09.10.2014

Die Reichtümer Afghanistans

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Die Reichtümer Afghanistans

von Thomas Ruttig

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Die Kampftruppen der Nato und ihrer Verbündeten werden nach fast 13-jährigem Einsatz in Afghanistan bis Ende des Jahres abgezogen sein. Bereits am 29. September endete mit der Vereidigung von Aschraf Ghani die Ära des ersten Präsidenten Hamid Karsai, der zunächst als Protegé des Westens angetreten war. Nach drei Jahren als Interimsstaatschef (2001 bis 2004) und zwei Amtsperioden als regulärer Präsident (2004 bis 2014) durfte der Paschtune aus Kandahar bei den Wahlen am 5. April nicht mehr antreten. In der Stichwahl vom 14. Juni setzte sich mit Ghani wiederum ein Paschtune durch.

Doch das Ergebnis stand erst nach einer mehr als drei Monate andauernden politischen Krise um gefälschte Stimmen und Neuauszählungen fest. Um eine weitere Eskalation zu vermeiden, einigten sich Ghani und sein Gegner Abdullah Abdullah im September auf die Bildung einer „Regierung der nationalen Einheit“ und eine Teilung der Macht. Am 30. September wurden im Beisein beider schon lange vorliegende Abkommen mit den USA und der Nato – Karsai hatte die Unterschrift verweigert – unterschrieben, die den Verbleib von einigen Tausend westlichen Ausbildern sowie von Spezialeinheiten zur Aufstands- und Terrorismusbekämpfung auch nach 2014 im Lande ermöglichen. Dabei wird der Kampf gegen die Taliban schon heute von den afghanischen Streitkräften weitgehend allein bestritten. Sie benötigen aber weiterhin finanzielle und logistische Unterstützung aus dem Ausland.

Allerdings steht in den Sternen, wie die derzeit 352 000 Mann starken Kräfte von Armee, Polizei und dem Geheimdienst NDS – der eigene Kampfeinheiten unterhält – und die 25 000 paramilitärischen Hilfspolizisten der sogenannten Afghan Local Police (ALP) mittelfristig bezahlt werden sollen. Zwar haben die USA und andere Länder auf dem Nato-Gipfel in Wales im September die jährliche Militärhilfe noch einmal auf 5 Milliarden Dollar erhöht, aber nur bis 2017. Insgesamt hat das Interesse an Afghanistan, nicht nur wegen der neueren Konflikte in Syrien, im Irak und in der Ukraine, in den meisten Hauptstädten der Welt erheblich nachgelassen. Fraglich bleibt auch, ob die jeweiligen Parlamente die vorgesehenen Ausgaben tatsächlich auf längere Sicht bewilligen.

Das Militär kostet dreimal so viel, wie der Staat einnimmt

Deshalb soll die afghanische Regierung die Stärke ihrer Streitkräfte in den kommenden dreieinhalb Jahren wieder auf 228 500 Mann reduzieren. Darin sehen viele Afghanistan-Experten, angesichts der wieder selbstbewusster operierenden Aufständischen, ein Sicherheitsrisiko. „Selbst wenn die afghanische Regierung sämtliche eigenen Einnahmen in die Streitkräfte stecken würde, könnte sie nur ein Drittel der jährlichen Kosten von 5 bis 6 Milliarden Dollar abdecken“, twitterte Anfang August der Sondergeneralinspektor für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar) in Washington.1

So gerechnet bliebe kein müder Afghani für Bildung und Gesundheitsversorgung übrig – für die Bereiche also, die westliche Politiker als – wenn auch meist geschönte – afghanische Erfolgsgeschichte darstellen. Hier zeigt sich in aller Schärfe das Fehlen nachhaltiger Lösungen für ein Land, das lange nach der von den USA angeführten Intervention immer noch zu den ärmsten der Welt gehört.2 Um die Finanzierungslücke zu schließen und das Land längerfristig eigenständiger zu machen, befürworten die US-Regierung und die Technokraten in der Kabuler Regierung die Nutzung der erheblichen Rohstoffvorkommen.

