15.05.1998

Von Marx zu Marcos

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Von Marx zu Marcos

Von MAURICE LEMOINE

AM 12. Oktober 1991 gingen in Quetzaltenango, der zweitgrößten Stadt Guatemalas, 40000 Ureinwohner auf die Straße und forderten das Regime unmißverständlich heraus. Sprechchöre erhoben sich – „Gracias Señor, Graaacias Seeeeñoooor“ –, begleitet vom dumpfen Schlag der Trommeln, in den sich hier und da unvorhergesehen der Klang von Flöten und Akkordeons mischte. Und plötzlich wurden die alten Parolen einer Volksbewegung wieder laut, die, hundertmal zerschlagen, sich hundertmal aus ihrer Asche erhoben hat, trotz aller Gefahren und Einschüchterungsversuche: „Se ve, se siente, el pueblo està presente!“ – „Man sieht es, man hört es, das Volk ist noch immer da!“ Dann ein Schrei, vierzigtausendfach verstärkt, der Schrei der Unterdrückten und aller lateinamerikanischen Revolutionäre: „El pueblo! Unido! Jamás será vencido!“1 Zwei Jahre zuvor war die Berliner Mauer gefallen.

Juni 1994. Wieder gehen die Ureinwohner auf die Straße, diesmal in Ecuador, gegen ein neoliberales Agrargesetz. In den Räumen des „Nationalen Bunds der Indianer von Ecuador“ (CONAIE) erklärt Nina Pacari die Ziele der Bewegung: „Wir wollen zeigen, daß der wirtschaftsliberale Weg nicht der einzig mögliche ist; daß wir Vorschläge für eine andere Art der Entwicklung haben.“ Der Flur vor ihrem Büro ist mit Plakaten tapeziert. Neben einem Poster zum Umweltgipfel von Rio 1992 hängt ein knallrotes Plakat mit der Aufschrift: „Ohne Kuba wäre nichts so, wie es ist!“ Was wissen denn die Ecuadorianer vom Regime Fidel Castros?

Ob in den ärmlichen, eiskalten Räumlichkeiten einer bolivianischen Gewerkschaft, im feucht-heißen Büro zerlumpter Bauern im hintersten Brasilien oder auf einer Demonstration in Mexiko – immer wieder begegnet uns das Bild von Che Guevara. Sind diese unglaublichen Latinos also trotz des „Endes der Geschichte“ unheilbare „Kommunisten“? Oder Marxisten? Marxisierende? Marxianer?

Mit der Ankunft politischer Emigranten und Flüchtlinge nach der Niederschlagung der Pariser Commune im Jahr 1871 faßte das sozialistische Ideal zunächst in Argentinien Fuß, wo 1918 die erste Kommunistische Partei Lateinamerikas entstand. Die meisten anderen lateinamerikanischen KPs wurden zwischen 1920 und 1930 gegründet. Doch die großen Volksbewegungen, die der ausgeprägten politischen Eigenwilligkeit der einheimischen Bevölkerung Ausdruck verliehen – die Revolutionäre Amerikanische Volksallianz in Peru, die Nationalrevolutionäre Bewegung in Bolivien und der Peronismus in Argentinien –, entzogen sich kommunistischer Kontrolle.

Die 1930 von Augusto Farabundo Marti gegründete Kommunistische Partei von Salvador organisierte 1932 ohne Einbeziehung der Komintern die einzige Massenerhebung in der Geschichte des Kontinents, die unter Leitung einer KP stand. Drei Jahre nach ihrer Niederlage und dem darauffolgenden Massaker leitete Luis Carlos Prestes die brasilianische Volkserhebung von 1935, diesmal im Einvernehmen mit der Kommunistischen Internationale. Auch diese Aktion endete mit einem Blutbad. Die Komintern vollzog daraufhin eine schmerzhafte Kehrtwende, ließ die Parole „Solos contra todo y contra todos“ (“Allein gegen alles und alle“) fallen und schrieb fortan die Bündnispolitik mit den politischen und sozialen Reformkräften auf ihre Fahnen.

Erst mit dem Kalten Krieg kam es in manchen Ländern zu einer Radikalisierung des prosowjetischen Kommunismus (darunter in Brasilien und vor allem in Kolumbien). Doch obwohl man den Kommunistischen Parteien vielfach große Macht und weitreichenden Einfluß zuschrieb, gelang es ihnen nirgends, die Macht zu ergreifen. Die siegreiche Revolution in Kuba 1959 fand ebenso wie die Revolution in Nicaragua 1979 praktisch ohne Kommunisten statt. Und in Havanna distanzierte sich die (kommunistische) Sozialistische Volkspartei von den „kleinbürgerlichen Putschisten“, die sich auf José Marti beriefen2 und mit Fidel Castro an der Spitze am 26. Juli 1953 die Moncada-Kaserne stürmten. Und auch als die Bewegung des 26. Juli im Jahr 1956 von der Sierra Maestra aus den Partisanenkrieg organisierte, blieb die KP zunächst im Abseits und schloß sich erst später der Guerilla an.

Auch die Nicaraguanische Sozialistische Partei sprach sich gegen die Guerillastrategie der Nationalen Sandinistischen Befreiungsfront aus, die 1959 von einigen KP-Überläufern gegründet worden war. Sandino war in der Internationalen Korrespondenz, dem offiziellen Organ der Komintern, seinerzeit als „kleinbürgerlicher Führer ohne konsequente revolutionäre Linie“ abgekanzelt und später von der Kommunistischen Internationale und der mexikanischen KP des Verrats beschuldigt worden.

