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Moderne, pragmatische, korrupte Kommunisten

Vietnam macht einen großen Sprung nach vorn – nicht nur in der Wirtschaft von Jean-Claude Pomonti

Seit Saigon in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt wurde, ist die Metropole zum Motor der vietnamesischen Wirtschaft geworden. Die Stadtautobahnen werden derzeit vierspurig ausgebaut, der Mekong untertunnelt. Die ersten U-Bahnlinien befinden sich in Planung, und in Long Thanh soll an der Straße zum Badeort Vung Tàu, dem früheren Cap Saint-Jacques, ein neuer Flughafen entstehen.

Auch rund um das bunte und lebendige Hanoi entsteht ein ganzer Gürtel von Satellitenstädten. Seit im vorigen Dezember die Mekongbrücke nahe Savannakhet eingeweiht wurde, sind die Voraussetzungen geschaffen, um das herrlich gelegene Da Nang mit seinem Hafen zur Drehscheibe für den Handel ins südliche Laos und nordöstliche Thailand zu machen. Es könnte eine Alternative zum überlasteten Flusshafen von Bangkok werden.

Seit der Jahrtausendwende brummt die vietnamesische Wirtschaft wie keine andere in Südostasien. Bis 2004 lag das jährliche Wirtschaftswachstum bei 7 Prozent, seitdem stieg es auf knapp über 8 Prozent.1 Vietnam ist nach Thailand der zweitgrößte Reisexporteur der Welt, beim Kaffee macht es Brasilien die Spitzenstellung streitig. Die Auslandsdirektinvestitionen wuchsen im Jahr 2006 um 50 Prozent auf über 7 Milliarden Euro. Nach einer Umfrage des Asia Business Council vom November 2006 planen 38 Prozent der befragten multinationalen Konzerne Investitionen in Vietnam. Damit liegt das südostasiatische Land hinter China (85 Prozent) und Indien (51 Prozent), aber noch vor den Vereinigten Staaten (36 Prozent) auf Platz 3 der Weltrangliste.2

Die vietnamesische Diaspora, die ein immenses Reservoir an Know-how und Kapital repräsentiert, ist bei den Behörden neuerdings besser gelitten. Die Kinder der Boat People der 1970-Jahre schaffen heute wichtige Verbindungen zum Ausland und pumpen erhebliche Summen in die nationale Wirtschaft (voriges Jahr über 3 Milliarden Euro). Die Entwicklung wird auch von den internationalen Geldgebern gefördert: 3,42 Milliarden Euro haben sie für 2007 an Investitionen geplant, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. An der Spitze liegt dabei die Asiatische Entwicklungsbank mit knapp 900 Millionen Euro, gefolgt von der Europäischen Union mit 730 Millionen Euro sowie Japan und der Weltbank mit jeweils 684 Millionen Euro.

Das Ende einer langen Nachkriegszeit

Anfang der 1990er-Jahre weckte Vietnam schon einmal die Begehrlichkeiten des Auslands. Die Öffnung für Auslandsinvestitionen und Tourismus war aber noch so neu, der kommunistische Apparat zögerte noch so sehr, dass das Interesse bald wieder nachließ. Es war noch zu früh nach einem halben Jahrhundert Krieg. Erst 1989 hatte Hanoi seine Truppen aus Kambodscha zurückgezogen; erst ein Jahr später endeten die gelegentlichen Scharmützel an der Grenze zu China. Die letzten Kriegsgefangenen des 1975 besiegten Saigoner Regimes wurden erst 1990 freigelassen.

Als Vietnam im Oktober 1991 in Paris mit China ein Friedensabkommen über Kambodscha unterzeichnete, steckte der Normalisierungsprozess zwischen beiden Ländern erst in den Anfängen. Chinas Führung war verstimmt, weil der kleine Nachbar im Süden ihr zwanzig Jahre lang getrotzt hatte, und wollte die Bedingungen diktieren. Die Kommunistische Partei Vietnams (KPV) wiederum musste hinnehmen, dass das von den USA verhängte Wirtschaftsembargo bis 1994 dauerte und dass ihr wichtigster Verbündeter, die Sowjetunion, zerfiel.

Doch dann begann die regionale Integration des Landes: 1995 wurde Vietnam in die Vereinigung südostasiatischer Nationen (Asean) aufgenommen, die kurz zuvor noch als Erzfeind gegolten hatte. Im selben Jahr nahm das Land diplomatische Beziehungen zu Washington auf.

