Neue Regeln für den Erdölmarkt

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Neue Regeln für den Erdölmarkt

Energiekonzerne und Ölförderländer streiten über die Neuverteilung der Rohstoffreserven von Jean-Pierre Séréni

Am 4. Dezember 2006 überholte Chinas führende Erdölgesellschaft PetroChina die britisch-niederländische Shell und wurde, gemessen an der Börsenkapitalisierung, zum sechstgrößten Ölkonzern der Welt. Dabei ist das in Hongkong und an der Wall Street notierte Unternehmen nur eine Tochtergesellschaft des Staatskonzerns China National Petroleum Corporation (CNPC). Daneben sind zwei weitere chinesische Ölgesellschaften im Geschäft, die China Petroleum & Chemical Corporation (Sinopec) und die Chinese National Off-Shore Oil Company (CNOOC). 1999 operierten diese Unternehmen in Venezuela, Sudan, Aserbaidschan, Kasachstan, Birma und Indonesien, inzwischen sind sie in rund vierzig Ländern aktiv.

China und Indien, auf die ein Gutteil der steigenden Erdölnachfrage der letzten drei Jahre entfällt, versuchen sich bei ihrer Expansionspolitik abzustimmen. Das ist nur ein Anzeichen für die tiefgreifenden Umwälzungen, die sich derzeit in der Erdölbranche abspielen. Im öffentlichen Bewusstsein verschwindet dieser Wandel zumeist hinter dem ständigen Auf und Ab der Ölpreise, das die Spekulanten erregt und die Verbraucher in aller Welt verstört.

Am Anfang der Wertschöpfungskette, bei den sogenannten Upstream-Aktivitäten Exploration und Produktion, operieren nur wenige Akteure. Sie haben die weltweiten Erdöl- und Erdgasvorräte unter sich aufgeteilt. Zwischen den gestern noch tonangebenden Konzernen Exxon, Shell, BP, Total, Chevron und den nationalen Ölgesellschaften der Opec-Staaten haben sich die Kräfteverhältnissen in den letzten Jahren jedoch stark verschoben.

Die zehn größten nationalen Konzerne kontrollieren 53 Prozent der Erdöl- und Erdgasreserven, die privaten hingegen besitzen nur noch knapp 9 Prozent der Weltvorräte. Weitere 16 Prozent entfallen auf kleinere staatliche Unternehmen aus Ländern wie China, Indien, Brasilien oder Malaysia, wo die Nachfrage nach Erdöl ebenso exorbitant wächst wie die Wirtschaft insgesamt. Ein Fünftel entfällt auf unabhängige, vorwiegend westliche Privatfirmen, die viel kleiner sind als die großen Ölmultis und Staatsunternehmen.

Von den Opec-Mitgliedern1 abgesehen, schwinden bei allen anderen Akteuren die Eigenreserven unaufhaltsam dahin. Beunruhigend ist vor allem die Situation der unabhängigen Unternehmen, die heute 34 Prozent der Weltförderung bestreiten, aber nur über 22 Prozent der Weltreserven verfügen. Nicht viel besser steht es um die Staatsunternehmen aus den Nicht-Opec-Ländern (25 Prozent der Förderung, aber nur 16 Prozent der Reserven) und den privaten Konzernen (13 Prozent der Förderung, aber nur 9 Prozent der Reserven).

Drei von vier Erdölförderern befinden sich also in der höchst unkomfortablen Situation, dass sie mehr Erdöl fördern, als sie durch eigene Prospektion oder Zukauf von anderen Ölfirmen kontrollieren. Sie arbeiten „defizitär“, wie es im Branchenjargon heißt, weil sie nicht in der Lage sind, ihre Reserven wieder aufzufüllen. Wenn sie nicht bald an neue Lagerstätten kommen, steht ihre Existenz auf dem Spiel.

Dies gilt vor allem für die börsennotierten Gesellschaften, deren Aktienkurs von ihren Zukunftsperspektiven abhängt. Falls er absackt, sind feindliche Übernahmen nicht auszuschließen. So erklärt sich auch, dass die Erdölvorkommen bisweilen wissentlich überschätzt werden. Die Royal Dutch Shell etwa musste 2004 einräumen, dass sie ihre Eigenreserven um 20 Prozent „aufgehübscht“ hatte, um ihre Aktionäre zu beeindrucken.

