11.06.1999

Das Geständnis des Pater Pellecer

zurück

Das Geständnis des Pater Pellecer

SEIT der Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen der Regierung von Präsident Alvaro Arzú und der Guerilla am 26. Dezember 1996 findet Guatemala allmählich aus seiner furchtbaren Vergangenheit heraus. Sechsunddreißig Jahre dauerte der Bürgerkrieg. Man zählt mehr als 200000 Tote und „Verschwundene“, insbesondere aus der indianischen Bevölkerung. In Mittelamerika war Guatemala ein bevorzugter Austragungsort für die Konflikte des Kalten Krieges und ein wichtiges Versuchsfeld für die „psychologiscen Behandlungen“, die auf den Erfahrungen der USA in Vietnam basierten. Ein Beispiel ist der Fall des verschwundenen und wieder aufgetauchten Priesters Pellecer; hier zeigt sich die aktive Zusammenarbeit von CIA, US-amerikanischer Armee und guatemaltekischen Militärs.

Von HENRI MADELIN *

Als Bill Clinton im März 1999 anläßlich einer viertägigen Zentralamerikareise in Guatemala Station machte, nutzte er die Gelegenheit, um öffentlich Reue zu bekunden. Bei einem Treffen mit führenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft drückte er den Wunsch aus, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen, die geprägt war von der Komplizenschaft seines Landes mit den für die fürchterlichsten Greuel verantwortlichen lokalen Militärs.

Dabei machte Präsident Clinton folgendes Eingeständnis: „Für die Vereinigten Staaten von Amerika ist es wichtig, klar und deutlich zu sagen, daß die Unterstützung von Militär und Geheimdienst, die in weitreichende Gewaltakte und Unterdrückungsmaßnahmen verwickelt waren, ein Fehler war, den wir nicht wiederholen dürfen (...). Vor einigen Jahren“, fügte er hinzu, „waren die Völker Zentralamerikas Opfer von Katastrophen, die von Menschen verursacht wurden und grauenhafter waren als alles, was ihnen die Natur in jüngster Vergangenheit antun konnte.“ Nach dieser Anspielung auf den Hurrikan Mitch sprach er von einer Zukunft, die anders werden müsse als die Vergangenheit.1

In dem ideologisch motivierten Krieg, der fast vier Jahrzehnte währte und eine breite Blutspur hinterließ, hatten die Bauern und insbesondere die indianische Landbevölkerung den höchsten Tribut zu zahlen. Auch die Jesuiten hatten Opfer zu beklagen im Kampf um Gerechtigkeit und eine echte Befreiung für jene Menschen, die am meisten unter der herrschenden Gewalt litten. Am eigenen Leib mußten sie erfahren, daß die stalinistischen Prozesse keineswegs nur den kommunistischen Ländern vorbehalten waren, sondern sich ebensogut in Guatemala abspielen konnten.

Aus Beweggründen, die im Gegensatz zu denen der Machthaber in den kommunistischen Ostblockländern standen, wendeten auch die Behörden der Länder in der sogenannten „freien Zone“ der Welt jene Methoden an, die Artur London in seinem Buch „Ich gestehe“ (verfilmt von Constantin Costa-Gavras) beschrieben hat. Man fürchtete die schädlichen Auswirkungen einer marxistischen Ansteckung und vermutete ein geheimes Zusammenspiel zwischen marxistischen Kräften und jenen Strömungen innerhalb der Kirche, die von der „Theologie der Befreiung“ geprägt waren. Um eigens ausgesuchte Persönlichkeiten „umzudrehen“, wurden in großem Maßstab die psychologischen Waffen eingesetzt, die im Kampf gegen die vietnamesische Guerilla getestet worden waren.

In diesem Zusammenhang steht auch der Fall eines Jesuitenpaters, der zum Opfer des gnadenlosen Kampfes wurde. Der Fall Pellecer ist inzwischen zu einer Art Schulbeispiel geworden, dessen Einzelheiten sich nachlesen lassen2 .

Luis Pellecer Faena war ein in den studentischen Kreisen der Hauptstadt sehr geschätzter Jesuit, bekannt für sein Engagement zugunsten der Opfer des Regimes. In der von Gewalt geprägten Atmosphäre Anfang der achtziger Jahre (innerhalb von zwei Jahren waren zwölf Priester ermordet worden) wurde der fünfunddreißigjährige Pater im Juni 1981 vor einer Verkehrsampel mitten im Zentrum der Hauptstadt Ciudad de Guatemala abgefangen und aus seinem Auto gezerrt. Der Wagen blieb stehen, der Insasse war spurlos verschwunden. Von seiten der Behörden verlautete nur ein drückendes Schweigen, das allerdings beredter war als manche Erklärung.

