Nimm dafür fünf Flüche

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Nimm dafür fünf Flüche

Auf Entdeckungsreise durch die indische Literatur von Tirthankar Chanda

In „Sakuntala“, dem bekanntesten Theaterstück des großen indischen Lyrikers und Dramatikers Kalidasa aus dem 4. Jahrhundert, begegnet König Dusyanta auf einer Jagdpartie der Tochter eines Einsiedlers. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Das Paar heiratet heimlich, aber nach der Hochzeitsnacht geht der König fort. Sein Amt nimmt ihn so sehr in Beschlag, dass er die gerade erst eroberte Gemahlin, die vergeblich auf ihn wartet, völlig vergisst. Ein Drama bahnt sich an. Aber da es im indischen Theater keine Tragödie gibt, erinnert sich der König am Ende doch noch und kehrt zu seiner schönen Sakuntala zurück.

Im 18. Jahrhundert wurde das Stück erstmals ins Englische übertragen. Die europäischen Intellektuellen waren begeistert. Nachdem es 1791 in der deutschen Übersetzung vorlag, gehörte zu seinen Bewunderern auch Goethe, der immer wieder auf das Stück zurückkam. So scheint „Sakuntala“ symptomatisch zu sein für das Verhältnis des Westens zur indischen Literatur, das seit Jahrhunderten zwischen Zuneigung und Vergessen schwankt.1

Wie das Sonett nach Kalkutta kam

Auch heute wieder werden Bücher englischsprachiger indischer Autoren mit Begeisterung rezipiert. Doch indische Autoren erzählen in über zwanzig Sprachen, manche greifen dabei auf eine jahrtausendealte Tradition zurück. Die in Hindi, Bengali, Sanskrit, Tamil oder einer der zahlreichen anderen Landessprachen verfassten Werke haben wegen ihrer Vielfalt, ihres ästhetischen, imaginativen und philosophischen Reichtums genauso viel Aufmerksamkeit verdient.

Die moderne indische Literatur entstand um die Wende zum 19. Jahrhundert durch den Austausch mit den Werken europäischer Denker und Autoren. Erste Spuren finden sich in der bengalischen Literatur. Das 1690 von einem Gesandten der East India Company in Bengalen gegründete Kalkutta, bis 1912 Hauptstadt der Kolonie Britisch-Indien, war damals das Zentrum des intellektuellen Lebens.

Hierher reisten europäische Sanskritforscher, die ungeahnte Schätze der klassischen indischen Literatur entdeckten. Und hier entstanden die ersten universitären Einrichtungen mit westlich orientiertem Lehrbetrieb – 1800 das Fort William College und 1817 das Hindu College. Zur bengalischen Elite gehörten die Dichter der literarischen Erneuerung, die sich von den Europäern nicht nur ideell inspirieren ließen, sondern auch bis dahin unbekannte literarische Formen übernahmen, wie die Ode, das Sonett, das freie Versmaß und vor allem den Roman und die Novelle.

Einer der meistgelesenen Schriftsteller war Bankim Chandra Chatterjee (1838–1891), der „Vater des indischen Romans“. Er schrieb sowohl romantische Liebesabenteuer als auch historische Romane im Stil von Walter Scott.

Das vieldimensionale Werk von Rabindranath Tagore (1861–1919), im Spannungsfeld zwischen Indien und dem Westen, dem Weltlichen und dem Geistlichen entstanden und 1913 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, steht für die damalige literarische Erneuerung, die als „bengalische Renaissance“ bezeichnet wird.

Diese Modernisierung verbreitete sich schnell auch in anderen kulturellen Zentren des Landes und gab den Literaten der großen indischen Regionalsprachen entscheidende Anstöße. Die ersten Romane auf Hindi, Urdu, Telugu, Tamil, Malajalam, Gujarati oder Oriya stammen alle aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Unter dem Einfluss Tagores, der die Novelle von den Franzosen übernommen und – noch bevor sie in England ihren Durchbruch erlebte – in Bengalen bekannt gemacht hatte, griffen die indischen Schriftsteller in dieser kurzen Erzählform virtuos die dringendsten Probleme ihres Landes auf: die Sozialreform und den Widerstand gegen die Kolonialmacht.