Laut einer Studie der internationalen Consulting-Firma PFC Energy gehören 77 Prozent der Weltvorräte an Erdöl und Erdgas staatseigenen Unternehmen vorwiegend aus wichtigen Verbraucherländern. Dass sich die internationalen Ölgesellschaften mit den Regierungen der Erdöl exportierenden Länder ins Benehmen setzen, wird deshalb unabdingbar, schafft aber auch immer mehr Probleme.

Die letzten Konzessionen laufen demnächst aus

Bis in die 1970er-Jahre beruhte das übliche Geschäftsmodell auf Konzessionen, wobei die konzessionierten Vorkommen ins Eigentum der Ölgesellschaften überging. Diese rechtliche Form ist heute nur noch in den USA und europäischen Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden und Norwegen üblich. In Kolumbien, in Thailand und in der Golfregion dagegen laufen die letzten Konzessionsverträge, die der Verstaatlichungswelle der 1970er-Jahre nicht zum Opfer fielen, in den nächsten Jahren aus. Die Regierung von Abu Dhabi etwa hat ihre Vertragspartner bereits wissen lassen, eine Verlängerung der Konzessionen, die spätestens 2018 enden, sei ausgeschlossen.

Als Konzessionsersatz kam nach 1945 das „Production Sharing Agreement“ (PSA) auf: Gastland und Erdölfirma einigen sich vertraglich über die Prospektion, Exploration und Förderung von Erdöl oder Erdgas sowie über den zeitlichen Rahmen und geografischen Geltungsbereich, die Mindestinvestitionssumme und die Besteuerung der Gewinne. Der Investor zahlt eine Unterzeichnungsprämie und trägt das Risiko des Misserfolgs, teilt mit dem Gastland im Erfolgsfall aber den Gewinn. Die Förderfirma finanziert mit ihrem Anteil die Explorations- und Entwicklungskosten.

Für das Erdöl besitzende Land hat das PSA finanzielle wie auch politisch-rechtliche Vorteile. Die natürlichen Ressourcen bleiben Staatseigentum. Darüber sind sich in den Förderländern Linke wie Rechte, Nationalisten wie Islamisten einig. Dies gilt auch für den Irak, wo aber die internationalen Konzerne in der aktuellen Debatte über ein Ölgesetz, das Ende Februar vorgelegt wurde, auf möglichst umfassende Kontrolle drängen. Washington versuchte wiederholt, wenn auch bislang erfolglos, das Verstaatlichungsgesetz von 1972 außer Kraft zu setzen und zum Konzessionsregime zurückzukehren.

Mittels der PSA fanden die internationalen Ölgesellschaften erneut Zugang zu Ländern, die ihnen lange Zeit verschlossen waren, also Venezuela, Algerien, Birma, Iran und die ehemalige Sowjetunion. Das gelang ihnen in der Periode, in der die Ölpreise sehr niedrig lagen, die Opec auseinanderzubrechen drohte und die Erdöl exportierenden Länder kein Geld für Eigeninvestitionen hatten, um neue Bohrungen durchzuführen und das Versiegen der alten Quellen auszugleichen.

Damals saßen die Ölgesellschaften am längeren Hebel. Sie konnten für sich steuerrechtliche Vorteile herausschlagen, wobei sie manchmal überzogen. So setzte etwa Shell 1995 bei den gigantischen Erdgasfeldern von Sachalin II in Ostsibirien durch, dass dem britisch-niederländischen Konzern sämtliche Erträge so lange zustanden, bis er seine Investitionskosten amortisiert hatte. Im Herbst 2006 musste Shell einräumen, dass die Kosten statt der vertraglich vorgesehen 12 Milliarden Dollar nun mit 22 Milliarden Dollar zu Buche schlugen. Moskau hätte auf den ersten Dollar also fast doppelt so lange warten müssen wie ursprünglich angenommen, nämlich gute zehn Jahre. Für den Kreml war das völlig inakzeptabel, und so kaufte Russland zwei Monate später Sachalin II ohne viel Federlesen für eine geringe Summe zurück.2

