16.05.1997

Der Bildschirm als Zeitfresser

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Der Bildschirm als Zeitfresser

Von HENRI MADELIN *

DAS Fernsehen betreibt die Enthüllung der Gegenwart, es schert sich nicht um das Gestern und zeigt nur wenig Interesse am Morgen. Es hat keine Zeit, die Bürger zu begleiten, wenn ihre Fragen und Entschlüsse heranreifen. Es ist von seinem Wesen her chronophag, es verschlingt die Zeit. Es beschleunigt das Verstreichen des Augenblicks; es bewegt sich pfeilschnell voran, ohne danach zu fragen, wer die Bogenschützen sind und was sie in ihren Köchern haben.

Auch ist es üblich geworden, daß das Fernsehen sich mit allem und jedem befaßt. Seine goldene Regel lautet: Schnelligkeit, das heißt: Vereinfachung. Um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erregen und vor dem kleinen Bildschirm festzuhalten, bietet es ein Spektakel der Widersprüche, eine Mixtur von Erhabenem und Anekdotischem, von Realismus und Träumerei, bietet es die Banalisierung und Einebnung der Welt und den freien Zutritt zu jenem Reich, wo die neue Religion der Moderne herrscht.

Sich gut informieren, ein Problem begreifen, einen komplexen Fall in all seinen Zusammenhängen erfassen und abwägen, was dabei auf dem Spiel steht – bei Zweifeln und Fragen sind Zeit und Geduld nötig. Eine Nachricht wird bekanntlich vom Radio angekündigt, vom Fernsehen mit Bildern versehen und von der Presse kommentiert. Daran ist nichts auszusetzen, außer daß mittlerweile das Fernsehen die Masseninformation beherrscht. Und daß die Fernsehpädagogik uns zumeist der Mühe enthebt, den Verstand anzustrengen, Motive und Gründe genau abzuwägen, und uns dem schmerzhaften Zögern zu stellen, das der eigenen Entscheidung vorangehen muß.1

Auf Geschriebenes kann man noch einmal zurückkommen. Genau dies ermöglicht die Presse ihren Lesern: Man kann einen Artikel aufheben, ihn wieder lesen, bei einem besonders dichten Absatz verweilen, die Substanz eines Textes bloßlegen, andere Deutungen dagegenhalten, ungewöhnlichen Wendungen nachgehen, ein Ereignis rekonstruieren.

Natürlich ist es möglich, auch eine Fernsehsendung auf Video aufzuzeichnen und einer ähnlichen Analyse zu unterziehen.2 Doch gewöhnlich zeigt das Fernsehen nur die kurz aufblitzende Oberfläche eines Ereignisses. Es vergleicht Momentaufnahmen, kommt nur ungern auf vergangene Geschehnisse zurück, und nimmt sich nicht die Zeit, die Möglichkeiten der Vergangenheit ins Gedächtnis zu rufen. Der Lauf der Ereignisse zwingt das Fernsehen, Schlag auf Schlag zu reagieren – in „Echtzeit“; die Bilder eines Tages türmen sich auf Friedhöfen, die niemand je besucht.

Dabei steht die Zeit, die die Menschen in den entwickelten Ländern vor dem Fernseher verbringen, in keinem Verhältnis zu der, die sie den anderen Medien widmen. Seit 1985 zeigen die Umfragen das gleiche Bild: Jeder Franzose über fünfzehn Jahre verbringt durchschnittlich fünfzehn Stunden pro Woche mit Fernsehen, zehneinhalb Stunden mit Radiohören und zweieinhalb Stunden mit einer Tageszeitung.3

Rechnet man mit durchschnittlich acht Stunden Schlaf pro Tag, so bleiben knapp einhundertzwölf Stunden wöchentlich für das „wache“ Leben. Mehr als 25 Prozent dieser Zeit wird von den Medien „besetzt“. Somit verbringt, wie die Zahlen belegen, ein Franzose acht Jahre seines Lebens vor dem Fernseher (bei einem US-Amerikaner sind es achtzehn Jahre).

