Artikel

Artikel drucken zurück

Gummiarabikum

Unbekannt und unentbehrlich von Guillaume Pitron

New York, im Herzen Manhattans: An der Ecke Hanover Square und Pearl Street steht das India House, einst ein Bank- und Handelshaus, heute ein exklusiver Club für Geschäftsleute. Die Räume im ersten Stock, in denen früher Importwaren aus Indien gehandelt wurden, hat man zu einem eleganten Restaurant umgewandelt. Es herrscht gedämpftes Licht, die Gespräche plätschern leise dahin. Doch der Geist der Kolonialwarenhändler spukt immer noch durch das Haus, erst recht in dem aus Edelholz gefertigten Kuriositätenkabinett. Die dreißig Schubladen des Schränkchens sind mit all den Rohstoffen vollgestopft, die für die amerikanische Wirtschaft unabdingbar sind. Im elften, den Harzen gewidmeten Fach liegt ein Häufchen Körner mit der Aufschrift „Gummiarabikum“.

Ein paar hundert Meter entfernt befindet sich an der Ecke zur 14th Street unter der Adresse 4 Union Square South ein Supermarkt der Biokette Whole Food. Ohne sich dessen bewusst zu sein, legen die Kunden dort ständig mehr oder weniger winzige Mengen von dem Akazienharz – einem natürlichen, mit Glykoprotein gemischten Mehrfachzucker – in ihre Einkaufskörbe.

Und ohne diesen Emulgator, auch bekannt unter der Abkürzung E 414, „würde sich der schwarze Farbstoff der Coca-Cola an der Flaschenwand absetzen“, erklärt Frederic Alland, Leiter der Firma Alland & Robert, die Harze importiert und verarbeitet. „Wir könnten keine kohlensäurehaltigen Getränke mehr trinken“, keine Süßigkeiten oder Pillen mehr zu uns nehmen, deren Überzug das Harz zusammenhält, keine Joghurts, die der Emulgator cremig macht, keinen Wein, dessen Gerbstoffe er abmildert, und keine Zeitungen drucken, deren Druckerschwärze ebenfalls mit Gummiarabikum fixiert wird. „Die meisten Menschen auf der Welt verbrauchen täglich Gummiarabikum“, sagt der sudanesische Professor Hassan Addel Nour. Ganze Branchen wie Pharmazie und Kosmetik, Hersteller von Nahrungsmitteln und aromatischen Getränken, Textil-, Druck- und Spitzenindustrie sind von diesem himmlischen Manna abhängig. Der Bibel und dem Koran zufolge ernährte es das in der Wüste Sinai umherirrende Volk Israel, und die Ägypter benutzten es schon vor 4 500 Jahren, um die Bandagen ihrer Mumien zusammenzukleben.

Die Quelle dieses Rindensafts ist der „Gummiarabikum-Gürtel“ aus Verek- und Seyal-Akazien, der sich zwischen Sahara und tropischem Regenwald von Senegal bis nach Somalia erstreckt. Inzwischen haben sich zwar auch Tschad und Nigeria als internationale Großproduzenten hervorgetan, doch der wichtigste Hersteller ist nach wie vor der Sudan. Er liefert die Hälfte der weltweit produzierten Menge, noch dazu die beste Qualität namens Haschab, und stellt damit eine unersetzliche Rohstoffquelle für den Westen dar. Selbst als Washington in Jahr 1997 ein striktes Handelsembargo gegen den Sudan verhängte, ging der Handel mit dem Exsudat zwischen den Ufern des Roten Meers und den Küsten der USA ohne Wissen der amerikanischen Verbraucher weiter.

„Je mehr Handelssanktionen uns die USA auferlegen, desto mehr Gummiarabikum exportieren wir dorthin“, meint der sudanesische Geschäftsmann Isam Siddig. Der Grund ist einfach: Das Naturharz ist unverzichtbar für die Herstellung von Limonaden und Coca-Cola, dem Symbol des amerikanischen Kapitalismus schlechthin. „Wir haben moralische Grundsätze, aber nehmt uns bitte nicht unsere Coca-Cola weg!“, fasst ein amerikanischer Sudan-Experte das Dilemma zusammen.