Erst mit den Schriftstellern der progressiven Schule wie Munshi Premchand (Hindi), Saadat Hasan Manto (Urdu) oder Ismat Chughtai (Urdu), die bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1947 Leitfiguren der Literaturszene blieben und über das soziale Elend und die Unterdrückung der Frauen schrieben, hat die Novelle einen unüberbotenen Höhepunkt erreicht.

Nach der Unabhängigkeit erfuhren alle Literaturgattungen in den Hauptsprachen neue Impulse. Die bengalische Poesie wurde moderner, urbaner und entfernte sich so vom romantischen Idealismus und dem Kult des Schönen, die sowohl Tagores Werke als auch die eines Jibanananda Das oder eines Sukanto Bhattacharya geprägt hatten.

Die Autoren, von denen sich einige in literarischen Zirkeln zusammengeschlossen hatten, schrieben populärer, warfen gesellschaftliche Konventionen über Bord und scheuten weder Beschimpfungen noch Grobheiten – wie sie es von ihrer wichtigsten Inspirationsquelle, der Straße, kannten. Zu den großen Namen aus der Zeit nach der Unabhängigkeit zählen Mahasweta Devi, Nirmal Verma, Ananthamurthy und O. V. Vijayan.2

Gleichzeitig kam es in Indien zu einer Welle der Demokratisierung und „Entbürgerlichung“. Frauen und Angehörige der Dalits, der kastenlosen Unberührbaren, sprachen von sich selbst als „Unterdrückte“ und veröffentlichten ihre Werke.

Ein entleerter Sonnenball

verlosch

in den Armen der Nacht

da kam ich zur Welt

auf dem Pflaster

in zerknüllten Lumpen

und verwaiste (…)

Und wie ein Mensch

dem die Sicherung durchgebrannt ist

wuchs ich auf

im Straßendreck

gib mir fünf Paise 3

und nimm dafür fünf Flüche sagte ich

auf dem Weg zum Schrein.

So fasst der große Dichter Namdeo Dhasal in wenigen Versen das Elend seiner Gemeinschaft zusammen.4 Mit einem Anteil von 24 Prozent an der Gesamtbevölkerung stehen die Unberührbaren am untersten Ende in der Hierarchie des Kastenwesens, das Indien seit dem frühesten Altertum beherrscht. Die Dalit-Dichtung entstand aus dem erbitterten Kampf derer, die sich wie Mahatma Jyotiba Phule oder Bhimrao Ambedkar für die Entrechteten eingesetzt haben.5

Die ersten Werke erschienen in den 1960er-Jahren im westindischen Bundesstaat Mahrashtra, der Heimat Ambedkars: eine Literatur, die von alltäglichen Erniedrigungen erzählt. In einem Gedicht über das Wasser klagt Dhasal an: „Sogar das Wasser lehrt man die Kastenvorurteile.“ „Sogar die Sonne soll sich wandeln“, notiert ein anderer Dichter aus Maharashtra, Arjun Dangle.

Wenn die Dalit erzählen

Für die Dalit-Dichter ist Schreiben nicht nur eine ästhetische Äußerung, sondern auch ein politischer Akt mit dem Ziel, die hinduistische Ordnung durch die Kraft des Wortes zu ächten. Sie beziehen wesentliche Anregungen aus der Rebellion der afroamerikanischen Autoren der Harlem Renaissance und gründen 1973 die Gruppe der Dalit Panthers, um die poetische Praxis mit einem radikalen politischen Engagement zu verbinden.

Dhasal, der Begründer dieser Bewegung, wurde mit seinem ersten Gedichtband „Golpitha“ über Nacht berühmt. Seine Gedichte schockierten das literarische Establishment durch ihre harte Sprache, den Gossenjargon, das Gemisch von Sex, Verworfenheit und Revolte.

Der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul, der den rebellischen Dichter in den 1980er-Jahren kennengelernt hat, schreibt in seinem Reisebericht „Indien. Ein Land im Aufruhr“: „Namdeos große Originalität bestand darin, dass er in einem natürlichen Stil geschrieben hat, in Worten und Ausdrücken, derer sich nur die Dalits bedienten. (…) Insbesondere in seinem ersten Gedichtband benutzt er den Jargon des Bordellviertels von Bombay. Das war damals ein Skandal.“

Die autobiografische Schilderung ist die typische Erzählform der Dalit-Literatur. „Die Autobiografie eines Unberührbaren“ von Daya Pawar und „Oupra“ von Lakshman Mané sind Meisterwerke dieser Gattung. Sie verbinden auf eindrucksvolle Weise die knappe und sprachmächtige Darstellung mit der Glaubwürdigkeit des eigenen Erlebens. Es sind in erster Linie Lebensberichte, die uns die Absurdität und die Unmenschlichkeit der Traditionen oder Glaubenshaltungen besser begreifen lassen. Seit sich der Kreis der Dalit-Dichter um Autoren erweitert hat, die auf Tamil, Gujarati oder Punjabi schreiben, kann man tatsächlich von einem Korpus der Dalit-Literatur sprechen.

