde verpasst. Stattdessen missachtet die Regierung die Wünsche des tamilischen Volks und reduziert den Bürgerkrieg auf eine humanitäre Antiterror-Operation.“

Früher oder später wird die Situation an einen kritische Punkt kommen. Schon Ende April erklärten zwei TNA-Abgeordnete öffentlich, sie „würden mit der tamilischen Bevölkerung kämpfen, wenn diese Diktatur kein Ende findet“. Ein paar Tage zuvor hatte die Armee in Jaffna drei Tamilen erschossen, die als „Terroristen“ bezeichnet wurden. Es war der schwerste Zwischenfall seit 2009.

Auch die Menschenrechtsorganisationen in der Hauptstadt Colombo beklagen das Fehlen eines Versöhnungsprozesses: „Die Regierung erklärt, dass allein die wirtschaftliche Entwicklung Versöhnung bewirken könne“, sagt Paikiasothy Saravanamuttu, der das Zentrum für Politische Alternativen (CPA) leitet. Aber der Frieden lasse sich nicht auf Beton gründen, wie der Erdrutschsieg der TNA bei den Kommunalwahlen zeige: „Der Krieg ist vorbei, der Konflikt aber nicht. Denn der hat seine Wurzeln darin, dass sich die singhalesische Mehrheit weigert, der tamilischen Minderheit auch nur die geringsten Selbstbestimmungsrechte einzuräumen.“

Tamilen und Singhalesen sprechen nicht über Politik

Der 2010 wiedergewählte Präsident Rajapakse setzt auf eine dritte Amtszeit ab 2015. Er ist immer noch beliebt, denn die meisten Singhalesen sind ihm für sein entschiedenes Auftreten gegen die „Terroristen“ dankbar. Für Rajapakses Anhänger sind die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tamilen identisch mit den früheren Terrorakten der LTTE: mit den Attentaten in Bussen, Zügen oder buddhistischen Tempeln, mit Massakern an singhalesischen und muslimischen Dorfbewohnern, mit dem Schicksal der Kriegsgefangenen, die bei lebendigem Leib verbrannt wurden, mit Morden an Abgeordneten oder an denjenigen Tamilen, die Prabhakaran zu kritisieren wagten.

Die Singhalesen begreifen nicht, warum man ihrer Armee Kriegsverbrechen zur Last legt. Die UNO schätzt, dass in den Kämpfen zwischen 1972 und 2009 mehr als 100 000 Menschen ums Leben gekommen sind und weitere „Zehntausende“ bei der letzten Offensive von 2009 (siehe nebenstehenden Beitrag).5

Ein Restaurantbesitzer an der Südküste erinnert sich: „Aus Angst vor Attentaten stiegen Eltern bei gemeinsamen Reisen immer in zwei verschiedene Busse, weil ihre Kinder nicht zu Vollwaisen werden sollten. 25 Jahre lang hat uns niemand geholfen, der Westen zeigte keinerlei Interesse für den Konflikt. Zu weit weg, zu kompliziert. Ihr wolltet ja sogar, dass wir mit diesen Terroristen verhandeln. Und heute, nachdem es uns gelungen ist, dieses Inferno zu beenden, wollt ihr uns damit immer noch weiter behelligen?“

Jehan Perera, Leiter des National Peace Council (NPC), erklärt die Popularität des Präsidenten folgendermaßen: „Für viele Singhalesen verteidigt Rajapakse die Souveränität des Landes gegen Bedrohungen von innen, also den tamilischen Separatismus, und von außen, also die Einmischung der internationalen Gemeinschaft. Es ist ein Teufelskreis: Er unterstützt den singhalesischen Nationalismus, aber diese Politik stößt die tamilische Minderheit ab und schürt ethnische Konflikte.“

Perera vermisst vor allem den Dialog: „Tamilen und Singhalesen begegnen sich zwar im Alltag, aber sie sprechen nicht über Politik. Besser gesagt, der Singhalese spricht von Politik, und sein tamilischer Freund hält den Mund, um ihn nicht zu verärgern oder gar der Sympathie mit den LTTE verdächtigt zu werden und Ärger zu bekommen.“

