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Es brennt in Kenia

Es brennt in Kenia

Die historischen Wurzeln des blutigen Konflikts von Gérard Prunier

Am Abend des 15. Juni 2014 drangen etwa 50 bewaffnete Männer in Mpeketoki ein, eine Kleinstadt in der kenianischen Küstenprovinz Lamu.1 Die Angreifer gingen von Haus zu Haus und töteten systematisch alle Einwohner, die keinen muslimischen Namen trugen. Nachdem sie den zaghaften Gegenangriff der staatlichen Sicherheitskräfte zurückgeschlagen hatten, konnten sie ungestört weitermachen und Banken ausrauben, Geschäfte plündern und Autos zerstören. Am Ende verschwanden die Täter spurlos. Zurück blieben mehr als 60 Tote.

In der Nacht zum 17. Juni tauchten die Mörderbanden im Nachbardorf Maporomokoni auf und massakrierten 15 Menschen. In beiden Orten waren die meisten der Opfer Kikuyu, Angehörige einer christlichen Ethnie, die vom kenianischen Hochplateau stammt.

Die internationalen Medien waren mit einer Erklärung für die Orgie der Gewalt schnell bei der Hand: Die Kriminellen waren somalische Terroristen der Harakat al-Shabaab al-Mujahideen (Bewegung der Mudschaheddin-Jugend, kurz „al-Shabaab“, „die Jugend“), die in Kenia schon mehrere Anschläge verübt hat, auch den im Westgate-Einkaufscenter in Nairobi im September 2013.2 Diese Annahme bestätigte al-Shabaab wenig später mit der Twitter-Meldung, sie habe mit dem Massaker den Tod von Scheikh Abubakar Shariff Ahmed – besser bekannt unter seinem Vornamen Makaburi – rächen wollen. Der radikale Imam war am 1. April 2014 in Mombasa getötet worden – höchstwahrscheinlich im Auftrag des kenianischen Geheimdienstes.

Die Sache wurde jedoch komplizierter, als der kenianische Innenminister Joseph Ole Lenku noch am 17. Juni erklärte, die Mitglieder des Mordkommandos seien von „gewissen politischen Akteuren in Kenia“ unterstützt und „eingeladen“ worden. Es handle sich dabei um Leute, die auf eine „Spaltung“ des Landes hinarbeiten.

Gegen diese Unterstellung verwahrte sich der ehemalige Premierminister und Chef der Oppositionspartei Coalition for Reforms and Democracy (Cord) Raila Odinga, der seine Unschuld beteuerte, obwohl Lenku seinen Namen gar nicht genannt hatte. Tags darauf meldete sich Präsident Uhuru Keyatta persönlich zu Wort. Er erklärte zum einen, die Überfälle seien nicht von der al-Shabaab verübt worden, und zum anderen, dass er „Akte des Hasses und die negative Propaganda von Politikern, die zu allem bereit sind“, nicht dulden werde.

Als Innenminister Lenku die Orte der Verbrechen besuchte, wurde er von einer aufgebrachten Menge ausgebuht, die ihn fast gelyncht hätte. Seine Rettung verdankte er einzig dem Abgeordneten Mbuvi Gidion Kioko, einem Millionär mit zweifelhaftem Ruf, der allgemein „Mike Sonko“ („der Reiche“) genannt wird.3 Mit seiner Hilfe schaffte es der Innenminister gerade noch zu seinem Hubschrauber.

In diesem angespannten Klima verkündete Oppositionsführer Odinga, er werde sich nicht einschüchtern lassen. Er werde weiterhin bei Kundgebungen seiner Cord-Partei auftreten und es sich nehmen lassen, den am 4. März 2013 gewählten Präsident Kenyatta zu attackieren. Unter anderem mit dem Hinweis, dass Kenyatta beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) nach wie vor unter Anklage steht, weil er bei den blutigen Auseinandersetzungen nach der Präsidentschaftswahl 2007, bei denen mehr als 1 000 Menschen starben, als Strippenzieher agiert haben soll.4

Inzwischen verlassen verängstigte Ausländer zu Tausenden das Land. Der Tourismus – er macht rund 13 Prozent des kenianischen BIPs aus und ist die drittwichtigste Deviseneinnahmequelle des Landes – droht einzubrechen, Hotelbuchungen werden storniert und Rundreisen abgesagt. Der mächtige Arbeitgeberverband Kenya Private Sector Alliance (Kepsa) hat zur Ruhe aufgerufen und erreicht, dass Odinga zumindest die Auftritte absagt, bei denen die Gefahr von Ausschreitungen besonders groß ist.