Vor vier Jahren hatte der afghanische Rohstoffreichtum erstmals für Sensationsmeldungen gesorgt. Der Geologische Erkundungsdienst der USA und die „Task Force für Geschäfts- und Stabilitätsoperationen“ des Pentagon – die interessanterweise für den Wiederaufbau Afghanistans verantwortlich ist – hatten die Resultate sowjetischer und französischer Prospektionen aus der Vorkriegszeit ausgegraben und mit modernsten Methoden der Luftaufklärung überprüft. Die ließen auf Rohstoffvorkommen im Wert von 908 Milliarden Dollar schließen: Kupfer und Gold, Eisen und Kohle, Öl, Gas, Kobalt, Chrom und sogar seltene Erden. In der Zeitschrift Science war deshalb von „24 potenziellen Blockbuster-Vorkommen“ die Rede.

Der Informationsdienst Oil Price sah Afghanistan Anfang des Jahres schon als „ein Saudi-Arabien für Lithium“ und spekulierte, das Land könnte bei diesem begehrten Rohstoff für Handy- und Computerbatterien womöglich Bolivien als Weltmarktführer ablösen.3 Karsais Bergbauminister Wahidullah Schahrani, ein alerter anglofoner Technokrat, legte bei seinen Verkaufstouren durch die reichen Industrienationen noch einiges drauf und sprach von einem Potenzial von 3 000 Milliarden Dollar.

Als flankierende Infrastruktur soll eine „neue Seidenstraße“ entstehen: ein System von Straßen, Eisenbahnlinien und Pipelines, das Afghanistan mit der Region und der Welt verbindet. Die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton machte das Projekt 2011 zur offiziellen Regierungspolitik.4 Die afghanische Regierung stellt sich vor, dass der Bergbausektor – einschließlich Erdöl und Erdgas – ab 2016 jährliche Einnahmen von 300 Millionen Dollar und bis 2024 die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts generieren soll – und damit 150 000 Arbeitsplätze.

Diese Pläne könnten auch unter dem Titel „Kupfer und Eisen für Kanonen“ stehen. Denn es sind vor allem zwei Megabergwerke, deren Erträge die afghanische Finanzierungslücke schließen sollen. Das erste ist die zweitgrößte offene Kupfermine der Welt (nach Chuquicamata in Chile); sie liegt bei Mes Ainak in der Provinz Logar, knapp 50 Kilometer Luftlinie südöstlich von Kabul. Die Ausbeutungsrechte auf 30 Jahre wurden im Mai 2008 an die China Metallurgical Group (CMG) vergeben, ein Konglomerat aus mehreren chinesischen Staatskonzernen. Die CMG zahlte bei Vertragsabschluss 808 Millionen Dollar und sagte Investitionen in Höhe von mehr als 3 Milliarden zu.

Das zweite Megaprojekt ist der Abbau der gewaltigen Eisenerzlager von Hadschigak in Zentralafghanistan. Die Lizenz ging an ein indisches Konsortium aus sieben staatlichen und Privatfirmen unter Führung der Steel Authority of India Ltd. (Sail).

In Logar wollen die Chinesen ein Kraftwerk bauen, das die Erzschmelze an der Mine betreiben und zugleich Energie für einen örtlichen Industriepark liefern soll. Für die örtliche Bevölkerung sind weitere Investitionen in die soziale Infrastruktur vorgesehen. Zu-dem hat sich CMG verpflichtet, innerhalb von acht Jahren bis zu 90 Prozent der in Aussicht gestellten 3 500 bis 4 000 Jobs an Afghanen zu vergeben. Nach Angaben der afghanischen Regierung hat sich der Konzern auch verpflichtet, eine Eisenbahnlinie zum Khaiberpass an der Grenze zu Pakistan zu bauen, von wo das produzierte Kupfer über Karatschi nach China verschifft werden soll. Allerdings lässt sich diese Zusage nicht überprüfen, weil die Regierung den Vertrag unter Verschluss hält. Nicht einmal das Parlament wurde informiert, behauptet Qurban Kohestani, der im parlamentarischen Ausschuss für mineralische und natürliche Ressourcen sitzt.