Die Washington Post bezeichnete die Achillesferse der amerikanischen Sudanpolitik als „Soda Pop Diplomacy“ (Limonadendiplomatie).

Das ehemals angloägyptische Kondominium ist sich dieser Stärke bewusst und träumt schon davon, sich mit Tschad und Nigeria zu einer „Opep“ für Gummiarabikum zusammenzuschließen. Nachdem Washington die Massaker in Darfur verurteilt hatte, drohte 2007 der ehemalige sudanesische Botschafter in Washington, John Ukec Lueth, vor einem Auditorium versteinerter Journalisten, den Gummihahn zuzudrehen. Ein Limonadenkrieg könnte für die Getränkeindustrie fatale Folgen haben.

10 000 Kilometer von New York entfernt treffen sich die schwarzafrikanische und die arabische Welt in der Sechs-Millionen-Metropole Khartum, deren Ausläufer an den Schleifen des Blauen und Weißen Nils liegen. Die Straßen der sudanesischen Hauptstadt sind in diesem März von zahllosen alten Rikschas und funkelnden Hummer-Geländewagen verstopft. Unter einer unbarmherzig brennenden Sonne trotzt ein Meer von Gebäuden, Kränen und Minaretten den Sandstürmen und Hitzewellen. Im Schatten ihrer Läden ertragen die Gewürz- und Sesamhändler stoisch die Kapriolen der Trockenzeit. In dieser Jahreszeit wird auch das Gummiarabikum geerntet, das viertwichtigste Agrarprodukt und der ganze Stolz des Landes. „Einen Sudan ohne Gummiarabikum kann man sich gar nicht vorstellen!“, ruft ein Händler, halb in seiner weißen Dschalabija verborgen. „Es ist das Gold des Sudans“, fügt sein Freund Momen Salih hinzu: „Für uns ist es viel wichtiger als das Öl!“

Wer die sechs Millionen Bauern besuchen will, die in den unendlichen, von Akazienbäumen übersäten Weiten von Kurdufan und Darfur arbeiten, muss 800 Kilometer weiter nach Westen fahren, auf einer schnurgeraden Piste, die die Savanne in zwei identische Hälften teilt. Am Wegesrand sieht man einzelne Hütten und einsame Reiter. Vollbeladene bunte Lastwagen mischen sich unter verirrte Kamele. Die Erde färbt sich rot. Am Wüstenhorizont erscheinen die Silhouetten von Baobab-Bäumen. Die Asphaltstraße endet in der Ortschaft An-Nahud, der sudanesischen Hauptstadt des Gummiarabikums.

„Die Akazie ist unser Leben!“, erklärt Ajab Aldoor. Der Vater von fünf Kindern, ein dünner Mann mit unterwürfigem Blick, führt seit vierzig Jahren mit seiner Machete die immergleichen Bewegungen aus, die seit Urzeiten vom Vater an den Sohn weitergegeben werden. Am späten Nachmittag ist die beste Zeit, um die Akazienrinde anzuschneiden. Zwei Wochen später treten die Harztropfen aus und bilden kleine gummiartige Kugeln, die je nach Akazienart verschieden aussehen.

Das Beste kommt aus dem Sudan

Wie Millionen anderer Bauern weiß auch Aldoor nichts vom späteren Verwendungszweck des Baumsafts. Das Gummiarabikum wird für eine Handvoll sudanesischer Pfund an den örtlichen Händler verkauft, dann gereinigt, getrocknet und zerkleinert und anschließend in Jutesäcken nach al-Ubayyid geschickt und versteigert. Von hier geht es 2 000 Kilometer weiter bis nach Port Sudan am Roten Meer, wo das Harz in Container gepackt und zur Weiterverarbeitung in die Fabriken der westlichen Welt verschifft wird. Endprodukt und wiederum Exportgut ist ein feines weißes Pulver.