Zwei Monate später verschwand auch ein spanischer Jesuit, Anstaltsgeistlicher im Militärkrankenhaus der Hauptstadt – für immer. Zeugenberichten zufolge bestand sein einziger Fehler darin, Pater Pellecer während einer „Umerziehungsbehandlung“ in einem Krankenhauszimmer gesehen zu haben. Später entdeckte man, daß Pellecer während seiner Entführung wohl verletzt worden war und man sein ganzes Gebiß erneuert hatte. Übereinstimmende Quellen bestätigen, daß drei Zahnchirurgen, die man aufgefordert hatte, die Zähne des Häftlings wiederherzustellen, ermordet wurden: zwei, weil sie sich geweigert hatten, die geforderte Arbeit zu übernehmen, der dritte, weil er sie ausgeführt hatte.

Harte Folter, weiche Folter

ZUR allgemeinen Überraschung tauchte Luis Pellecer am 30. September 1981 wieder auf, und zwar in einer Pressekonferenz, die von Canal 5, dem Sender, der den Militärbehörden vorbehalten ist, übertragen wurde. An seiner Seite stand der Innenminister höchstpersönlich. Vierzig Minuten lang sprach Pellecer vor einem Publikum aus den höchsten Kreisen der Politik, Diplomatie, Kirche und Presse. Im Anschluß daran antwortete er ausführlich auf etwa dreißig Fragen, die von den Zuhörern gestellt wurden. Zwei Stunden lang sprach er von seinem Verschwinden und stellte dieses als „Selbstentführung“ dar. Er beschrieb seinen Bildungsweg bei den Jesuiten und seine seelsorgerische Arbeit in den letzten Jahren. Er berichtete im Ton einer Anklage, daß Laienorganisationen, mit denen er in Verbindung gestanden hatte, sowie mehrere kirchliche Institutionen (Caritas, Collège Belge usw.) für die Sache der Aufständischen eingespannt worden seien. Pellecer gestand, selber seit 1980 Mitglied der Guerillaarmee der Armen (EGP), der wichtigsten Organisation des bewaffneten Kampfes in Guatemala, gewesen zu sein.

Diese Fernsehkonferenz, die in mehreren Ländern Zentral- und Südamerikas ausgestrahlt wurde, hatte beträchtliche Auswirkungen in kirchlichen und politischen Kreisen. Aus heutiger Sicht stellt dieses Ereignis den Höhepunkt der politischen Kampagne gegen jene Kreise der katholischen Kirche dar, die sich für die Verteidigung der unterdrückten Bevölkerungsgruppen Lateinamerikas einsetzen. Zur gleichen Zeit intensivierte die guatemaltekische Armee die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Bauern – mit keinem anderen Ziel als dem, die ländlichen Gebiete zu „säubern“.

Dank der Nachforschungen, die die Kirche für die Vorbereitung der Friedensverhandlungen von 1994 geführt hatte, versteht man den wahren Sachverhalt dieser seltsamen Geschichte heute etwas besser. Die Ergebnisse dieser Nachforschungen sind in einer 1400 Seiten umfassenden Publikation mit dem Titel „Guatemala: nunca más“ (Guatemala: nie wieder) festgehalten, der 1998 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Auch der Fall des Paters Pellecer wird darin genau beschrieben und dient als Beispiel für das, was andere, weniger bekannte Persönlichkeiten erleiden mußten. Man erfährt in diesen Schriften besonders viel über die Rolle der „G-2“, der Direktion für militärische Aufklärung, die dem guatemaltekischen Generalstab angegliedert war. Die G-2 dominierte die Armee und war in zunehmendem Maße in die grausamen Gewaltakte verwickelt. Unliebsame Personen ließ man verschwinden, Morde, Entführungen und Folterungen waren bei der „G-2“ an der Tagesordnung. Als Oberst Francisco Ortega Menaldo, der ein besonders einflußreiches Mitglied der G-2 war, von der Gefangennahme des Jesuiten erfuhr, verlangte er, den Fall persönlich zu übernehmen. „Er wollte“, so der Bericht, „seine Kenntnisse auf dem Gebiet der psychologischen Folter anwenden, um die Persönlichkeit des Priesters ,umzudrehen'. Er machte sich diese Angelegenheit zur persönlichen Herausforderung. Manche Offiziere hingegen betrachteten die Sache mit Mißtrauen, da ihnen diese ausgeklügelten Methoden nicht geheuer waren.“3

