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Versteckte Gräber und offene Geheimnisse

In Kolumbien greifen die Paramilitärs nach der Macht von Laurence Mazure

Vorsichtig greift Alejandro1 in einen der beiden Gummistiefel. Der junge Anthropologe und Gerichtsmediziner zieht behutsam einen mit Erde und Wurzeln überzogenen Strumpf hervor, verknotet ihn und reicht ihn mit den Worten „rechte Mittelfußknochen“ an seinen Mitarbeiter weiter. Dann wiederholt er die Prozedur bei dem zweiten Stiefel. Vorher hat er schon ein Schienbein und ein Wadenbein aus dem Schuh geholt.

Dieser Fund beendet die Suche nach dem Ort, an dem Andrés 2003 exekutiert wurde. Etwas weiter unten auf dem Gebirgspfad sucht ein anderes Team noch nach der Leiche seines Bruders Bernardo, der damals einige Minuten früher ermordet worden war. Fünf Grabungen brauchen die Experten von der Abteilung für Menschenrechte der Fiscalía, der Staatsanwaltschaft, um seine Überreste zu finden.

Wir sind mitten im tropischen Bergwald, hoch über der Provinzhauptstadt Apartadó in der Urabá-Region. Sie ist das viertgrößte Bananenanbaugebiet der Welt. Wie kein anderer Teil Kolumbiens leidet Urabá unter den Folgen des Bürgerkriegs. Im Zusammenhang mit der Exhumierung der Leichen werden die Widersprüche und Absurditäten Kolumbiens deutlich, einem Land mit jahrhundertelangen inneren Konflikten und jahrzehntelangem Bürgerkrieg.

Urabá ist berüchtigt für die Gräuel, die hier sowohl von paramilitärischen Gruppen wie von der in Apartadó stationierten 17. Brigade der Regierungsarmee begangen wurden. Allerdings geht der Mord an den beiden Brüdern, die nun exhumiert wurden, auf das Konto der dritten Gruppierung in diesem Konflikt, der „Revolutionären Streitkräfte von Kolumbien“ (Farc). Für die Brigaden 5 und 58 dieser Guerilla sind die engen Täler in der Region seit langem von strategischer Bedeutung: Sie bilden den einzigen Korridor für ihre Truppenbewegungen.

Bernardo wurde an einem Abend im Juli 2003 von der Guerilla verschleppt. Ein paar Monate zuvor war er aus ihren Reihen desertiert. Seinen zufällig anwesenden jüngeren Bruder Andrés nahmen die Guerilleros auch gleich mit.

Der Ort der Entführung liegt knapp zwanzig Kilometer Luftlinie von der Provinzhauptstadt Apartadó entfernt, und gehört doch zu einer anderen Welt: Hier gibt es weder Strom noch Wasserversorgung, und auf den schlammigen, steilen Pfaden durch den Regenwald kommt man besser auf einem Maultier voran als zu Fuß. Bernardo war kaum zwanzig Jahre alt gewesen, als er sich der Farc anschloss – als Antwort auf die soziale Ungerechtigkeit, die das Leben in diesem Gebiet bestimmt. Aber die Entbehrungen des Guerillakampfs hatte er nicht durchgestanden und so war er in die vom Regen gebleichte und auf Pfählen gebaute Holzhütte seines Vaters zurückgekehrt.

Aber nicht diese politische Unzuverlässigkeit wurde ihm – Ironie des Schicksals – zum Verhängnis, sondern eine Liebesgeschichte. Ein Nachbar sah seine Chance darin, den Nebenbuhler an die Farc zu verraten. So wurden die beiden Brüder verschleppt und nach einigen Kilometern Fußmarsch einer nach dem anderen hingerichtet – „ajusticiados“, wie es heißt. Den Vater ließ die Guerilla wissen, wo er die Leichen finden könne, um sie heimlich zu beerdigen. Auf keinen Fall dürfe er die Behörden informieren.

Exhumierungen im Kampfgebiet

Er riskierte sein Leben, als er sich nicht an dieses Gebot hielt. Aber nur so konnte, nach vier Jahren, die Untersuchung der Abteilung für Menschenrechte bei der Staatsanwaltschaft auf Antrag der Familie tätig werden und die Leichen exhumieren. Ein solches Verfahren einzuleiten und durchzuführen, ist allerdings äußerst kompliziert.