Erst nach den Feindseligkeiten der Vereinigten Staaten näherte sich die Führung der kubanischen Revolution der Sowjetunion an und bekannte sich „offiziell“ zum Marxismus-Leninismus. Die Beziehungen zwischen Castrismus und Kommunismus, zwischen radikalem Kampf und sowjetischer Strategie, gestalteten sich jedoch weiterhin problematisch. Die Niederlage der Guerilla-Bewegungen und der Tod Che Guevaras 1967 schienen die Moskauer Linie zu bestätigen. Angesichts der zunehmenden Wirtschaftsprobleme sah sich Fidel Castro daher gezwungen, sich ab 1968 in den Einflußbereich der UdSSR zu begeben. Ab diesem Zeitpunkt gingen nur noch die Guatemaltekische Arbeitspartei und die Kolumbianische Kommunistische Partei vom politischen zum bewaffneten Kampf über beziehungsweise praktizierten eine Mischung aus beiden.

Einen weiteren Triumph erlebte der Kreml mit seinen Thesen, als die chilenische Unidad Popular aus Kommunisten, Sozialisten, Radikalen, Sozialdemokraten und progressiven Christen mit Salvador Allende 1970 erstmals einen sozialistischen, marxistischen Kandidaten an die Macht brachte. Doch der Staatsstreich von 1973 setzte allen Hoffnungen auf einen friedlichen Übergang zum Sozialismus ein Ende. Ganze Gruppen kommunistischer und nichtkommunistischer Aktivisten schlossen sich den insbesondere in Mittelamerika erneut entstehenden Guerillabewegungen an.

Anfang der achtziger Jahre nötigten die angeblich kommunistisch gesteuerten Aufstandsbewegungen in Nicaragua, Salvador und Guatemala die dortigen KPs, ihrerseits in den Untergrund zu gehen und den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Ob siegreich oder nicht – fest steht, daß die revolutionären Kämpfe den diversen KPs nur wenig zu verdanken haben. Fest steht aber auch, daß die Theorien von „San Carlos“ (Heiliger Karl) – wie Che Guevara Karl Marx in seiner Jugend verschmitzt nannte – eine prägende Rolle spielten und die Kämpfe immer wieder von KP-Dissidenten unterstützt wurden.

Nachdem die UdSSR zerfallen war und die ehemaligen Guerillabewegungen in Nicaragua, Salvador, Guatemala und teils auch in Kolumbien sich wieder in die Gesellschaft eingegliedert und politische Parteien gegründet hatten, verloren die lateinamerikanischen KPs weiter an politischem Handlungsspielraum und Einfluß. Die Kämpfe indes gingen weiter. Der Neoliberalismus, der großartige Träume zu verwirklichen versprach, erwies sich als Alptraum. Aber wenn der Kampf nur Hunger, Gefängnis und Tod einbringt, nimmt die protesta neue Formen an. Dann tritt Reflexion an die Stelle des Katechismus, wie bereits Che Guevara gefordert hatte: „Leider wird unserem Volk eher die Apologie eines [sozialistischen] Systems geboten denn seine wissenschaftliche Analyse. Das hilft uns in unserer Aufklärungsarbeit nur wenig weiter. All unsere Bemühungen verfolgen das Ziel, zum Denken anzuregen und an den Marxismus so ernsthaft heranzugehen, wie es diese großartige Lehre verdient.“3

Wahlkampf: Mit der Demokratischen Revolutionären Partei in Mexiko, der Arbeiterpartei in Brasilien, der Alianza in Argentinien und dem Frente Amplio in Uruguay entsteht in Lateinamerika eine neue Linke. Symptomatisch auch die Entwicklung in Venezuela, wo der Bolivar-Anhänger Oberst Hugo Chavez, der im Namen des Kampfs gegen Korruption und soziale Ungleichheit 1992 zweimal zum Staatsstreich ansetzte, in den Meinungsumfragen zur nächsten Präsidentenwahl an der Spitze liegt.4

Soziale Kämpfe: In Brasilien haben sich nach Angaben der „Bewegung der Landlosen“ (MST), die nicht länger auf die so oft versprochene, doch nie realisierte Agrarreform warten will, 1997 rund 50000 Familien an Aktionen zur Landbesetzung beteiligt und sich in 244 Lagern notdürftig eingerichtet. In Bolivien gingen Anfang April 1998 trotz der Drohung mit dem Ausnahmezustand zahlreiche Lehrer und Bauern auf die Straße und blockierten die Verkehrswege.

Kämpfe der Indigenas: Überall fordert die indianische Bevölkerung die Achtung ihrer Identität und ihrer Rechte. Aufschwung auch des bewaffneten Kampfs, etwa in Kolumbien, wo die Guerilla den Militärs von ihren „Unabhängigen Republiken“ aus schwer zusetzt. Symbol und Zusammenfassung all dieser alten und neuen Kampfformen: Unter dem dreifachen Zeichen von Marx (Subcomandante Marcos), Zapata (Maya-Kämpfer) und dem Internet (http://www.) erklärt Felipe, ein Mann mit Wollmaske aus Chiapas: „Solange es noch Hunger, Armut und Ungerechtigkeit gibt, werden wir die Waffen nicht niederlegen.“

Man mag mit der einen oder anderen Kampfmethode nicht einverstanden sein; die Sache selbst muß unsere Zustimmung finden. Der „heilige Karl“ wäre sicher nicht dagegen.

dt. Bodo Schulze

Fußnoten: 1 „Einig wird das Volk nie besiegt werden.“ 2 Der „Vater der kubanischen Nation“ fiel zu Beginn des zweiten kubanischen Unabhängigkeitskriegs 1895 im Kampf. 3 „Lettre à J.-M. Mestre“, in: Roberto Mero, „ABC-Che“, Paris (Éditions sociales), 1997. 4 Le Monde, 4. April 1998.

Le Monde diplomatique vom 15.05.1998, von MAURICE LEMOINE