Die Gummiarabikum-Händler blicken mit Optimismus auf das Jahr 2011: Durch das Wachstum der Schwellenländer hat sich die weltweite Nachfrage seit 1985 verdoppelt, jährlich steigt sie um 3 Prozent. „Der wichtigste Wachstumsbereich sind Limonaden, Vitamingetränke und Nahrungsergänzungsmittel“, sagt Paul Flowerman, Chef und Inhaber des Importunternehmens PL Thomas. „Alles spricht für eine Rückkehr des Naturgummis“, meint Thomas Yves Couteaudier, der eine Marktforschungsstudie für die Weltbank erstellt hat. „Vor allem weil der Westen auf Bio setzt“, ergänzt der Händler Salih und erinnert daran, dass der Akaziensaft seinem Land pro Jahr 40 Millionen Dollar einbringt. „Außerdem produzieren wir das beste Gummiarabikum der Welt!“

Man vergisst fast, dass der Sudan international geächtet ist und auf allen schwarzen Listen der Weltdiplomatie steht. Die Paranoia des Militärregimes ist auch in den Straßen von Khartum zu spüren, in denen man auf Schritt und Tritt dem Konterfei von General Omar al-Baschir begegnet. An strategisch wichtigen Gebäuden und Brücken sind Polizisten und Soldaten postiert. Wer als ausländischer Journalist ein Foto macht, muss mit einer Verhaftung rechnen.

Im Ölgeschäft teilen sich heute malaysische und indische Konzerne mit der China National Petroleum Corporation die tägliche Fördermenge von 500 000 Barrel. Seit dem Rückzug der kanadischen Talisman Energy im Jahr 2002 ist hier kein westliches Ölunternehmen mehr zu finden. In den Restaurants der Hauptstadt sitzen Chinesen und Libyer, aber nur wenige Amerikaner oder Europäer. Und im Hotel Coral werden keinerlei Scheck- oder Kreditkarten mehr angenommen: „Wir akzeptieren hier nur Bargeld. Wir unterliegen einem US-Embargo.“

Die Gründe für das Handelsembargo sind in Washington zu suchen. Im Dezember letzten Jahres lagen die Verkehrsadern zwischen den Glockentürmen der Universität Georgetown und dem Kongress wie erstarrt unter den Schneebergen, und die Fluten des Potomac waren von einer dünnen, frostig schimmernden Eiskruste bedeckt. Doch die Stimmung unter den Lobbyisten, Diplomaten, Journalisten und Politikern, die über das bevorstehende Referendum zur Unabhängigkeit des Südsudans diskutierten, erreichte den Siedepunkt. Ein friedlicher Ablauf der Volksabstimmung konnte das Ende des langen diplomatischen Winters zwischen dem Sudan und den Vereinigten Staaten bedeuten.

In seinem fensterlosen Büro im Kapitol verfolgte Ted Dagne die Geschehnisse. Er ist auf die Region um das Horn von Afrika spezialisiert, arbeitet seit zwanzig Jahren beim Forschungsdienst des US-Kongresses und gilt als einer der führenden Köpfe der amerikanischen Sudanpolitik. Mit dem Staatsstreich al-Baschirs 1989 hatten sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verschlechtert, doch „erst ab 1992 begann sich die US-Regierung wirklich für den Sudan zu interessieren“, sagt Dagne. Denn da galt der Sudan als Unterstützer eines radikalen Islamismus, schlug die nubische Rebellion blutig nieder und beherbergte Terroristen wie Carlos und Ussama Bin Laden.

Ted Dagne erzählt, er habe damals mit acht hohen Beamten und Politikern, die angesichts der Machenschaften Khartums ebenso beunruhigt waren wie er, das inoffizielle Netzwerk The Council (Der Rat) gegründet. Seit Beginn der 1990er Jahre trug diese Gruppe zu der zunehmend härteren Haltung der USA gegenüber dem „Land der Schwarzen“ bei.

Dagnes Wünsche erfüllten sich im Jahr 1993, als die Clinton-Regierung aufgrund der Beteiligung von fünf Sudanesen am ersten Anschlag auf das World Trade Center den Sudan in die Liste der Terrorunterstützerstaaten aufnahm. Zugleich gewannen die Unabhängigkeitsbestrebungen der Rebellen im Süden durch Dagnes Vermittlung die Aufmerksamkeit wichtiger Abgeordneter, die sich schließlich auch in finanzieller und logistischer Unterstützung materialisierte.