Im Unterschied zu anderen Ländern Lateinamerikas, in denen es bewaffnete innerer Konflikte gab, werden in Kolumbien solche Exhumierungen vorgenommen, während die Auseinandersetzungen noch anhalten. Die meisten anonymen Grabstätten oder gar Massengräber liegen mitten im Kampfgebiet, und es liegt im Interesse der Täter, sie völlig zu zerstören – da mit dem Auffinden der Leichen handfeste Beweise für Massenmorde existieren und sie befürchten müssen, dass Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet werden.

Für etwa 70 Prozent der Massengräber, in denen die Leichen aufgrund von Vermisstenmeldungen identifiziert werden konnten, sind die ultrarechten Paramilitärs, die „Vereinigten Selbstverteidigungsgruppen von Kolumbien“ (AUC), verantwortlich. Diese Gruppierungen wurden im Juli 2005 durch das sehr nachsichtige „Gesetz über Frieden und Gerechtigkeit“ offiziell aufgelöst.2 Die Bemühungen um die Identifizierung der Exhumierten sind ein Wettrennen gegen die Zeit. Denn die Paramilitärs versuchen natürlich, diese Beweise zu vernichten. Sie haben Gräber geöffnet, die Knochen verbrannt oder in den nächsten Fluss geworfen.

Eine weitere makabre Strategie: Einige AUC-Mitglieder gründeten vermeintliche NGOs, um unter diesem offiziellen Deckmantel Beweismaterial vernichten zu können – sie versuchten sogar, wenn auch erfolglos, Hilfsgelder bei ausländischen Botschaften zu kassieren. Aus solchen Gründen sind inzwischen allein die Untersuchungsrichter, Ermittler und Experten der Fiscalía befugt, Exhumierungen vorzunehmen. Nicht selten riskieren die Mitarbeiter der Abteilung für Menschenrechte der Staatsanwaltschaft dabei ihr Leben. Als im vergangenen Jahr ein Team dreißig Opfer eines Massakers in Mapiripán exhumierte, die im Juli 1997 auf Anordnung von Geheimdienstchef Carlos Castaño ermordet worden waren, wurde die Spezialeinheit der Armee, die zu ihrem Schutz abgestellt war, von Paramilitärs angegriffen und beschossen.

Da es den Strafverfolgungsbehörden insgesamt und ihrer Abteilung für Menschenrechte im Besonderen an Finanzmitteln fehlt, müssen sich die Ermittlungsrichter und ihre Experten ausgerechnet von der Armee zu den Tatorten bringen lassen. Wegen der Unwegsamkeit des Geländes geschieht das meist per Hubschrauber. Vor Ort stehen ihnen dann noch einige Stunden Fußmarsch bevor, in Begleitung einer Spezialeinheit der Armee, die während der Arbeit das Terrain sondieren und ihnen auch den Rückweg sichern soll.

Die Teams geraten so bei ihren Ermittlungen leicht in eine unerfreuliche Lage. „Besonders dann, wenn bei einem Fall ein Mitglied der Sicherheitskräfte, ein Polizist oder ein Armeeangehöriger in Verdacht steht“, meint ein Ermittler. „Manchmal ist es dann besser, auf die Hilfe der Armee zu verzichten, sofern das möglich ist, um die Unabhängigkeit der Ermittlung nicht zu gefährden.“ Zudem wirkt die Anwesenheit von Mitgliedern der Streitkräfte bedrohlich auf manche als Zeugen anwesende Angehörige der zu exhumierenden Toten.

Bei ihrer Mission in Apartadó wollen sich die Ermittler, wie es vorgeschrieben ist, vor ihrer Suche nach den Leichen mit dem Vater der beiden Opfer abstimmen. Doch der alte Mann erscheint nicht zum vereinbarten Vorbereitungstreffen. Einige Tage zuvor hat ihm die Guerilla gedroht, ihn von seinem Land zu vertreiben oder zu töten, wenn er sich mit der Fiscalía einlasse. Auch wenn er alles getan hatte, um die Exhumierung seiner beiden Söhne zu ermöglichen – nun erscheint ihm das zu schmerzhaft und zu gefährlich, wie seine Tochter den Ermittlern erklärt. Aber sie brauchen Hilfe, um einen Landeplatz für den Armeehubschrauber zu finden, der die Toten bergen sollte. Und wo liegen die Gräber?