Wer sich derart häufig in den kleinen Bildschirm versenkt, der taucht ein in die chaotischen Welten des Planeten, in die Verworrenheit verschiedenster, miteinander unvereinbarer Schauspiele. So zumindest nimmt es der Essayist Christian Bobin wahr: „Du sitzt da, in deinem Sessel oder vor deinem Teller, und man schmeißt dir eine Leiche hin, gefolgt vom Tor eines Fußballspielers, und man läßt euch alle drei allein, die Nacktheit des Toten, das Lachen des Spielers und dein eigenes Leben, man läßt jeden von euch an einem anderen Ende der Welt, getrennt eben dadurch, daß man euch so brutal in Verbindung gesetzt hat – ein Toter, dessen Sterben kein Ende nimmt, ein Spieler, der unermüdlich die Arme hochreißt, und du, der du ständig den Sinn all dessen suchst – man ist längst bei einem anderen Thema, dem Tief über der Bretagne, der Flaute über Korsika... Eine Welt ohne Bilder ist inzwischen undenkbar.“4

Um den Zuschauer vorübergehend zu verführen, veranstalten manche Sendungen regelrechte Treibjagden auf das Privatleben, überhöhen es und verwandeln es in eine Jahrmarktsattraktion: Reality-Shows, die Suche nach Zeugen im Halbdunkel vergangener Prozesse, die Aufwertung von zum Vorbild erhobenen Schicksalen... Bei Bedarf verschiebt man die Grenze zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum, um Teile des persönlichen Lebens auf der Bildfläche darzustellen. So werden Intimitäten vorgeführt, ohne die Distanz, die notwendig zur Privatsphäre und zur Zurückhaltung gehört. Der Respekt vor anderen und die zum Schamgefühl gehörige Zurückhaltung scheinen in Scherben zu zerspringen.

Plünderung des Privatlebens

DABEI wendet sich das Publikum zunehmend von den bedrückenden Reality-Shows ab.5 Um die Aufmerksamkeit der abgestumpften Fernsehzuschauer neu zu erregen, haben die spanischen Sender Antena 3 und Tele Cinco beschlossen, die schlimmsten Verirrungen einer bestimmten Sorte amerikanischen Fernsehens nachzuahmen.6 Sie haben einen regelrechten Wettbewerb „hausgemachter“ Gewaltakte ins Leben gerufen. Die Sender wenden sich an alle Camcorder-Fans mit der Aufforderung, die Studios mit Live-Aufnahmen aus den entfremdeten Leben zu versorgen: ein spektakulärer Diebstahl, ein hautnah erlebter Angriff. Auf diese Weise bekam man einen Fuchs zu sehen, der von überreizten Hunden in Stücke gerissen wird, einen Autodiebstahl (als Dreingabe), einen Mann, den ein Rennwagen in voller Geschwindigkeit zerfetzt, eine Schwimmerin, deren Schenkel ein Hai verschlingt.7

So plündert eine bestimmte Sorte Fernsehen das Privatleben und verschlingt Zeit, die persönliches Eigentum bleiben sollte. Sie weckt ungesunde Instinkte, verschiebt die Grenzen der tolerierten Gewalt und zwingt den willigen Zuschauern ihr eigenes Tempo auf. Es ist allemal gefährlich, wenn eine Gesellschaft durch einen verdächtigen Voyeurismus geformt wird.8

Glücklicherweise zeigen jüngste Umfragen, daß die Beziehungen zwischen Medien und Publikum durchaus nicht mehr so ungetrübt sind wie früher. Die Zuschauer lernen, sich wieder zeitliche Spielräume anzueignen, indem sie die Medien auf neue Weise nutzen. Ermöglicht wird dies durch die Vervielfältigung der Wahlmöglichkeiten, die den Satellitenantennen, dem Kabel, dem digitalen Fernsehen, dem Videorecorder etc. zu verdanken sind.

Die Urteilskriterien wandeln sich, das Vertrauen ins Bild bröckelt, die Medien stoßen auf Skepsis und Gleichgültigkeit. Die Medienrepublik bildet sich durch eine Folge von Anpassungen heraus. Die Kreise der öffentlichen Meinung erweitern sich und machen Veränderungen notwendig, die dem Geschmackswandel Rechnung tragen. Zu Recht weisen die Soziologen auf das Phänomen hin, das sie die „Spirale des Schweigens“ nennen. Diese beruht auf der Angst des einzelnen vor der Isolation. So setzt sich nach und nach bei strittigen Fragen eine herrschende Meinung durch, Minderheitsmeinungen verlieren an Gewicht. „Die Tendenz, in einem Fall die eigene Meinung sagen zu können, im anderen aber allmählich zum Schweigen gezwungen zu werden, ruft einen spiralförmigen Prozeß hervor, der nach und nach eine herrschende Meinung etabliert.“9

Kürzlich jedoch wurde Alarm geschlagen. Das wird deutlich, wenn man noch einmal die zehn Umfragen liest, die im Jahresrhythmus europaweit von La Croix und Télérama durchgeführt worden sind.10 Im Jahr 1989 urteilten 65 Prozent der Franzosen, daß die Ereignisse sich so abgespielt hatten, wie es im Fernsehen gezeigt worden war. 63 Prozent vertrauten der Darstellung im Radio und 55 Prozent der in den Zeitungsartikeln. Sieben Jahre später gehen diese Prozentsätze allenthalben zurück. Sie zeigen, daß das beständigste Vertrauen dem Radio entgegengebracht wird (59 Prozent). Die Presse verliert 8 Punkte (47 Prozent), und das Fernsehen erlebt einen rapiden Verfall seiner Glaubwürdigkeit: Es erreicht nur 49 Prozent, was einem Absturz um 16 Punkte entspricht.