Nach Berechnungen der Weltbank könnte die Mine bei voller Produktion einen Jahresgewinn von 250 Millionen Dollar abwerfen und über 70 000 weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern und Dienstleistungsunternehmen schaffen.

Die beiden Megavorhaben sind allerdings schon im Verzug, bevor sie richtig in Gang gekommen sind. Die Kupferförderung in Ainak sollte binnen fünf Jahren beginnen, doch dieser Zeitpunkt ist bereits mehr als ein Jahr überschritten. Die Ainak-Khaiber-Eisenbahnlinie ist zwar projektiert, für ihren Bau wurde aber noch kein einziger Stein bewegt. Den Beschwerden der afghanischen Regierung hält die CMG entgegen, diese habe nicht, wie vertraglich zugesichert, bestimmte Chemikalien für die Erzgewinnung geliefert. Und Ersatz aus China würden die Kosten nach oben treiben. Das Konsortium will deshalb neu verhandeln, während Kabul die Chinesen drängt, den Vertrag trotz der Verzögerungen einzuhalten.

Anders verhält sich die Regierung beim Hadschigak-Projekt: Sie hat dem indischen Konsortium zugesagt, die nötige Bahnverbindung selbst zu schaffen, entweder als 900 Kilometer lange Bahnlinie nach Zahedan in den Iran oder als Verbindung nach Kabul, womit der Anschluss an die Ainak-Bahn hergestellt wäre. Aber auch diese beiden Projekte stehen bislang nur auf dem Papier.

Bauarbeiten unter Kriegsbedingungen

Die Inder haben bereits eine Senkung des geplanten Investitionsvolumens von ursprünglich 10,8 Milliarden auf zunächst 1 Milliarde Dollar ausgehandelt. Und ein geplantes Stahlwerk, das mit Energie aus den örtlichen Kohlevorkommen betrieben werden soll, ist nur noch auf 1,2 Millionen statt 6 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr ausgelegt. Bis beide Minen wirklich produzieren und die afghanische Staatskasse füllen können, werden ganz sicher noch viele Jahre vergehen.

Die Verzögerungen haben mit einer Vielzahl von Hindernissen zu tun, die von Rechts- und Sicherheitsfragen bis zu ökologischen und sozialen Bedenken reichen. Das erste Hindernis besteht darin, dass Afghanistan nicht einmal ein gültiges Bergbaugesetz hat. Erst vor wenigen Wochen wurde es im Unterhaus verabschiedet und bedarf nun noch der Zustimmung des Senats. Es garantiert Unternehmen wie GMC oder dem Sail-Konsortium, die in die Prospektion und Erschließung von Rohstoffen investieren, dass sie die Vorkommen dann auch selbst ausbeuten dürfen.

Das zweite Hindernis: In Ainak wie entlang der geplanten Bahnlinien liegen Landminen aus mehr als 30 Jahren Bürgerkrieg. Ihre Räumung muss ebenso wie der Bau der Eisenbahn unter Kriegsbedingungen stattfinden. Die Trasse zum Khaiberpass führt zwischen Kabul und Dschalalabad zum Teil durch enge Gebirgsschluchten, die kaum ausreichend Platz für die bestehende Fernstraße bietet. Für die Bahn müssen enorme Höhenunterschiede überwunden und zahlreiche Haarnadelkehren bewältigt werden. Für die Strecke zwischen der indischen Mine in Hadschigak und Kabul werden 7,5 Milliarden Dollar veranschlagt, die Route zum Khaiberpass dürfte kaum billiger werden. Im Übrigen stellen die zu bauenden Tunnel natürlich attraktive Anschlagsziele dar.

