Japan und sein Schrein des Anstoßes

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Japan und sein Schrein des Anstoßes

Ehrenbezeugungen für Kriegsverbrecher und verhungerte Soldaten von Tetsuya Takahashi

Am 20. Juli 2006 veröffentlichte die Zeitung Nihon Keizai Shimbun posthum das Tagebuch von Tomohiko Tomita. Der ehemalige Großhofmeister des kaiserlichen Hofamts hatte darin notiert, dass der verstorbene japanische Kaiser Hirohito im Jahre 1978 beschloss, den Yasukuni-Schrein, eine Art soldatisches Ehrendenkmal, nicht mehr aufzusuchen. Auslöser sei die Entscheidung der Leitung des Schreins gewesen, auch vierzehn Kriegsverbrecher der „Klasse A“ in die Heldenverehrung einzubeziehen. Die Männer waren vom Internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten – die „Prozesse von Tokio“ dauerten vom Mai 1946 bis November 1948 – zum Tode verurteilt worden. Sieben von ihnen wurden hingerichtet, darunter der Ministerpräsident und frühere General Hideki Tojo. Die anderen starben im Gefängnis.

Der Yasukuni-Schrein war 1869 auf „heilige Anordnung“ des Kaisers Meiji in der neuen Hauptstadt Tokio errichtet worden, um die Kriegsgefallenen zu verehren, die in den Machtkämpfen zwischen dem Tokugawa-Shugonat und Kaiser Meiji auf dessen Seite gekämpft hatten. Während der Meiji-Ära (1868–1912) entwickelte sich Japan vom Feudalstaat zu einer modernen imperialen Großmacht.

In diesem einzigartigen, der Armee unterstehenden Heiligtum werden seitdem alle im Ausland gefallenen Angehörigen und Helfer der ehemaligen japanischen Armee in Listen geführt, ein „Seelenregister“ von insgesamt etwa 2 460 000 Toten: Es beginnt mit den Namen der Verstorbenen aus dem ersten Auslandsfeldzug des modernen Japan – der Taiwan-Expedition von 1874 – und endet mit der Kapitulation nach dem Pazifikkrieg von 1941 bis 1945.1

In der Ära „Großjapans“ war der Tenno, an dessen „göttlichem Ursprung“ nicht gezweifelt werden durfte, zeremonielles Oberhaupt des Staates und Oberbefehlshaber der Armee. Seine japanischen Untertanen und die Bevölkerung in den Kolonien galten als seine Diener. Die „nationale Moral“ bestand darin, „sich in Zeiten nationaler Krisen unter Missachtung des eigenen Lebens dem Kaiser und dem Staat zu weihen“. So wurde jeder der im „heiligen Krieg“ gefallenen Soldaten zu einem Vorbild für die Nation. Infolgedessen sollte der Yasukuni-Schrein auch dazu dienen, die Moral der Truppe zu heben und die spirituelle Mobilmachung der gesamten Nation zu befördern.

Nach der Kapitulation galt der Schrein als „Symbol des japanischen Militarismus“ und als „Kriegsheiligtum“. Im Dezember 1945 wurde er, dem „Shinto-Dekret“ des Hauptquartiers der Alliierten folgend, der staatlichen Kontrolle entzogen. Er wird bis heute von einer religiösen Organisation geführt und ist damit wie die katholischen Kirchen oder buddhistischen Tempel eine private Institution, gemäß dem Prinzip der Trennung von Staat und Religion nach der Verfassung von 1946.

Ein diplomatisches Problem für China und Korea

Von seiner Ernennung im Jahre 2001 bis zu seiner Entlassung im Jahre 2006 besuchte Ministerpräsident Junichiro Koizumi den Yasukuni-Schrein an jedem 15. August – in Japan der Tag der Kapitulation, in China der Tag des Sieges über Japan und in Korea der Tag der Befreiung von der japanischen Kolonialherrschaft. Diese Besuche wurden zum größten diplomatischen Problem für Tokio gegenüber Peking und Seoul. Koizumi gab sich jedoch als unbeugsamer Vertreter der Position Japans und wies die ausländische Kritik zurück.

