Artikel

Artikel drucken zurück

Möge das Buch Wurzeln schlagen

Zu Besuch auf dem Literaturfestival im malischen Bamako von Thérèse-Marie Deffontaines

Bücher sind in Afrika ein seltenes Gut. Es gibt nur sehr wenige Verlage, und importierte Titel sind für sie unerschwinglich. So verliert der schwarze Kontinent einen großen Teil seiner Literatur – vor allem hat er nichts von den Büchern afrikanischer Autoren, die im Ausland verlegt werden. Man kennt zwar die Namen der Schriftsteller, aber ihre Werke liest kaum jemand. Bücher sind hier teuer, sehr teuer.

Der Kongolese Alain Mabanckou hat sechs Romane geschrieben, die alle in Frankreich erschienen sind. An der Universität von Los Angeles unterrichtet er frankofone Literatur. Sein Schelmenroman „Mémoires de porc-épic“ („Erinnerungen des Stachelschweins“) wurde 2006 mit dem begehrten Literaturpreis Prix Renaudot ausgezeichnet.

Leser aus Afrika könnten ihre besondere Freude an diesem Roman haben, basiert er doch auf einer alten afrikanischen Legende, der zufolge jeder Mensch ein Tier als Doppelgänger hat. In Mabanckous Geschichte ist es ein 42-jähriges Stachelschwein, dessen Doppelgänger der Zauberer Kibandi ist, mit dem es durch ganz Afrika reist. Aber in Malis Hauptstadt Bamako findet man das Buch nur in zwei Hotel-Buchhandlungen. Die eine verlangt 13 500 CFA-Francs (20,58 Euro), die andere 16 500 CFA-Francs (25,15 Euro), ein dritter Buchhändler hat den Roman für 12 000 CFA-Francs (18,29 Euro) verkauft, plant jedoch keine Nachbestellung. In Frankreich kostet der Roman 16,50 Euro. Vergleicht man diese Preise mit dem monatlichen Mindestlohn in Mali, der im Januar 2007 bei 28.460 CFA-Francs (43,38 Euro) lag, begreift man, wie kostbar eine ganze Bibliothek ist.1

Vor acht Jahren begegnete Moussa Konaté, ein malischer Schriftsteller und Verleger und vielleicht der einzige Autor aus Mali, der vom Schreiben leben kann, Michel Le Bris, dem Direktor des Literaturfestivals von Saint-Malo. Die beiden beschlossen, eine afrikanische Version des bretonischen Festivals ins Leben zu rufen. Das Projekt sollte in Mali verwirklicht werden. Während Michel Le Bris seine Netzwerke nutzte, um Partner und Geldgeber zu finden, trommelte Moussa Konaté die Autoren zusammen. Entschlossen setzte er sich dafür ein, dass selbst in einem armen Land wie Mali mit überwiegend mündlicher Erzähltradition ein Treffen zwischen Schriftstellern als ebenso wichtig anerkannt wird wie eine Konferenz von Geschäftsleuten, Politikern oder Kreditgebern.

Im Februar 2001, zehn Jahre nach dem Sturz der Militärdiktatur, fand das Literaturfestival „Etonnants Voyageurs Bamako“ zum ersten Mal statt. Die beiden Initiatoren sind zugleich die Direktoren des neuen Festivals, das Moussa Konaté unter folgendes Motto gestellt hat: „Möge das Buch in unserer Kultur Wurzeln schlagen.“

Die Begegnung mit den Schriftstellern und die Möglichkeit, mit ihnen direkt über ihre Werke sprechen zu können, stehen im Mittelpunkt des Programms, das drei Schwerpunkte hat: Literatur entdecken; Lese- und Buchförderung und Diskussionen. Bereits beim ersten Mal wurde das Festival dezentral ausgetragen. Die Podiumsgespräche und das Literarische Café, die im Centre Culturel Français angesiedelt waren, richteten sich vor allem an ein Publikum, das bereits viel liest. Doch mit den zahlreichen Veranstaltungen an Schulen, Bibliotheken und Kulturzentren in der Stadt und deren Umgebung sollten die eingeladenen Schriftsteller neue Leser gewinnen.

Trotz der Beteiligung vieler afrikanischer Autoren fühlten sich die Malier anfangs kaum angesprochen von dem, was in ihren Augen eine „Angelegenheit der Weißen“ ist – „tubabu ka fen“, wie es auf Bambara heißt, eine der sieben Sprachen, die in dem Vielvölkerland Mali gesprochen werden. Doch als lokale Partner in das Projekt einstiegen, verlor das Festival allmählich den Ruf, nur eine importierte und aus dem Ausland finanzierte Veranstaltung zu sein.