2006 kündigte der US-Konzern Intel an, 800 Millionen Euro in den Bau einer Halbleiterfabrik zu investieren. Als Produktionsstandort wählte Intel einen Technologiepark in der Nähe von Ho-Chi-Minh-Stadt. Dort sollen 4 000 Arbeitsplätze entstehen, doch wird mit einem erheblichen Multiplikatoreffekt gerechnet, weil sich darum herum dutzende von Subunternehmen, Zuliefererbetrieben und Forschungsinstituten ansiedeln werden.

Als Bill Gates im April 2006 für einen Tag in Hanoi Station machte, wurde er von Studenten bestürmt. Auch die vietnamesische Führung, die gerade den 10. Parteitag der KPV abhielt, bestand auf einem Treffen mit dem Microsoft-Chef. Der riet ihnen, sich nicht mit der Chipherstellung zu begnügen, sondern in das Geschäft mit Software und IT-Dienstleistungen einzusteigen.

Bereits 2005 war der Umsatz des Software-Sektors um 40 Prozent gewachsen und beschäftigte 15 000 Arbeitskräfte. Vincent Kapa, Chef der 2001 gegründeten Firma Synexer, gehört zu den Pionieren der vietnamesischen Software-Branche. Schon damals träumte er davon, es mit der indischen IT-Metropole Bangalore aufzunehmen. Heute ist der Traum längst Realität. Vietnam könnte in wenigen Jahren die Philippinen, Thailand und sogar Malaysia überrunden. Taiwan und Japan wollen aus politischen Gründen nicht ausschließlich in China investieren. Und Vietnam hat weitere Vorteile zu bieten: Die Bevölkerung ist sehr jung, und obwohl nur 10 Prozent der Sekundarstufenabgänger ein Universitätsstudium beginnen, soll der Mathematikunterricht besser sein als in Thailand, wo 40 Prozent auf die Universität wechseln.

Mit über 14 Millionen Surfern nutzten im Dezember 2006 17,5 Prozent der vietnamesischen Bevölkerung regelmäßig das Internet; im September 2005 waren es erst 8 Millionen. Einen eigenen Internetanschluss besitzen inzwischen rund 4 Millionen Vietnamesen.3 Ein Pilotprojekt will den ländlichen Raum über Telezentren ans Netz anschließen. Da der Aufschwung im Land erst mit einiger Verspätung begann, hat die Mobiltelefonie Modernisierung und Ausbau des Festnetzes überflüssig gemacht. Die Zahl der Handys verdoppelt sich alle zwei Jahre. Im Juli 2006 telefonierten bereits 18,5 Prozent aller Vietnamesen mobil.

Nike, Canon, Alcatel, Fujitsu, Siemens und andere Konzerne lassen sich in Vietnam nieder oder erweitern ihre Operationen ganz erheblich. Auch wenn Vietnam in Sachen Korruptionsbekämpfung, Infrastruktur und Bankenwesen einigen Nachholbedarf hat, scheinen die Investoren vor allem Vorteile zu sehen: Das Land hat ein niedriges Lohnniveau, die Arbeitskräfte lassen sich leicht anlernen, und die Bürokratie wird trotz autokratischer Altlasten auch neuen Aufgaben gerecht, sobald die Politik klare Vorgaben macht.

Das starke Wachstum muss freilich nicht von Dauer sein. „Wenn so viel Geld aus dem Ausland nach Vietnam strömt, muss der Staat noch sorgfältiger überlegen, welche Investitionen er wirklich wünscht“, meint Kongkiat Opaswongkarn, Chef der Asia Plus Securities. „Auch für ein schnell wachsendes Land kann es böse Überraschungen geben“, verweist er auf die Schwierigkeiten, die Thailand neuerdings hat.4

Obwohl Vietnam nun schon seit einigen Jahren boomt, wurde dies erst am 7. November 2006 allgemein bewusst, als nämlich Vietnam in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen wurde. Mitte November richtete das Land den Asien-Pazifik-Gipfel aus, zu dem alle Staats- und Regierungschefs der Region anreisten, mit hunderten von Journalisten im Schlepptau. Und kurz darauf votierte der US-Kongress für „normale und ständige Handelsbeziehungen“ zu Vietnam. Unternehmen aus den USA nutzten George W. Bushs Vietnambesuch und brachten Aufträge in Höhe von insgesamt 1,5 Milliarden Dollar nach Hause, vor allem für den Bau von Elektrizitätswerken, die Ho-Chi-Minh-Stadt und Umgebung mit Strom versorgen sollen.

