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Die Erfindung des Negers

Die Erfindung des Negers

Sklavenhandel, Plantagenwirtschaft und die Wurzeln des modernen Rassismus von Achille Mbembe

Der neuzeitliche europäische Diskurs – der wissenschaftliche ebenso wie der volkstümliche – greift bei der Vorstellung und Klassifizierung ferner Welten oft auf Verfahren des Fabulierens zurück. Wenn es ein Objekt und einen Ort gibt, an denen diese Fiktionsökonomie besonders deutlich zutage tritt, so ist es dieses Zeichen, das man den Neger nennt, und indirekt auch dieser scheinbar aus der Welt gefallene Ort namens Afrika. Gewiss, nicht alle Neger sind Afrikaner, und nicht alle Afrikaner sind Neger. Aber es hat kaum Bedeutung, wo sie sind.

Tatsächlich hat sich der räumliche Horizont Europas zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert beträchtlich erweitert. Die Verwandlung Spaniens und Portugals aus Kolonien am Rande der arabischen Welt zu treibenden Kräften in der europäischen Expansion jenseits des Atlantiks fiel mit dem Zustrom von Afrikanern auf der Iberischen Halbinsel zusammen. Die ersten Schwarzen, die auf öffentlichen Märkten verkauft wurden, trafen 1444 in Portugal ein. In Lissabon, Sevilla und Cadiz stammten bereits Anfang des 16. Jahrhunderts fast zehn Prozent der Bevölkerung aus Afrika.1 Nach 1492 wurde der Atlantik aufgrund des Dreieckshandels zu einer veritablen Drehscheibe, die Afrika, Amerika, die Karibik und Europa in einer verschachtelten Ökonomie vereinigte. Zwischen 1630 und 1780 überstieg die Zahl der in den atlantischen Besitzungen Großbritanniens ankommenden Afrikaner bei weitem die der Europäer.2

Das Ende des 18. Jahrhunderts war insofern die große schwarze Zeit des britischen Empire. Es handelte sich nicht nur um Schiffsladungen von Menschen, die aus den Sklavenlagern und Häfen Westafrikas und der Bucht von Biafra in Jamaika und den Vereinigten Staaten ankamen. Auch freie Afrikaner – gestern noch „black poor“ in England oder Flüchtlinge des Unabhängigkeitskriegs in den Vereinigten Staaten – machten sich von Neuschottland, Virginia oder Carolina auf den Weg, um in Afrika selbst neue Kolonien nach dem Vorbild Sierra Leones zu gründen.3

Die Transnationalisierung der conditio nigra ist also ein konstitutives Moment der Moderne, und ihr Inkubationsort ist der atlantische Raum. Diese Conditio umfasst einen ganzen Fächer äußerst unterschiedlicher Situationen. Sie reicht vom gekauften Sklaven, dem Objekt des Sklavenhandels, über den Strafsklaven und den Subsistenzsklaven (Knecht auf Lebenszeit) bis hin zu unterschiedlichen Formen der Leibeigenschaft oder auch vom Freigelassenen bis hin zum Sklaven durch Geburt.

Zwischen 1776 und 1825 verlor Europa durch eine Reihe von Revolutionen den größten Teil seiner amerikanischen Kolonien. Die Afro-Lateinamerikaner hatten eine herausragende Rolle beim Aufbau der iberisch-spanischen Reiche gespielt – nicht nur als versklavte Arbeitskräfte, sondern auch als Seeleute, Exploratoren, Offiziere, Siedler, Grundbesitzer und gelegentlich sogar als Freie mit eigenen Sklaven. Bei der Auflösung der Kolonialreiche und bei antikolonialistischen Aufständen im 19. Jahrhundert traten sie in unterschiedlichen Rollen auf, mal als Soldaten oder als Anführer politischer Bewegungen.

Entscheidend ist das Beispiel Haiti, das sich 1804, nur zwanzig Jahre nach den Vereinigten Staaten, für unabhängig erklärte. Anders als die übrigen Unabhängigkeitsbewegungen war die haitianische Revolution das Ergebnis eines Sklavenaufstands. Sie führte 1805 zu einer der fortschrittlichsten Verfassungen der Neuen Welt. Diese schaffte die Sklaverei und den Adel ab, verkündete Religionsfreiheit, erlaubte die Enteignung der Ländereien der französischen Kolonisten und nahm der herrschenden Klasse damit ganz nebenbei ihre Grundlage. Sie schaffte auch die Unterscheidung zwischen ehelicher und nichtehelicher Geburt ab und trieb die damals noch revolutionären Ideen von der Gleichheit der Rassen und der universellen Freiheit zu ihren äußersten Konsequenzen.

