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Selbstbewusste Schotten

Was die Leute von Glasgow bis Pentland Firth mit der Unabhängigkeit gewinnen können von Neal Ascherson

Mein Onkel war Offizier bei den traditionsreichen Ro-yal Scots, dem ältesten Infanterieregiment der britischen Armee. Mit den karierten Tartan Trews an seinen langen Beinen sah er umwerfend aus.

„Aber wozu sind die Royal Scots da, wenn Frieden ist?“ – „Sie sind da, um zu verhindern, dass uns die Engländer das Ungeheuer von Loch Ness wegnehmen“, sagte seine Schwester, meine Mutter. Sie war mit einem Offizier der Royal Navy verheiratet und eine glühende Verehrerin der „White Ensign“, der britischen Seekriegsflagge.1 Sie sprach ein gestochen klares Englisch, das sie in London an Miss Fogarty’s Drama School gelernt hatte, und doch war sie eine überaus empfindsame schottische Patriotin. Wie oft hörten wir in unserer Kindheit die berühmten Verse von Walter Scott durch die Küche schweben: „Breathes there the man, with soul so dead / Who never to himself hath said / This is my own, my native land!“2

Bei Miss Fogarty hatte sie auch die Kunst der zauberhaften, schrillen Übertreibung gelernt. Erst bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kamen mir Zweifel, ob die Royal Scots wirklich dazu da waren, im Great Glen zu patrouillieren und nach Englisch sprechenden Drachenkidnappern Ausschau zu halten.

Aber meine Mutter hatte auch politisches Gespür. Im ersten Devolutions-Referendum3 von 1979 stimmte sie mit „Nein“ – mit der Begründung, „ein schottisches Parlament würde Schottland englischer machen“. Diese ungewöhnliche Aussage machte mich sprachlos. Womöglich war sie der einzige Mensch in Schottland, der so dachte. Aber vielleicht war doch etwas dran an ihrer Warnung davor, die Arroganz und Selbstgefälligkeit der politischen Klasse von Westminster zu imitieren. Oder war es nur, wie ich heute glaube, ein Ausdruck ihrer zutiefst herablassenden Meinung, dass die Schotten außerstande seien, ihre eigene Demokratie zu erfinden? Dass wir liebenswert eben nur in unserer Zweitklassigkeit seien?

Es ist etwas simpel, vom „gedankenlosen Nationalismus“ zu reden. Nicht zu denken, bedeutet ja nur, dass sich untergründige Gedanken in deinem Kopf einnisten und dir unablässig ihre tonlose Melodie vorspielen. Sagen wir es so: In jedem schottischen Hirn gibt es irgendwo eine winzige blau-weiße Zelle, die ständig die Erkenntnis absondert: „Mein Land war einmal unabhängig.“ Ab und zu sendet diese Zelle auch einen winzigen, oft kaum wahrnehmbaren Impuls: „Wäre es nicht großartig, wenn eines Tages …“ Aber das stimuliert nur die umliegenden größeren Hirnzellen, die mit ihren stärkeren Unterdrückungsimpulsen dagegenhalten: „Bist du bescheuert? Komm zur Vernunft; wir sind zu winzig, zu arm; was soll der Scheiß: Wir sind hier nicht beim Fußball4 oder im Kino.“

Was derzeit in Schottland abläuft, könnte man vielleicht so beschreiben: Die Gegenimpulse dieser Hemmzellen werden schwächer und erratischer, wohingegen der andere, der blau-weiße Impuls immer lauter, schneller und durchdringender tickt. Und genau deshalb lautet die eigentliche Frage für das Referendum im September nicht mehr: „Können wir unabhängig werden?“ Sondern: „Wir wissen, dass wir es können – aber wollen wir es auch?“

Als ich 1949 auf dem Fischmarkt in Kilmacolm in der Schlange stand, sah ich in warme Mäntel gehüllte Ladys, die ihre Schellfischfilets wegpackten und anschließend die „Scottish Covenant“ unterzeichneten, jene Petition für ein schottisches Parlament, die vor jeder Wohnung auf der Matte lag. Ich habe auch unterschrieben.

