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Stadt von morgen

Marseille und andere Metropolen Europas verlieren ihre Seele von François Ruffin

Kräne drehen sich. Staub wirbelt auf. Presslufthämmer dröhnen hinter Metallwänden. Eric Foillard, Geschäftsführer der Immobiliengesellschaft „Marseille République“, sitzt in seinem Büro und ist begeistert: „Das wird großartig, Kopfsteinpflaster und Gehwege aus Granit. Zum ersten Mal werden hier Bäume wachsen. Es wird eine Straßenbahn geben. Das ist luftiger und macht mehr Spaß als U-Bahn-Fahren. Außerdem haben wir die Oper, immerhin die zweitgrößte Oper Frankreichs, und am Ende vom Quai de la Joliette lässt Luc Besson einen Filmpalast bauen, ein Multiplex mit sechzehn Sälen. Das wird hier so aussehen wie in Cannes an der Croisette.“

Ein ehrgeiziges Projekt: Die Rue de la République, die zentrale Verbindungsstraße zwischen den beiden Häfen von Marseille, erinnert mit den vietnamesischen Imbissen, den Couscous-Restaurants, die rund um die Uhr geöffnet haben, und den einfachen Pensionen eher an ein Immigrantenviertel wie das alte Goutte d’Or am Pariser Montmartre als an die Champs-Elysées. Doch „wir erobern gerade das Stadtzentrum zurück“, freut sich Foillard, und seine Aktiengesellschaft steht bei dieser „Rückeroberung“ an vorderster Front; sie gehört zur Hälfte dem texanischen Private-Equity-Fonds Lone Star, zur anderen Hälfte den Banken Caisse d’Épargne und Société Générale.

„In einem Häuserblock werden etwa zehn Luxusfirmen Filialen eröffnen, darunter die angesehensten französischen Modehäuser. Vierhunderttausend Kreuzfahrttouristen kommen jedes Jahr nach Marseille, und diese Gelegenheit wollen sich die großen Ketten nicht entgehen lassen: Wenn die Leute an Land gehen, sollen sie zu Fuß modische Geschäfte erreichen können.“

Foillard zeigt uns die Musterwohnungen, die es in drei Kategorien gibt: „Haussmann, Design und Elégance“. Der Aufzug ist mit Fayence-Kacheln geschmückt: „Wir haben uns an den großen Hotels orientiert.“ Die Räume sind „offen“, „lichtdurchflutet“, es gibt nur wenige Trennwände und viel „Volumen“. Der Tisch ist für ein Candlelight-Dinner gedeckt, mit weißem Tischtuch und eckigen Porzellantellern. „Klimaanlage“, „Eichen-, Buchen- oder Merbauparkett“, „Baldachinbett“ auf Wunsch, „gusseiserne Badewanne im alten Stil“ und so weiter rechtfertigen sicherlich einen Preis von 3 000 bis 4 000 Euro pro Quadratmeter. Das sind 400 000 Euro für eine Maisonettewohnung. Sichert man sich so die besten Kunden? „Die ersten fünfundsechzig Interessenten, die reserviert haben, sind tatsächlich Führungskräfte und Selbstständige. Wir haben auch Käufer aus England, die in London arbeiten und hier wohnen möchten.“

In einem anderen Zimmer hängt moderne Kunst an der Wand, hier zielt man eher auf die „Bobos“, die neureiche Großstadtboheme. „Ja, natürlich, wir bedienen beides, den ‚Bobo‘ und den ‚Bourgeois‘ “, versichert Foillard. „Manche Käufer arbeiten zum Beispiel im Medienzentrum Belle de Mai, beim Fernsehen oder als Grafikdesigner. Wir werden hier eine gute Mischung der Generationen und Lebensstile hinbekommen.“