Als die Ölpreise wieder anstiegen, mussten fast alle Förderfirmen mit Steuererhöhungen rechnen. Die „zusätzlichen Gewinne“ schrien förmlich nach einer Revision der bisherigen Verteilungsschlüssel. London hob den Steuersatz für Förderfirmen in der Nordsee 2002 von 30 auf 40 Prozent an und beschloss 2005 eine abermalige Erhöhung auf 60 Prozent. In den USA befürwortete der Haushaltsausschuss des Senats – noch mit republikanischer Mehrheit – eine zusätzliche Besteuerung der Ölgesellschaften. Auch die Demokraten propagieren mittlerweile höhere Lizenzgebühren und Steuern für Ölgesellschaften. Und dies mit guten Argumenten, denn die Abgaben für Ölgesellschaften liegen in den USA bei 40 Prozent, bei einem globalen Durchschnitt zwischen 60 und 65 Prozent.

Auch die großen Förderländer meldeten Ansprüche an. Sie sind zu Recht der Meinung, dass ihr Anteil am Kuchen im Vergleich zum Fiskus der Verbraucherländer, zu den Ölfirmen, Banken und sonstigen Finanzoperateuren zu klein ausfällt. Die Ölgesellschaften, die mit den Förderländern PSAs unterzeichnet hatten, sind generell mit einer Neuverhandlung ihrer Besteuerung einverstanden. Bei den gestiegenen Ölpreisen waren auch ihre Gewinne deutlich gewachsen. Doch Genaueres ist darüber nicht zu erfahren.

Ernsthafte Meinungsverschiedenheiten über die Höhe der Besteuerung gab es nur mit Venezuela, denn die Regierung in Caracas stellte die Verträge von sich aus infrage. Und dafür hatten Venezuelas Vertragspartner überhaupt kein Verständnis: „In unserer Branche häufen sich die Risiken, deshalb sind die Verträge mit unseren Gastländern für uns so wichtig. Auf dieser Grundlage tätigen wir Milliardeninvestitionen für einen Zeitraum von 25 Jahren und mehr“, erklärt Patrick Pouyanné, Direktor für Strategie, Wachstum, Forschung der Abteilung „Exploration und Förderung“ bei Total. Noch deutlicher formuliert es Branchenführer ExxonMobil. Für den nach Börsenkapitalisierung weltgrößten Konzern handelt es sich schlicht um „die Unverletzlichkeit des Rechts“ (sanctity of rights).

Die westlichen Erdölkonzerne können sich nicht entscheiden, ob sie Hugo Chávez oder Wladimir Putin als ihren gefährlichsten Gegner ansehen. Der venezolanische Staatspräsident, der seit 1999 im Amt ist, überzeugte seine Opec-Partner und Mexiko damals, die Fördermengen zu senken, damit der Rohölpreis, der infolge eines Fehlmanövers von Saudi-Arabien unter 10 Dollar gesunken war, wieder ansteigt. Das Konzept war erfolgreich. Die Ölpreise stiegen über fünf Jahre in Folge. 2002 konnte Chávez eine zweimonatige politisch motivierte Lahmlegung der nationalen Ölgesellschaft PVDSA beenden. Die Hälfte der 40 000 Beschäftigten hatte „gestreikt“, von denen anschließend 18 000 entlassen wurden.

Bernard Mommer, ein Mathematiker aus Oxford und anerkannter Erdölexperte, riet dem venezolanischen Staatspräsidenten damals zu Neuverhandlungen mit den ausländischen Ölgesellschaften. Sie hatten zuvor Verträge über Dienstleistungen abgeschlossen, die mit den Erträgen aus künftig entdeckten Ölvorkommen bezahlt werden sollten. Nun zwang sie Chávez, bei Unternehmen einzusteigen, an denen der Staat mit mindestens 60 Prozent beteiligt sein sollte. Alle Ölgesellschaften außer der italienischen ENI und der französischen Total willigten ein.

Dass der PDVSA-Anteil auf 75 Prozent steigen, ihr eigener aber auf 13 bzw. 12 Prozent sinken sollte, wollten beide Konzerne nicht akzeptieren. Vor allem die Franzosen fürchteten einen Präzedenzfall für ihr Großprojekt Sincor I im Orinoco-Gürtel. Die Förderung der dort lagernden Schwerstöle erfordert Investitionen von 2 Milliarden Dollar, verspricht dann aber satte Profite. Nach mehrmonatigen ergebnislosen Verhandlungen drohte Caracas, die Nationalisierung per Gesetz zu beschließen.