In der Umgebung von Ainak und entlang der geplanten Bahntrassen sind bewaffnete Aufständische aktiv. Schon zur Zeit des Vertragsabschlusses zählte das US-Verteidigungsministerium die zentrale Provinz Logar zu den acht unsichersten in Afghanistan. Der Distrikt um die Hauptstadt Pul-i-Alam gehört zu den zehn unsichersten der über 400 Distrikte. Bereits 2012 meinte ein örtlicher Stammesführer, 80 Prozent der Provinz würden von den Taliban beherrscht. Nafisa Hedschran, die dem gewählten Provinzrat angehört, berichtet, dass die Provinzräte die Gebiete, die sie repräsentieren, gar nicht mehr aufsuchen können. Im Übrigen waren schon die Sowjets, die die Mine während ihrer fast zehnjährigen Besatzung (Dezember 1979 bis Februar 1989) erschließen wollten, an den örtlichen Mudschaheddin gescheitert.

Deren Nachfolger haben sich inzwischen den Taliban angeschlossen. Die griffen bereits 2008 eine erste Gruppe Chinesen in Ainak an. Im Juni 2012 wurde in der Umgebung erstmals ein Minenräumtrupp attackiert. Und nach mehrfachem Raketenbeschuss und einem Taliban-Überfall, der 15 afghanische Polizisten das Leben kostete, mussten die chinesischen Ingenieure und Techniker vorübergehend ihr streng bewachtes Containerlager aufgeben. Auch am Shibar-Pass, einer Engstelle der geplanten Hadschigak-Bahn, haben sich Aufständische festgesetzt.

Im Sommer 2013 intervenierte Peking direkt bei Präsident Karsai und forderte, die Sicherheitsmaßnahmen in Ainak nochmals zu verstärken. Die Provinzregierung von Logar richtete daraufhin 20 zusätzliche Polizeiposten ein. Sie sollen den um die Mine gezogenen Sicherheitskordon verdichten und die bereits stationierte Polizeisondereinheit verstärken, die zusammen mit der Local Police und den regulären Soldaten 1 700 Leute zählt. Die chinesische Betreibergesellschaft soll außerdem einen eigenen Sicherheitsdienst betreiben. Doch seither hat sich die Lage in der Umgebung noch weiter verschlechtert. Am 27. September, gleich nach Ende des Fastenmonats Ramadan, überfielen Taliban-Kämpfer am helllichten Tage eine Klinik in Mohammed Agha und töteten einen Patienten und zwei Angestellte. Wenige Tage zuvor waren zwei junge Männer während des Abendgebets aus einer örtlichen Moschee entführt und als angebliche Spione der Regierung hingerichtet worden. Ein örtlicher Stammesführer berichtet, die Mitarbeiter der Provinzverwaltung würden sich nur noch „die eigenen Taschen füllen“, da sie eine Machtübernahme der Taliban befürchteten.

Mohammed Agha ist der Hauptort des Distrikts, zu dem auch Ainak gehört. Er liegt an der Route, auf der die Aufständischen von ihrem Rückzugsgebiet in der Kurram Agency in Pakistan in Richtung Kabul vordringen können. Mehrere Dörfer der Umgebung, die wir noch vor einem Jahr besucht haben, können wegen der Taliban-Aktivitäten zurzeit nicht mehr betreten werden.

Ein Taliban-Sprecher begründete die Angriffe mit der Korruption der afghanischen Regierung, deretwegen die Erträge der Minen „nicht unserer Nation“ zugutekämen. Die chinesischen Minenbetreiber sollten stattdessen mit den Aufständischen über eine Betreiberlizenz und Schutzmaßnahmen verhandeln. Damit wollen die Taliban zwei Vögel mit einem Stein treffen, wie ein afghanisches Sprichwort sagt: Sie wollen als die wahre Regierung des Landes auftreten und sich die Einnahmen aus dem Bergbau selbst aneignen. Darauf dürften sich die Chinesen allerdings kaum einlassen, obwohl sie über ihren Verbündeten in Pakistan Kontakte zu den Taliban unterhalten.