Das Touristenparadies Kenia ist akut bedroht. In der Küstenregion gab es seit Anfang 2014 Dutzende Tote und etwa 100 Verletze. Die Frage ist allerdings, ob die Opfer dem internationalen islamistischen Terrorismus zuzuschreiben sind oder lokalen Konflikten, die von den kenianischen Akteuren verschleiert werden. Klar ist nur, dass dem Blutvergießen eine Serie gewaltsamer Konflikte voranging, bei denen die Fronten unklar sind oder sich durchkreuzen: Christen gegen Muslime, Hochland- gegen Küstenbewohner, privilegierte gegen verarmte Bevölkerungsgruppen.

Um die gegenwärtige Lage zu verstehen, muss man bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurückgehen. Damals betrachtete die Kolonialmacht Großbritannien das Gebiet des heutigen Kenia als „white man’s country“, als Siedlungsland; damals wurden den Ureinwohnern und insbesondere den Massai und den Kalendjin, aber auch den Kikuyu riesige Flächen ihrer Siedlungsgebiete weggenommen.

Die Kikuyu wurden Mitte der 1950er Jahre zur treibenden Kraft des Mau-Mau-Aufstands und damit zur Speerspitze des antikolonialen Kampfs. Dabei wahrte der antikolonialistische Aktivist Jomo Kenyatta, wiewohl selbst Kikuyu, eine gewisse Distanz zur Mau-Mau-Guerilla, die von den Briten brutal zerschlagen wurde.5 1963 wurde der „Vater der Unabhängigkeit“ zunächst Premierminister und ein Jahr später dann der erste gewählte Präsident der jungen Republik.

Im Rahmen der von London finanzierten Landreform näherte Kenyatta sich den Kikuyu wieder mehr an. Er sorgte dafür, dass ein Großteil der 300 000 Hektar des neu zu verteilenden besten Ackerlands seinem eigenen Stamm zufiel – auf Kosten der übrigen Volksgruppen. Seitdem besaßen die Kikuyu, die nur 23 Prozent der kenianischen Bevölkerung ausmachen, einen unverhältnismäßig großen Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Noch größere Privilegien konnten diejenigen ergattern, die in Kenyattas Partei, der Kenya African National Union (Kanu), wichtige Funktionen innehatten.6

Die sozioethnische Dominanz der Kikuyu blieb nicht auf das Zentralplateau beschränkt, sondern breitete sich nach und nach auch auf die anderen Regionen des Landes aus. Die Entwicklung des Tourismus in den Küstenregionen ließ die ökonomische Macht der Kikuyu und ihrer Verbündeten noch weiter anwachsen. Die mit den Kikuyu verwandten Stämme der Meru und Embu stiegen zu mächtigen Interessengruppen in Wirtschaft und Politik auf. Mit dem in der Landwirtschaft verdienten Geld finanzierten sie Bauprojekte und touristische Anlagen und erlangten auf diese Weise im Lauf der 1970er Jahre auch die Dominanz über die Küstenregion. Und zwar häufig mittels Landraub auf Kosten der Swahili, die keine offiziellen Besitztitel besaßen, weil die traditionelle Form des Besitzes nach kollektiven Einheiten wie Familien oder Clans geregelt war. Als Jomo Kenyatta 1978 starb, kontrollierten die Kikuyu praktisch die gesamte Wirtschaft und alle staatlichen Institutionen.

Doch dann kam die Wende: Kenyattas Nachfolger, sein Vizepräsident Daniel Arab Moi, der im Schatten des „Vaters der Unabhängigkeit“ aufgestiegen war, gehörte der Ethnie der Kalendjin (Ost-Niloten) an. Während seiner langen Regierungszeit (1978 bis 2002) wurden die Kikuyu, die den neuen Präsidenten anfangs für kontrollierbar gehalten hatten, durch eine Allianz der Minderheitenstämme an den Rand gedrängt.

Moi erwies sich zwar als geschickter Manipulator, doch die Macht der Kikuyu war zu groß, als dass er sie hätte zerschlagen können. Sie konnte sich erneut festigen, nachdem 2002 ein Mehrparteiensystem etabliert worden war. Das Ende des politischen Monopols der Kanu-Partei bedeutete die Aufspaltung der Wählerschaft in eine Vielzahl ethnischer Lager, wovon die Kikuyu aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit, ihres Reichtums und ihrer Geschlossenheit profitierten. Mois erster Nachfolger, der 2002 mit 63 Prozent der Stimmen gewählte Mwai Kibaki, war ein Kikuyu. Seine Wahl wurde, obwohl es einige Unregelmäßigkeiten gab, als Sieg der Demokratie gefeiert. Das Monopol der Einheitspartei war gefallen, in einer freien und friedlich verlaufenen Abstimmung.