Um wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, läuft das Fernsehen Gefahr, wie Jean-Claude Guillebaud unterstreicht, zu einer neuen Form des Zeitverzehrs überzugehen: zum medialen „Verschlingen“ eines jeden Themas, also der visuellen Parallele zum unersättlichen Imperialismus.11 Dieser äußert sich in dem Bemühen, die Probleme aller krisengeschüttelten Institutionen (Schule, Justiz, Heer, Kirche etc.) ins Bild zu setzen. Dieser kräftige Appetit ist zweifellos das Gegenstück zur Schwächung der sozialen Bindungen. Aber ist es Aufgabe des Fernsehens, ein soziales Band zu erneuern, dessen Brüchigkeit es im übrigen mitverschuldet hat? Kann es sein Ziel sein, dem Chaos dieser Zeit einen Sinn zu geben, den es selbst nicht im Griff hat? Muß es wirklich, um des Effektes willen, die Gefühle immer mehr aufputschen, nur um sie dann wie Hefeteig in sich zusammenfallen zu lassen? Politische Denkprozesse und demokratische Argumentationsweisen können da nicht mithalten, denn ihr Rhythmus ist wesentlich langsamer.

Der Bürger, der dem Druck der Medien mit solch zeitverzehrenden Tendenzen widerstehen will, müßte sich nach der Maxime Blaise Pascals richten: „Nicht, weil ihr vom Hörensagen wißt, etwas sei die Richtschnur eures Glaubens, sollt ihr glauben; nichts sollt ihr glauben, bevor ihr euch nicht in den Stand gebracht habt, als hättet ihr nie etwas sagen hören. Auf eure Zustimmung zu euch selbst kommt es an, die beständige Stimme eurer Vernunft, nicht die anderer soll euch glauben machen.“12

Der persönliche Zeithorizont und der Gang der sozialen Zeit werden sehr eng, wenn die an einem Tag gezeigte Wirklichkeit nur einen kurzen Moment lang aufblitzt, um am folgenden Tag der Bedeutungslosigkeit und dem Vergessen anheimzufallen.

dt. Martin v. Koppenfels

* Chefredakteur der Zeitschrift Études, Paris.

Fußnoten: 1 Vgl. dazu: Pierre Bourdieu, „Sur la télévision“, Paris (Liber) 1997. 2 Z.B. die Sendungen von Daniel Schneidermann, „Arrêt sur image“ (Arte), und von Alain Jaubert, „Palettes“ (France 3). 3 L'Expansion, Oktober/November 1985. Nach Angaben des Médiamétrie-Instituts 1996 ist die Zeit, die die Franzosen wöchentlich vor dem Fernseher saßen, auf 20 Stunden 53 Minuten gestiegen. Le Monde, 20. April 1996). 4 Christian Bobin, „L'Inespérée“, Paris (Gallimard) 1994, S. 24f. 5 In Frankreich ist, nach anderen Sendungen der gleichen Machart, vor kurzem auch die von Jacques Pradel moderierte Sendung „Témoin no 1“ (TF1) aus dem Programm gestrichen worden. 6 Vgl. Yves Eudes, „Les vidéo-vautours de Los Angeles“, Manière de voir (Culture, idédologie et société), März 1997, S. 43. 7 Le Monde, 20. Februar 1997. 8 Vgl. Jean Chesneaux, „Habiter le temps“, Paris (Bayard Centurion) 1996; und J.-Ph. Toussaint, „Télévision“, Paris (Minuit) 1997. 9 Elisabeth Noelle-Neumann, „La spirale du silence. Une théorie de l'opinion politique“, in „Le Nouvel Espace public“, Hermès Nr. 4, Mai 1989, S. 181f. 10 Vgl. La Croix, 29. Januar 1997, Télérama, 29. Januar 1997, und Le Monde, 30. Januar 1997. 11 Jean-Claude Guillebaud, „La trahison des Lumières. Enquête sur le désarroi contemporain“, Paris (Seuil) 1995, S. 220f. 12 Blaise Pascal, Pensées, IV, übers. v. Ewald Wasmuth, Gerlingen (Lambert Schneider) 1949, S. 136.

Le Monde diplomatique vom 16.05.1997, von HENRI MADELIN