Eine tamilische Intellektuelle, die früher eine Todesdrohung der Tiger erhalten hatte, schildert eine bezeichnende Episode: „Nach dem Krieg sagte mir meine singhalesische Ärztin: ,Sie müssen so glücklich sein, dass wir Sie vom Terrorismus befreit haben.‘ Sie meinte es ehrlich, und ich wagte nicht, ihr zu sagen, dass sich die Sache wesentlich komplizierter verhält.“

Die Nationalismuskarte, auf die der Präsident setzt, hat unter anderem die Funktion, von Korruption und Vetternwirtschaft der Elite abzulenken. Basil und Gotabhaya, die beiden Brüder des Präsidenten, wurden zu Ministern für wirtschaftliche Entwicklung beziehungsweise Verteidigung und Stadtentwicklung ernannt. Jede ausländische Unterstützung, jedes Kooperationsprojekt muss im Staatshaushalt etatisiert werden und bedarf deshalb der Zustimmung dieser beiden Minister. Chinas massive Finanzhilfe mittels Krediten zu 6 oder 7 Prozent Zinsen pro Jahr ist vollkommen intransparent.

Rajapakse hat sich als autoritärer Herrscher erwiesen: „Er glaubt, dass mit seinem vom Volk verliehenen Mandat die Gewaltenteilung hinfällig ist“, sagt ein Beobachter. Als zum Beispiel sein früherer Generalstabschef General Sarath Fonseka den Fehler machte, in die Politik zu gehen, ließ er ihn kurzerhand ins Gefängnis stecken. Und bevor er auch die Präsidentin des obersten Gerichtshofs in die Wüste schickte, ließ Rajapakse die Verfassung ändern, damit er sich ein drittes Mal für das Präsidentenamt bewerben kann.

In der regierungstreuen Presse werden Kritiker als „Verräter“ oder „LTTE-Anhänger“ verleumdet. Rechtsradikale, vom Verteidigungsministerium gesteuerte Banden haben Kirchen, Moscheen und sogar eine Demonstration von Anwälten angegriffen. Journalisten verschwanden spurlos oder wurden ermordet. Im März 2012 drohte Minister Mervyn Silva einigen Menschenrechtsaktivisten, er werde ihnen „die Rippen brechen“.6 Im November letzten Jahres bekam die singhalesische Intellektuelle Nimalka Fernando Morddrohungen, nachdem sie in einer beliebten Radiosendung aufgetreten war.

„Die Regierung lässt sich nicht durch innere oder vom Ausland gelenkte Verschwörungen destabilisieren“, verkündete Rajapakse erst Anfang Mai. In seiner Jugend war der Präsident ein glühender Verteidiger der Menschenrechte. Das ist lange her.

Fußnoten: 1 Siehe Cedric Gouverneur, „Die Tamil Tigers sind die erfolgreichste Widerstandsbewegung der Welt“, in: Le Monde diplomatique, Februar 2004 . 2 Die Befreiungstiger verfügten über ein Jahresbudget von 200 bis 300 Millionen Dollar. 3 Siehe Eric Paul Meyer, „Sieg ist keine Lösung“, in: Le Monde diplomatique, März 2009. 4 „UN rights council approves inquiry into alleged abuses in Sri Lanka war“, UNO, 27. März 2014: www.un.org. 5 Charles Haviland, „Sri Lanka minister Mervyn Silva threatens journalists“, BBC, 23. März 2012.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Cédric Gouverneur ist Journalist.

Krieg und Nachkrieg

Als die Briten 1948 aus Ceylon abzogen, hinterließen sie einen unabhängigen, vereinigten Staat auf einer Insel, die jahrhundertelang in singhalesische und tamilische Königreiche aufgeteilt gewesen war. In diesem neuen Einheitsstaat musste die tamilische Minderheit alsbald dafür büßen, dass die Briten sie zur Stütze des kolonialen Systems gemacht hatten. Heute machen die hinduistisch oder christlich sozialisierten Tamilen 18 Prozent der Bevölkerung aus. Sie leben vor allem im Norden und Osten des Landes. Den größten Teil der Insel besiedeln die mehrheitlich buddhistischen Singhalesen (74 Prozent der Bevölkerung).