Viele Politiker und Journalisten haben laut darüber nachgedacht, ob man die Namen der Kriegsverbrecher aus dem Schrein entfernen könne. Sie führten Tomitas Tagebücher an und erklärten, „wenn selbst Kaiser Hirohito sich weigerte, den Schrein zu besuchen (…), weil dort Kriegsverbrecher verehrt werden, muss auch Ministerpräsident Koizumi damit aufhören“. Dabei verschleiern die Tagebücher Tomitas ihrerseits viele Details aus der Vergangenheit.

Auch wenn die Ministerpräsidenten, die nach dem Krieg den Schrein aufgesucht haben, die japanische Kriegsschuld nie offen bestritten haben, so sind deren offizielle Besuche dort doch eine unmissverständliche symbolische Geste. Dabei hat Koizumi im Namen der japanischen Regierung die Erklärung von Ministerpräsident Murayama 1995 ausdrücklich bestätigt, in der dieser sein „tiefes Bedauern zum Ausdruck“ brachte und sich „von ganzem Herzen für die unermesslichen Leiden und die Schäden“ entschuldigte,die Japan seinen Nachbarn zugefügt hatte.

Dennoch behauptet die Leitung des Yasukuni-Schreins nach wie vor, es habe sich um einen „Krieg zur Verteidigung und zum Überleben“ Japans und zur Befreiung Asiens von der westlichen Kolonialherrschaft gehandelt; demzufolge seien alle sogenannten Kriegsverbrecher, ob Klasse A, B oder C, „zu Unrecht angeklagt“. Sie seien nur durch ein einseitiges Urteil der Siegermächte zu „Kriegsverbrechern“ gemacht worden.

Dass das Problem allein darin bestehen soll, dass die Kriegsverbrecher der Klasse A in die Gedenkfeiern des Schreins aufgenommen wurden, ist eine Verkürzung der Debatte. Dann bräuchte man nur ihre Namen zu entfernen, und das Problem wäre gelöst. Das genügt aber nicht. Der Begriff „Kriegsverbrecher der Klasse A“ wurde für die Verurteilung japanischer Regierungsmitglieder verwendet. Die zur Verhandlung stehenden Verbrechen fielen in den Zeitraum der Mandschurei-Krise 1931 (und deren Vorbereitung seit 1928) bis zum Pazifikkrieg, das heißt von Januar 1928 bis August 1945. Mit anderen Worten: Die Vorgeschichte der japanischen Aggression in Asien, der Aufbau eines Imperiums mit zahlreichen Kolonien, darunter Korea und Taiwan, wurde nicht infrage gestellt.

Dabei spielt es sicher eine Rolle, dass von den Alliierten, die kurz nach dem Krieg über Japan zu Gericht saßen, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, die Niederlande und Frankreich selbst Kolonialmächte waren. Sie waren weder Willens noch in der Lage, Japan für seine Kolonialherrschaft zu verurteilen.

In Taiwan unterdrückte die japanische Kolonialherrschaft zunächst die chinesischstämmigen Taiwanesen, die zu bewaffneten Aufständen gegen die Besatzer aufgerufen hatten. Anschließend wurden dann die indigenen Taiwanesen, die Widerstand leisteten, bekämpft.

Korea wurde ab 1876 militärisch angegriffen. Jegliche Rebellion in dieser Kolonie wurde ebenfalls im Keim erstickt. Die japanischen Offiziere und alle, die im Kampf gefallen waren, wurden unter die Gottheiten des Yasukuni-Schreins aufgenommen. Indem man sie bis heute als Helden verehrt, leugnet man die japanische Kolonialherrschaft.