Vertreibung von Amts wegen

Es handele sich nicht um „Gentrification“1 , im Gegenteil: „Unser Ziel ist eher die soziale Mischung. Im Augenblick wohnen hier nur arme oder sehr arme Leute. Manche unserer Häuser hätten glatt noch aus einem Roman von Zola stammen können, es war furchtbar.“ Ganz so schnell lässt sich diese Idealstadt jedoch nicht aus dem Boden stampfen. Im Augenblick ähnelt sie eher einer Geisterstadt. Auf einer Strecke von mehr als einem Kilometer sind in den Erdgeschossen die Eingänge vermauert. Verrostete Eisenrollos verschließen die Schaufenster der Cafés, Imbisse und Lebensmittelläden. Sie sollen erst zum Einzug von Dior, Chanel und Sephora wieder hochgezogen werden. Wann der erfolgen wird, steht aber längst noch nicht fest. In den oberen Etagen sind hunderte, ja tausende von Fensterläden am helllichten Tage geschlossen, und nur ganz oben im fünften Stock zeugt ein Geranientopf in einem offenen Fenster von einem Unbeugsamen, der sich den Eindringlingen noch widersetzt.

Die Mieter, die hier seit zehn, zwanzig oder gar vierzig Jahren lebten, haben ihre Wohnungen nur schweren Herzens verlassen. Frau Garcia, „viermal zwanzig Jahre alt“, war früher Sekretärin im Rathaus. Sie wohnte seit 1953 hier und wurde jetzt zum Umzug gezwungen. „Sie haben mich rausgeschmissen. Sie haben mir gesagt: ‚Sie müssen gehen.‘ Sie sind nicht gerade freundlich mit uns umgesprungen, es war unmenschlich.“

Jüngere Mieter reagierten auf solcherart Befehle nicht. Bei ihnen kamen unfeinere Methoden zum Einsatz: Angebliche „Hausbesetzer“ drangen in die Häuser ein, zerstörten die Kanalisation und machten den alteingesessenen Mietern das Leben schwer. In anderen Häusern brannte es plötzlich. Briefe wechselten unauffällig den Besitzer. Sobald eine Wohnung leerstand, traten die „Demolierer“ auf den Plan. Einer von ihnen erzählt: „Wir schlagen die Fenster ein, zerstören die Wasserleitungen, die Toiletten, das ganze Bad, damit keiner auf die Idee kommt, da wieder einzuziehen.“

„Und die Wohnungen, die Sie zerstören, waren die vorher noch bewohnbar?“ „Aber ja! Manchmal sind es richtige Paläste, ich zerstöre also Paläste, verstehen Sie? Das kotzt mich an, aber was soll ich machen? Wir werden schließlich dafür bezahlt, 1 212 Euro brutto, der Mindestlohn eben.“

In Marseille stehen 33 000 Wohnungen – etwa jede zehnte2 – leer, 57 Prozent davon dauerhaft. Auf der anderen Seite wurden im Großraum Marseille fast 40 000 Anträge auf Zuteilung einer Sozialwohnung gestellt.3

„Paläste“ oder Mietskasernen à la Zola? Sicher herrscht auf der „Rue de la Rép’ “ nicht mehr so ein buntes Treiben wie in den Sechzigerjahren, als hier die Matrosen und Werftarbeiter flanierten, es „berühmte Bars, Juweliere, Nachtklubs, sogar Pianobars und Animierdamen“ gab. Und mit dem Niedergang des Hafens verlor auch die Straße an Glanz. Aber die Betonung einer vermeintlichen Verelendung dient nur dazu, reinen Tisch machen zu können und die „armen oder sehr armen“ Menschen aus dem Viertel zu drängen. Es geschehe schließlich nur zu ihrem Besten oder wenigstens zum Besten der Stadt.

Anwohner mit mehr Widerstandskraft schlossen sich in der Initiative „Un centre-ville pour tous“ („Ein Stadtzentrum für alle“) zusammen. Der Name ist Programm: Dieser Teil Marseilles soll allen Menschen offen stehen. Streitbare Mieter oder solche, die in Wohnungen mit gesetzlich geregelter Miethöhe lebten4 , erhielten so eine Sozialwohnung im Viertel. Die meisten wurden jedoch in die Sozialwohnungsbauten im Norden gesteckt oder landeten gar in Wohnwagen auf benachbarten Campingplätzen.