Für Faustina Bama, die durch ihren autobiografischen Roman „Sangati“ international bekannt gewordene große Stimme der Tamil-Literatur, ist „die Dalit-Dichtung die einzige wirkliche Befreiungsliteratur in Indien“.

Weniger kämpferisch, aber ebenso subversiv erscheint die Strömung der „Digambara kavulu“, der „nackten Poeten“, deren erotische, auf Telugu verfassten Texte, reich an sexuellen Bildern und obszönen Redensarten, das alteingesessene Elitensystem Indiens in den Jahren um 1970 tief erschüttert haben. Manche Digambara-Poeten provozierten damit, dass sie ihre ersten Gedichtbände von Rikschafahrern, Tellerwäschern in Straßenlokalen oder Prostituierten anpreisen ließen. Die „ordentlichen“ Brahmanen haben sich davon bis heute nicht erholt.

Bislang hat die internationale Anerkennung, die die englischsprachige indische Literatur seit einigen Jahren erfährt, die anderen indischen Literaturen noch nicht mitgezogen. Aus der fast zweihundertjährigen britischen Kolonialherrschaft entstanden, erlebt die indische Anglofonie dank der Produktivität und des Talents von Autoren wie Salman Rushdie, Tarun Tejpal oder Arundhati Roy, um nur die bekanntesten zu nennen, heute ihre großen Erfolge.

Diese Generation von Schriftstellern – unter Anspielung auf Rushdies Romantitel auch „Generation der Mitternachtskinder“ genannt – zeigt mit ihrem entspannten Gebrauch der Sprache Shakespeares, dass das Englische längst nicht mehr Relikt einer Sklavenvergangenheit, sondern vielmehr ein überaus nützliches Werkzeug ist, um die zeitgenössische Realität Indiens in ihrer ganzen Komplexität zu ergründen.

Schon im 19. Jahrhundert hatte die britische Administration sich bemüht, ihre Herrschaft zu sichern, indem sie eine englischsprachige einheimische Elite förderte, die als Mittler zwischen den Kolonialherren und der indischen Bevölkerung dienen sollte. Nach den Worten des britischen Historikers und liberalen Politikers Thomas Babington Macaulay (1800–1859) sollte diese Elite, die „nach Blut und Hautfarbe indisch“ war, „in ihren Neigungen, Meinungen, Überzeugungen und intellektuellen Fähigkeiten englisch“ werden. Dementsprechend wurde 1835 ein Gesetz verabschiedet, das den Englischunterricht an weiterführenden Schulen und Universitäten ab der Sekundarstufe zur Pflicht erhob.

1864 erschien der erste auf Englisch geschriebene indische Roman, „Rajmohan‘s Wife“ von Bankim Chandra Chatterjee. Der eigentliche Aufschwung dieser Gattung begann aber erst in den 1930er-Jahren mit der Generation von R. K. Narayan, Mulk Raj Anand und Raja Rao. Diese Pioniere der indoenglischen Literatur haben Epoche gemacht, weil sie als Erste begriffen hatten, dass es alles andere als selbstverständlich ist, wenn indische Autoren ihre Texte auf Englisch schreiben.