Der neue Nationalismus schwappte im Mai 2006 auf Ecuador über, wo die Occidental Petroleum enteignet wurde, und anschließend auf Peru und Bolivien, wo die ausländischen Konzerne die Verstaatlichung der Erdgasvorkommen sechs Monate später kampflos akzeptierten. Das Nachsehen hatte vor allem die brasilianische Petrobras. Als die rechte Opposition in Brasília der Regierung von Präsident Lula vorwarf, sie verhalte sich gegenüber dem kleineren Nachbarn „unterwürfig“, entgegnete Außenminister Celso Amorim: „Brasilien kann sich nicht wie eine Kolonialmacht im 19. Jahrhundert aufführen.“ Dennoch kauft Brasilien bolivianisches Erdgas noch immer weit unter Wert.3

Deutlich ruppiger sprang Wladimir Putin mit den Erdölriesen um. Jean Limierre, Vorsitzender der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die in der ehemaligen Sowjetunion sehr aktiv ist, nennt den Grund: „Russland hat schon immer gesagt, dass der Energiesektor ein strategischer Sektor ist.“

Der selbst ernannte Neubegründer des russischen Staats braucht die Erdöl- und Erdgaseinnahmen, um den Staatshaushalt zu finanzieren, die Wirtschaftsbeziehungen zum Ausland auszubalancieren und auf der internationalen Bühne Gehör zu finden.4 Also musste Schluss sein mit der Ausplünderung der wichtigsten russischen Ressource durch eine Handvoll Oligarchen, die sich die Naturschätze zu Jelzins Zeiten für einen Bruchteil ihres realen Werts angeeignet hatten. Nun standen sie im Verdacht, die riesigen Lagerstätten an die internationalen Ölkonzerne verhökern zu wollen.

Piraten in Russland

In seinem kürzlich erschienenen Buch über die „Piratisierung Russlands“5 berichtet Marshall I. Goldmann, Leiter des Zentrums für Russlandstudien an der Harvard-Universität, Putin habe sich unmittelbar nach seiner Wahl über die Differenz empört, die zwischen den Exportpreisen für russisches Erdöl und Erdgas und den Preisen besteht, die von den Endverbrauchern im Westen verlangt wurden. In der Folge brachte Putins Regierung die Branche wieder Schritt für Schritt unter staatliche Kontrolle.

Den Anfang machte der Erdgassektor, wo die Position von Gazprom wieder gestärkt wurde. Das ehemalige Sowjetministerium war 1992 privatisiert worden. Zehn Jahre später besaß der Staat nur noch einen Kapitalanteil von 38 Prozent. Den Rest hatten die Seilschaften um Boris Jelzin und seine Vertrauten unter sich aufgeteilt. Seitdem soll Gazprom jedes Jahr durchschnittlich 2 Milliarden Dollar verloren haben: Die Summe wanderte in die Taschen der Unternehmensführung; im selben Zeitraum schrumpften die unternehmenseigenen Erdgasreserven um 10 Prozent.

Unmittelbar nach seinem Amtsantritt im Juni 2000 setzte Putin einen Vertrauten an die Spitze der Unternehmensgruppe, die ein Viertel bis ein Drittel der weltweiten Erdgasvorkommen kontrolliert. Systematisch baute Gazprom, also der Staat, seine Position aus und holte sich seine Ressourcen mittels Rückkauf oder nackter Enteignung zurück. Als Instrumente dienten dabei auch astronomische Steuernachforderungen, rekordverdächtige Geldstrafen wegen (nicht immer fiktiver) „Umweltverbrechen“ und KGB-spezifische Machenschaften. Im Dezember 2005 kontrollierte das Unternehmen wieder 51 Prozent seiner Aktien.

Der spektakuläre Fall des Michail Chodorkowski und seiner Yukos-Gruppe zeigte, wie weit Putin trotz allen Drucks aus Washington zu gehen entschlossen war. US-Vizepräsident Richard Cheney kritisierte im Sommer 2006, dass Russland seine Energievorräte als „Instrument der Einschüchterung und Erpressung“ missbrauche. Washingtons neue Verbündete unter den ehemaligen Sowjetrepubliken und Satelliten der UdSSR trugen die Botschaft weiter und schürten beharrlich, was der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew als „neuen kalten Krieg“ bezeichnet.