Der Bericht liefert sehr genaue und wichtige Angaben zur Rolle der Folter und zu den Methoden, die angewendet wurden, um die Persönlichkeit der Gefangenen zu verändern: „Unter den Folterern“, so liest man, „gibt es harte und weiche. Mit letzteren knüpft der Häftling oft eine Beziehung, die auf Abhängigkeit beruht und ihn noch verwundbarer macht. Er kann dem Druck, den Forderungen und Normen seiner Peiniger immer schwerer standhalten und wird dadurch anfälliger für den Einfluß von Propaganda und neuer Ideologie. Diese Umerziehungstechnik, die man manchmal auch Gehirnwäsche genannt hat, kann zu einer langsam fortschreitenden Verwandlung des Gefangenen führen. Was er zuvor verabscheute, erscheint ihm nun gut, und nach und nach tauscht er seine alten Überzeugungen gegen die seiner Henker...“

„Es läuft immer nach dem gleichen Schema: Folterungen, freundliche Behandlung; Folterungen, Belehrung und Propaganda; Einübung der neuen Ideologie; und schließlich eine Phase, in welcher der Gefangene nicht nur besonders viel Nahrung bekommt, sondern auch eine starke menschliche Wärme erfährt. Er wird also als Rekonvaleszent behandelt. Mag sich der Häftling als Fanatiker gebärden und vollkommen gegenteilige politische Ziele haben; irgendwann kommt doch meist der Augenblick, wo er die Rebellion aufgibt und schließlich seine Irrtümer eingesteht: Nun legt er genauestens die Gründe für seine Fehler dar, er übertreibt sogar seine Schuld in dem angstvollen Bestreben, endlich aus dem Teufelskreis der Mißhandlungen herauszufinden. Alle diese Techniken, die man in den Handbüchern zur Führung von Verhören nachlesen kann, sind Beispiele für den subtilen Einsatz von Psychologie und Psychiatrie: Es werden Schmerzen erzeugt, um politische oder militärische Ziele zu erreichen.“

„Häufig setzt man Betäubungsmittel ein, um die mentale Verwirrung des Häftlings zu vergrößern oder um seine Beeinflußbarkeit zu erhöhen. So hat der Geheimdienst Penthotal und andere Psychopharmaka verabreicht. In einem Fall Ende der sechziger Jahre gab ein gefangener Guerillero der Bewaffneten Revolutionären Kräfte (FAR) im Radio Erklärungen ab, in denen er seine Teilnahme an bewaffneten Operationen, insbesondere gegen die Luftwaffenbasis von Cipresales eingestand. Aber seine psychische Zerrüttung war so offensichtlich, daß er mitten in einem Interview nicht mehr sein nervöses Lachen unterdrücken konnte.“4

Ein Bericht wie „Guatemala: nunca más“ konnte nur erstellt werden, weil die Redefreiheit seit 1996 allmählich an Boden gewann. Die einzelnen Elemente dieses exemplarischen Werkes wurden mit größter Sorgfalt vom Menschenrechtsbüro des Erzbistums zusammengetragen. Die Koordination dieser Arbeit lag beim Weihbischof der Hauptstadt, Monsignore Gerardi. Zu der Zeit, als Pater Pellecer entführt wurde, war dieser Bischof verantwortlich für die Diözese von El Quiché, einer Region mit großmehrheitlich indianischer Bevölkerung. Damals war die Diözese geschlossen worden, und Bischof Gerardi, der nach Rom gefahren war, um über die Lage zu berichten, wurde einige Zeit lang daran gehindert, in seine Heimat zurückzukehren, wo er, wie man sich denken kann, nicht nur Freunde hatte.

Um die Bedeutung des oben genannten Berichtes zu unterstreichen, hatte die Kirche Bischof Gerardi darum gebeten, das Werk in der Kathedrale von Guatemala- Stadt vorzustellen. Das Ereignis fand am 24. April 1998 in einer entspannten, ja lockeren Atmosphäre statt. Doch nur zwei Tage danach wurde Bischof Gerardi vor seinem Haus von „Unbekannten“ ermordet, die bis heute nicht gefaßt sind. Auch in diesem Fall schwiegen die Behörden. Doch der Bericht ist da. Nun sind die Informationen aus erster Hand für alle zugänglich, und es wird möglich, zu verstehen, was sich in den höchsten Kreisen dieses Landes abgespielt hat.

