Museum am falschen Ort

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Museum am falschen Ort

Ein Museum der Toleranz in Jerusalem – welch schöne Idee. Leider will es das Simon-Wiesenthal-Zentrum in einem Hochhaus mit 24 Stockwerken einrichten, das ausgerechnet auf dem alten muslimischen Friedhof von Mamillah entstehen soll.

250 Millionen Dollar wird der Bau kosten. Regierung und Stadtverwaltung haben alle erforderlichen Genehmigungen erteilt. Die Vertreter der muslimischen Religionsbehörde sehen darin allerdings eine klare Verletzung ihrer Rechte. Unter britischem Mandat (von 1922 bis 1948) durfte der Friedhof nicht angetastet werden, und selbst das israelische Gesetz von 1951 über den „verlassenen Besitz“, das der Enteignung palästinensischer Flüchtlinge diente, schloss Friedhöfe und Moscheen von der Eigentumsübertragung aus.

Die Muslime mobilisierten in dieser Angelegenheit ihre „Brüder“ im Ausland. Im November 2006 reiste Sheikh Raed Salah, der Führer der Islamischen Bewegung in Israel, nach Ankara, um den Beistand der türkischen Regierung zu gewinnen. Auch die Arabische Liga protestierte gegen das Vorhaben, das „die Gefühle von Muslimen in der ganzen Welt zutiefst verletzt“.

Im Frühjahr 2006 verfügte der Oberste Gerichtshof einen Baustopp bis zur Entscheidung in der Hauptsache, aber die Arbeiten gehen weiter – hinter Sichtblenden. Nach israelischen Presseberichten1 sind bereits die Gebeine aus hunderten von Gräbern umgebettet worden. Das Wiesenthal-Zentrum macht unterdessen politischen Druck, um sein Projekt durchzusetzen.

Mamillah (arab. Ma’manu-llah, „göttliche Zuflucht“) ist der bedeutendste muslimische Friedhof Palästinas. Die Überlieferung sagt, dass hier unter anderem die Gebeine von Gefährten des Propheten Mohammed liegen.

Unter mameluckischer und osmanischer Herrschaft wurde der Friedhof mehrfach erweitert. Man findet hier Grabsteine mit sehr kostbaren Inschriften und auch einen Maqam – einen kleinen geheiligten Gebetsraum über dem Grab eines Gefährten des „Gesandten Gottes“. Heute ist der Maqam völlig verdreckt, mit Graffiti zugeschmiert und dient als Lager für Zementsäcke. Denn die israelischen Behörden untersagen es der muslimischen Religionsbehörde, sich um diese heilige Stätte zu kümmern. Seit dem Krieg von 1948 gehört Mamillah zu Westjerusalem.

Hundert namhafte israelische Hochschullehrer und Forscher, darunter fünf Träger des bedeutenden Israel-Preises, haben sich in einer Petition gegen das Projekt gewandt und die Befürchtung geäußert, damit werde „das Ansehen der Stadt Jerusalem, des Staates Israel und des jüdischen Volkes Schaden nehmen“. Sie verweisen darauf, dass der Übergriff auf einen muslimischen Friedhof die Empörung über Schändungen jüdischer Friedhöfe unglaubwürdig erscheinen lasse: „Es würde einen gewaltigen Skandal auslösen, wenn irgendwo in Europa eine öffentliche Einrichtung versuchte, auf dem Gelände eines jüdischen Friedhofs ein Wohn- und Geschäftshaus zu bauen.“ Sefi Ben-Yosef, einer der Unterzeichner, fügt hinzu: „Wären wir nicht alle äußerst empört, wenn etwa in Kairo ein Museum der Toleranz auf dem alten jüdischen Friedhof errichtet würde, der seit dem Mittelalter besteht?“

Professor Schimon Schamir, Nahostexperte an der Universität Tel Aviv und früherer Botschafter Israels in Ägypten und Jordanien, hat diese Initiative gestartet. Er betont, dass „es doch vollkommen paradox ist, ein Museum der Toleranz einzurichten auf der Basis intoleranten Verhaltens gegenüber den religiösen Gefühlen von Muslimen, für die dieser Ort so wichtig ist.“

Inzwischen hat das Oberste Gericht Israels die Jerusalemer Stadtverwaltung aufgefordert, die Frage zu beantworten, warum das Museum ausgerechnet auf Teilen eines Friedhofs errichtet werden müsse.

Amnon Kapeliouk

Fußnote:

1 Yerushalayim (Jerusalem), 24. November 2006

Le Monde diplomatique vom 09.03.2007, von Amnon Kapeliouk

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