Auch Patrick musste seine Pension verlassen. Er wohnt jetzt in einer Zweizimmerwohnung in einem Block der Cité des Oliviers und hat zwei Leidensgenossen bei sich aufgenommen. Für Patrick stellt sich die Situation so dar: „Unser Viertel wird gerade für gut betuchte Studenten renoviert. Sie werden ein europäisches Kulturzentrum für Bildungsbürger daraus machen. Und Leute wie wir würden dabei nur stören. Aus einem armen Viertel werden sie ein Luxusviertel machen, und da haben wir nichts mehr zu suchen. Also schicken sie uns weg.“

Das ist längst eine Tatsache, nicht mehr nur eine Absichtserklärung. „Die Gegend um die Porte d’Aix ist durch und durch ein arabisches Viertel“, stellte Jean-Claude Gaudin bereits 1985 fest, zehn Jahre vor seiner Wahl zum Bürgermeister von Marseille: „Wenn ich eines Tages die Chance bekomme, im Rathaus von Marseille etwas zu bewegen, dann werde ich das auch tun.“5 Und er hat dort, in der Nähe des Hafens, Wort gehalten.

„Schauen Sie sich diese Kräne an“, schwärmte sein Wahlkampfleiter im Jahre 2001. „Sie bauen Wohnungen für 20 000 Francs pro Quadratmeter. Bei diesem Preis sind die Linken erledigt.“ Die gute Zusammenarbeit mit den Bauunternehmern erfreut auch die städtische Wohnungsbeauftragte Danièle Servant: „Ich möchte nicht, dass diese sechshundert Familien am selben Ort eine neue Wohnung erhalten. Der Sanierungsträger verfolgt offenbar die von uns gewünschte Politik.“ Das Gleiche spielt sich noch in anderen Stadtteilen ab, wie Noailles oder Belsunce: Die öffentliche Hand zieht sich zurück, um private Immobilienspekulationen umso besser rechtfertigen zu können.

Die Rue de la République zwischen dem Vieux Port und dem neuen Hafen ist ein Musterbeispiel für diese Entwicklung. Zugleich geht der Umbauprozess hier jedoch so plötzlich, gewaltsam und willkürlich vonstatten, dass die beschleunigte Verbürgerlichung deutlich sichtbar und spürbar wird – und damit zugleich auch die Vertreibung der einfachen Bevölkerung an den Stadtrand.

Andernorts genügen meist schon die Gesetze des Immobilienmarkts, um die Bevölkerungsstruktur ganzer Stadtteile „sanft“ und fast „natürlich“ zu verändern: Wenn die Immobilienpreise in Marseille pro Jahr um 15 bis 20 Prozent steigen und der Investor Eurazeo beschließt, die Mieten zu verdoppeln, trägt dies weitaus diskreter zur „Modernisierung“ der Stadt bei als die „Demolierer“.

In vielen europäischen Großstädten verändern sich zurzeit die alten, einfachen Wohngebiete, sofern sie den Wandel nicht schon hinter sich haben: das Bastille-Viertel in Paris, Croix-Rousse in Lyon, das Quartier des Marolles in Brüssel, Berlin-Mitte und so weiter. Dabei handelt es sich weniger um eine plötzliche Metamorphose durch einen unerwarteten Zustrom von Menschen mit hohem Einkommen6 , die die Alteinwohner vertreiben, als vielmehr um eine allmähliche Entwicklung, die über vermittelnde Instanzen verläuft.

Die Geografen Christophe Guilluy und Christophe Noyé beschreiben die erfolgreiche „Gentrification“ in „fünf Etappen“: „1. Wegzug der Arbeiter, die durch Angestellte ersetzt werden, Ankunft der Pioniere: Künstler, Studenten, alternative Hausbesetzer. 2. Das Viertel gewinnt an Wert, es etabliert sich ein Kulturleben: angesagte Bars, Galerien, Veranstaltungsorte. 3. Ankunft der Führungskräfte, Arbeiter ziehen weiterhin weg, auch die Angestellten werden weniger. 4. Die Zahl der Führungskräfte steigt weiter auf Kosten der einfachen Bevölkerung, Verdrängung der Pioniere. 5. Bautätigkeit und Immobilienspekulation, Stadterneuerung: Fußgängerzonen, Parks, Fahrradwege.“7 Das „Arbeiterviertel“ wird „verbürgerlicht“8 , „ein neuer Lebensstil“ entsteht, wie der Soziologe Jacques Donzelot feststellt, „mit Cafés und Restaurants aus aller Welt“, Konzertsälen und Galerien für afrikanische Kunst, alles „Statussymbole, die die Bauunternehmer inzwischen geschickt nutzen, um bestimmten Orten das Etikett ‚global‘ zu verleihen und damit die passende Klientel anzulocken versuchen“9 .

