11.04.1997

Lob des Zweifels

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Lob des Zweifels

Welchen Ursprung hat das Christentum? Wie lassen sich historische Wirklichkeit und Legende auseinanderhalten? Mit dieser doppelten Fragestellung beschäftigte sich in der Osterwoche eine fünfteilige Fernsehserie bei Arte, die Ergebnisse einer außergewöhnlichen Untersuchung über die Schriften des Evangeliums vorstellte. Mit diesem Programm hat Arte zugleich den Mut zu einer anderen – und demokratischen – Fernsehkultur bewiesen.

Von JOHN BERGER *

HEUTE herrscht in Frankreich allenthalben eine Stimmung des Zweifels. Politiker der Rechten wie der Linken tun alles in ihren Kräften Stehende, um die Bürger zu beschwichtigen und deren Zweifel zu zerstreuen, gehen sie doch davon aus, daß Zweifel sich negativ auf das wirtschaftliche und soziale Klima des Landes auswirken. Was die Wirkungen betrifft, mögen die Politiker wohl recht haben, aber die Bürger zu beschwichtigen gelingt ihnen nicht, weil Lügen und Halbwahrheiten kaum beruhigend wirken, wenn sie als solche erkennbar sind. Zum Beispiel wird den Politikern niemand mehr glauben, daß sie eine Lösung für das Problem der Arbeitslosigkeit haben. In der Realität läßt daher jede ihrer Äußerungen die Zweifel nur noch weiter wachsen.

Der Front National und Le Pen hingegen beschwichtigen nicht, vielmehr greifen sie den Zweifel auf (womit sie sofort den Eindruck erwecken, näher an ihren Zuhörern zu sein) und besetzen die aus dem Zweifel entstehenden Ängste mit Namen – falsche, aber vertraute Namen, und natürlich die Namen der ältesten Sündenböcke überhaupt: Juden, Fremde, Außenseiter, Eindringlinge. Und dazu die älteste aller Kategorien: Landstreicher, die sie heute als Immigranten bezeichnen. Diese Landstreicher sind ex definitione minderwertige Individuen, die sich weigern, ihre Minderwertigkeit offen zuzugeben und das Land zu verlassen.

Die Rechtsextremisten haben genau verstanden, daß der passive Zweifel eine Stimmung ist, in der man früher oder später für Taten empfänglich wird, um das eigene Gefühl der Ohnmacht zu überwinden – zumal für aggressive Taten. Und weil die extreme Rechte solche Taten anbietet, werden ihre Lügen – im Unterschied zu denen anderer Parteien – von immer mehr Wählern letzten Endes vergessen.

Das ist die ausweglose Situation des Landes, wie sie sich im aktuellen Zustand seiner Parteien ausdrückt.

Um von diesem Punkt aus weiterzudenken, muß man sich darauf zurückbesinnen, daß der Zweifel nicht nur ein negatives Gefühl, sondern auch eine immense Kraftquelle sein kann. Mit ihm beginnt jedes Forschen und Erfinden, und – paradoxerweise – auch jeder Glauben, der sich nicht einer Institution verschrieben hat. Dies auszusprechen mag heute überraschend klingen, obwohl es sich im Grunde um einen Gemeinplatz handelt. Wenn dem so ist, liegt dies an der dominanten Kultur, der man uns seit einiger Zeit unterworfen hat.

Die unzähligen Botschaften, die uns tagtäglich über die Medien erreichen, lassen so gut wie keinen Raum mehr für ein Zweifeln, das dem Nachdenken oder einer Diskussion entspringen könnte. Statt dessen bietet diese Kultur nur Versprechungen, die nicht öffnen, sondern beschränken (alle Werbung ist in diesem Sinne beschränkend, abschließend), schnelle Fertigmeinungen (die Antworten weder verdienen noch je erhalten), eine virtuelle Phantasie (die den Zweifel abschafft, weil sie die Notwendigkeit abschafft) und (zumeist) schlechte Nachrichten.