2002 begann die malische Regierung das Festival mit einen Zuschuss zu fördern. Und das französisch-malische Projekt zur Verbreitung von Büchern in Mali (Aflam) sorgte dafür, dass sich auch der Bibliotheksverbund beteiligte.2 Im selben Jahr weitete sich das Festival auf drei Städte im Landesinneren aus, und beim dritten Mal nahmen bereits alle Hauptstädte der acht Regionen teil. 2003 gründete sich der Verein „Etonnants Voyageurs Bamako“. Das Festival hatte nun ein ständiges Büro und fand fortan in den Gärten des Kulturpalastes am rechten Nigerufer statt. Der Wechsel vom französischen Centre Culturel Français an einen öffentlichen Ort, nahe der großen Verkehrsachsen und umgeben von Schulen und Hörsälen, hatte nicht nur eine symbolische Bedeutung, sondern wirkte sich auch auf die Besucherzahlen positiv aus.

Außerdem konzentrierte man sich weiterhin darauf, das jugendliche Publikum für das Festival zu gewinnen. Jedes Jahr gab es mehr Treffen an Schulen und Universitäten: Zwei Stunden steht ein Schriftsteller in der Regel hundert Schülern oder Studenten Rede und Antwort.

Für die Jugendlichen – „Leser, aber auch Schriftsteller von morgen“ (Moussa Konaté) – sind die Begegnung und das direkte Gespräch mit dem Autor eine echte Offenbarung. Sie stellen fest, dass ein Schriftsteller nicht nur ein Victor Hugo oder ein Amadou Hampâté Bâ3 ist, sondern sogar ein recht junger Zeitgenosse sein kann. Und sie hören immer wieder, dass diese Schriftsteller bereits als Schüler mit dem Schreiben begonnen haben. Diese Entdeckung hat etwas unglaublich Befreiendes. Die Jugendlichen beginnen zu reden. Sie suchen nach den passenden Worten, sind neugierig und wissbegierig. So lernen die Autoren auch ihre Leser kennen.4

Was es heißt, ein junger Malier zu sein

Die Schüler scheinen förmlich in die Bücher einzudringen, und weil sie sich so intensiv mit der Lektüre beschäftigt haben, sind sie sehr aufmerksam. Sie befragen die Autoren ebenso nach dem Inhalt wie nach der Form der Texte. Und sie wollen wissen, wie die Autoren arbeiten. Sie fragen nach der Absicht oder dem Sinn, der hinter den Geschichten steckt, und erkundigen sich nach dem Leben des Autors. Oft entfernen sie sich dann von dem Text, greifen nur dessen Leitgedanken auf und knüpfen daran ihre eigenen Überlegungen über die Welt im Allgemeinen.

Das Autorengespräch beginnt immer mit einem bestimmten Buch. Dann werden über das darin behandelte Thema hinaus andere Weltgegenden erkundet, ehe das Gespräch wieder auf Afrika und die unmittelbare Gegenwart zurückkommt. So geht es darum, was es heute heißt, ein junger Malier zu sein, und wie man seinen Platz in der Gesellschaft finden kann. Die Autoren, die wir beim sechsten Festival trafen, schwärmten von der Fähigkeit ihrer jungen Leser, in den Büchern das zu erfassen, was ihnen hilft, über ein Problem nachzudenken, das sie direkt betrifft, oder über eine Beschreibung, die sie persönlich anspricht.

In dem Roman „Bridge Road“ von Mamadou Mahmoud N’Dongo stellt ein Journalist Nachforschungen an über einen rassistisch motivierten Mord, der in den 1920er-Jahren im Süden der USA begangen wurde. N’Dongos Leser erkundigten sich zuerst nach dem Rassismus in den USA, dann über das Leben des Autors in Frankreich und schließlich wollten sie über die Unruhen in den Banlieues vom November 2005 sprechen. In ihren Augen sei es für ein Kind, das wie der Autor von „Bridge Road“ in Dakar geboren wurde, ein Glück, nach Frankreich zu seinem Vater fahren zu können, der als Immigrant dort arbeitet und in einer Schlafstadt wie Seine-Saint-Denis lebt. Warum also gab es dann dort einen Aufstand?