Auch die Tochter kennt den Ort nicht – aber deren Sohn. Nun hängt alles von einem kaum 14-jährigen Jungen ab. Der kleine Carlito zeigt sich sehr entschlossen. Wird er das Team zu den im Wald versteckten Gräbern seiner Onkel führen können? Das sei kein Problem, sagt er: „Ich bin vor vier Monaten dort gewesen, kurz vor Weihnachten, und habe zwei Holzkreuze aufgestellt.“

Nachdem er im Hauptquartier der 17. Brigade auf der Generalstabskarte den Landeplatz für den Hubschrauber und den anschließenden Fußweg gezeigt hat, zeigt Carlito einer Spezialeinheit den Weg. Die Soldaten verbringen die ganze Nacht mit der Erkundung und Sicherung des Terrains. Diese Maßnahmen werden bei solchen Expeditionen stets getroffen, doch hier scheinen sie besonders geboten: Noch am Vortag waren die Regierungstruppen von Kämpfern der Farc angegriffen worden und hatten mehrere Tote und Verwundete zu beklagen.

Die Öffentlichkeit erfährt von solchen Ereignissen kaum etwas. In den Medien ist Woche für Woche nur von vereinzelten Zusammenstößen die Rede, doch die Zahl der Kampfhandlungen liegt weit höher. „Der Krieg ist noch nie so erbittert geführt worden wie heute“, erklärt ein Kommandant, „und zwar an allen Fronten, und es gibt sehr viele Opfer. Wir versuchen mit allen Kräften, die Oberhand über die Guerilla zu gewinnen und sie an den Verhandlungstisch zu zwingen. Dann sollen sich die Politiker darum kümmern.“

Die Armee als Täter und Helfer bei den Ermittlungen

Das sind ungewohnt offene Worte, im Gegensatz zu den üblichen Erklärungen von Politikern, Experten und Intellektuellen über die „post-conflict“-Entwicklung im Land. In dem Krieg, den Präsident Álvaro Uribe Vélez im Rahmen von „Plan Colombia“ und „Plan Patriótico“3 führt, ist die bewaffnete Opposition noch keineswegs außer Gefecht.

Am nächsten Morgen lässt sich das Team auf einer kleinen Lichtung absetzen und trifft auf Carlito und die Soldaten, die während der Nacht das Gebiet gesichert haben. Einige Häuser aus grauen Brettern stehen hier, die Hälfte unbewohnt. An einem die zynische Aufschrift: „AUC – zu vermieten“. Es folgt ein stundenlanger Fußmarsch über steile, schlammige Pfade. Schweigend und erschöpft erreichen das Team und die Soldaten schließlich den Ort der Exhumierung. Im Zwielicht des Regenwalds unter tief hängenden Wolken wird die Position der Gräber per GPS bestimmt. Die Ermittler beginnen zu graben, die Fotografen dokumentieren jeden Abschnitt der Exhumierung. Einige Soldaten haben sich zum Ausruhen hingelegt, die übrigen halten Wache. Auf dem Rückweg wird das Team eine andere Route nehmen. In ein Kriegsgebiet hineinzukommen, ist leichter, als es wieder zu verlassen – es empfiehlt sich, nicht zweimal am selben Ort aufzutauchen.

Später kommen alle in der kleinen Ortschaft Caracolí an, wo Militärlastwagen auf sie warten. Hier, am anderen Ufer des Flusses, sind die Häuser aus Ziegelsteinen, und der dröhnende Fernseher im Café beweist, dass die Stromversorgung funktioniert: Es läuft irgendeine Telenovela, mit voller Lautstärke. Die Soldaten und das Team der Fiscalía stürzen sich durstig auf Kolumbiens beliebteste Limonade Ponymalta. Ungewöhnlicherweise gibt es hier keine Coca-Cola.

Ein Mann, der schon seit einigen Jahren mit der Menschenrechtsabteilung der Fiscalía zusammenarbeitet, zeigt hinüber zum anderen Ende des Dorfs. „Da drüben hat es Anfang März 2004 einen Überfall auf eine Delegation der Menschenrechtsabteilung gegeben. Ein Polizist ist umgekommen. Die wollten hier den Mord an einem der Führer der Friedensgemeinde4 San José de Apartadó aufklären, der eine Woche zuvor zusammen mit seiner Familie von den Paramilitärs umgebracht wurde.“ Er schweigt einen Augenblick. „Ich war einer von denen, die die zerstückelten Leichen ausgraben mussten. Von der Frau habe ich nur ein Stück vom Schienbein gefunden. Nach den Blutmengen zu urteilen, muss sie bei lebendigem Leibe mit einem Beil zerhackt worden sein.“ Noch ein kurzes Schweigen. „Das Schlimmste ist, dass sich von oben niemand dafür interessiert, was wir machen. Darüber wird nicht geredet. Wir sind ständig mit Exhumierungen und Leichentransporten beschäftigt. Manchmal kann ich nicht mehr. Aber wir machen weiter – weil wir glauben, dass es wirklich wichtig ist.“

Bei dem Massaker von San José hatte die 17. Armeebrigade – eben jene, deren Soldaten nun für den Schutz des Ermittlungsteams sorgen – den Paramilitärs zugearbeitet.5 Derzeit wird Kolumbien von immer neuen derartigen Enthüllungen über die sogenannte „Para-Politik“ erschüttert – Kern des „Paragate“-Skandals ist die Verwicklung hochrangiger Politiker in Praktiken der Verschleppung und Ermordung.