Das vietnamesische Regime wird immer weniger von alten Kämpfern bestimmt, die ihre Legitimität aus den Siegen von einst beziehen. Die KPV besitzt zwar nach wie vor das politische Machtmonopol, aber die Partei hat beschlossen, neben Arbeitern, Bauern und Intellektuellen auch Kapitalisten in die Partei aufzunehmen. Die Diktatur des Proletariats ist nach wie vor in der Präambel der Verfassung verankert. Aber marktwirtschaftliche Prinzipien gewinnen immer mehr an Boden. Die allermeisten Arbeitsplätze entstehen mittlerweile im Privatsektor.

Mehr Macht für den Süden

Die KPV versucht neue Legitimität zu gewinnen, indem sie sich als treibende Kraft der wirtschaftlichen Entwicklung profiliert. Die hart, aber geschickt geführten WTO-Beitrittsverhandlungen stärkten ihre Glaubwürdigkeit. Im Übrigen weisen ausländische Investoren darauf hin, dass man, um einen Stromanschluss zu bekommen, in Vietnam durchschnittlich 17 Tage warten muss, in Thailand hingegen 23 Tage. Bei einem Telefonanschluss dauert es in Vietnam 9 und in Thailand 15 Tage.

De facto passt sich der kommunistische Apparat pragmatisch an den wirtschaftlichen Wandel an. Schon lange haben sich die Funktionäre damit abgefunden, dass sich das ehemalige Saigon samt den 13 umliegenden Provinzen zum Zentrum der vietnamesischen Wirtschaft entwickelt. Der Generationenwechsel erleichtert den Wandel. Viele Vietnamesen aus kommunistischen Familien stehen heute mit mindestens einem Bein im Geschäftsleben, sind in der Baubranche oder in der Entwicklungsplanung tätig. Von denen, die heute um die fünfzig sind, haben viele an westlichen Universitäten studiert.

Die KPV entwickelt also ziemlich rasch einen modernen Regierungsstil, doch ebenso rapide nehmen die Probleme zu. Vor allem die wachsende Korruption in den eigenen Reihen bereitet Kopfzerbrechen. Manche Skandale waren nicht zu verheimlichen. Anfang 2006 ging durch die Medien, dass die Abteilung PMU-18 des Transportministeriums öffentliche Gelder veruntreut hat. Die kommunistische Parteiführung musste Sanktionen verhängen. Es ging um erkaufte Protektion bis in die höchsten Staatsämter und einen luxuriösen, ja ausschweifenden Lebensstil. Die Affäre erregte genug Aufsehen, um noch einmal den legendären General Vo Nguyen Giap zu mobilisieren. In einem offenen Brief an die Partei meinte der Sieger von Dien Bien Phu (1954) und Saigon (1975), die Partei sei „zu einem Schutzschild für korrupte Beamte geworden“.

Seit dem Tod des langjährigen KP-Chefs Le Duan 1986 wird die Partei von einer Troika geleitet, deren Mitglieder eine lange Parteikarriere vorweisen mussten, bevor sie an die Macht gelangten. Ein Novum brachte der 10. Parteitag, auf dem man dem scheidenden Generalsekretär Nong Duc Manh zwei Neulinge an die Seite stellte: Staatschef Trinh Minh Triet und Ministerpräsident Nguyen Tan Dung. Damit sitzen nun zwei „Südstaatler“ – Triet und Dung – an der Seite eines „Nordstaatlers“. Für eine Bewertung dieser ungewöhnlichen Konstellation – bislang saß in der Troika jeweils ein Vertreter des Südens, einer des Zentrums und einer des Nordens – ist es freilich noch zu früh. Weniger Beachtung fand, dass Armee und Sicherheitsdienste ihre Stellung im Apparat ausbauen konnten – wohl für alle Fälle.