In den Vereinigten Staaten waren die ersten schwarzen Sklaven 1619 eingetroffen. Kurz vor der Revolution gegen die Engländer zählte man in den aufständischen Kolonien mehr als 500 000. 1776 schlossen sich 5 000 von ihnen als Soldaten den Patrioten an. Für die meisten war der Kampf gegen die britische Herrschaft zugleich ein Kampf gegen das System der Sklaverei. Fast 10  000 geflohene Plantagenarbeiter kämpften in Georgia und South Carolina mit den britischen Truppen. Andere zogen sich in Sümpfe und Wälder zurück und versuchten, für ihre Befreiung zu kämpfen. Am Ende des Kriegs wurden etwa 14 000 Schwarze, von denen einige nun frei waren, aus Savannah (Georgia), Charleston (South Carolina) und New York umgesiedelt und nach Florida, Neuschottland, Jamaika und später nach Afrika verschifft.4 Die antikoloniale Revolution gegen die Engländer hatte die paradoxe Folge, dass die Freiheit für die Weißen erweitert und das System der Sklaverei gefestigt wurde.

Der Neger auf den Plantagen ist eine vielschichtige Gestalt. Er ist Jäger von entlaufenen und flüchtigen Sklaven, Henker und Henkersknecht, talentierter Sklave, Spitzel, Domestik, Küchenmeister, ein weiterhin in Abhängigkeit stehender Freigelassener, Konkubine, Landarbeiter, Fabrikarbeiter, Maschinenführer, Begleiter seines Herrn, Gelegenheitssoldat. Diese Positionen sind alles andere als stabil. Je nach den Umständen kann eine Position in eine andere „verkehrt“ werden. Das Opfer von heute kann morgen schon der Henker im Dienste seines Herrn sein. Gar nicht selten kommt es vor, dass der gestern Freigelassene heute selbst zum Sklavenhalter und Sklavenjäger wird.

Die schwarze Struktur der Welt

Charakteristisch für die Plantage sind nicht nur Unterjochung, Misstrauen, Intrigen, Rivalitäten und Eifersüchteleien, wechselnde Treueverhältnisse oder Komplizenschaften. Charakteristisch ist auch die Tatsache, dass das soziale Ausbeutungsverhältnis nicht ein für alle Mal gegeben ist. Es wird ständig infrage gestellt und muss immer wieder produziert und reproduziert werden.

Die eigentliche Plantagengesellschaft entstand zwischen 1630 und 1680. Das Prinzip der lebenslangen Knechtschaft der durch ihre Hautfarbe stigmatisierten Menschen afrikanischer Herkunft wurde mehr und mehr zur Regel, wobei die Unterscheidung zwischen weißen Dienern und schwarzen Sklaven deutlich hervortrat. Die Plantage verwandelte sich schrittweise in eine disziplinierende und strafende ökonomische Institution. Die Schwarzen und ihre Nachkommen konnten seither für immer gekauft werden.

Während des 17. Jahrhunderts besiegelte eine immense gesetzgeberische Arbeit ihr Schicksal. Die Fabrikation von Rassensubjekten auf dem amerikanischen Kontinent begann mit deren bürgerlicher Entrechtung und setzte sich fort mit der Ausdehnung der lebenslangen Unterjochung auf ihre Kinder und deren Nachkommen. Diese erste Phase wurde vervollständigt durch einen langen Prozess der Konstruktion der Rechtsunfähigkeit. Der Verlust des Rechts auf Anrufung der Gerichte machte den Schwarzen in juristischer Hinsicht zu einer Unperson. Dieses rechtliche Instrument wurde später durch eine Reihe von Sklavengesetzen ergänzt, die teilweise auf Sklavenaufstände zurückgingen. Nach dem Abschluss dieser Kodifizierung um 1720 etablierte sich die auf den Westindischen Inseln bereits existierende schwarze Struktur der Welt auch in den Vereinigten Staaten, und ihr Korsett war die Plantage. Der Neger war nun zumindest in rechtlicher Hinsicht nur noch ein bewegliches Gut.