Zusätzlich verzögert wird die Erschließung der Kupfermine durch Funde von Überresten einer buddhistischen Klostersiedlung, die ihre Blütezeit vor 1 500 Jahren hatte.5 Inzwischen sind die chinesischen Vertragspartner über diese Verzögerung vielleicht gar nicht mehr so unglücklich. Die CMG schreibt wegen der sinkenden Kupferpreise auf dem Weltmarkt seit Jahren rote Zahlen. Und die Investitionsblase, die für die chinesische Volkswirtschaft zunehmend bedrohlich wird, rührt unter anderem daher, dass Staatskonzerne, darunter auch die CMG, offenbar zu hohe staatliche Kredite aufgenommen haben, deren Rückzahlung sich verzögert. Das Unternehmen hat sich jedenfalls damit einverstanden erklärt, dass afghanische und französische Archäologen diese Kunstschätze bergen.6

Die zügellose Begeisterung, mit der die Kabuler Regierung und ihre internationalen Verbündeten die Rohstoffvorkommen des Landes auf den globalen Markt werfen, wirft für die Afghanen die Frage auf, was die Ausbeutung der Minen in Ainak und Hadschigak eigentlich für die eigene Volkswirtschaft und vor allem für die örtliche Bevölkerung bringt. Beispiele aus anderen Ländern des Südens wirken eher abschreckend: Man denke etwa an die Ölförderung im Nigerdelta und im Süden des Tschad oder an den Erzabbau im indonesisch annektierten Westpapua, die Umweltzerstörung, Massive Menschenrechtsverletzungen, bewaffnete Konflikte und Militarisierung mit sich brachten.

Für die negativen Folgen solcher Projekte hat sich der Begriff „Rohstofffluch“ eingebürgert. Besonders fatal sind seine Wirkungen in Staaten mit schwachen Regierungsinstitutionen, vor allem nach oder inmitten bewaffneter Konflikte oder halbdemokratischer Verhältnisse. Beides trifft für Afghanistan zu. Diesen warnenden Begriff benutzt auch Integrity Watch Afghanistan (IWA), eine örtliche NGO, die sich auf extraktive Industrien spezialisiert hat. IWA würdigt zwar das Potenzial der Minen für die Schaffung von Arbeitsplätzen, als Katalysator für eine Industrialisierung des Landes und die Verminderung von Armut. Aber sie kritisiert auch, Kabul habe den Auftrag für Ainak vergeben, „als die Staatsinstitutionen schwach und der gesetzliche Rahmen unzulänglich waren und zugleich die Korruption boomte“. Auch sei der Vertrag immer noch geheim, und Informationen über die Projektfortschritte würden vom zuständigen Ministerium wie vom chinesischen Auftragnehmer „strikt abgeschirmt“. Diese Aussagen, die der jüngste IWA-Bericht7 enthält, stammen von Beamten, die offensichtlich Zweifel am positiven Gang der Dinge haben und denen Anonymität zugesichert werden musste.

Die Bergbauexperten Andong Peng und Richard Ghiasy gehen noch einen Schritt weiter als die IWA. Sie werfen der afghanischen Regierung zwei schwere Managementfehler vor: Sie habe erstens bislang keine Angaben über die genaue Verwendung der Bergbaueinnahmen gemacht und zweitens nichts getan, um eigene Kapazitäten in diesem Wirtschaftssektor aufzubauen. Als Konsequenz empfehlen sie die Schaffung einer nationalen Bergbaugesellschaft.8

Auch wichtige Umweltfragen sind unbeantwortet geblieben. Womit sollen die Bauern um Ainak ihre Felder bewässern, wenn der Kupferabbau Unmengen an Wasser verbraucht? Womit werden die örtlichen Bauern heizen, wenn die Hadschigak-Kohle für die Erzverhüttung verfeuert wird? In Kabul versucht man zu beruhigen. Der Vizechef der staatlichen Umweltschutzagentur (Nepa) Ghulam Muhammad versichert uns, dass jede Firma bei ihrer Bewerbung eine Umweltrisikoprüfung und einen Entschädigungsplan für eventuelle Unfälle vorlegen sowie auch eigene Energiequellen erschließen müsse.