Der bemüht höflich formulierte Text, den damals fast jeder zweite Erwachsene unterzeichnet hat, begann mit den Worten: „Wir, das Volk von Schottland, …“ Nichts passierte. Die Labour-Regierung ließ sich ihre Angst nicht anmerken und belehrte die dummen Schotten, sie sollten erst mal begreifen, dass die Entscheidungen in der britischen Politik durch souveräne Parlamente und nicht per Referendum oder Petition getroffen werden.

Später erlebte ich, in Afrika und Asien, den endgültigen Zerfall des Empire. „Unabhängigkeit jetzt!“ Überall, wo ich hinkam, traf ich Leute, die nationale Selbstständigkeit mit dem Ziel verbanden, Anschluss an die Welt finden, die Gesellschaft zu modernisieren, für die eigenen Handlungen und Fehler geradezustehen. Dieses Gefühl herrschte sogar in Staaten, die die Kolonialmächte gerade erst erfunden hatten. In Großbritannien bezog sich das Wort „Nationalismus“ in den ersten Jahrzehnten nach 1945 fast ausschließlich auf diese Auseinandersetzungen, die vom Kolonialstatus zur Unabhängigkeit führten. Erst viel später fantasierten sich Linke, die den Holocaust entdeckt hatten, die primitive Gleichung zusammen: „Nationalismus gleich Rassismus gleich Faschismus gleich Krieg.“

Ich selbst habe die 1960er Jahre größtenteils in Mitteleuropa erlebt. Es war die letzte Phase des Kalten Kriegs, nationale Stereotype und Vorurteile waren noch voll im Schwange. Die Menschen, die unter den Marionettenregimen des Warschauer Pakts lebten, stellten wie selbstverständlich einen Zusammenhang zwischen nationaler Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit her – und dieser Zusammenhang war mir von der Deklaration von Arbroath vertraut, mit der die schottischen Adligen 1320 ihre Unabhängigkeit von England proklamierten.

In der polnischen Geschichte findet sich übrigens eine interessante Parallele zum Schicksal Schottlands. Für die Polen war die Unabhängigkeit, die sie nach dem Ersten Weltkrieg wiedererlangten, nicht einfach ein historisches Happy End. Sie mussten zugleich eine schicksalhafte Entscheidung treffen: „Polska tak, ale jaka?“ Ja zu Polen – aber zu welchem Polen? Und laut Tomas Masaryk, dem strengen Lehrmeister, der die Tschechen aus dem Habsburger Kaiserreich hinausführte, war die Unabhängigkeit nichts wert, wenn sie nicht der Wahrheit und moralisch begründeten Zielen diente. „Nebát se a nekrást“, sagte er seinem Volk: Fürchte dich nicht und stehle nicht.

Für Schottland kam die Stunde der Wahrheit später: Nach 1945 begann die Geschäftsgrundlage der 1707 vollzogenen Union mit England zu zerbröseln. Das Britische Empire war am Ende und mit ihm die Chancen, die es geboten hatte. Mit der schottischen Industrie ging es steil bergab, noch bevor Margaret Thatcher in den 1980er Jahren zur Kettensäge griff. Zudem schränkte der zentralisierte Wohlfahrtsstaat – bei all seinen Vorzügen – die Autonomie von Berufsfeldern ein, die für Schottland besondere Bedeutung hatten: Bildungswesen, Justiz und Medizin. Erstmals nach drei Jahrhunderten trat der politische Nationalismus – in Gestalt der Scottish National Party (SNP) – aus der Kulisse hervor und stürmte auf die Bühne.