Noch heimtückischer, weil weniger offensichtlich, ist die Tatsache, daß diese Kultur alles, was sie hervorbringt, einer ganz bestimmten Ästhetik unterwirft. Die Hauptinstrumente, derer sich diese Ästhetik bedient, sind einfach: Überraschungseffekte, Kürze, Unmittelbarkeit, hektischer Rhythmus, bunte Vielfalt. Es sind genau die Instrumente, mit denen auch die Werbung arbeitet – und zwar nicht mehr, um Produkte zu verkaufen, sondern um Konsumenten heranzuzüchten. Doch ein Konsument, der zweifelt, ist kein Konsument. Und dennoch hören die Menschen nicht auf zu zweifeln. Daher rührt die kulturelle Ausweglosigkeit.

In der aktuellen Debatte über die Schuld der übrigen Parteien am wachsenden Erfolg der Rechtsextremisten gilt es einen weiteren Punkt zu bedenken: Einen erheblichen Teil der Verantwortung haben auch die Medien. Unaufhörlich beschicken sie die Kanäle der Massenkommunikation mit Bildern (von der Welt, vom Leben und von Utopien), die nicht den geringsten Raum für produktive Zweifel lassen. Bei Millionen Menschen reduziert der Fanatismus der Werbung – ähnlich wie die Lügen der Politiker – die Fähigkeit des Zweifelns auf ein verdrossenes Schweigen, auf etwas, was man im stillen Kämmerlein mit sich allein abmacht, oder auch auf etwas, das man nur noch bewitzeln kann, wie eine unheilbare Schwäche.

Vor diesem Hintergrund möchte ich auf die von Gérard Mordillat und Jérôme Prieur produzierte Sendereihe „Corpus Christi“ eingehen, die in fünf Folgen von jeweils 50 Minuten in der Osterwoche von Arte ausgestrahlt wurde. Das übergreifende Thema dieser Reihe ist die Passionsgeschichte, wie sie im Johannes- Evangelium (Joh. 19, 16-22) erzählt wird:

„Da überantwortete er ihn, daß er gekreuzigt würde. Sie nahmen aber Jesum, und führten ihn hin. / Und er trug sein Kreuz, und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, welche heißt auf Ebräisch Golgatha. / Allda kreuzigten sie ihn, und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesum aber mitten inne. / Pilatus aber schrieb eine Überschrift, und setzte sie auf das Kreuz; und war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. / Diese Überschrift lasen viele Juden; denn die Stätte war nahe bei der Stadt, da Jesus gekreuziget ist. Und es war geschrieben auf ebräische, griechische und lateinische Sprache. / Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern, daß er gesagt habe: Ich bin der Juden König. / Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“

IN der knapp fünfstündigen Sendezeit nehmen rund 25 Wissenschaftler und Bibelexperten den Johannes-Text Wort für Wort und Satz für Satz unter die Lupe. Die Ästhetik der Bildeinstellung und -montage ist der heute üblichen diametral entgegengesetzt: Sie will für nichts Reklame machen. Statt dessen will sie Zweifel wecken, um zum Nachdenken anzuregen. Sie sucht nach einer Form, die den Raum für Fragen öffnet.

Welche politische Bedeutung hat zur Zeit Jesu die Formulierung „König der Juden“? Welches Kalkül könnte Pilatus verfolgt haben? Von wem wurde Jesus gerichtet, von den Römern, von den Hohepriestern oder von beiden? Fiel der Tag der Kreuzigung Jesu auf das jüdische Passahfest oder auf den Tag danach, wie alle Evangelisten außer Johannes berichten? Nur Johannes schreibt, daß die Hinrichtung an eben jenem Tag stattfand, da die Juden in Vorbereitung auf das Fest das Opferlamm schlachteten. Trug Jesus das Kreuz allein oder wurde ihm dabei geholfen? Wo genau lag Golgatha? Was bedeutete es, den Tod durch Kreuzigung zu erleiden? Wann wurde Jesus von Nazareth zu „Jesus Christus“ – wo doch „Christus“ die griechische Übersetzung des hebräischen „Messias“ (der Gesalbte) ist.