An diesem Vormittag sprachen die Oberschüler mit Mamadou Mahmoud N’Dongo über Identität, darüber, was es heißt, in den USA oder in Frankreich schwarz zu sein. Am Ende der Diskussion stand die Frage im Raum: Welche Zukunft haben die jungen Afrikaner in ihrem eigenen Land?

Als der französische Afrikanist Roland Colin anlässlich der Neuauflage der „Contes noirs de L’Ouest africain“ von 1957 mit Abiturienten sprach, sah er in deren Diskussionsbeiträgen „alle politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragen, die sich in ihrem Land stellen“, widergespiegelt. Während sie sich darüber einig waren, dass die traditionelle Literatur nur noch eine rein folkloristische Funktion erfüllt, fragten sich die Schüler, wo ihr Platz in dieser Welt sei, und ob man Status und Kompetenz immer in der Fremde suchen müsse. Der französische Romancier algerischer Abstammung Jean-Noël Pancrazi stellte sich dem Informationsbedürfnis der Leser seines Buchs „Dollars des sables“ (Gallimard), in dem es um illegale Einwanderung geht und um den oft tödlich endenden Versuch, auf einem Rettungsboot von der Dominikanischen Republik nach Puerto Rico zu gelangen.

Das Land, das der afroamerikanische, in Frankreich lebende Autor Eddy Harris in „Jupiter et moi“ (Liana Levi) beschreibt, ist hingegen nicht das Nordamerika, das die malischen Studenten zu kennen glauben. Sie sind überrascht von dieser Innenansicht. „In den USA kann man nicht einfach nur ein Mensch sein“, so Harris, „man ist immer ein schwarzer Mensch. Ehe man ein Schriftsteller ist, ist man ein schwarzer Schriftsteller, von dem bestimmte Themen erwartet werden. Auch wenn man über ein Thema schreibt, das gar nichts mit Rassismus zu tun hat, bleibt man ein schwarzer Schriftsteller.“

Am Sonntagmorgen, dem letzten Tag des Festivals, beweist ein unvorhergesehenes Ereignis, wie hartnäckig sich der Mythos vom „american dream“ hält. In der Nationalbibliothek, wo die öffentlichen Debatten stattfinden, begegnen sich unter dem Thema „Zwischen Afrika und Amerika“ die Autoren Eddy Harris und Mamadou Mahmoud N’Dongo. Dieser spricht über sein nächstes Buchprojekt, das die Geschichte Liberias und des Bürgerkriegs nachzeichnen wird, zu der auch die Geschichte der Afroamerikaner und ihrer Rückkehr nach Afrika 1822 gehört. Ein Junge steht auf und ergreift das Wort. Er könne die Sehnsucht nach Afrika, die die Schwarzen in den USA hätten, nicht nachvollziehen: „Wir hier bedauern, dass unsere Großeltern nicht deportiert wurden.“ Er spricht das Wort „Sklaven“ nicht aus, aber genau das meint er. Für ihn ist es ganz selbstverständlich, und man spürt, dass er es einfach aussprechen muss: Heute ist das Los der Afroamerikaner unendlich beneidenswerter als das der Afrikaner.

Eddy Harris findet das Gefühl dieses Jungen „richtig“, auch wenn es „unkorrekt“ sei, es auszusprechen. „Überall auf der Welt werden euch junge Schwarze sagen, wenn sie die Wahl gehabt hätten, wären sie lieber in Amerika geboren. Auch ich hätte diese Sehnsucht nach Amerika, wenn ich heute ein junger Afrikaner wäre.“

„Der Traum ist noch mächtig“, bestätigt der Romanautor Koffi Kwahulé aus Elfenbeinküste („Babyface“, Gallimard, Collection Continents noirs), als hier wieder einmal das Trugbild von einem Amerika auftaucht, das als Alternative betrachtet wird zu dem hoffnungslosen Image Afrikas, das seinen Kindern keine Chancen anzubieten hat. „Die Afroamerikaner leben im Westen. Auch die Malier, die in Frankreich leben, werden beneidet, ganz egal, unter welchen Bedingungen sie dort ihr Dasein fristen. Das ist dieselbe Verzweiflung, das erklärt die Boote, die gen Westen fahren. Die Unabhängigkeit hat keine Utopie geschaffen, der Traum ist immer noch woanders als in Afrika.“