So bekomme die Stadt ein „Fun-Image“ verpasst, ergänzt der Historiker Alèssi Dell’Umbria: Mit dem „Verschwinden der Arbeit zugunsten des Services, der Arbeiter zugunsten der Dienstleister wird der städtische Raum immer mehr von Kultur und Tourismus besetzt, und das Zentrum verwandelt sich in ein allein zur Unterhaltung der Mittelschicht bestimmtes Konsumparadies, wo Restaurants, angesagte Bars und Ausstellungen einen Parcours markieren, den kein Hindernis mehr stört.“10

Die Kultur dient dabei als Alibi, denn die Kulturindustrie, das kosmopolitische Kulturleben und seine Kultstätten erfreuen sich allgemeiner Zustimmung – wer will sich schon dem Bau eines Schauspielhauses oder einer Bibliothek widersetzen, auch wenn die Oper an der Pariser Bastille und das Musée de la Charité im Marseiller Panier-Viertel als Speerspitzen der „Rückeroberung“ dieser Stadtteile für eine zahlungskräftige Klientel dienten?

So verbergen sich die tatsächlichen Machtverhältnisse hinter einer kulturellen Fassade. Denn hinter den „coolen“ und „netten“ Locations stecken allzu oft Spekulanten. Nicht nur die Anhänger des schnellen Profits, sondern auch die Inhaber kulturellen Kapitals (wie Universitätsabschlüsse) und kulturelle Akteure aus dem Milieu der Architekten, Fotografen, Film- und Theaterschaffenden11 genießen unmittelbar die Vorteile dieser „Instandsetzungen“. Sie profitieren als Erste von der Nähe zu den Dienstleistern, den Fernbahnhöfen und anderen Einrichtungen. Das erklärt auch zum Teil den schwachen öffentlichen Protest gegen diese Form der Stadtentwicklung: weil die Profis für künstlerische und politische Veranstaltungen selbst daran beteiligt sind.

Das Phänomen breitet sich aus und tritt nicht nur in Paris, Marseille oder München in Erscheinung, sondern in allen regionalen Zentren und Departement-Hauptstädten. Auch hier boomt der Immobilienmarkt: Preissteigerungen von 12,2 Prozent in Tours, 16,7 Prozent in Angers und 14,5 Prozent in Besançon im Jahre 2005. In weniger als zehn Jahren konnten Immobilienbesitzer ihr Vermögen verdoppeln, vor allem mit Studentenappartements in den Städten und Wochenendhäusern auf dem Lande. Die Kommunen bemühen sich jetzt ganz besonders um „Gentrification“, weil sie Angst haben, „rückständig“ zu wirken. So beschleunigt und unterstützt die Politik die aktuelle Entwicklung auf dem Immobilienmarkt, anstatt sie zu bremsen und zu regulieren.

Die Losung der Provinzpolitiker lautet: „Führungskräfte anlocken“. Von Rennes über Valenciennes bis Millau bemühen sich die Kommunen um diese Klientel. In Nancy „suchen Unternehmer ein hippes Viertel, um Führungskräfte anzulocken“, und in Amiens brüstet sich ein „Ansiedlungsbüro“ mit „einem Zuzug von etwa sechshundert Führungskräften pro Jahr“12 .

Natürlich wohnen in Amiens weiterhin vor allem Arbeiter und Angestellte. Doch von der gemeinsamen Entwicklungszone Paul-Claudel in La Hotoie bis nach La Fosse-au-Lait oder Saint-Maurice, wo früher Färbereien Luft und Wasser verschmutzten und vor allem Arbeiter wohnten – überall bewerben jetzt Reklametafeln auf Baustellen oder Grundstücken, wo das Betonfundament erst noch gegossen werden muss, „exklusive Wohnanlagen“ und Appartements mit „Video-Gegensprechanlage, Aufzug, Terrassen/Loggien, Satellitenfernsehen“ und „Steuervorteilen“.