Kibaki konnte sich auf ein landesweites Bündnis stützen – ganz im Gegensatz zu den 25 Jahren Diktatur davor. Großen Anteil an seinem Erfolg hatte Raila Odinga, ein einflussreicher Vertreter der Luo. Vor dem Präsidenten lag die schwere Aufgabe, die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen und die Folgen der in der Ära Moi grassierenden Korruption zu beseitigen. Kibaki begann mit einem keynesianischen Programm, das bald positive Resultate hervorbrachte: Das Wirtschaftswachstum legte deutlich zu, und zwar von 1,6 Prozent im Jahr 2002 auf 5,5 Prozent im Jahr 2007.

Die Zahlen erzählen jedoch nur einen Teil der Geschichte. Die Früchte dieses Aufschwungs wurden höchst ungleich verteilt, und den Löwenanteil sicherten sich die Kikuyu-Eliten. Die siegreichen politischen Kräfte hatten „nichts gelernt und nichts vergessen“ (wie der französische Diplomat Talleyrand das Verhalten der französischen Aristokratie nach ihrer Rückkehr an die Macht 1815 charakterisierte). Die Kikuyu-Eliten, lange Zeit geschurigelt durch einige Minderheitsethnien, eroberten ihre alte Vormachtstellung zurück – und gaben sie nicht mehr ab. Seither droht den Kikuyu Gefahr von den beiden anderen großen Ethnien: den Luhya und den Luo.7

Für die kleineren Volksgruppen, die von der Party ausgeschlossen waren, war die „Demokratie“ praktisch wie eine Diktatur. Die Swahili der Küstenregion hatten die „Früchte des Aufschwungs“ vor Augen, ohne dass sie etwas davon abbekamen, abgesehen von misslichen Erscheinungen wie dem erheblichen Anstieg der städtischen Kleinkriminalität, erbitterter Rivalitäten innerhalb der ärmsten Bevölkerungsschichten und dem lawinenartigen Anwachsen der neotraditionalistischen Kikuyu-Sekte Mungiki.8

Gleichzeitig kam es vermehrt zu Konflikten zwischen Gruppierungen der Minderheiten, beispielsweise im Westen am Fuße des Mount Elgon und im Kisii-Distrikt, wo sich spontan entstandene Stammesmilizen gegenüberstehen. Diese Kampfgruppen wollen mit den Waffen der Armen – Pfeil und Bogen, Macheten – das Land ihrer Vorfahren zurückerobern, das ihnen zunächst die Weißen gestohlen hatten, um es später den Kikuyu zu überlassen.

Dass 2002 ein Stück Demokratie verwirklicht wurde, machte die Ungerechtigkeiten von 75 Jahren nicht auf einen Schlag rückgängig. Und die Verlierer gingen sich, sobald sie ihre Enttäuschung verdaut hatten, gegenseitig an die Gurgel – am heftigsten nach der Präsidentschaftswahl von 2007, als ein Bürgerkrieg gerade noch verhindert wurde. Das gelang durch das Vermittlungsgeschick des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, aber mehr noch dank des multiethnischen „Klassenzusammenhalts“ zwischen den weißen, indischen und afrikanischen Teilen der Bourgeoisie.

Die Bevölkerung der Küstenregionen war in mehrfacher Hinsicht homogen: vorwiegend muslimisch, Swahili sprechend und Handel treibend. Und mit gemeinsamen historischen Erfahrungen – vor allem als Opfer der Übernahme des Bodens durch christliche Ethnien aus dem Landesinnern.

In die politischen Auseinandersetzungen während der Ära Moi war die Küstenbevölkerung kaum involviert gewesen. Das änderte sich, als der Vormarsch des radikalen Islam begann, und vor allem ab 1991, nach dem Zusammenbruch der Diktatur von Präsident Siad Barre im Nachbarland Somalia. Und 1992 trat dann mit der Gründung der Islamischen Partei Kenias (IPK) unter Führung des swahilischen Imams Sheikh Khalid Balala erstmals eine radikalislamische Bewegung an der kenianischen Küste auf.