Seit der Unabhängigkeit dominieren zwei konträre Auffassungen den politischen Diskurs. Nach der ersten ist Sri Lanka „eine Insel und eine Nation“, basierend auf einem multiethnischen Einheitsstaat. Dies ist die Sichtweise der Singhalesen und der muslimischen Minderheit (7,5 Prozent), aber auch einiger Tamilen. Das aber ist nach der zweiten Auffassung, vertreten von der tamilischen Autonomiebewegung, bloße Augenwischerei: Die vom singhalesisch-buddhistischen Nationalismus dominierte Regierung in Colombo werde die Tamilen immer als Bürger zweiter Klasse behandeln.

Der tamilische Untergrundkampf begann vor fast 40 Jahren. Angefacht durch die anhaltende Repression und ermutigt durch diverse Unabhängigkeitsbewegungen (1971 erlangte Bangladesch seine Unabhängigkeit von Pakistan, im Nahen Osten kämpfte die PLO unter ihrem neuen Führer Jassir Arafat für einen eigenen palästinensischen Staat), gründeten die tamilischen Separatisten Mitte der 1970er Jahre eine bewaffnete Untergrundbewegung.

1975 tötete ein junger Aktivist namens Velupillai Prabhakaran den Bürgermeister von Jaffna. 1976 gab er seiner Truppe den Namen „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE). Als singhalesische Soldaten im Juli 1983 von den Tigern in einen Hinterhalt gelockt und getötet wurden, kam es zu antitamilischen Pogromen in Colombo, denen die Polizei tatenlos zusah. In der Folge kam es zum offenen Bruch: Tausende Tamilen flohen aus dem Land oder gingen in den Untergrund. Unterstützt von der Diaspora, konnten die Tiger im indischen Bundesstaat Tamil Nadu („Land der Tamilen“) unter wohlwollender Duldung der Behörden Rückzugsbasen einrichten.

Die LTTE sahen sich fortan als alleinige Repräsentanten der Tamilen. Rivalen aus den eigenen Reihen wurden rücksichtslos ausgeschaltet. Als 1987 im Süden von Sri Lanka die linksextreme Volksbefreiungsfront (Janata Vimukthi Peramuna, JVP) aktiv wurde, sah sich Präsident Ranasinghe Premadasa von zwei Guerillagruppen in die Zange genommen. Er bat Indien um Hilfe, das ein Expeditionskorps (Indian Peace Keeping Force, IPKF) gegen die LTTE in den Norden entsandte, während Premadasas Truppen gegen die Rebellen im Süden vorgingen. Der JVP-Aufstand wurde blutig niedergeschlagen, was 20 000 Todesopfer forderte. Im Norden jedoch mussten sich die Inder nach drei Jahren und schweren Verlusten wieder zurückziehen. Die Rache der Tamil Tigers ließ nicht lange auf sich warten. Bei Anschlägen kamen 1991 der indische Premierminister Rajiv Gandhi und 1993 Sri Lankas Präsident Premadasa ums Leben.

Am 24. Juli 2001 griff ein Selbstmordkommando der Befreiungstiger den Militärflughafen von Colombo an und zerstörte 25 Flugzeuge. Die meisten Experten hielten die Guerilla inzwischen für unbesiegbar. Als im Februar 2002 ein Waffenstillstand beschlossen wurde, verhandelten die LTTE aus einer Position der Stärke. Nachdem sie ihre Maximalforderung – ein eigener Staat oder gar nichts – erhoben hatte, gerieten die Verhandlungen ins Stocken und scheiterten ein Jahr später.

In dieser verfahrenen Situation, die zunehmend für Verbitterung sorgte, trat Mahinda Rajapakse von der Sri Lanka Freedom Party (SLFP) auf den Plan und erklärte, es sei möglich, die LTTE militärisch zu besiegen. Man müsse sich nur die nötige Ausrüstung beschaffen. Mit diesem Versprechen gewann Rajapakse im November 2005 die Präsidentschaftswahlen. Und es gelang ihm tatsächlich – dank der materiellen Unterstützung durch China, das damals auf der Suche nach einem regionalen Bündnispartner gegen Indien war.