Auf der anderen Seite stagniert der soziale Wohnungsbau, obwohl sechstausend Anfragen vorliegen und die Wohnungsberatung Paaren mit Kindern Notunterkünfte empfiehlt, wenn sie innerhalb eines Jahres ein Dach über dem Kopf bekommen wollen.13 Dahin geht die Entwicklung, hier sieht man, für wen die Stadt von heute gebaut wird – und für wen nicht.14 Es wird klar, für wen Gilles de Robien, Bürgermeister von Amiens und französischer Bildungsminister, im Rathaus eine Rede hält, in der er allein die „neuen Führungskräfte“ als „Nährboden der Gesellschaft“ bezeichnet, und für wen er mit der Techno-Avantgarde „weiße Nächte“ organisiert, ein Abklatsch der Pariser Veranstaltungen.

Um die Stadt den neuen Bürgerlichen „gut zu verkaufen“, muss man sie zum einen „von ihren ‚Fehlern‘ befreien, sie entrümpeln und verschönern, Lärm, Verkehr, schlechte Luft und unangenehme Begegnungen vermindern“, zum anderen „Statussymbole“, das heißt schicke Konsum- und Freizeitmöglichkeiten errichten. Hubert Henno, Stadtentwicklungsbeauftragter von Amiens, bestätigt, dass die Stadtbewohner mit zweierlei Maß gemessen werden: „Forscher und pharmazeutische Labors wollen sich bei uns ansiedeln. Wir werden ihnen komfortable Wohnungen bauen, diese Menschen brauchen Ruhe und eine angenehme Wohnatmosphäre.“

Führungskräfte sind das Ziel vieler Werbekampagnen. Radiosender, Tageszeitungen und Zeitschriften reißen sich um diese Klientel. Selbst der sozialistische Präsidentschaftskandidat Lionel Jospin wagte es im Wahlkampf 2002 nicht, das Wort „Arbeiter“ in den Mund zu nehmen, sondern widmete seine Aufmerksamkeit stattdessen der „Mittelschicht“. Nach der Definition von Dominique Strauss-Kahn handelt es sich dabei um „eine mittlere Gruppe, die hauptsächlich aus gut informierten und ausgebildeten Angestellten besteht, welche die Stützpfeiler unserer Gesellschaft bilden“. Weiterhin führt er aus: „Von der am stärksten benachteiligten Gesellschaftsgruppe kann man leider nicht immer eine vernünftige Beteiligung an einer parlamentarischen Demokratie erwarten. Diese Gruppe interessiert sich zwar für Geschichte, aber ihre Interventionen erweisen sich manchmal als gewalttätig.“14 Dieser Ideologie können sich auch die Architekten, Stadtplaner und Politiker nicht verschließen.

Die Stadtgeografie spiegelt stets die Produktionsverhältnisse wider. Im 19. Jahrhundert brauchten Unternehmer noch Arbeitersiedlungen, um die nomadisierende Arbeiterschaft an ihre Fabriken zu binden. In der Zeit des französischen Wirtschaftswunders (den „trente glorieuses“ von 1945 bis 1975), als die Landbevölkerung in die Städte strömte, ließ man Sozialwohnungen in Fahrradnähe zu den Industriegebieten bauen.

Autismus der Wohlhabenden

Seit sich der einheimische Arbeitsmarkt bis nach Warschau ausgeweitet hat und Fabriken nach Dhaka oder Peking verlagert werden, sind Arbeiter offenbar nicht mehr wesentlicher Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung. Bei einer (offiziellen) Arbeitslosenquote von neun Prozent und der steigenden Zahl von Studienabsolventen haben die Arbeitgeber keinerlei Probleme, für einfache und mittlere Angestelltenposten jemanden zu finden. Diese Gehaltsgruppe muss man nicht „anlocken“ und ihnen eine angemessene „Lebensqualität“ bieten. Der Kampf wird um die Elite geführt, die „Wohlstand generiert“.

Ist dieser Run auf die Führungskräfte unvermeidlich, weil sie weitere Arbeitsplätze für weniger qualifiziertes Personal schaffen? Oder handelt es sich um eine instinktive soziale Orientierung, eine Politik des Klassenerhalts, wenn Führungskräfte nur diejenigen Neuzugänge fördern, die ihnen selbst ähnlich sind, und sich nur in Gesellschaft von anderen Versicherungsmanagern, Chirurgen, Anwälten und Informatikern und deren Familien wohlfühlen? Letzteres wird häufig, Ersteres nur selten zutreffen.