Für die internationalen Ölgesellschaften scheint die Schönwetterperiode vorbei zu sein. Während die Aktionäre ständig steigende Renditen erwarten, verwehren ihnen die großen Förderländer den Zugang zu den aussichtsreichsten Vorkommen. Paradoxerweise ist diese Entwicklung von einer beispiellosen Kapitalakkumulation begleitet. Branchenführer ExxonMobil verkündete einen Gesamtumsatz von 450 Milliarden Dollar, der höher liegt als das Bruttoinlandsprodukt von 180 der 195 UN-Mitgliedstaaten. Dieser Geldüberhang zeugt freilich nicht so sehr von wirtschaftlicher Stärke als vielmehr von einem Mangel an vielversprechenden Projekten, in die man die enormen Profite investieren könnte.

Dieses Paradoxon lässt sich an den jüngsten Fehlschlägen von British Petroleum veranschaulichen. 2005 kamen bei der Explosion einer BP-Raffinerie in den USA 15 Arbeiter ums Leben, 170 wurden verletzt. In Alaska musste die Förderung auf dem größten nordamerikanischen Ölfeld eingestellt werden, weil die überalterten Pipelines undicht geworden waren. Ein von BP in Auftrag gegebener Expertenbericht bemängelte im Januar 2007, der Konzern habe sich (finanziell) nicht hinreichend um die Sicherheit seiner Raffinerien in den USA gekümmert. Von US-amerikanischen Gerichten wird derzeit untersucht, ob die Unterinvestition beabsichtigt war.

Wenn in der Welt von morgen nicht genug Erdöl zur Verfügung steht, so wird das eher an zu wenig Investitionen als an zu wenig Vorkommen liegen. Von der Entdeckung eines Ölfelds bis zur Förderung sind Ausrüstungsinvestitionen in Milliardenhöhe erforderlich, und die reichsten Förderfirmen, die internationalen Ölkonzerne, finanzieren bei Exploration und Förderung kaum 20 Prozent der Gesamtinvestitionen. Gerade sie aber verfügen über die weltweit besten Spezialisten, die am ehesten in der Lage sind, zukunftsweisende Hightech-Projekte zu entwickeln.

Stattdessen zeigen die Ölkonzerne eine kaum verhohlene Neigung, sich mittels Aktienerwerb gegenseitig aufzukaufen. Den Startschuss zur letzten Fusionswelle hatte kurz vor der Jahrtausendwende Lord Brown mit dem Zusammenschluss von BP und Arco zum ersten Superkonzern gegeben. Exxon, Total und Chevron waren gezwungen, dem Beispiel zu folgen. Ein Veteran der gigantischen Börsenschlacht erinnert sich: „In jenen mageren Jahren, als der Preis für das Barrel Rohöl auf 10 Dollar gesunken war, wurde in aller Ruhe an der Wiedergeburt der „Sieben Schwestern“6 gearbeitet. Wir schluckten die ‚kleinen‘ Staatsunternehmen, die nach uns entstanden waren, und schnürten der Opec die Luft ab.“

Wenn die Giganten fusionieren

Heute kursieren auf den Finanzmärkten abermals Fusionsgerüchte, dieses Mal über die BP, nachdem deren Chef Anfang 2007 überraschend zurückgetreten ist. Als nicht unwahrscheinlich gilt eine Fusion von Shell und BP, die nach ExxonMobil Platz zwei und drei der Branche belegen. Ende des vorigen Jahres legten Statoil und Norsk Hydro ihre Offshore-Aktivitäten zusammen, um für künftige „Herausforderungen der Erdölindustrie gewappnet zu sein“. Der spanische Ölkonzern Repsol steht schon seit Monaten zum Verkauf, ohne einen Käufer gefunden zu haben. Die Unternehmensgruppe ist nach Meinung von Finanzleuten zu stark in Südamerika engagiert, wo sie einen negativen Chávez-Effekt befürchten. Andere spekulieren mit der Zukunft der italienischen ENI-Gruppe, die ihre Unabhängigkeit wohl kaum länger aufrechterhalten könne.