Der Wandel zeigt sich auch an der regen Literaturszene. Vor einigen Jahren brach eine neue Schriftstellergeneration, darunter viele alte Kämpfer und KP-Mitglieder, mit der bisherigen, in der Tradition des sozialistischen Realismus stehenden Literatur. Nguyen Huy Thiep, Duong Thu Huong, Bao Ninh, Pham Thi Hoai räumten mit einem Mythos auf – und der zugehörigen Heuchelei: Vietnam hatte eine Umwälzung erlebt, aber keine Revolution. Auf die neuen Literaten, die auch Gesellschaftsreportagen verfassen, wussten die staatstreuen Schreiberlinge nur mit Zensur und Geschichtsklitterung zu antworten, vor allem in den Geschichtsbüchern für den Schulunterricht. Doch diese Rückzugsgefechte werden mit nachlassender Leidenschaft geführt.

Vor einigen Jahren erschien im Verlag Thanh Nhien (Die Jugend) die „Erzählung des Jahres 2000“. Darin berichtet der Autor über die harten Haftbedingungen, die er dreißig Jahre zuvor im Rahmen einer Kampagne gegen die „Revisionisten“ zu erdulden hatte. Das Buch zirkulierte schon im ganzen Lande, bevor es wenige Wochen nach Erscheinen vom Staat verboten wurde. Im Gegensatz zu früher schlägt die Zensur also erst im Nachhinein zu. Jetzt haben die Verleger zu entscheiden, ob ein Buch in den Handel kommt, riskieren dabei allerdings, dass der Staat es wieder aus dem Verkehr zieht.

Seit der Jahrtausendwende hat eine neue Autorengeneration das Ruder übernommen.5 Diese jungen Leute kommen von überall her, auch aus dem Ausland. In Saigon bilden sie kleine Gruppen. Die „Antipoeten“ gründeten „Mo Mieng“ (Mund auf), die Poetinnen die Gruppe „Gottesanbeterinnen“ – nach der Insektenart, deren Weibchen nach dem Geschlechtsakt die Männchen fressen. Die junge Literatur richtet sich wieder mehr aufs Private und tritt zugleich weltoffen und traditionsbewusst auf.

Die Kulturpolizei überwacht diese tastenden Versuche abseits ausgetretener Wege mit Argusaugen. „Zen ist kein Nudelfertiggericht“, erwidert Ly Doi, der Sprecher für Mo Mieng. „Vertikal gegen Horizontal: Die Losungen kommen nicht mehr von oben“, erklärt sein Mitstreiter, der Maler Nhu Huy.

Vietnam ist seit Jahren in Aufbruchstimmung. Die KP arrangiert sich mit dem Wandel, nimmt aber alles, was nur im Entferntesten nach politischer Dissidenz aussieht, an die kurze Leine. Noch gibt es in Vietnam eine Menge wirtschaftliche und politische Engpässe.

Das Land hat noch einen weiten Weg vor sich. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich seit 1990 zwar verdreifacht, lag 2006 aber erst bei 550 Euro im Jahr. Bis 2010 soll es auf 850 Euro anwachsen.6 Doch bei alledem darf man nie vergessen, dass das Land noch nicht einmal seit zwei Jahrzehnten im Frieden lebt.

Fußnoten:

1 Für 2006 betrug die Wachstumsrate 8,2 Prozent, 2005 waren es 8,4 Prozent. Für das laufende Jahr lauten die amtlichen Vorhersagen zwischen 8,2 und 8,5 Prozent. Nach Angaben der Weltbank lag das Wachstum im Jahr 2000 bei 6,8 Prozent, 2004 bei 7,7 Prozent und 2005 bei 8,4 Prozent. 2 The New York Times, 1. Dezember 2006. 3 Siehe die Tageszeitung Thanh Nien (Die Jugend), Ho-Chi-Minh-Stadt, 5. Januar 2007. 4 Zitiert nach The Christian Science Monitor, Boston, 15. Dezember 2006. 5 Siehe die von der Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin Doan Cam Thi zusammengestellte Anthologie „Au rez-de-chaussée du Paradis“, Paris (Philippe Picquier) 2005. 6 Diese Zahl nannte Ministerpräsident Nguyen Tan Dung in einer Rede vor den internationalen Geldgebern am 13. Dezember 2006, siehe Pressemitteilung 2007/185/EAP der Weltbank, www.worldbank.org. Aus dem Französischen von Bodo Schulze Jean-Claude Pomonti ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 09.02.2007,