Die IPK ist von unterschiedlichen Einflüssen geprägt: Sie ist radikalislamisch, aber in gewisser Weise auch eine Wiederbelebung der Kenyan African Democratic Union (Kadu), die in den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit für eine föderative Verfassung eingetreten war und später von der Kanu geschluckt wurde. Der Islam ist für die IPK eine Art regional-kulturelles Markenzeichen, um sich gegen die „Invasion“ der Stämme aus dem Landesinnern und deren politische, wirtschaftliche und ethnische Dominanz zu behaupten.

Die IPK stand zwar von Anfang in deutlicher Opposition zum Regime von Daniel Arab Moi, das ihr die Registrierung als politische Partei verweigerte, doch mit Terrorismus hatte sie nichts zu tun. Der islamistische Terror kam erst 1998 ins Spiel, mit den Attentaten der damals noch jungen al-Qaida auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam. Logistisch unterstützt wurde al-Qaida allerdings von der somalischen Union islamischer Gerichte, aus der später die al-Shabaab hervorging.9 Während sich diese in Somalia radikalisierte, entschieden sich die kenianischen Küstenbewohner für eine weniger radikale Linie und gründeten den Mombasa Republican Council (MRC).

Der MRC ist keineswegs eine islamistische Terrororganisation; viele seiner Mitglieder sind Christen. Sie erhebt soziale, politische und ökonomische Forderungen und verweist dabei immer wieder auf bittere Tatsachen: Nur 38 Prozent der Küstenbewohner können einen Besitztitel für ihren Grund und Boden vorweisen, im Landesinneren sind es 62 Prozent; die Armutsrate für die Küstenbevölkerung liegt mit 51 Prozent um 13 Prozentpunkte höher als für den Rest des Landes (38 Prozent).10 Dementsprechend ist die Küste die zweitärmste Provinz Kenias, nach dem Nordosten, wo die Bevölkerung vorwiegend somalisch ist – also ebenfalls muslimisch.

Küstenbewohner gegen die Wachenzi aus den Bergen

Der MRC fordert die Unabhängigkeit der Küstenprovinz. Sein Slogan lautet: „Pwani si Kenya“, die Küste ist nicht Kenia. Doch nachdem er keine großen Erfolge verzeichnen konnte, radikalisierte sich seine Wählerschaft. Ein Teil der MRC-Anhänger gründete die al-Hidschra als kenianischen Ableger der somalischen al-Shabaab. Der Zusammenschluss von legalen und terroristischen Strukturen wurde erstmals im September 2013 offenbar, als die al-Hidschra bei der Organisation des Anschlags auf das Westgate-Einkaufszentrum logistische Unterstützung leistete.

Das Massaker von Westgate löste eine brutale Reaktion des Staats aus. Unter dem Vorwand des Kampfs gegen den Terrorismus startete die Regierung die „Sicherheitsoperation“ Usalama Watch: Soldaten und Polizisten zogen plündernd durch das somalische Viertel Eastleigh in Nairobi, brachen Türen auf, stahlen Geld (die meisten Somalier bewahren ihr Bargeld zu Hause auf) und vergewaltigten Frauen jeden Alters.

Innenminister Lenku segnete diese Aktion nicht nur ab, sondern entzog vielen Somaliern auch noch die kenianische Staatsbürgerschaft. Die Staatenlosen wurden über Nacht zu Flüchtlingen und in Lager nahe der Grenze abtransportiert. Die somalische Community in Kenia stand unter Schock. Erst jetzt wandten sich viele den „Terroristen“ zu, denen sie zuvor misstraut hatten.

Als Mitglieder des MRC Kontakt zu den somalischen Dschihadisten aufnahmen, stellten sie verwundert fest, dass einige ihrer Parteifreunde bereits der al-Hidschra angehörten und zur Zusammenarbeit bereit waren. Die Operation Usalama Watch hat es also binnen weniger Wochen geschafft, das Bündnis zwischen einem Teil der Autonomieanhänger aus der Küstenregion, die bis dahin gewaltlos agiert hatten, und dem radikalsten Teil der somalischen Bewegung zu zementieren.