Nicht genug Wasser für den Bergbau

Für Ainak fehlt allerdings ein solches Dokument bis heute. Auch der Standort für die Lagerung des teilweise toxischem Abraums ist umstritten, weil Wasserquellen gefährdet sind. Deshalb hat die Nepa die Lizenz zum Betreiben der Mine verweigert, will das offiziell aber nicht zugeben, da sie offenbar von anderen Regierungsbehörden überstimmt worden ist. Laut Umweltamt darf CMG in Ainak vor Ort kein Wasser entnehmen, sondern muss es von anderswo heranpumpen. Aber keine afghanische Region hat Wasserüberschuss. Und das Flüsschen Logar, in dessen Nähe Ainak liegt, ist nicht nur für den örtlichen Bewässerungsbedarf lebenswichtig, sondern auch Haupteinspeiser von Grundwasser für die nahe gelegene und übervölkerte Hauptstadt. Ohnehin ist der Fluss in den vergangenen Sommern regelmäßig ausgetrocknet, was nicht einmal am Bergbau liegt, sondern am globalen Klimawandel, den auch Afghanistan schwer zu spüren bekommt. Im Sommer können die Einheimischen ihre Felder nicht mehr bewässern, berichtet Fahimullah, der in Kabul arbeitet, aber etwas Land in Logar besitzt. „In den Tiefbrunnen gibt es noch welches, aber das brauchen wir zum Trinken und Kochen.“

Das Problem der Energieversorgung lässt sich in der Provinz Bamian studieren. Hier hat die afghanische Regierung 2012 die zuvor halblegal betriebene Kohleminen geschlossen, deren Ausbeutung jetzt die CMG übernommen hat, um Energie für Ainak zu erzeugen. Doch die versprochenen Ersatzjobs für die Bergleute blieben aus, und die armen Gemeinden können keine Arbeitslosen versorgen. Viele von ihnen waren Kämpfer in vergangenen Bürgerkriegen und bestreiten heute ihren Lebensunterhalt wieder mit der Waffe – als Banditen oder sogar in den Reihen der Taliban.9

Ein besonders schlagendes Beispiel für die Unfähigkeit der Kabuler Regierung, die Interessen der örtlichen Bevölkerung zu schützen, ist die Umsiedlungspolitik um Ainak. Sieben Dörfer mussten in der ersten Phase der Erschließung der Mine weichen, ursprünglich war sogar von elf Dörfern mit insgesamt 1 200 Familien die Rede. Die Regierung verfügt über die rechtlichen Mittel, Boden für „nationale Belange“ zu enteignen. Allerdings muss sie den Betroffenen entweder Entschädigungen zahlen oder neues Land zuweisen.

Zu diesem Zwecke wurde in der Nähe des Hauptorts Mohammed Agha Land für eine Siedlung namens Ashab Baba bereitgestellt. Als die kaum informierten Bewohner der sieben Dörfer 2010 wegziehen sollten, stellten sie fest, dass das als Ersatz zugeteilte Land teilweise schon von anderen Flüchtlingen besetzt war.10 Daraufhin beschlossen sie, ihre Dörfer nicht zu verlassen. Die Regierung reagierte mit einer „nichtkonsensuellen Umsiedlung“, wie es in einem IWA-Bericht bürokratisch formuliert wird. Im Klartext: Der Staat schickte die Polizei zur Zwangsräumung.