Nach 1670 stellte sich die Frage, wie man eine große Zahl von Arbeitskräften im Dienst einer über große Distanzen kommerzialisierten Produktion einsetzen konnte. Die Erfindung des Negers ist die Antwort auf diese Frage. Der Neger ist in der Tat das Räderwerk, das in Gestalt der Plantage die damals effizienteste Form der Akkumulation von Reichtum zu erschaffen erlaubte und so die Integration des Handelskapitalismus, des Einsatzes von Maschinen und der Kontrolle über abhängige Arbeit beschleunigte. Die Plantage stellte damals eine gewaltige Innovation dar, und das nicht nur im Blick auf Freiheitsberaubung, Kontrolle über die Mobilität der Arbeitskraft und den unbegrenzten Einsatz von Gewalt. Die Erfindung des Negers eröffnet auch den Weg zu entscheidenden Innovationen auf den Gebieten des Transports, der Produktion, des Handels und des Versicherungswesens.

Gewiss, das 21. ist nicht das 19. Jahrhundert, in dessen Verlauf der koloniale Vorstoß nach Afrika im Westen von einer ausgeprägten Biologisierung der Rasse begleitet wurde. Zu den an der Hautfarbe festgemachten Vorurteilen, die vom atlantischen Sklavenhandel herrühren und in die Institutionen der Rassentrennung eingeflossen sind, zum antisemitischen Rassismus und zum kolonialen Modell der Bestialisierung als minderwertig angesehener Gruppen ist allerdings ein neuartiger Rassismus hinzugekommen. Statt ihr Ende zu finden, erlebt die Rasse ein Comeback im genomorientierten Denken.5

Ob in der Erforschung der genetischen Grundlagen von Krankheiten bei bestimmten Gruppen oder bei der Klärung der Herkunft oder der geografischen Ursprünge einzelner Personen – der Rückgriff auf die Genetik tendiert zu einer Bestätigung der Rassentypologien des 19. Jahrhunderts (kaukasische Weiße, afrikanische Schwarze, asiatische Gelbe).6 Dieselbe Rassensyntax findet sich in den Diskursen über Reproduktionstechnologien, die Ei- und Samenzellen manipulieren, oder auch in den Diskursen, die von Fortpflanzungsentscheidungen mit Hilfe der Selektion von Embryonen handeln.7

Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass man an einen Punkt gelangt, an dem man der Medizin nicht mehr nur die Rolle zuweist, den von Krankheit zerrütteten Organismus zu einem Normalzustand zurückzuführen, sondern auf der Grundlage molekularbiologischer Techniken das Leben selbst nach rassischen Kriterien umzugestalten. Rasse und Rassismus haben also nicht nur eine Vergangenheit. Sie haben auch eine Zukunft, vor allem innerhalb eines Kontextes, in dem die Möglichkeit, Lebewesen zu verändern und Mutationen zu erzeugen, keine Science-Fiction mehr ist.

Fußnoten: 1 Frédéric Mauro, „Le Portugal et l’Atlantique au XVIIe siècle (1570–1670)“, Paris 1960. 2 Siehe Michelle Anne Stephens, „Black Empire. The Masculine Global Imaginary of Caribbean Intellectuals in the United States, 1914–1962“, Durham (Duke University Press) 2005. 3 Siehe Alexander X. Byrd, „Captives and Voyagers. Black Migrants Across the Eighteenth-Century British Atlantic World“, Baton Rouge (Louisiana State University Press) 2008; Stephen J. Bradwood, „Black Poor and White Philanthropists. London’s Blacks and the Foundation of Sierra Leone Settlement, 1786–1820“, Liverpool 1994. 4 Sidney Kaplan und Emma Nogrady Kaplan, „The Black Presence in the Era of the American Revolution“, Amherst (The University of Massachusetts Press) 1989. 5 Richard S. Cooper, Jay S. Kaufman und Ryk Ward, „Race and genomics“, New England Journal of Medicine, 348, Nr. 12 (2003), S. 1 166–1 170. 6 Alondra Nelson, „Bioscience: genetic genealogy testing and the pursuit of African ancestry“, Social Studies of Science, 38, Nr. 5 (2008), S. 759–783. 7 Barbara A. Koenig u. a., „Revisiting Race in a Genomic Age“, New Brunswick (Rutgers University Press) 2008; Nikolas Rose, „The Politics of Life Itself. Biomedicine, Power, and Subjectivity in the Twenty-First Century“, Princeton (Princeton University Press) 2007. Gekürzter Auszug aus: Achille Mbembe, „Kritik der schwarzen Vernunft“. Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Das Buch erscheint am 10. November im Suhrkamp Verlag. Wir danken dem Verlag für die Abdruckrechte. © Suhrkamp Verlag, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.10.2014,