Mittlerweile arbeitete ich in Edinburgh und unterstützte die Devolution-Pläne, die uns 1997 ein schottisches Parlament bescherten. Allerdings sah ich diese Devolution als einen fortlaufenden Prozess, der wahrscheinlich in die Unabhängigkeit münden würde. Die verkrusteten anglobritischen Machtstrukturen würden für wachsende Spannungen zwischen London und Edinburgh sorgen. Und so glaubte ich, dass eine konservative Regierung irgendwann dafür sein würde, Schottland ganz aus dem Vereinigten Königreich rauszuwerfen. So wie ein paar Jahre zuvor Vaclav Klaus die verblüfften Slowaken in die Unabhängigkeit geschubst hatte, damit ihm niemand die Herrschaft über die Tschechische Republik streitig machen konnte.

Nicht vorausgesehen hatte ich den steilen Popularitätsanstieg der SNP, der ihr 2011 die absolute Mehrheit im schottischen Parlament einbrachte und zum nun bevorstehenden Referendum führte. Bis dahin hätte ich als nächsten Schritt eine „maximale Devolution“ vorgezogen, mit vollen Machtbefugnissen für ein schottisches Parlament, aber innerhalb des Vereinigten Königreichs. Die große Frucht der Unabhängigkeit sollte, wie ich fand, noch ein paar Jahre länger heranreifen.

Zwei Ereignisse haben diese Einschätzung verändert. Das erste war die Haltung Tony Blairs zum Irakkrieg. Plötzlich hatte ich nicht mehr das Gefühl, in einem unabhängigen Land zu leben – und das wollte ich so schnell wie möglich zurückhaben. Der zweite Grund war ein praktischer: David Cameron hatte entschieden, die Option der vollen Selbstregierung aus dem Referendumspaket zu streichen. Damit ging es nur noch um die Frage: schottische Unabhängigkeit – ja oder nein. Alles oder nichts. Kannst du für dein eigenes Land nichts wollen?

Nach dieser kleinen Biografie einer individuellen Ja-Stimme kommen wir zum großen Plädoyer für Schottlands zweite Unabhängigkeit. Es besteht aus einem positiven und einem negativen Kapitel, aus „Pull“- und aus „Push“-Argumenten. Zur Illustration will ich von einer Rundreise durch Schottland berichten, von der sogenannten Bus Party im Mai, mit der ich und andere für das Referendum geworben haben.

Bei unseren Diskussionen mit hunderten Teilnehmern, die für die Unabhängigkeit waren, bezogen sich nur ganz wenige auf den „Push“, also auf das, was Schottland droht, falls wir im Vereinigten Königreich verbleiben. Die meisten sprachen vielmehr über das bessere, fairere Schottland, das sie aufbauen wollen. Von ihrer Hoffnung auf mehr lokale Selbstverwaltung, auf ein Schottland, das sich für mehr Einwanderer öffnet, auf ein weltoffenes Schottland, das anderen Völkern Beistand leistet. „Ein zuhörendes Schottland“, wie einer meinte, „in dem wir uns Unsicherheiten eingestehen dürfen, in dem mein Sohn eine Zukunft hat.“

Auf dieser Reise, die uns von Glasgow bis zum Pentland Firth im hohen Norden führte, sprachen wir mit einigen hundert Menschen. Was uns am meisten auffiel: Nicht eine einzige Person glaubte, ihre Hoffnungen seien innerhalb der Union mit England zu realisieren (dabei waren nur wenige stramme SNP-Anhänger). Sie hatten keineswegs immer recht. Zumindest einige ihrer Forderungen könnte – bei fortschreitender Devolution – auch eine selbstbewusstere Regierung in Edinburgh erfüllen. Aber dass so viele Leute daran nicht mehr glauben, ist ein Beleg für das fast schon erschreckende Scheitern der Kampagne „Better Together“, mit der das Nein-Lager die Vorzüge der englisch-schottischen Union propagiert. Ganz im Gegensatz zu der „Project Fear“-Kampagne, die oft verächtliche und zuweilen groteske Parolen auffährt.5

Es ist durchaus denkbar, dass bei dem Referendum im September kein Ja zur Unabhängigkeit herauskommen wird. Und doch hat das Ja-Lager bereits jetzt einen überwältigenden Erfolg errungen, und der könnte sich auf lange Sicht als wichtiger erweisen.