Entschädigungen haben laut IWA bisher nur die Bewohner von zwei Dörfern erhalten. Aber selbst in diesen Fällen ist das Verfahren umstritten. Entschädigt wird nur, wer Dokumente vorlegen kann. Das können die örtlichen Nomaden nicht, die sich bei Ainak niedergelassen haben, nachdem ihnen ihre alten Wanderrouten durch Kriegshandlungen versperrt waren. Kompliziert wird es zudem durch konkurrierende Ansprüche, die aus Vertreibungen und gewaltsamen Inbesitznahmen in früheren Phasen des Bürgerkriegs entstanden sind. Die Politiker verkündeten unterschiedliche prozentuale Entschädigungen und produzierten damit ein Durcheinander, das es ihnen ermöglichte, Entschädigungsgelder zu unterschlagen und sich Land unter den Nagel zu reißen. Die Profiteure waren nach Auskunft der Dorfbewohner nicht nur Beamte der Distrikt- und Provinzverwaltung oder des Provinzrats, sondern auch Regierungsbürokraten aus Kabul.

Auch in den fünf anderen betroffenen Dörfern regten sich Proteste gegen die Korruption. Doch die verliefen im Sande, als die Regierung einen Parlamentsabgeordneten, der sich für die Zwangsvertriebenen eingesetzt hatte, mit einem lukrativen Straßenbauvertrag in der Gegend von Ainak zum Schweigen brachte. Der Bau von Ashab Baba, der Siedlung für die Zwangsenteigneten, kommt seit 2012 gar nicht mehr voran. Der Provinzgouverneur von Logar hat viermal gewechselt, der Bürgermeister der Provinzhauptstadt wurde ermordet. Der neue Distriktgouverneur in Mohammed Agha erklärte, er werde nichts tun, bis in Kabul die neue Regierung im Amt ist.

Kampf um Rohstoffe wie im Kongo

So stehen die Neubauten halbfertig herum, fertiggestellt sind nur Moschee und Schule. Kein Mensch lebt oder arbeitet in Ashab Baba. Die Einheimischen nennen es „eine Wüste“. Die Ausgesiedelten leben bei Verwandten oder in Moscheen. Wer etwas Geld besaß, hat inzwischen neues Land gekauft und ohne Hilfe der Regierung gebaut. Ihr Sprecher Aref Khan meint, der Bau von Ashab Baba sei zur „Fantasie“ geworden. Laut Integrity Watch hat all das dazu geführt, dass die Einstellung der örtlichen Bevölkerung zu dem ganzen Ainak-Projekt gekippt ist, das auch deshalb negativ gesehen wird, weil die Regierung die örtlichen Proteste als „regierungsfeindlich“ abgetan hat. Zudem bleibt völlig unklar, wie die Enteignung des für den Eisenbahnbau benötigten Landes vonstatten gehen soll.

Was im Umfeld der Projekte Ainak und Hadschigak geschieht, ist nur die Spitze des Eisbergs. Viele der mineralischen Rohstoffe Afghanistans werden schon heute ausgebeutet, zumeist unter vorindustriellen Bedingungen. 80 Prozent der etwa 1 400 Abbaustätten sind nicht unter der Kontrolle der Zentralregierung, sondern gehören entweder regionalen Warlords oder den Taliban.

So beherrscht der afghano-usbekische General Abdurraschid Dostam, seit kurzem Vizepräsident des Landes, die Gas- und Ölfelder in Nordafghanistan. Andere Kommandeure, die dem früheren Vizepräsidenten Qasim Fahim nahestanden, kontrollieren die Edelsteinminen in Badachschan und im Pandschschir-Tal. Die Taliban beuten die Marmorlagerstätten von Helmand aus, die mit ihnen verbündete Haqqani-Familie die Bauxitgruben von Chost, von wo aus täglich illegale Transporte über die Grenze nach Pakistan gehen.