Das betrifft nicht nur Revisionisten der extremen Rechten, sondern auch „fortschrittliche Intellektuelle“, die ansonsten die Schuld der Kriegsverbrecher der Klasse A anerkennen. Ihrer Ansicht nach ist es Japan in der Meiji-Ära gelungen, mit den westlichen Mächten gleichzuziehen und bemerkenswerte Erfolge zu erzielen. Erst später, in den 1920er-Jahren, sei Japan dem Bösen erlegen. Mit anderen Worten: Bis zum Ersten Japanisch-Chinesischen und zum Russisch-Japanischen Krieg, das heißt bis Anfang des 20. Jahrhunderts, war die japanische Armee in Ordnung. Erst mit Beginn des zweiten Angriffs auf China, also nach 1930, sei sie degeneriert.

Bei der Präsentation des Tagebuchs von Tomita vor der Presse wurde besonders betont, dass „der Kaiser Showa (Hirohito) aufgehört hatte, den Yasukuni-Schrein zu besuchen, weil es ihm unangenehm war, dass dort Kriegsverbrecher der Klasse A verehrt wurden“. So erschienen plötzlich nur noch diese Kriegsverbrecher als Schuldige, und die Verantwortlichkeit des Kaisers stand nicht mehr zur Debatte.

Auch die Prozesse von Tokio hatten ähnlich funktioniert: Kaiser Hirohito wurde nicht angeklagt, obgleich er der höchste Machthaber Japans und Oberbefehlshaber der Streitkräfte war. Nach dem Krieg blieb er auf dem Thron und wurde zum „Symbol Japans und der Einheit der japanischen Nation“ (Artikel 1 der Verfassung) ernannt, weil ihn die USA aus Angst, die Japaner könnten ins kommunistische Lager wechseln, für ihre Zwecke instrumentalisieren wollten. Die Schuld des Kaisers, die damals versteckt und geleugnet wurde, wird mit der aktuellen Debatte ein weiteres Mal verdrängt.

Der Yasukuni-Schrein verfälscht auch die tatsächliche Herkunft der toten Soldaten der japanischen Armee: 20 000 Koreaner und fast ebenso viele Taiwanesen sind im Kampf gefallen – insgesamt waren es fast 50 000 Tote. Im Zuge seiner Politik der Eingliederung ins Kaiserreich, die faktisch eine Assimilationspolitik war, forderte Japan von Koreanern und von Taiwanesen, „dem Kaiser und dem Staat zu dienen und für ihn zu sterben“. Selbst den „Freiwilligen“ dürfte es vor allem darum gegangen sein, sich der ethnischen Verfolgung zu entziehen – es bedeutet nicht, dass sie den Shinto-Glauben übernommen hatten.

Im Jahre 1978 waren es die Verwandten eines taiwanesischen Soldaten, die erstmals verlangten, dass sein Name aus dem kollektiven Gedenken entfernt werde. Danach stellten koreanische Familien das gleiche Ansuchen, und es kam zu Gerichtsprozessen. Die Familien erklärten, die Feier des Verstorbenen „im Herzen [dieses] Symbols des Militarismus des Angreifervolks, an den Seiten der Angreifer, die uns überfallen und während der Kolonialzeit beherrscht haben, stellt eine ganz und gar unannehmbare Schmach dar“. Bis heute hat die Leitung des Schreins sich mit folgender Argumentation geweigert, diesen Forderungen zu entsprechen: „Da sie bei ihrem Tod Japaner waren, ist es unmöglich, dass sie es nach ihrem Tod nicht mehr sein sollen.“2

Man muss an dieser Stelle auch an die zivilen Todesopfer der Schlacht um Okinawa im Frühling 1945 erinnern. Das zwischen Japan und China gelegene, ehemals unabhängige Inselkönigreich Riukiu wurde 1879 in der ersten Periode der modernen japanischen kolonialen Expansion zerstört. In der Endphase des Pazifikkriegs mobilisierte die japanische Armee die Zivilbevölkerung im Namen einer vorgeblichen „Einheit zwischen Volk und Armee“. In der tragischen Schlacht um Okinawa fanden etwa 100 000 Zivilisten den Tod, von denen viele als Spione hingerichtet oder von der Armee zu „kollektiven Selbstmorden“ gezwungen wurden. Ein großer Teil dieser Toten wird im Yasukuni-Schrein verehrt.3