Die Union von 1707 wurde von der Realität überholt. Das Vereinigungsgesetz ist Geschichte, seit 1999 das „wiedereinberufene“ schottische Parlament in Edinburgh zusammentrat. Die alte „Union“ (mit großem U) wurde ersetzt durch eine informelle „union“, die von London und Edinburgh laufend verändert und ausgestaltet werden kann. Nichts ist derzeit fest, nichts ist stabil, und die Flut von Debatten und Selbstbefragungen, zu denen das Referendum die schottische Bevölkerung animiert hat, wird weiter anschwellen und ist auch durch ein Nein-Votum nicht mehr zu stoppen. Zum ersten Mal werden viele Schotten lernen, die Unabhängigkeit als schlichtes Gebot der Vernunft zu sehen – als Ausweg aus dem zunehmend unfruchtbaren Gerangel mit London.

Einige Vorteile einer vollen Unabhängigkeit sind unmittelbar einleuchtend, wenn auch nicht exakt zu beziffern. Da ist zunächst die Kontrolle über die natürlichen Ressourcen, vor allem Öl und Gas. Das Peak-oil-Gerede, das ein baldiges Versiegen der schottischen Energiequellen voraussagt, führt in die Irre. Die Reserven sind mehr als ausreichend, um die dicken Brocken zu finanzieren, die ein unabhängiges Schottland zu stemmen hätte: den Aufbau einer stabileren, stärker diversifizierten Wirtschaft, die Rettung „aufgegebener“ postindustrieller Gemeinden, die Wiederbesiedlung abgelegener Gebiete und eine umfassende Landreform, eine stimmige Lösung der schockierenden Probleme im Gesundheitswesen.

Ein weiterer dicker Brocken ist die Reform der Institutionen. Drei Jahrhunderte lang lag die Macht in Ermangelung eines Parlaments in der Hand verschiedener Blöcke – die häufig Gutes bewirkten, aber niemandem Rechenschaft schuldig waren und nur selten demokratisch. Das ist ein Problem, das England nicht kennt. Die wichtigsten dieser Machtblöcke sind der Verband der schottischen Lokalbehörden Cosla (Convention of Scottish Local Authorities), die schottische Anwaltskammer (Faculty of Advocates) und die Lehrergewerkschaft EIS (Educational Institute of Scotland), die löbliche Dinge macht, aber ein Monopol ausübt. Und auch die Church of Scotland kann man dazuzählen.6

Die unbegrenzte Macht dieser Oligarchien wurde durch den Devolutionsprozess nicht angetastet. Sie zu entmachten und in ein demokratisches System zu integrieren, könnte (ich sage bewusst nicht: würde) nur eine unabhängige schottische Regierung wagen.

Der zweite Vorteil: Ein unabhängiges Schottland wäre direkt mit der Welt verbunden. Schottland würde zum eigenständigen EU-Mitglied, seinen besonderen Bedürfnissen und Prioritäten gemäß, und hätte direkten Zugang zu allen globalen Institutionen. Nebenbei: Die in London beschworene Gefahr, die EU könnte in einer Zeit, da das Vertrauen ihrer Bürger auf einem Tiefpunkt angelangt ist, ausgerechnet eines ihrer loyalsten, wohlhabendsten und ältesten Mitglieder ausschließen, kann man nur als absurden Bluff bezeichnen. Und selbst wenn Brüssel die schottische Mitgliedschaft vorübergehend aussetzte, könnte Edinburgh diese Zeit nutzen, um unbehelligt von den neoliberalen EU-Verboten öffentlicher Subventionen einige größere staatliche Aufgaben anzupacken. In Europa würde Schottland zur großen Gruppe kleinerer EU-Staaten mit etwa 5 Millionen Einwohnern gehören. Innerhalb dieser Gruppe würde man allerdings zu den reicheren Staaten zählen, aber wie die anderen auch der Nato angehören (jedoch ohne Atomwaffen).