Der Bürgerkrieg dauerte ein Vierteljahrhundert. In dieser Zeit sind mindestens 100 000 Menschen umgekommen. Allein bei den letzten Gefechten zwischen November 2008 und Mai 2009 wurden etwa 40 000 tamilische Zivilisten getötet, die zwischen die Fronten der LTTE und der Armee geraten waren. Am 27. März 2013 verabschiedete der UN-Menschenrechtsrat mit 23 zu 12 Stimmen eine von Großbritannien eingebrachte Resolution, die eine unabhängige internationale Untersuchung vorsieht. Die südafrikanische Menschenrechtskommissarin Navanethem Pillay wollte im Juni dieses Jahres eigentlich Experten in den Osten und Norden der Insel schicken. Doch Sri Lanka weigert sich, mit der UNO zu kooperieren, und denunziert die Mission, mit Rückendeckung aus Moskau und Peking, als „Einmischung“ und als „Komplott“. Ob die Kommission einreisen darf, wird das Parlament in Colombo entscheiden, in dem die Regierungspartei eine klare Mehrheit hat. Derweil drängt die Zeit: Laut Angaben der australischen NGO Public Interest Advocacy Center (PIAC) hat die Armee Sri Lankas bereits zahlreiche Beweismittel vernichtet. C. G.

Was wann geschah

1815 Die Insel Ceylon, vormals in zwei singhalesische und ein tamilisches Königreich aufgeteilt, gerät unter britische Herrschaft.

4. Februar 1948 Unabhängigkeitserklärung.

1956 Die singhalesische Mehrheit (74 Prozent der Bevölkerung) setzt ihre Sprache als Amtssprache und den Buddhismus als privilegierte Religion durch. Die Tamilen (18 Prozent) fordern politische Autonomie für den Norden und Osten, wo sie die Mehrheit stellen.

22. Mai 1972 Ceylon wird zur Demokratischen Sozialistischen Republik Sri Lanka erklärt.

1976 Gründung der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) unter der Führung von Velupillai Prabhakaran.

Juli 1983 Pogrome gegen Tamilen.

1987 bis 1990 Indien und Sri Lanka schließen ein Abkommen: Indische Truppen kämpfen gegen die LTTE im Norden (um Jaffna). Im Süden schlägt die Regierung einen Aufstand von Linksextremisten nieder.

1991 LTTE-Rebellen ermorden den indischen Premierminister Rajiv Gandhi.

1997 bis 2001 Die LTTE erkämpfen sich die Kontrolle über den Norden und große Teile des Ostens des Landes.

Februar 2002 Norwegen vermittelt einen Waffenstillstand. Ein Jahr später (April 2003) steigen die LTTE aus den Friedensverhandlungen wieder aus.

November 2005 Mahinda Rajapakse von der Sri Lanka Freedom Party (SLFP) gewinnt mit 50,3 Prozent der Stimmen die Präsidentschaftswahlen.

September 2007 Nach der Rückeroberung des Ostens startet die Armee eine Offensive im Norden.

2. Januar 2009 Die Armee erobert Kilinochchi, die frühere „Hauptstadt“ der LTTE.

20. Mai 2009 Nach dem gewaltsamen Tod des LTTE-Anführers Prabhakaran wird der Krieg für beendet erklärt. Die Zahl der zivilen Todesopfer der letzten Offensive wird auf 40 000 geschätzt. Etwa 300 000 Tamilen werden in vom Militär kontrollierten Lagern interniert.

26. Januar 2010 Rajapakse wird wiedergewählt, und seine SLFP gewinnt am 8. April 2010 die Parlamentswahlen. Die sri-lankische Versöhnungskommission (LLRC) nimmt ihre Arbeit auf.

Juli 2010 Konflikt mit der UNO nach der Nominierung eines Expertenteams zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen.

8. November 2012 Nadarajah Mathinthiran, genannt „Parithi“, führendes Mitglied des tamilischen Koordinationskomitees in Frankreich, wird in Paris ermordet.

27. März 2014 Der UN-Menschenrechtsrat verabschiedet eine Resolution, in der eine Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen beider Kriegsparteien zwischen 2002 und 2009 gefordert wird.

Le Monde diplomatique vom 10.07.2014, von Cédric Gouverneur