Für die Entscheidung, Mpeketoni als Anschlagsziel auszuwählen, gibt es mehrere Erklärungen: Zum einen ist die Stadt seit 1965 ein Zentrum der Übersiedler vom Hochplateau und damit ein Symbol für die Herrschaft der Wachenzi („der Wilden“, wie Kenianer aus dem Landesinnern abschätzig genannt werden). Zum andern sollen in Mpeketoni die Arbeiter für das Hafenbauprojekt in Lamu untergebracht werden; und diese Arbeiter werden ebenfalls aus dem Landesinnern kommen, womit die Beschäftigungschancen der Küstenbewohner nochmals verringert werden. „Ist doch kein Wunder“, meint ein alter MRC-Aktivist, „wir anderen Swahili sind Geschäftsleute, keine Soldaten. Wenn die Somalier kommen und für uns die Wachenzi töten, werden wir ihnen helfen, auch wenn wir im Grunde nichts mit ihnen gemein haben.“11

Der Gewaltausbruch in der Küstenregion hat also mehrere Dimensionen. Der „Küstenterrorismus“ ist nicht etwa das alleinige Werk der somalischen al-Shabaab. Und auch nicht das Ergebnis eines subversiven Plans der kenianischen Opposition, in der, ebenso wie in der Regierung von Präsident Kenyatta, die Ethnien der Hochplateaus vertreten sind. Der Hass der Küstenbewohner auf die Wachenzi gilt auch keineswegs nur den Kikuyu.

Ein weiterer Anschlag am 21. Juli in Mombasa, bei dem vier Personen getötet wurden, wurde auf Flugblättern gerechtfertigt, die nicht gegen die Regierung gerichtet waren, sondern gegen die Luo, also die Ethnie von Oppositionsführer Raila Odinga. Die Luo, die aus dem Landesinneren stammen, sind Christen wie die Kikuyu. Allerdings haben sie nicht in gleichem Ausmaß von der Umsiedlung an die Küste profitiert, weil sie nicht den gleichen politischen Einfluss in der Regierung besitzen.

Im Grunde erlebt Kenia einen kulturellen und wirtschaftlichen Konflikt, bei dem die Religion lediglich als Unterscheidungsmerkmal zwischen Küstenbewohnern (Muslimen) und Leuten aus dem Landesinnern (Christen) dient. Die somalischen Terroristen sind zwar mit von der Partie, aber sie werden vor allem dazu genutzt, die Risse innerhalb der kenianischen Gesellschaft zu verdecken.

Fußnoten: 1 In dieser Region entsteht mit einem großen Tiefseehafen ein Infrastrukturprojekt von panafrikanischer Bedeutung, siehe Tristan Coloma „Neuer Hafen für Kenia“, Le Monde diplomatique, April 2013. 2 Siehe Gerard Prunier, „Terror und Misere“, Le Monde diplomatique, November 2013. 3 „Sonko“ ist mit Drogenhandel und Bodenspekulation reich geworden. Er saß mehrfach im Gefängnis, beim letzten Mal konnte er unter ungeklärten Umständen ausbrechen. Im September 2010 gewann er für die Regierungskoalition Jubilee Alliance den Parlamentssitz des Armendistrikts Makadara in Nairobi, seit 2013 sitzt er im Senat. Siehe: buzzkenya.com/mike-sonko-biography-facts/. 4 Siehe Francesca Maria Benvenuto, „Das Weltgericht“, Le Monde diplomatique, November 2013. 5 Siehe Robert Buijtenhuijs, „Le Mouvement Mau Mau“, Den Haag (Mouton) 1971. 6 Siehe Christopher Leo, „Land and Class in Kenya“, Toronto (University of Toronto Press) 1984. 7 In Kenia gibt es 42 unterschiedliche Ethnien. Die drei größten (Kikuya, Luo und Luhya) bilden 65 Prozent der Bevölkerung. 8 Siehe Jean-Christophe Servant, „Kenianisches Fieber“, Le Monde diplomatique, Februar 2008. 9 In Somalia ist der islamische Fundamentalismus schon länger verwurzelt. Doch erst mit dem Aufstieg der Harakat al-Shabaab al-Mujahideen (kurz: al-Shabaab, „die Jugend“) in den Jahren 2005 und 2006 begann er eine wichtige Rolle zu spielen. Siehe Gérard Prunier „Somalia ist nicht Afghanistan“, Le Monde diplomatique, September 2006. 10 Im Landesdurchschnitt liegt die Armutsrate bei 42 Prozent (siehe Standard digital: www.standardmedia.co.ke/, 30. April 2014) und die offizielle Armutsschwelle bei 450 Dollar Jahreseinkommen (das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt 890 Dollar, kaufkraftbereinigt 1 800 Dollar). 11 Interview, geführt am 17. Juni 2014 in Mombasa. Aus dem Französischen von Jakob Farah Gérard Prunier ist Forscher am Centre national de la recherche scientifique (CNRS, Paris) und Direktor des Centre français d’études éthiopiennes (Addis-Abeba).

Le Monde diplomatique vom 09.10.2014,