Artikel drucken zurück

Para-Politiker und falsche Professoren

Im Skandal um Kolumbiens „Para-Politik“ stellt sich auch die Frage, welche Unterstützung die Paramilitärs aus dem Ausland erhielten, zum Beispiel aus Frankreich. Einige der kolumbianischen Beschuldigten (darunter Carlos Ordosgoitia, Leiter des Nationalen Instituts für die Konzessionsvergabe Inco, sowie Senator Miguel de la Espriella) haben ausgesagt, „zwei Wissenschaftler von der Sorbonne“ hätten an einem ihrer geheimen Treffen mit Carlos Castaño und Salvatore Mancuso, den Chefs der Paramilitärs („Vereinigte Selbstverteidigungsgruppen von Kolumbien“, AUC), im Juli 2001 in Ralito als deren Berater teilgenommen. Diese Wissenschaftler seien argentinischer Herkunft gewesen.

Nach Miguel de la Espriella machten die „Wissenschaftler“ den „Vorschlag, eine politische und kommunitäre Bewegung zu gründen, die auf ihre Weise die Vorstellungen der AUC vertreten und einen Friedensprozess einleiten könnte“1 . Zwei Tage später berichtete Inco-Direktor Ordosgoitia: „Dann sprachen zwei Professoren von der Universität Sorbonne. Ich erinnere mich nicht an ihre Namen, aber einige Abgeordnete kannten sie von der Militäruniversität (…). Die beiden erläuterten zunächst ihre Ansichten über den kolumbianischen Konflikt … und referierten über das Bild Kolumbiens in der Weltöffentlichkeit. Danach stellten sie eine Strategie vor, die die AUC zum ‚anerkannten politischen Akteur im internen Konflikt‘ machen sollte – so hat es einer der beiden formuliert.“

Noch am Vortag hatte sich Ordosgoitia in einem Interview mit dem kolumbianischen Sender Radio Caracol sehr gut an den Namen eines der beiden erinnert: Mario Sandoval – früher tätig am Institut für Lateinamerikastudien (IHEAL) in Paris, an der Sorbonne (Universität Paris III) und der Universität Marne-la-Vallée. In jüngster Zeit hat sich Sandoval auf die sogenannte Wirtschaftsaufklärung verlegt: Ende November 2006 wurde er auf den Internetseiten der französischen Botschaft in Chile als Mitglied einer „wichtigen Delegation“ avisiert – und zwar als „Wissenschaftler, zuständig für Wirtschaftsaufklärung im Auftrag der ACFCI, dem Dachverband der französischen Industrie- und Handelskammern“. Angeführt wurde die Delegation von einem Wirtschaftsboss mit besten Beziehungen zum Militär: Alain Juillet, ehemaliger Direktor des Auslandsnachrichtendienstes DGSE. Ihn hat der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy Ende 2003 zum Regierungsbeauftragten für wirtschaftliche Aufklärung (intelligence économique) ernannt.

Im Militärmuseum von Chile fand denn auch eine Tagung zum Thema „Wirtschaftsaufklärung, Abwehr und Sicherheit“ statt, die Sandoval gemeinsam mit der dem Militär nahestehenden Privatuniversität Bernardo O’Higgins organisierte. Auch die kolumbianische Zivilgesellschaft war vertreten – durch die „Nichtregierungsorganisation“ Verdad Colombia, eine NGO der Paramilitärs, die auf ihrer Website aus ihren Zielen kein Hehl macht: „Unterstützung von demokratischen Kräften und Institutionen, die im Inland und Ausland den Kampf gegen die bewaffneten Gruppen und ihre marxistische Ideologie führen“. Verdad Colombia hat die Propaganda des Chefs der Paramilitärs Carlos Castaño aus den Jahren 1999/2000 wiederbelebt und reitet heftige Attacken gegen Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, amnesty international und Washington Office for Latin America.

Nach mehreren vergeblichen Anfragen bestätigte das Pariser IHEAL-Institut schließlich, Sandoval sei dort „bis 2004 einer von zahlreichen Lehrbeauftragten“ gewesen, „allerdings nicht Professor“. Am 21. Juni 2006, zum Abschluss einer Tagung mit dem Titel „Frankreich–Lateinamerika: Konkurrenz und Kooperation“, die im Maison de l’Amerique Latine stattfand und an der auch Alain Juillet teilnahm, glaubte Stéphane Witkowski, Vorsitzender des IHEAL-Verwaltungsrats, immerhin, Sandoval lobend erwähnen zu müssen: „Mario Sandoval, Lehrbeauftragter an der Universität, der gemeinsam mit Philippe Clerc für das Gelingen dieser Tagung verantwortlich war, hat in seiner umfassenden Bestandsaufnahme der Situation in Lateinamerika deutlich gemacht, welche Ähnlichkeiten mit anderen Systemen im Bereich der Wirtschaftsaufklärung bestehen.“ Witkowski leitet übrigens auch die Europa-Abteilung des Industrie- und Handelskammerverbandes ACFCI, wo ein gewisser Philippe Clerc für die Wirtschaftsaufklärung zuständig ist.

Wer der zweite „Professor“ beim Treffen in Ralito gewesen war, stellte sich durch ein Interview der Wochenzeitung El Espectador am 24. Februar heraus: Juan Antonio Rubbini Melato hatte Sandoval damals begleitet, mit der Sorbonne oder dem Institut IHEAL hat er allerdings nichts zu tun. Der 57-jährige Argentinier, auch bekannt als „Rubbiño“ oder „El Profesor“, war seit 1999 politischer Berater der führenden Paramilitärs Castaño und Mancuso. Seiner Verachtung für die demokratischen Institutionen und die politische Führungsschicht Kolumbiens gibt er in seinem Blog „La paz en Colombia“ deutlichen Ausdruck. Eine faschistoide Begeisterung zeigt er dagegen für die Idee, dass „schon bald die Vision eines Uribe sich mit der politischen Intuition der AUC verbinden wird, um ein Wunder zu bewirken“.

Laurence Mazure

Fußnote:

1 El Tiempo, Bogotá, 26. November 2006.

Le Monde diplomatique vom 11.05.2007,