In der Filmreihe gibt es keine Reisebilder aus dem Heiligen Land (Lokalkolorit), keine Ausschnitte von Gemälden und keine Skulpturen (kulturelles Imponiergehabe), keine Chöre (ergreifendes Spektakel), keine hektischen Schnitte.

Ihr Ausgangspunkt ist die schlichte Annahme, daß diese sechs Verse des Johannes-Evangeliums bei jedem Zuhörer etwas ansprechen, was mit dem eigenen Leben zu tun hat, eben weil sie Geschichte sind, und weil wir – wir alle – in diese Geschichte hineingeboren sind, auch wenn wir sie uns noch so unterschiedlich interpretieren mögen.

Was wir in dieser Sendung zu sehen bekommen, sind Handschriften, Papyrusrollen und Menschen, die anhand dieses bedeutsamen Textes ihre Zweifel und Überzeugungen, aber auch einige Fragen diskutieren, die von dem Text aufgeworfen werden. Sonst nichts. Alle, die zu Wort kommen, werden in dem gleichen Raum und mit der gleichen Beleuchtung gezeigt (keinerlei „Vielfalt“), doch alle sagen etwas Unterschiedliches, und es sind genau die Unterschiede, auf die wir gespannt sind. Gott sei Dank hält uns keiner der Beteiligten belehrende Predigten, und keiner greift den Glauben als solchen an. Alle wollen ein wenig mehr darüber herausfinden, wie dieser Text entstanden ist, und alle gehen davon aus, daß man, um etwas herauszufinden, zunächst einmal zweifeln muß.

Das hat zur Folge, daß jedes einzelne der Programme eine Spannung erzeugt, die durchaus mit der eines Krimis aus der Columbo-Serie vergleichbar ist, weil sie nämlich einem menschlichen Bedürfnis entgegenkommt: dem Bedürfnis zu zweifeln, Fragen zu stellen, zuzuhören und sich dann für eine Antwort zu entscheiden. (Die berühmte „Freiheit der Wahl“, die der Markt angeblich bietet, läßt völlig außer acht, daß die universellste, begehrteste und wertvollste Wahl die Wahl der Antworten ist). Diese Filme sind so intelligent gemacht, daß sie dem Zuschauer ausreichend Zeit und Licht („Klarheit“) gewähren, um sich ein eigenes Bild zu machen, indem er der Reihe nach zweifelt, fragt, innehält, und am Ende eine Antwort findet.

Weil der Zuschauer in diese Filme hereingezogen wird, entsteht ein wirklicher Dialog, der oft in dem Sinne dialektisch ist, daß er auf etwas hinausläuft, was sich anfangs keiner der Beteiligten vorgestellt hat. Die 25 Bibelforscher, die uns im Lauf der Sendungen zu vertrauten Gefährten werden, erschließen uns das Ereignis der Kreuzigung von allen Seiten. Diese Kreuzigung bildet insofern ein Geheimnis, als die Texte im geologischen Sinne vielschichtig sind und zahllose Hinzufügungen, Tilgungen, Übersetzungen, Metaphern und spätere Interpretationen einschließen. Was nicht heißt, daß die Texte substanzlos wären. Ihre Substanz ist nichts Geringeres als der „Corpus Christi“, und was sie enthalten, ist nichts weniger als eine zweitausendjährige Geschichte.