Im Jahr 1997 machten sich die Falken Susan Rice und John Prendergast, die eine Vizeaußenministerin für afrikanische Angelegenheiten, der andere Ostafrikaspezialist im nationalen Sicherheitsrat, für eine direkte Konfrontation mit dem Sudan stark. Mit der Begründung, es gebe „eine ungewöhnliche und außerordentliche Bedrohung der inneren Sicherheit und der Außenpolitik der USA“, unterzeichnete Präsident Bill Clinton am 3. November 1997 die Executive Order 13067, die weitreichende Handelssanktionen vorsah.

Im Verlauf des folgenden Jahrzehnts verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Wegen der 300 000 Toten und zwei Millionen Flüchtlinge in Darfur erließ George W. Bush weitere Sanktionen, die Barack Obama verlängerte. Die sudanesischen Guthaben auf US-Konten wurden eingefroren, verboten wurden der Im- und Export sämtlicher Güter oder Dienstleistungen und finanzielle Transaktionen. Als Schurkenstaat und Verbündeter des absoluten Bösen existierte das „Land der Schwarzen“ fortan am Rande der westlichen Ökonomie.

Harz oder Leben

Doch schon kurz nach Clintons Erlass bemerkte die Pharmafirma American Home Products – heute Wyeth, inzwischen Tochter von Pfizer, vor allem bekannt für ihr Schmerzmittel Advil –, „dass Menschen sterben würden, wenn man kein Gummiarabikum mehr bekäme“, erinnert sich die Lobbyistin Janet McElligott. Ein ähnliches Problem stellte sich bei den kohlensäurehaltigen Getränken, deren „beste Emulsion aus sudanesischem Gummi der Qualität Haschab entsteht. Das ist ein Schlüsselelement in der Herstellung“, sagt Dennis Seisun, Chef des Marktforschungsinstituts IMR International. Die ehemalige Außenministerin Madeleine Albright hatte anlässlich des kostbaren Akaziensafts erklärt: „Das ist das Problem mit den Sanktionen: Man weiß nicht genau, wer eigentlich wen bestraft.“1

Da es keine Ersatzprodukte in vergleichbarer Qualität gab, musste die Versorgung mit dem lebenswichtigen sudanesischem Gummiarabikum unbedingt sichergestellt werden. Ende 1997 gelangte E 414 nur noch über den in Morristown, New Jersey, ansässigen Importeur Paul Flowerman in die USA. Seine Geschäfte waren vom Embargo ernsthaft bedroht. Jane McElligott, in Washington damals Beraterin des sudanesischen Botschafters Mahdi Ibrahim Mohamed, berichtet, dass sich Flowerman mehrmals zum Abendessen in der Privatresidenz des Diplomaten am Rock Creek Park einfand – stets in Begleitung diverser Kunden wie American Home Products oder Cola-Cola.

Als guter Stratege spekulierte Mohamed darauf, dass auch andere Ausnahmen möglich wären, wenn das Gummiarabikum vom Embargo ausgenommen würde. Man beschloss, die US-Industriellen vorzuschicken. Und der sudanesische Botschafter versorgte sie mit Informationen für ihre Überredungstaktik: Arbeitsplätze müssten abgebaut werden, und vor allem bestehe die Gefahr, dass die US-Nahrungsmittelindustrie bald auf Gedeih und Verderb der im Sudan äußerst aktiven französischen Gummihändler ausgeliefert sein werde.