Ein dritter Vorteil: Die Unabhängigkeit würde die Parteienlandschaft verändern und zugleich die Parteien demokratischer machen. Die Scottish Labour Party wäre nicht mehr von London kontrolliert und dürfte wohl ihre Führung auswechseln. Sie würde aus dem Neoliberalismus der Post-Blair-Ära aussteigen und – getreu ihrer schottischen Tradition – zu einer etatistischeren Linie zurückfinden.

Eine „befreite“ schottische Labour Party hätte durchaus Chancen, nach einigen Jahren der Unabhängigkeit die SNP aus der Regierung zu verdrängen. Entsprechend könnten die Scottish Conservatives, wenn sie erst einmal das Stigma der „Unionisten“ losgeworden sind, das große Reservoir der schottischen Rechten zurückgewinnen, das heute kaum noch politisch repräsentiert ist.

Vor allem aber wäre in einem unabhängigen Schottland garantiert, dass Leute regieren, die vom Volk gewählt worden sind – was bei dem notorischen „demokratischen Defizit“ der Union derzeit nicht gewährleistet ist. Damit könnten sich die Schotten – der vierte Vorteil – eine neue Verfassung geben. Das Volk würde also endlich zum Souverän im üblichen europäischen Sinne (was in England durch die verquere Doktrin des parlamentarischen Absolutismus verhindert wird). Das eröffnet auch die Möglichkeit, die Befugnisse der lokalen Selbstverwaltung zu stärken (Subsidiaritätsprinzip), wie es einem Land mit ausgeprägten und heiklen regionalen Unterschieden angemessen wäre. Und nicht zuletzt würde Schottland endlich eine geschriebene Verfassung bekommen, die einklagbare Rechte begründet – für Europäer eine ganz normale Sache, die aber der englischen Rechtstradition völlig fremd ist.

So weit die Pull-Faktoren, die positiven Gründe für die Unabhängigkeit. Und jetzt zu den Push-Faktoren, den Negativargumenten, die Schutz gegen eine Bedrohung versprechen: eine Art „Rettungsboot“-Option, die uns vor dem nahenden Unheil bewahren soll.

Manche dieser Push-Argumente sind sehr stark. Deshalb ist es erstaunlich und fast schon rührend, dass die offizielle und die inoffizielle Ja-Kampagne darauf verzichten, dem Unheil prophezeienden „Project Fear“ des Nein-Lagers eine eigene Horrorsaga entgegenzusetzen.

Was kommt auf uns zu, wenn eine Mehrheit in Schottland – wie knapp auch immer – nein zur Unabhängigkeit sagt? Wahrscheinlich eine weitere konservativ geführte Regierung in Westminster, die 2017 ein EU-Referendum abhalten wird. Sollte das negativ ausgehen, würde Schottland gegen seinen Willen aus der Europäischen Union verstoßen. Außerdem würden im britischen Süden – im Zuge der Privatisierung staatlicher Aufgaben – die letzten Reste des Sozialstaats zerschlagen und folglich auch im Norden die Sozialbudgets zusammengestrichen, denn die Haushaltszuschüsse für Schottland sind an die gesamtbritischen Staatsausgaben gekoppelt.7 Dann wären die stolzen, aber teuren Errungenschaften der Devolution – wie Lehrmittelfreiheit, kostenlose Arzneimittel und häusliche Krankenversorgung – kaum noch aufrechtzuerhalten. Schlimmer noch: Selbst die Unabhängigkeit des staatlichen Gesundheitssystems wäre in Gefahr. Bislang hat es der schottische National Health Service (NHS) noch geschafft, die chaotische Entwicklung zu vermeiden, die den englischen NHS durch künstliche Konkurrenz, betriebswirtschaftliche Kalküle und Privatisierungsmaßnahmen zugrunde gerichtet hat.