Die Warlords sind durch die Gesetze des schwachen afghanischen Staats kaum zu beeindrucken. Und da viele von ihnen eigene – oft auch als Sicherheitsfirmen getarnte – Milizen unterhalten, werden sie an der Bewachung ihrer eigenen Minen auch dann festhalten, wenn diese nominell von der Regierung übernommen werden sollten. Das gilt zum Beispiel für die Goldmine in der Nordprovinz Baglan, die jetzt offiziell vom ismailitischen Milizenführer Sayed Mansur Naderi und dem US-Bankhaus JP Morgan Chase betrieben wird. Die beiden ungleichen Partner verfügen über „keinerlei Erfahrung im Bergbausektor“, wie der IWA-Bericht süffisant anmerkt. „Es gibt einen Schattenstaat im Staate, der die Wirtschaft, die militärische und die politische Macht und deren soziale Basis vereinnahmt“, meint Jawed Noorani, Chefrechercheur bei IWA: „Wir befinden uns im Übergang von einem militärischen zu einem Ressourcenkonflikt. Es wird hier werden wie im Kongo.“

Wenn die größten Stücke aus dem afghanischen Rohstoffkuchen unter den gegenwärtigen Machtverhältnissen versteigert werden, profitieren davon nur die bewaffneten Neooligarchen im Umfeld der Kabuler Regierung. Aber es könnte noch schlimmer kommen: Sollten sich die Machtkämpfe zwischen verschiedenen Fraktionen dieser Oligarchie zuspitzen, wird der Reichtum des Landes für die Bevölkerungsmehrheit in der Tat zum Fluch werden.

Fußnoten: 1 Laut Sigar beliefen sich die Staatseinnahmen Afghanistans 2013 2 Milliarden Dollar, der Staatshaushalt auf 5,4 Milliarden. 2 Auf dem Human Development Index (HDI) der UN hat sich Afghanistan von 2001 bis 2012 mit einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich 9 Prozent von Platz 186 auf Platz 175 vorgearbeitet. Die soziale Kluft hat sich vergrößert: 36 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, mehr als 30 Prozent sind akut von Unterernährung bedroht. Der UN-Gleichstellungsindex, der die Diskriminierung der Frauen misst, führt Afghanistan auf dem sechstletzten Platz. 3 Richard Stone, „Spoils of war“, Science, 15. August 2014; James Burgess, „Eyes on Afghanistan as Next Lithium Motherload“, Oil Price, 24. März 2014. 4 Joshua Kucera, „The New Silk Road“, The Diplomat, 11. November 2011. 5 Die Anlage ist ähnlich bedeutend wie die von Bamian, wo die Taliban Anfang 2001 zwei riesige Buddhastatuen sprengten. 6 Der unsensible Umgang der Chinesen mit dem Kulturerbe rief US-Lobbyisten auf den Plan, die es auf die wertvollen Minen abgesehen hatten. Siehe Alexander Benard und Eli Sugerman, „Why is the Pentagon handing over Afghanistan’s riches to the Chinese?“ Foreign Policy, 4. Oktober 2011. 7 Javed Noorani, „Aynak: A Concession for ‚Change‘ “, IWA Kabul, November 2013. 8 Andong Peng und Richard Ghiasy, „Wealthy But Unprepared“, The Diplomat, 13. Juli 2014. 9 Jalil Benish, „Cure or Curse? Implications of the Kilij mine closure for Bamyan’s security situation“, Afghanistan Analysts Network, 15. März 2014. 10 Thomas Ruttig, Obaid Ali, „The Many Owners of Ashab Baba: Land conflict at the Ainak copper mine“, Afghanistan Analysts Network, 10. März 2012. Thomas Ruttig ist Kodirektor des Afghanistan Analysts Network, Kabul/Berlin. Obaid Ali (Kabul/Ashab Baba) hat an diesem Artikel mitgearbeitet. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 09.10.2014, von Thomas Ruttig