Wo gibt es einen Platz für uns? Diese Frage stellen die jungen Leute am Ende immer und überall, unabhängig davon, was das Thema der Diskussion ist oder worum es in dem vorgestellten Buch geht. Und sie fragen Alain Mabanckou, Koffi Kwahulé oder Mamadou Mahmoud N’Dongo: „Hätten Sie das schreiben können, was Sie schreiben, wenn Sie in Afrika leben würden?“ – „Was ist das Besondere des afrikanischen Romans (oder Theaters)? Was unterscheidet ihn vom nichtafrikanischen Roman?“

Das Schöne ist im Ausland, das Nützliche ist hier

Auch in der Literaturszene sind die Chancen nicht gleich. Der immer deutlichere Unterschied – in Inhalt und Stil, nicht nur im Preis – und die tatsächliche Hierarchie zwischen Büchern, die in Afrika geschrieben und veröffentlicht wurden, und denen, die im Ausland entstanden, bleibt den jungen Maliern nicht verborgen. Eine Oberschülerin spricht in diesem Zusammenhang von der Unterscheidung zwischen „dem Schönen und dem Nützlichen“. Das Schöne sei das im Ausland verlegte Buch, das womöglich einen Literaturpreis bekommen wird, das Nützliche sei ein Buch, das hier entstanden ist, weil sein Autor einer Notwendigkeit folge und sich der Wirklichkeit nicht entziehen könne.

Aus diesem Grund ist für Malier die Frage nach der Rolle der Frankofonie in der Literatur und der Kampf um mehr Anerkennung ihrer Literatur in französischer Sprache nicht so wichtig. Das Engagement von Michel Le Bris, Alain Mabanckou, Abdourahman A. Waberi aus Djibuti und dem französischen Autor Jean Rouaud, die sich im CCF „für eine Weltliteratur auf Französisch“ starkmachen, ruft zwar höfliches Interesse hervor. Aber manche befürchten auch, dass diese Initiative die traditionelle Literatur als Erbin der mündlichen Überlieferung und die Publikation von Büchern in den Nationalsprachen noch mehr zurückdrängen werden.

Im Festivaljahr 2006 gab es zwei neue Initiativen: ein Fortbildungsseminar, das einheimische Autoren und Verleger für die Produktion einer Taschenbuchreihe zusammenbringt, damit es auch erschwingliche Bücher gibt.6 Und es gab die Veranstaltungsreihe „Ethnologues voyageurs“ mit Vorträgen und Diskussionen über die Volksgruppe der Dogons, die im Süden Malis leben und deren Kunstwerke am Felsen von Bandiagara 1989 zum Weltkulturerbe ernannt wurden: Muss das Paradies der Ethnologen und Touristen sterben, damit sein erstarrtes Gesellschaftsbild für die Ewigkeit erhalten bleibt?

Fußnoten:

1 Gegenwärtig gibt es vierzehn Buchhandlungen in Bamako und eigentlich keine im Rest des Landes. Mehr als die Hälfte von ihnen verkauft nur Schulbücher und Schreibwaren. 2 Als französisch-malisches Projekt, das bis zum 30. September 2007 läuft, ist die Aflam die Fortsetzung der Opération Lecture publique (Operation öffentliches Lesen), ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Ziel, Mali mit einem Netz von öffentlichen und Schulbibliotheken auszustatten, das alle Regionen umfasst. Die 1977 begonnene OLP hatte ihr Ziel 2001 erreicht. 3 Amadou Hampâté Bâ (1900 oder 1901 bis 1991) war Schriftsteller und Ethnologe und arbeitete für die Unesco. Nach der Unabhängigkeit Malis 1960 gründete er das Institut des Sciences Humaines in Bamako. Auf Deutsch erschien seine Autobiografie in zwei Bänden, „Jäger des Wortes“, Wuppertal (Peter Hammer Verlag) 1993, und „Oui, mon commandant! In kolonialen Diensten“, 1997. 4 Jedes Mal, wenn ein Schriftsteller in einer Schule oder Universität zu Besuch ist, bekommt die Bibliothek dieser Einrichtung von der Aflam fünf Exemplare seines letzten Buchs. In diesem Jahr kamen die Bücher zum ersten Mal acht oder zehn Tage vor dem Festival, und viele Jugendliche konnten sie lesen, bevor sie den Autoren begegneten. 5 „Aux États-Unis d‘Afrique“, erschienen bei Jean-Claude Lattès (dt.: „In den Vereinigten Staaten von Amerika“, Hamburg (Edition Nautilus) 2008.) 6 Siehe: www.alliance-editeurs.org.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Thérèse-Marie Deffontaines ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 11.05.2007,