So werden die Kriegsopfer der japanischen Armee zu Kollaborateuren gemacht. Von den 2 460 000 verehrten Toten sind 2 Millionen im Pazifikkrieg ums Leben gekommen, davon mehr als die Hälfte jedoch nicht bei Kampfhandlungen, sondern weil sie verhungert sind. Die meisten Soldaten, die Japan zum Beispiel nach Neuguinea geschickt hatte, verirrten sich im Dschungel und verhungerten, nachdem sie ihre Lebensmittelvorräte aufgebraucht hatten; ihre Leichen verwesten im tropischen Urwald.

Man hat Tomitas Tagebücher benutzt, um ein Ende der offiziellen Besuche im Yasukuni-Schrein zu fordern. Mittel- und langfristig könnten sie aber auch einen gegenteiligen Effekt erzielen. Etliche einflussreiche Politiker, darunter der ehemalige Außenminister Taro Aso, haben die Verstaatlichung des Schreins gefordert, damit ihn der Kaiser wieder besuchen könne.

1968 und zwischen 1970 und 1973 hatte die regierende liberaldemokratische Partei LPD dem Parlament immer wieder einen „Gesetzesvorschlag zur staatlichen Schirmherrschaft über den Yasukuni-Schrein“ unterbreitet. Stets hatte sich Opposition durchgesetzt, die „die Gefahr einer Rückkehr zum Militarismus“ befürchtete.

Heute, dreißig Jahre später, erklären einflussreiche Politiker der LPD: „Der einzig mögliche Weg, um die Kriegsverbrecher der Klasse A per Staatsbeschluss zu entfernen, das Einverständnis Chinas und Südkoreas zu erlangen und endlich die Besuche des Ministerpräsidenten und vor allem des Kaisers zu ermöglichen, besteht darin, den Yasukuni-Schrein zu verstaatlichen.“

Das passt zu der aktuell vorgeschlagenen Verfassungsänderung, mit der man den Artikel 9 [der Kriegsführung untersagt] abändern und die Existenz einer „Verteidigungsarmee“ eindeutig festschreiben will. Damit wäre das Verbot bewaffneter Gewaltanwendung aufgehoben, „um den Frieden in der Welt zu sichern“. Der jetzige Ministerpräsident Shinzo Abe hat bereits seine Bereitschaft bekundet, diese Verfassungsänderung im Laufe seiner Amtszeit umzusetzen. Anlässlich der Entsendung von Truppen der Selbstverteidigungsstreitkräfte in den Irak entbrannte prompt eine interne Debatte in der Armee, ob es möglich sein werde, die Gefallenen im Yasukuni-Schrein zu ehren.

Es sieht ganz danach aus, als beabsichtige die japanische Regierung, zu Beginn des 21. Jahrhunderts abermals eine „japanische Armee“ zu etablieren, gestützt vom Yasukuni-Schrein als Nationalheiligtum.

Fußnoten:

1 Im Yasukuni-Schrein werden keine Toten beerdigt, sondern die Seelen der Gefallenen als „kami“ (göttliche Wesen) verehrt. 2 Erklärung des zweiten Oberpriesters von Yasukuni von 1978. 3 Man versprach ihren Familien im Jahre 1985 Pensionszahlungen zur Entschädigung.

Aus dem Französischen von Sabine Jainski

Tetsuya Takahashi ist Professor an der Universität Tokio. Dieser Text ist die Kurzfassung eines Vortrags an der Universität Paris VIII (Vincennes – Saint-Denis) vom 2. Dezember 2006. Die Langfassung erscheint demnächst in: Matériaux pour l’histoire de notre temps, Bibliothèque de documentation internationale contemporaine.

Le Monde diplomatique vom 09.03.2007, von Tetsuya Takahashi

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