Die für den Erhalt der Union kämpfenden Parteien versprechen Edinburgh im Fall eines Neins „mehr Befugnisse“. In Schottland hat man da gewisse Zweifel. Aber selbst wenn sie sich einigen können, was „mehr Devolution“ konkret bedeutet, wird es höchstens marginale Zugeständnisse in puncto steuerlicher Sonderregelungen geben, wie sie bereits der Scotland Act von 2012 erlaubt – und die halten die meisten Beobachter inzwischen für hoffnungslos überholt.

Bessere Sozialdemokraten, bessere Europäer

Wie ich die Politiker in Westminster kenne, werden sie nach dem Referendum sagen: „Das hätten wir hinter uns: Die Schotten hatten ihren Willen. Jetzt können wir sie vergessen und uns wieder den wichtigen Dinge zuwenden: der Londoner Immobilienblase und der Frage, wer Ed Miliband an der Spitze der Labour Party ablösen wird.“

Die Schlagkraft der Push-Argumente beruht auf einer Mischung aus realen Ängsten und moralischer Abscheu. Es handelt sich um eine Art von kulturellem Ekel vor jenem Großbritannien, das die gegenwärtige Koalitionsregierung und ihre Vorgänger anstreben. Doch die meisten Schotten wollen nicht ständig um ihren Job bangen, sie wollen nicht in einer Gesellschaft mit wachsender Ungleichheit leben, mit sinkenden Reallöhnen, mit „zero-hours“-Arbeitsverträgen,8 die ein ganz neues Proletariat schaffen, mit karitativen „food banks“ für die Armen und mit Bettlern am Eingang jeder Bankfiliale. Die Kluft zwischen privatem Reichtum und öffentlicher Armut gilt in Schottland, wo man Gleichheit und Fairness als nationale Werte hochhält, immer noch als anstößig.

Bei seiner verzweifelten Suche nach „britischen Werten“ hat der Schotte Gordon Brown irgendwann vorgeschlagen, den National Health Service – die größte aller britischen Errungenschaften – als Eckstein des Patriotismus zu definieren. Der verstorbene Historiker Tony Judt sah in den drei „glorreichen“ Dekaden der Nachkriegszeit, die Westeuropa Frieden, soziale Sicherheit, wachsenden Wohlstand und zunehmende Gleichheit brachten, eines der wichtigsten Erfolgskapitel der Menschheitsgeschichte.9 Das war es auch für Großbritannien, bis Margaret Thatcher kam. In Schottland hat sich die Regierung seit der Devolution Ende der 1990er Jahre bemüht, einen Restbestand dieses britischen Nachkriegskonsenses zu schützen und zu bewahren. So gesehen ist die schottische SNP „britischer“ als alle anderen Parteien.

Thatcher, Major, Blair und Cameron, sie alle tragen eine Mitschuld daran, dass dieser Konsens aufgekündigt und die öffentlichen Dienstleistungen der Reihe nach abgeschafft wurden. Kein Wunder, dass Schotten gelegentlich das auf die USA gemünzte Bonmot von Gore Vidal zitieren: „Wir haben eine Partei mit zwei rechten Flügeln.“ Von den schottischen Wählern, die vor dreißig Jahren für die Unabhängigkeit waren, bekannte sich ein Großteil zugleich als treue Anhänger der Labour Party, die von der Unabhängigkeit nichts wissen wollte. Damals bedeutete ihnen die Klasse noch mehr als die nationale Frage. Aber dann kam die vernichtende Wahlniederlage von 2011.

Das Überlaufen so vieler Labour-Wähler zur SNP zeigte auch, dass diese widersprüchliche, ja schizophrene Haltung zu bröckeln begann. Dabei wurde die Bereitschaft, jetzt eine Partei zu wählen, die tatsächlich auf die Unabhängigkeit hinarbeitet, durch die Blair’sche Außenpolitik (Irak) gefördert. Und noch mehr durch eine Labour-Politik, die man als Fortsetzung des „Thatcherismus“ wahrnahm und die in London und nicht in Schottland beschlossen wurde.