Im Vorwort zu seinem Roman „Kanthapura“ (1938) schrieb Raja Rao: „Wir sind dazu verdammt, mit Worten von anderswo unsere eigene Seele auszudrücken. Weil wir sie in einer fremden Sprache nicht richtig ausdrücken können, sind die Feinheiten unseres Denkens und des Schweigens, das dem Reflexionsprozess innewohnt, so schwer vermittelbar.“

Aber kann man sagen, Englisch sei für die Inder eine Fremdsprache? Nein, sagen neben Salman Rushdie auch viele andere, die seit den 1980er-Jahren die verschlafene englisch-indische Literaturszene aufmischen – von Amitav Ghos und Vikram Seth über Rohinton Mistry und Upamanyu Chatterjee bis hin zu Shauna Singh Baldwin und Githa Hariharan. Diese zumeist im Ausland lebenden Autoren betrachten Indien und seine Abgründe mit nostalgisch-sehnsüchtigen oder ironisch-parodistischen Augen und schaffen, wie Rushdie es ausdrückt, „imaginäre, unsichtbare Heimaten“, oftmals ein Indien, das nur in ihren Köpfen existiert und das sie der Entfernung und dem Vergessen entreißen wollen.

Wo Englisch eine von vielen Sprachen des Alltags ist

In den wohlhabenden Schichten der indischen Gesellschaft aufgewachsen, haben fast alle Schulen besucht, in denen die erste Sprache Englisch war. Zu Hause lebten sie nach westlichen Vorstellungen, profitierten aber zugleich von jener vielsprachigen Atmosphäre, die der Schriftsteller U. R. Ananthamurthy folgendermaßen beschreibt: „Wir sind, wo immer wir in Indien leben, von einer Vielfalt an Sprachen und Einflüssen umgeben, erst recht in den Provinzstädten. Zu Hause die eine Sprache zu sprechen, auf der Straße eine andere und eine dritte am Arbeitsplatz, erscheint als das Gewöhnlichste und Natürlichste der Welt.“

Im Jahr 1997 erschien Arundhati Roys „Der Gott der kleinen Dinge“. Der Roman wurde ein Welterfolg, die Autorin erhielt den Booker Prize – mit dem 1981 Salman Rushdie für seine „Mitternachtskinder“ ausgezeichnet worden war – und die zweite Welle der Englisch schreibenden indischen Schriftsteller setzte ein. Diesmal waren es Autoren, die größtenteils in Indien leben, wie etwa Rana Dasgupta („Die geschenkte Nacht“, in der Tradition des „Decamerone“ und der „Canterbury Tales“), Indrajit Hazra („The Garden of Earthly Delights“, der den Zusammenhang von Schreiben und Lüge durchleuchtet) und Raj Kamal Jha aus Delhi („Die durchs Feuer gehen“: eine intelligente, hintergründige Geschichte über die antimuslimischen Pogrome von 2002).

Da ihre Wahrnehmung nicht durch das Leben im Exil getrübt ist, sind sie oft klarsichtiger als ihre Vorgänger und zugleich in ihrer literarischen und ästhetischen Ausrichtung nicht weniger kosmopolitisch.

Die harte Kritik an der sozialen Achtlosigkeit, die die jungen anglofonen Dichter Indiens heute so meisterhaft vorzutragen wissen, gehört sicher zu ihren Gemeinsamkeiten, die sie mit dem umfangreichen, jahrtausendealten literarischen Korpus ihres Landes verbindet – sie zieht sich wie ein roter Faden von Buddha bis Raj Kamal Jha.

1 Seit kurzem liegt das Stück in einer neuen, wieder in Versform geschriebenen deutschen Übersetzung vor: Kalidasa, „Sakuntala“, übersetzt und kommentiert von Albertine Trutmann, Zürich (Ammann Verlag) 2006. 2 Shashi D. Chintamani, „Réalisme magique au Kerala“, in: Le Monde diplomatique, Oktober 2004. 3 Untereinheit der indischen Rupie. 4 Namdeo Dhasal, „Auf dem Weg zum Schrein“, in: Henning Stegmüller, Dilip Chitre und Namdeo Dhasal, „Bombay – Mumbai. Bilder einer Mega-Stadt“, übersetzt von Lothar Lutze, München (A1 Verlag) 1996. 5 Mahatma Jyotiba Phule (1827–1890) hat als Brahmane erbittert gegen das Kastensystem gekämpft. Bhimrao Ambedkar, der „Vater der indischen Verfassung“, war Rechtsanwalt und als Angehöriger der Dalits Anführer einer Protestbewegung der Unberührbaren und nach der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 maßgeblich am Verfassungsentwurf beteiligt.

Aus dem Französischen von Grete Osterwald

Tirthankar Chanda ist Literaturwissenschaftler und lebt in Paris.

Le Monde diplomatique vom 09.03.2007, von Tirthankar Chanda

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