Bislang hatten die Spekulanten freie Hand, denn auf eine gemeinsame Antwort auf die Umwälzungen, die den Erdölmarkt seit 2000 kennzeichnen, konnte man sich bislang nicht verständigen. Die Regierungen der Industrie- und Schwellenländer konzentrierten sich vielmehr darauf, ihren Zugriff auf die Erdöl- und Erdgasvorkommen abzusichern und ihre Beziehungen zu den letzten noch zugänglichen Förderländern zu festigen.

In grotesker Zuspitzung konnte man diese allgemeine „Rette sich, wer kann“-Mentalität beim Begräbnis von Saparmurad Nijasow, dem Satrapen von Turkmenien, studieren. Laut Transparency International kann in Zentralasien, wo an korrupten Politikern wahrlich kein Mangel herrscht, in Sachen Korruption und „Bad Governance“ niemand dem „Vater aller Turkmenen“ das Wasser reichen. Die westlichen Demokratien jedoch – und zumal die, die sich so viel auf ihre Menschenrechte zugutehalten –, entsandten ganz ohne Scham ihre Würdenträger und Minister. Im südlichen Iolotan hat man kürzlich riesige Erdgasvorkommen entdeckt.

Eine ähnliche Faszination wie von Zentralasien geht neuerdings von Angola, Nigeria, dem Golf von Guinea, ja dem gesamten subsaharischen Afrika aus. Nach Prognosen des US National Intelligence Council könnten die Vereinigten Staaten schon 2015 ein Viertel ihres Erdölbedarfs in Afrika decken (derzeit sind es 15 Prozent) und ihre Abhängigkeit vom Nahen Osten entsprechend reduzieren. Afrika bietet zwei große Vorteile. Zum einen sind in dieser Region noch „vernünftige“ Verträge möglich, zum anderen besitzen die nationalen Ölgesellschaften anders als die der Nahoststaaten nicht die nötigen Finanzreserven für einen Rückkauf der Lagerstätten. Somit bleibt der Weg, den Chávez und Putin im eigenen Land einschlagen, den afrikanischen Förderländern verwehrt.

Ob eine solche Verlagerung der Bezugsquellen eine adäquate Antwort auf die derzeitigen Umbrüche darstellen, ist freilich stark zu bezweifeln.

Fußnoten:

1 Zum 1. Januar 2007 trat auch Angola der Opec bei, die damit zwölf Mitglieder hat. Die zitierten Statistiken erfassen jedoch nur zehn Mitglieder; auch der Irak fehlt aufgrund ungewisser Förderungszahlen. 2 Shell wurde dabei durch Mängelrügen und eine drohende Klage der russischen Umweltbehörde unter Druck gesetzt. 3 Am 5. Mai 2006 trafen sich dort die Staatspräsidenten Evo Morales (Bolivien), Nestor Kirchner (Argentinien), Luiz Inácio Lula da Silva (Brasilien) und Hugo Chávez (Venezuela). In der Abschlusserklärung von Iguazú heißt es, über die von Bolivien angestrebte Preiserhöhung bei Erdgas sollten „bilaterale Gespräche zur Regelung ungelöster Fragen“ geführt werden. Mit Brasília und Buenos Aires führt La Paz den Dialog seither fort. 4 Dazu Jean-Marie Chauvier, „Russland unter Väterchen Putin“, Le Monde diplomatique, Februar 2007. 5 Marshall I. Goldmann, „The Piratization of Russia: Russia reform goes awry“, London und New York (Routledge) 2003. 6 Als die „Sieben Schwestern“ werden die sieben angloamerikanischen Ölkonzerne bezeichnet, die die Branche von 1914 bis zum ersten Ölpreisschock 1973 dominierten. Drei von ihnen haben überlebt (Exxon, Shell, BP) und die übrigen vier geschluckt (Texaco, Mobil, Socal, Gulf).

Aus dem Französischen von Bodo Schulze Jean-Pierre Séréni ist Journalist und Autor von „Les Émirs de la République. L’aventure du pétrole tricolore“, Paris (Seuil) 1982.

Le Monde diplomatique vom 09.03.2007, von Jean-Pierre Séréni

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