„Para-Politik“ ist ein System strategischer Bündnisse zwischen der politischen Führungsschicht, bestimmten Wirtschaftssektoren und den paramilitärischen Gruppen, mit dem die Paramilitärs und ihre Partner in zahlreichen Regionen ohne Furcht vor Strafverfolgung nach Belieben schalten und walten können. Sie haben den Staatsapparat auf allen Ebenen infiltriert. Die Gruppierungen der extremen Rechten finanzieren sich zumeist aus dunklen Geschäften, durch Drogenschmuggel oder gewaltsamer Enteignung von Land oder Vieh.

Gerade auf lokaler und regionaler Ebene zeigt sich deutlich, wie das System funktioniert: Dessen Nutznießer bedienen sich bei den staatlichen Zuwendungen für Gesundheit, Bildung und Infrastruktur und kassieren außerdem bei den Erträgen aus örtlichen natürlichen Ressourcen wie Erdöl, Gas, Kohle, Gold oder anderen wertvollen Mineralien. Manche Bürgermeister und Gemeinderäte beteiligen sich an der Plünderung des nationalen Reichtums, indem sie besonders lukrative Verträge mit den Scheinfirmen oder Pseudo-NGOs der Paramilitärs abschließen. Die lassen dann wiederum den wohlgesonnenen Volksvertretern etwas zukommen. Wer dabei nicht mitspielt, muss mit Drohungen, Vertreibung, Folter und Mord rechnen. Viele Personen „verschwinden“ einfach.

Einflussnahme durch Gewalt und Korruption auf lokaler Ebene war und ist aber nur eine Art Sprungbrett für die „Para-Politiker“. Die Tarnorganisationen der Paramilitärs und ihre politischen Freunde versuchen, wirtschaftliche und politische Macht auf nationalem Niveau zu gewinnen. Es geht um Spitzenpositionen: Gouverneursposten, Parlamentssitze, einflussreiche Positionen in Justiz, Militär und Geheimdiensten oder auch in großen Wirtschaftsunternehmen.

Dieses militärisch-ökonomisch-politische Projekt erforderte natürlich eine langfristige Strategie.6 Den Anfang machte 1999 Carlos Castaño, damals Führer der AUC.7 In einer Reihe von Interviews, die von den kolumbianischen Medien verbreitet wurden, stellte er die Paramilitärs als Teil des Kampfs gegen die Guerilla dar, als Versuch, die Versäumnisse und Fehler des Zentralstaats zu korrigieren. Die Medienoffensive verhalf diesen Milizen tatsächlich zu einigen Koalitionen mit lokalen und regionalen Entscheidungsträgern. Im nächsten Schritt gründeten sie verschiedene politische Bewegungen mit rein lokalem Anspruch, die ihnen – direkt oder durch Mittelsmänner – erlaubten, in die Gemeinderäte zu gelangen, Bürgermeister zu stellen und sich in den örtlichen und regionalen Verwaltungen festzusetzen.

Wie brisant dieses Thema ist, zeigt sich auch daran, dass es bislang keine Untersuchungen über die Unterschlagungen öffentlicher Mittel durch die „Para-Politiker“ gab. Eine erste Ahnung vom Ausmaß dieser systematischen Ausplünderung vermitteln die Strafprozesse wegen Bestechlichkeit und Unterschlagung gegen Amtsträger aller Ränge. In den Prozessakten finden sich die Details der unzähligen betrügerischen Verträge, die in den von Paramilitärs kontrollierten Gebieten geschlossen wurden.

Andere Verfahren beziehen sich auf die großen Skandale, in die zahlreiche Persönlichkeiten der politischen Führungsschicht Kolumbiens verwickelt sind. Im März 2006 führte die Beschlagnahmung von Dokumenten zur Verhaftung der drei Parlamentsabgeordneten Álvaro Garciá, Jairo Nerlano und Erick Morris (alle Mitglieder der Koalition des Staatspräsidenten). Ende 2006 wurde der Computer eines der führenden Paramilitärs – genannt „Jorge 40“ – beschlagnahmt. Auf der Festplatte waren Angaben über dessen Kontakte zu Politikern der kolumbianischen Atlantikküste gespeichert, außerdem Informationen darüber, mit welchen unlauteren Mitteln den Wahlsiegen Uribes in den Jahren 2002 und 2006 nachgeholfen wurde.