Heute begegne ich überall in Schottland Männern und Frauen, die mir sagen: „Ich könnte nicht bei der SNP sein. Ich traue Alec Salmond nicht. Aber ich muss meine alten Ideen überdenken. Ich bin nicht sicher, aber ich kann mir kaum vorstellen, mit Nein zu stimmen.“ Es sind angestammte Labour-Wähler, die so reden. Und genau sie sind es, die der Nein-Kampagne wirklich Kopfzerbrechen bereiten.

„Sozialdemokratie in einem Lande“, ist es das, was sie wollen? Und ist das überhaupt denkbar im Europa des Jahres 2014, in einer durch die Bankenkrise geschockten und durch die Sparpolitik ausgezehrten EU? Aber ist dies überhaupt das Wunschziel der Schotten – oder sehnen die sich nur nach Großvaters altem Schottland zurück, nach dem schützenden Staat und einem großen, gut gepolsterten öffentlichen Sektor?

Nach unserer Reise sehe ich das entschieden anders. Was wir erlebt haben, war eine richtige Aufbruchsstimmung. Die Leute, mit denen wir sprachen, sind von einer einzigartigen Energie erfüllt. Und sie wollen ein neues Land. Sie reden von Innovationen, von Ideen für einen Wandel, von neuen Konzepten zur Energiefrage, zum Meeresboden, zur Einwanderung, zum Justizwesen. Und auch die Fehler, die sie überwinden wollen, sind keine „britischen“, sondern schottische: Wir sind zu selbstgerecht, zu schnell beim gegenseitigen Zensurengeben; wir sagen lieber: „Das wurde immer so gemacht“, statt etwas Neues zu versuchen.

Übrigens hasste keiner von diesen Leuten die Engländer. Wohl aber meinten viele, wie die Frau in Clydebank: „Die in Westminster haben offenbar keine Ahnung über mich oder über uns.“ Oder wie der Mann in Inverness: „Wir sollten aufhören, Pächter auf unserem eigenen Land zu sein.“ Oder wie der Mann in Alexandria: „Zwischen London und uns liegen Welten; die verstehen uns einfach nicht.“

Die Stimmung war offen für Modernisierung und Risikobereitschaft, alles andere als protektionistisch. Könnte eine „britische Föderation“ diese Stimmung zurückdrängen, wie Gordon Brown meint? Keine Chance. Zum einen weil eine Föderation, die nur dazu gedacht ist, eine Sezession aufzuhalten, nicht überleben würde – und es auch nicht verdiente, weiterzubestehen. Zum anderen, weil eine Föderation, in der ein Staat 85 Prozent der Bevölkerung stellt, so absurd ist wie ein Elefant im Ehebett.

Eine Föderation könnte funktionieren, wenn England bereit wäre, sich in kleinere Bundesstaaten aufzugliedern. Aber die Engländer haben demonstriert, dass sie einen Einheitsstaat unter Londoner Direktherrschaft vorziehen. Warum, weiß der Himmel, aber es ist ihr gutes Recht. Die Seele einer Föderation ist letzten Endes jedoch die Verpflichtung, den Lebensstandard in allen Mitgliedstaaten einigermaßen anzugleichen. Aber kann man sich eine Londoner Bundesregierung vorstellen, die unter Berufung auf die Verfassung dafür sorgt, dass Oxfordshire zig Millionen Pfund an das nordenglische County Tyne and Wear überweist? Das wäre wahrlich unbritisch!