Die US-Importeure, die hauptsächlich im Bundesstaat New Jersey ansässig sind, wandten sich zunächst an ihren Kongressabgeordneten, den Demokraten Robert Menendez, der seinerseits das Weiße Haus, den Sicherheitsrat von Präsident Clinton und das Außenministerium kontaktierte. Madeleine Albright erinnert sich, dass sie einen Anruf von Menendez erhielt und ihn fragte: „Wie können Sie eine Ausnahmeregelung für den Sudan verlangen, wenn Sie sich andererseits so vehement gegen jede Ausnahmeregelung bei unseren Kuba-Sanktionen einsetzen?“ Worauf Menendez – der aus einer kubanischen Einwandererfamilie stammt – antwortete: „Wegen der Arbeitsplätze.“

Trotz der offensichtlichen Inkonsequenz verwarf die Clinton-Regierung Albrights Vorbehalte und fasste einen Entschluss: In den Sudanese Sanctions Regulations vom Juli 1998 heißt es, das Embargo beziehe sich auf alles – außer Gummiarabikum. Um die Ausnahmeregelung gleich in Gesetzesmarmor zu meißeln, schmuggelte sie Menendez zwei Jahre später in ein umfassendes Regelwerk zum internationalen Handel.

Ob es reiner Zufall war, dass auf den Wahlkampfkonten des demokratischen Abgeordneten im selben Jahr Zuwendungen von Chris Berliner, dem Vizepräsidenten der Gummihandelsgesellschaft Import Service Corporation, und von Vertretern der Getränkeindustrie, insbesondere der Coca-Cola-Company, auftauchten? Laut Steven Glazer von der Wochenzeitung Urban Time News, der Menendez’ Konten untersucht hat, bekam dieser zwischen 1997 und 2002 insgesamt 55 669 Dollar Spenden von der Getränke-, Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie.

Robert Menendez rechtfertigte sein Vorgehen im September 2000 in einem offenen Brief an die Washington Post: „Niemand sollte mit Schurken eine Geschäftsbeziehung eingehen. Aber wenn diese Schurken ein Produkt kontrollieren, das wir unbedingt brauchen, dann wird der Markt einen Weg finden, dieses Produkt in unsere Regale zu bringen.“ Zu den besagten Schurken zählte damals übrigens auch Ussama Bin Laden. Bereits vier Jahre zuvor hieß es in einem Memorandum des US-Außenministeriums, das sich auf CIA-Quellen stützte, der saudische Terrorist habe sich „ein Quasimonopol auf den Großteil der Gummarabikum-Exporte“ aus dem Sudan gesichert.2 „Es ist immer noch möglich, dass wir jedes Mal, wenn wir ein amerikanisches Erfrischungsgetränk kaufen, Bin Ladens Kassen füllen“, schimpfte der republikanische Senator Frank Wolf am 7. September 2000 vor dem Kongress – ein Jahr vor dem Anschlag auf das World Trade Center.

Um den Verbindungen zwischen dem Naturharz und der mysteriösen al-Qaida auf die Spur zu kommen, ließ sich die US-Regierung zunächst vom Importeur Paul Flowerman die Namen der Aktionäre und Verantwortlichen in den sudanesischen Gummiarabikum-Fabriken geben. Diese Informationen gingen nach Aussagen des Unternehmers direkt an Madeleine Albright und ihre Nachfolger. Das Außenministerium dementierte, aber die Exporte brachen nicht ab. Was wiegen dagegen der Abzug der Botschafter, der US-Luftangriff auf die Pharmafabrik Asch-Schifa im August 1998, die Genozidvorwürfe wegen Darfur und alle sonstigen gegenseitigen Anschuldigungen?

„Amerika und Sudan mögen sich nicht, aber sie brauchen einander“, meint ein Händler. Trotz der Einfuhrbeschränkungen ist das Geschäft mit dem Exsudat offenbar gefeit gegen die Unberechenbarkeiten der Geopolitik und legt eine erstaunliche, ja geradezu herausfordernde Stetigkeit an den Tag. So vertreibt die Coca-Cola-Company seit 2002 ihre Limonaden im „Land der Schwarzen“ über die Firma DAL Food Industries und beruft sich dabei auf ein Gesetz aus dem Jahr 2000, das den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten im Sudan ausnahmsweise gestattet. Das doppelte Spiel der USA führt immer wieder zu innenpolitischen Verstimmungen. Auf der einen Seite möchte die Gruppe der schwarzen Kongressabgeordneten Black Caucus schon seit langem die letzte Handelsverbindung zum Schurkenregime in Khartum kappen, wie etwa 2007 der dahingehende – vergebliche – Gesetzesvorschlag der demokratischen Abgeordneten Maxine Waters zeigt. Auf der anderen Seite bemüht sich die Gummiarabikum-Lobby, verkörpert durch den inzwischen zum Senator aufgestiegenen Robert Menendez, die Geschäftsbeziehungen zum Sudan zu stabilisieren, damit die US-Bürger an ihren Ernährungsgewohnheiten festhalten können.