Die Ermittler erfuhren auch die Zielpersonen geplanter Attentate sowie Details mehrerer Massaker. Schließlich fanden sich Angaben über das Ausmaß der Unterwanderung der kolumbianischen Nachrichtendienste durch die „Paras“. Am 15. Februar 2007 erließ der oberste Gerichtshof Haftbefehl gegen Jorge Noguera, den ehemaligen Chef der Geheimdienste (DAS) und engen Vertrauten Uribes. Er wurde zwar kurz darauf aus technischen Gründen wieder auf freien Fuß gesetzt, aber die Vorwürfe gegen ihn bleiben bestehen.

Außerdem wurden Haftbefehle gegen weitere sechs Parlamentarier der Uribe-Koalition ausgestellt, unter ihnen Senator Álvaro Araújo Castro, der Bruder der Außenministerin María Consuelo Araújo, die daraufhin zurücktreten musste. Und am 13. März stellte sich der mit Haftbefehl gesuchte Gouverneur der Provinz Magdalena, Trino Luna Correa, den Behörden.

Die Ermittlungen gegen wichtige Politiker der Koalition von Staatspräsident Uribe erstrecken sich mittlerweile auf weitere Landesteile. Am 17. April beschrieb Senator Gustavo Petro vom linken Oppositionsbündnis PDA zwei Stunden lang, wie Paramilitärs und Drogenhändler in der Region Antioquia in den 1990er-Jahren die Macht an sich brachten – dank der Unterstützung des damaligen Gouverneurs Álvaro Uribe. Dies habe den Weg für ein in den letzten Jahren entstandenes neues Medellín-Kartell bereitet.

Inzwischen sind neue paramilitärische Gruppen aufgetaucht – Verbände, die entweder nie aufgelöst wurden oder sich neu formiert haben. Nach Angaben der kolumbianischen Juristenkommission8 wurden während der ersten Amtszeit von Präsident Uribe (2002 bis 2006) 11 300 Zivilisten aus politischen Gründen ermordet – 14 Prozent der Taten gingen auf das Konto der Geheimdienste, 60 Prozent verübten die vom Staat tolerierten Milizen.

Fußnoten:

1 Alle Namen wurden geändert, um niemanden in Gefahr zu bringen. 2 Die Regierung Uribe hat mit diesem Gesetz der AUC ein gutes Angebot gemacht: Gleich welcher Verbrechen sie angeklagt wurden, das Strafmaß für die Milizionäre betrug maximal fünf bis acht Jahre, und viele dürfen ihre Strafe statt im Gefängnis auch auf sogenannten Modellfarmen des Strafvollzugs verbüßen. 3 Der „Plan Colombia“, unter anderem als Antidrogenprogramm gedacht, wurde 1999 zwischen den Präsidenten Bill Clinton (USA) und Andrés Pastrana (Kolumbien) vereinbart. Washington hat bereits 4 Milliarden Dollar für dieses Projekt aufgewendet und zahlt weiterhin 700 Millionen jährlich. Auch der „Plan Patriótico“, eine 2004 begonnene Offensive gegen die Guerilla, wird von den USA militärisch und finanziell unterstützt. 4 Gemeinde, die Neutralität beansprucht. 5 Anfang März 2006 übten 59 US-Senatoren in einem Brief an Außenministerin Rice harsche Kritik an der verdeckten Mitwirkung der 17. Brigade bei Gewalttaten in San José de Apartadó. Vgl. ap vom 28. Februar 2007 unter: www.iht.com/articles/ap/2007/03/01/america/LA-GEN-Colombia-Military-Massacre.php. 6 Die NGO „Corporación Nuevo Arco Iris“ hat kürzlich einen Bericht über den Machtzuwachs der Paramilitärs auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene seit 1999 vorgelegt; siehe: www.nuevoarcoiris.org.co. 7 Carlos Castaño „verschwand“ unter ungeklärten Umständen im April 2004. 8 www.coljuristas.org und www.forumcivique.org/index.php?lang=DE&site=ARCHIPEL&article=952.

Aus dem Französischen von Edgar Peinelt

Laurence Mazure ist Journalistin.

Le Monde diplomatique vom 11.05.2007,