Die Trennung der Wohngebiete in Arm und Reich fördert nicht nur die gesellschaftliche und ethnische Segregation in den Schulen und im Berufsleben, sondern auch in der demokratischen Debatte. Rund um das Stadtzentrum und die Schaltstellen der Macht konzentrieren sich die glücklichen Gewinner aus Medien, Wirtschaft, Kultur und Politik und bleiben unter sich.

Diese wohlhabende Klientel – omnipräsent und allmächtig – drängt mit ihrem gesellschaftlichen Autismus den Rest des Landes ins Abseits. Von dort hört und sieht man nichts mehr. Parteien, Gewerkschaften und Verbände, die Sitz und Aktivitäten in die Innenstädte verlagert haben, drängen die einfache Bevölkerung an den Rand; dadurch scheint diese sich „immer mehr aus der öffentlichen Sphäre zurückzuziehen“.15 Die zunehmende Wahlmüdigkeit passt zu den „stummen Peripherien“, die zu weit entfernt sind, als dass man ihre (Wähler-)„stimmen“ noch vernehmen könnte.

Fußnoten:

1 Der Begriff „Gentrification“ (auch: Gentrifikation, Gentrifizierung) von engl. gentry, niederer Adel, bezeichnet in der Stadtgeografie die soziale Umstrukturierung und Aufwertung (Verbürgerlichung) eines Stadtteils. 2 Diese Zahlen aus dem Wirtschaftsmagazin TPBM (Marseille) vom 12. November 2003 werden in einem Flugblatt der Arbeitslosen der Gewerkschaft CGT zitiert, die auf diesem Gebiet sehr aktiv sind. 3 Stand vom 1. Juli 2004, Untersuchungsbehörde für Sozialwohnungsanfragen des Departements Bouches-du-Rhône, zu dem Marseille gehört (Odelos, Observatoire de la demande en logement des Bouches-du-Rhône). 4 Ein 1948 verabschiedetes Gesetz schützt Mieter dieser Wohnungen durch die Festlegung niedriger Mieten. 5 Die Zitate in diesem Absatz stammen aus: Le Matin (9. November 1985), Le Nouvel Observateur (22. Februar 2001), Le Figaro (18. November 2003) und Libération (30. September 2004). Bruno Le Dantec hat diese Artikel in seinem Buch „Psychogéographie“, Paris (Le Point du Jour Éditeur) 2005, ausgewertet. 6 Die französischen Statistiker nennen diese höheren Berufskategorien „CSP+“, „catégories socioprofessionnelles supérieures“. 7 Christophe Guilluy und Christophe Noyé, „Atlas des nouvelles fractures sociales en France“, Paris (Autrement) 2004. 8 ebd. 9 Jacques Donzelot, „La ville à trois vitesses“, in: Esprit, Paris, März/April 2004. 10 Alèssi Dell’Umbria, „Histoire universelle de Marseille“, Marseille (Agone) 2006. 11 Anne Clerval, „Le logement et l’habitat comme objets de recherche“, Referat zum gleichnamigen Colloquium: www.federation-locataires-westbrook. org/etudes/2006ClervalGentrificationParis.pdf. Für diese Studie hat Anne Clerval Immobilienkäufer im Faubourg Saint-Antoine in Paris befragt. 12 Le Point, Paris, 5. Februar 2004. Mit einer kurzen Google-Recherche kann man feststellen, dass es selbst in mittelgroßen Städten inzwischen ein Empfangsbüro für Führungskräfte („cellule d’accueil des cadres“) gibt. Für Arbeiter gibt es derartiges nirgends. 13 Fakir, Amiens, Mai 2006. 14 Dominique Strauss-Kahn, „La Flamme et la Cendre“, Paris (Grasset) 2002. Siehe dazu auch: „Flamme bourgeoise, cendre prolétarienne“, in: Le Monde diplomatique, März 2002. 15 Christophe Guilluy und Christophe Noyé, op. cit. Aus dem Französischen von Sabine Jainski François Ruffin ist Journalist bei „Là-bas si j’y suis“, einer Sendung von FranceInter, und Autor von „Quartier nord“, Paris (Fayard) 2006. Le Monde diplomatique nimmt am Zeitschriftenprojekt Documenta 12 magazines teil.

Le Monde diplomatique vom 09.02.2007,