Und noch zwei Hinweise: Erstens sind die Vorstellungen der Schotten über eine Verfassung fünfzig Jahre lang unglaublich stabil geblieben. Eine breite Öffentlichkeit wünscht sich nichts anderes, als dass Schottland sich selbst regiert wie andere kleine Nationen auch. Wenn möglich, innerhalb des Vereinigten Königreichs. Doch wenn das nicht möglich ist, dann eben nicht. In dem Fall wird eine „wirkliche Selbstregierung“ wohl nur über die Unabhängigkeit erreichbar sein. Zwar würde eine „maximale Devolution“, sprich volle Autonomie minus Außen- und Verteidigungspolitik, dieser Wunschvorstellung weitgehend entsprechen. Aber diese Option steht im September nicht auf den Stimmzetteln. Deshalb wird eine unbekannte Zahl von Leuten mit Ja stimmen, ohne sich Unabhängigkeit pur zu wünschen.

Eine zweite Bemerkung, weil ich auch die beiden früheren Kampagnen, die 1979 und 1997 aus Anlass der Volksabstimmungen über Schottlands Selbstregierung stattfanden, beobachtet und mitgemacht habe. Die Stimmung in diesem Jahr 2014 ist anders. Nicht nur wegen der überragenden Bedeutung dieser Entscheidung für die kommenden Generationen, sondern weil diese Kampagne einen Emanzipationsprozess beflügelt hat, der die Menschen in Schottland tiefgreifend und auf Dauer verändert hat. Man sieht es nicht nur an der Art und Weise, wie sie ihr kleines Land beurteilen, sondern auch daran, dass sie sich zutrauen, es zu verändern.

Eine Frau in Clydebank hat es so ausgedrückt: „Der Geist ist aus der Flasche, und nichts kriegt ihn wieder hinein.“ Egal wie das Referendum vom 18. September ausgeht, am Morgen des 19. September wird Schottland bereits eine Art von Unabhängigkeit erlangt haben.

Fußnoten: 1 Die britische Seekriegsflagge kombiniert das Sankt-Georgs-Kreuz der englischen Flagge mit dem britischen Union Jack (im linken oberen Viertel). 2 So beginnt Walter Scotts Poem „The Lay of the Last Minstrel“ („Ballade des letzten Barden“, 1805). 3 Der verfassungsrechtliche Begriff „devolution“ bezeichnet die Verlagerung gesetzgeberischer Kompetenzen vom zentralen Parlament in Westminster auf gewählte Vertretungen in Schottland, Nordirland und Wales. 4 Schottland hat einen eigenen Fußballverband und ein eigenes Nationalteam, das von 1884 bis 1984 zusammen mit England, Wales und Nordirland die „British Home Championship“ austrug. So kam es jedes Jahr zu einem Prestigeduell mit England. Die legendären Siege Schottlands auf dem feindlichen Boden des Londoner Wembleystadions (1928, 1961, 1967 und 1977) sind fester Bestandteil des schottischen Nationalbewusstseins. 5 Die Organisation „Better Together“, die für ein Nein im Referendum wirbt, wird getragen von den schottischen Sektionen der Labour Party, der Conservative Party und der Liberal Democrats. Seit Juni 2014 setzt das Nein-Lager stärker auf den Slogan „No thanks“ und bedient sich zunehmend der Argumente der „Project Fear“-Kampagne. 6 Die presbyterianische Church of Scotland ist seit 1926 nicht mehr offizielle Staatskirche wie die Church of England. 7 Nach der „Barnett-Formel“ belaufen sich die Zuschüsse an Schottland auf einen bestimmten Prozentsatz an den gesamtbritischen Staatsausgaben. 8  Zero-hour-contracts sind Verträge, die den Arbeitnehmer verpflichten, ständig auf Abruf des Unternehmens bereit zu stehen. Garantiert sind ihm null Arbeitsstunden, bezahlt wird er für die Zeit, für die er angefordert wurde. In Großbritannien gibt es derzeit 1,4 Millionen solcher superflexiblen „Stundenarbeiter“. Siehe The Guardian, 30. April 2014. 9 Tony Judt, „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“, München (Hanser) 2006, S. 362 ff. Aus dem Englischen von Niels Kadritzke Neal Ascherson ist Autor und Journalist. © Prospect, August 2014, für die deutsche Über- setzung Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 07.08.2014,