Der Schlingerkurs der größten Weltmacht schadet vor allem ihrer Glaubwürdigkeit in der Sudanfrage. „Wenn Amerika beim Gummiarabikum die Sanktionen umgeht, untergräbt es damit seine moralische Autorität in der Diplomatie“, warnte die Washington Post am 10. September 2000. In Khartum, wo alle um die Ausnahmeregelung wissen, schwanken die Reaktionen zwischen Belustigung und Besitzerstolz auf ein derart unverzichtbares Produkt.

Bei allen Drohgebärden seiner Diplomaten weiß der Sudan jedoch auch, dass er von seinen amerikanischen Kunden viel zu abhängig ist, um sich wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen erlauben zu können. Die für die Durchsetzung des Embargos zuständige US-Behörde (Office of Foreign Assets Control, Ofac) gab bekannt, dass inzwischen 25 Lizenzen erteilt wurden. Laut Ofac sind 2009 insgesamt 8 800 Tonnen Gummiarabikum und 2010 sogar 10 450 Tonnen importiert worden. Paul Flowerman bestreitet diese Zahlen – er spricht von fünf Lizenzen über insgesamt 4 000 Tonnen.

Die Stabilität des Gummihandels beruht auch darauf, dass die Gummihändler sich in Schweigen hüllen, sobald das Gespräch auf den Sudan kommt. Um weitere schlechte Presse in den USA zu vermeiden, wo die Bilder von George Clooney und Angelina Jolie in den Flüchtlingslagern von Darfur allgegenwärtig waren, arbeiten die Importeure inzwischen zusammen mit der US-Entwicklungsagentur USAID daran, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren.

Limonadendiplomaten aus aller Welt

Aber die Limonadendiplomatie hat noch einen weiteren Aspekt: Die USA nutzen ihre guten Verbindungen in der Entwicklungshilfe, um die langfristigen Bedürfnisse ihrer Nahrungsmittelindustrie zu stillen. Derzeit exportieren auch Senegal, Tschad oder Nigeria schon so viel Gummiarabikum, dass der Sudan nur noch 50 Prozent der weltweit gehandelten Menge herstellt – vor zwanzig Jahren waren es noch 90 Prozent. „Die Industrie hat sich auch in Kenia und Uganda umgesehen“, erzählt Marktforscher Seisun. Wie wäre es mit Akazien in Frankreich? „Das wäre nicht rentabel“, sagt Importeur Alland, „es ist bei uns nicht warm genug, und die Plantagen bräuchten zu viel Platz.“

Und warum können die französischen Gummihändler den aufbereiteten Pflanzensaft dann mit der Bezeichnung „Made in France“ verkaufen? Ein Händler erklärt, er beziehe das Gummiarabikum aus 14 afrikanischen Ländern und verarbeite es anschließend weiter: „Wir nutzen dafür unsere eigenen Rezepturen. Das Produkt, das unsere Fabriken verlässt, hat nichts mehr mit dem Rohgummi zu tun.“ Daher „verliere das Gummi seine Herkunft“, bevor es weiterexportiert werde – unter anderem in die USA. Doch selbst wenn sich die Amerikaner bei Franzosen oder Italienern eindecken, so der sudanesische Händler Siddig, „bleibt es ja immer noch sudanesisches Gummiarabikum!“

„Das ganze Verfahren ist ziemlich verzerrt“, sagt Mansour Khalid, ehemaliger Verwaltungsratsvorsitzender der Gum Arabic Company. Unbestätigten Gerüchten zufolge wird Gummiarabikum nämlich auch über Südsudan, Eritrea und Äthiopien ausgeführt, die den US-Sanktionen nicht unterliegen, und anschließend in den Westen exportiert. Wenn man das Gummi hinzunimmt, das über die europäische Drehscheibe gehandelt wird, dann ergeben sich deutlich höhere Mengen (Schätzungen zufolge etwa 5 000 Tonnen mehr), die durch die diskrete Vermittlung europäischer Produzenten an die Ostküste der USA gelangen.