Im Laufe ihrer minutiösen Untersuchungen fördern die Forscher, die sich durchweg direkt und einfach ausdrücken, aus den Texten auch Erkenntnisse von großer politischer Tragweite zutage. Präzise zeigen sie in den Evangelien den Ursprung des christlichen Antisemitismus auf, aber sie verweisen umgekehrt auch auf jene Kurzsichtigkeit der Juden gegenüber allen Territorien jenseits des eigenen, die den heutigen Staat Israel eine Besatzungspolitik ausüben läßt, die sicherlich noch barbarischer anmutet als die der Römer gegenüber den Juden, die sich im ersten Jahrhundert gegen sie erhoben haben.

Die Verse des Johannesevangeliums werden mehrfach vorgelesen, und zwar laut von den verschiedenen Autoren, und diese Wiederholungen sind ein weiteres Beispiel für die Originalität und das kluge Konzept dieses Filmprojektes, denn mit jedem neuen Vorlesen werden die Worte geheimnisvoller und bringen eine poetische Kraft zum Klingen, die sich bis heute unangetastet erhalten hat. Zu dieser poetischen Kraft will ich zum Schluß noch etwas sagen.

IM Anschluß an die fünf Filme erwischt sich der oder die Ungläubige möglicherweise beim Nachdenken darüber, auf welche Weise langlebige Legenden entstehen. Allem Anschein nach entstehen sie mittels einer vertikalen Akkumulation, bei der sich die historischen Epochen Schicht um Schicht übereinanderlegen. Etwas ganz Ähnliches vollzieht sich auf passive Weise bei der Entwicklung einer Sprache. Im Falle der Legenden scheint dieser Schichtungsprozeß jedoch einen eigenen Willen zu haben. Und darin besteht das Geheimnis.

Der Gläubige wird nach den fünf Programmen eher dazu neigen, über den Sinn der Worte des Johannes nachzudenken: „Und das Wort ward Fleisch, und wohnete unter uns“ (Joh. 1, 14). Und er wird erneut oder aber zum ersten Mal begreifen, daß der Eintritt des Gottessohnes in die Zeit zwangsläufig ein historischer Prozeß ohne Ende ist. Und darin besteht das Geheimnis.

Wir haben mit dem Zweifel begonnen und sind am Ende bei einem Geheimnis angelangt, das wir ein wenig klarer definieren können. Das ist keine Überraschung, denn ein solches Klarwerden ist eine der produktiven Leistungen des Zweifels, wenn er nicht unterdrückt und damit zu einer negativen und unfruchtbaren Haltung wird. Aber die Macht der Unterdrückung ist bis heute nicht gebrochen, weder in politischer noch in kultureller Hinsicht.

Arte wird sich hoffentlich seinen Mut bewahren. Und der Sender braucht Mut, weil er damit rechnen muß, wegen „Corpus Christi“ heftig kritisiert und attackiert zu werden; denn bekanntlich sind die Medien und ihre Propagandisten notorisch intolerant gegenüber allen Bemühungen um eine andere Ästhetik. Es wäre eine mutige Entscheidung, die gesamte, zwölf Teile umfassende Sendereihe auszustrahlen. Sollte Arte sein Projekt zu einem Ende bringen und nächstes Jahr die übrigen sieben Folgen ausstrahlen, wäre dies – und man versteht hoffentlich, daß ich das nicht in demagogischer Absicht sage – ein kleiner Beitrag zu einer demokratischen Kultur, die ständig bedroht und gefährdet ist.

dt. Christian Hansen

* Englischer Schriftsteller.

Fußnote: 1 Eine von Mille et Une Nuits und dem Arte-Buchverlag veröffentlichte Ausgabe in fünf Bänden stellt eine erweiterte Fassung der Sendereihe dar. Neben ergänzenden Beiträgen zum Thema schildern Gérard Mordillat und Jérôme Prieur, wie sie dazu kamen, ein lückenloses Panorama der geschichtlichen Wirklichkeit und Legende von „Jesus von Nazareth, König der Juden“ zu entwerfen.

Le Monde diplomatique vom 11.04.1997, von JOHN BERGER