Und was noch bedeutsamer ist: Ein Spezialkommissar der Vereinten Nationen, der deutsche Rechtsprofessor Christian Tomaschat, hat nun die Aufgabe übernommen, die Arbeit einer in den Friedensverträgen von 1996 vorgesehenen Kommission zur historischen Aufarbeitung zu koordinieren. Es war kein Zufall, daß er im vergangenen März, nur wenige Tage vor dem Besuch Präsident Clintons, vor einer großen Menschenmenge auf der Plaza de la Constitución (Platz der Verfassung) in der guatemaltekischen Hauptstadt auftrat und die wesentlichen Punkte eines neuen, noch nicht veröffentlichten Berichtes präsentierte.5

Diesem (nicht weniger als 3600 Seiten umfassenden) Bericht zufolge tragen die guatemaltekische Armee sowie der US- amerikanische Geheimdienst CIA die Hauptverantwortung für die Greueltaten während des Bürgerkrieges. Der Staatschef sowie Vertreter der obersten Verwaltungsbehörden, Abordnungen der Kirche, aktive Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen und Vertreter der Familien von Opfern waren anwesend, als Christian Tomaschat vor laufenden Fernsehkameras die Verantwortlichkeiten ganz klar absteckte: Nach seiner Darstellung liegt die Schuld an den während des Bürgerkrieges begangenen Verbrechen zu 97 Prozent bei der Armee und zu 3 Prozent bei der Guerilla...

Man kann sich vorstellen, daß dieser Bericht nicht leicht zu erstellen war. Die Armee weigerte sich, ihre Archive zugänglich zu machen. Die staatlichen Institutionen bildeten eine einheitliche Front und weigerten sich, vor der Kommission zu erscheinen. Einige Exmilitärs hingegen waren gesprächiger, sei es um sich zu rechtfertigen, oder aber um sich von den traumatischen Erlebnissen der Vergangenheit zu befreien.

Der ehemalige Pater Pellecer heiratete – Trauzeuge war ein Oberst des Geheimdienstes – und führt in seiner Heimat ein ruhiges und bequemes Leben in der Abgeschiedenheit. Freunde oder Vorgesetzte, die versuchten, sich ihm mit Fragen zu nähern, bekamen immer die Antwort, daß er unter keinerlei Druck stehe. Und doch konnte man bemerken, daß er an seinem Gürtel immer einen seltsamen Apparat trug, der einem Sendegerät glich. Er war ein einflußreicher Berater des Geheimdienstes geworden und war geschätzt als Redner bei Vorträgen vor den Offizieren militärischer Geheimdienste in mehreren Ländern, wohin man ihn gerne schickte. Auch einige US-Senatoren, vor allem solche, die bekannt sind für ihre unermüdlichen Warnungen vor den „Risiken eines kommunistischen Aufstandes“ im lateinamerikanischen „Hinterhof“, bezogen sich immer wieder auf ihn. Teile der westlichen Presse gaben sich für die Propaganda der Folterer her, und zahlreiche Zeitungen – in Frankreich insbesondere Le Figaro Magazine – verbreiteten in aller Ausführlichkeit die Sichtweise des Geheimdienstes der guatemaltekischen Armee.

Diese Armee, die als „Die große Schweigende“ bezeichnet wird, verbirgt noch so manches Geheimnis. Aber mutige Leute haben begonnen, dies und jenes über sie zu berichten, und der internationale Druck kann nur noch stärker werden. Das öffentliche Eingeständnis vergangener „Irrtümer“ durch Präsident Clinton und die USA wird vielen vielleicht endlich die Zunge lösen.

dt. Dorothea Schlink-Zykan

* Chefredakteur der Monatszeitschrift Etudes, Paris.

Fußnoten: 1 Le Monde, 13. März 1999. 2 H Charles Antoine, „Guatemala, l'affaire Pellecer“, Etudes (14, rue d'Assas, 75006 Paris), März 1999, S. 331-343. 3 Ebenda, S. 336. 4 „Guatemala: nunca más“, Band II, „Los mecanismos del horror“, Guatemala 1998, S .206-209. 5 Cf. Patrice Gouy, La Croix, 8. März 1999.

Le Monde diplomatique vom 11.06.1999, von HENRI MADELIN