Als der Südsudan im Januar 2011 für die Unabhängigkeit stimmte, machte sich unter den sudanesischen Diplomaten die Hoffnung breit, die friedliche Teilung des Landes könne auch die Aufhebung der US-Sanktionen nach sich ziehen – und damit einen Anstieg der Harzexporte. Die versprochene Streichung des Sudan von der Liste der Schurkenstaaten ist einer der vielen Trümpfe, die der US-Sondergesandte für den Sudan, Scott Gration, in der Hand hat, um den Sudan in die von den USA gewünschte Richtung zu drängen. Die amerikanischen Importeure beobachten ihrerseits die Situation in Darfur, wo eine Stabilisierung der Lage neuen Aufschwung für den Akazienanbau bringen und zur Sicherung der Versorgung mit E 414 beitragen könnte.

Jack Van Holst Pellekaan weiß um die Vorzüge der Akazienbäume, deren Anpflanzung auch ökologisch sinnvoll sei, da sie helfe, die zunehmend trockene Sahara wieder zu begrünen.3 Van Holst Pellekaan ist als Berater der Weltbank verantwortlich für ein Aufforstungsprogramm im Südsudan; er sieht eine Win-win-Situation für die Gummihersteller und ihre Abnehmer im Westen. Mit einem kleinen Wortspiel an die Adresse seiner sudanesischen Kollegen bezeichnet Paul Flowerman den kostbaren Akaziensaft als „Bindemittel“, das die wirtschaftlichen Interessen der USA und des Sudans schon längst geschmeidig mache. Wenn er an die Zauberkörnchen in der elften Schublade des Kuriositätenkabinetts im India House denkt, bekommt auch Van Holst Pellekaans leuchtende Augen – er hält Gummiarabikum für „einen Rohstoff, der Frieden stiften kann“.

Fußnoten:

1 Madeleine Albright, „Memo to the President Elect. How We Can Restore America’s Reputation and Leadership“, New York (Harper) 2008. Deutsche Ausgabe: „Amerika, du kannst es besser. Was ein guter Präsident tun und was er lassen sollte“, München (Droemer Knaur) 2008. 2 „Usama Bin Ladin: Islamic Extremist Financier“, State Department, Washington, 14. August 1996, siehe usembassy-israel.org.il/publish/press/state/archive/august/sd4_8-15.htm. 3 Siehe auch Mark Hertsgaard, „Sawadogos Leidenschaft für Bäume. Mit alten landwirtschaftlichen Methoden wird die Sahelzone fruchtbarer“, Le Monde diplomatique, August 2008. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Guillaume Pitron ist Journalist.

Der Baumsaft in Zahlen

Von den 60 000 Tonnen Rohgummiarabikum, die jedes Jahr produziert werden, exportiert der Sudan die Hälfte, der Tschad ein Viertel und Nigeria ein Zehntel. Der restliche Markt verteilt sich auf die fünfzehn übrigen Hersteller (Mali, Mauretanien, Senegal, Uganda, Tansania, Äthiopien, Kamerun u. a.).

Frankreich ist der wichtigste Gummiarabikum-Importeur der Welt und kauft allein 46 Prozent der gesamten Produktionsmenge; dort wird das meiste Rohgummi verarbeitet und in andere Länder weiterexportiert, vor allem in die USA.

Eine Tonne Rohgummi kostet 2 500 Dollar, für das verarbeitete Produkt zahlt der Endkunde je nach Qualität zwischen 8 000 und 12 000 Dollar pro Tonne.

Le Monde diplomatique vom 08.04.2011,