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8. Nerven und Augenmaß

8.1. Berlinkrisen

Nerven und Augenmaß

Wie vor fünfzig Jahren in Berlin der Dritte Weltkrieg an- und wieder abgesagt wurde von Reinhard Mutz

Das berühmteste Foto aus jenen Tagen illustriert die Geiselrolle Berlins im symbolischen Zentrum des Ost-West-Konflikts: Im Oktober 1961 sind sowjetische und amerikanische Kampfpanzer am Checkpoint Charlie gegeneinander aufgefahren, schussbereit auf Nahdistanz. Eine bizarre Szene, weil ein Panzer mit großkalibriger Kanone für den Straßen- und Häuserkampf nicht besonders geeignet ist.

Die grimmige Pose war mit dem ganzen politischen Prestige der beiden größten Rüstungsmächte der Erde aufgeladen. Beide wollten warnen: Bis hierhin und nicht weiter! Aus den Aufzeichnungen der US-Präsidenten und ihrer Biografen wissen wir, welche Albträume die Lage der Stadt den Verantwortlichen bereitet hat. Denn falls es nicht gelang, den Konflikt auf gewaltfreier Ebene zu steuern, drohte ein apokalyptisches Kriegsszenario .

Warum gerade Berlin? Das Tauziehen um die Stadt war seit Ende der 1940er Jahre der schwierigste und zählebigste Konfliktherd innerhalb des Kalten Kriegs. An dessen europäischen Front gab es keinen anderen Streitherd vergleichbarer Brisanz. Ähnlich gefährlich verlief nur die kubanische Raketenkrise vom Herbst 1962, aber sie konnte viel rascher unter Kontrolle gebracht werden. Die beiden akuten Berlinkrisen – vom Sommer 1948 und vom Sommer 1961 – registriert die Zeitgeschichte als aufreizendes militärisches Muskelspiel, als Gestik des Drohens und Einschüchterns, als Nervenkrieg bis dicht an den Schießkrieg. Es waren Lehrstücke sicherheitspolitischer Interessenwahrnehmung in der Ära des Kalten Krieges.

Beide Berlinkrisen wurden ausgelöst durch frontale Attacken der Sowjetunion auf den Status der Stadt: 1948 durch die Blockade, die Unterbrechung der Verkehrsverbindungen zwischen den westlichen Besatzungszonen Deutschlands und den Westsektoren Berlins; zehn Jahre später durch das sogenannte Chruschtschow-Ultimatum, die Ankündigung, Westberlin zu einer „entmilitarisierten Freien Stadt“ zu machen. Das hieß lapidar: Amerikaner, Engländer und Franzosen müssen die Stadt verlassen, tun sie es nicht, droht der unfriedliche Hinauswurf.

Das rüde Vorgehen wurde der östlichen Vormacht als Ausdruck systembedingter Aggressivität ausgelegt. Aber diese Interpretation übersieht, dass die sowjetische und die westliche Berlinpolitik sich damals an Unnachgiebigkeit nicht nachstanden. Jede Seite verfolgte Interessen, die sie als existenziell für ihre Sicherheit und deshalb als nicht kompromissfähig erachtete.

In der ersten Krise, drei Jahre nach Kriegsende, ging es um die endgültigen Einflussgrenzen in Europa. Die Spaltung des Kontinents war schon vollzogen. Nun begannen die zerstrittenen Siegermächte, den Teil Europas, der ihrer faktischen Kontrolle bereits unterstand, auch institutionell an sich zu binden. Darüber geriet die Sowjetunion ins Hintertreffen: Die Westalliierten machten sich an die Gründung der Bundesrepublik. Doch drei statt vier Besatzungszonen zusammenzufügen und diese Entscheidung nur zu dritt zu treffen, widersprach allem, was man während der Anti-Hitler-Koalition gemeinsam unterschrieben hatte. Und der entstehende westdeutsche Teilstaat mit einem geschrumpften Territorium, einer nach Osten offenen Grenze und einer ungelösten nationalen Frage würde – das war absehbar – die Zahl der Gegner der Sowjetunion mehren. Für Moskau bot sich Berlin als Hebel an, um diese gefährliche Entwicklung aufzuhalten oder gar abzuwenden.

Zehn Jahre später hatte sich die europäische Szenerie gewandelt. 1958 war die Blockbildung abgeschlossen, die Absicherung nach außen und innen zum neuen Inhalt des Ost-West-Konflikts geworden. Deutschland, zweigeteilt, stand wieder unter Waffen. Und unter dem besonderen Patronat der Führungsmächte der beiden verfeindeten Allianzen, zwischen denen der Subkonflikt um Berlin schwelte.

Für die DDR und ihre Schutzmacht verkörperte die westliche Teilstadt den sprichwörtlichen Pfahl im Fleisch: Inmitten des Staatsgebiets der DDR liegend, mit zu duldenden Verkehrswegen über das eigene Territorium, mit republikweit empfangbaren Rundfunk- und Fernsehsendern versehen. Kurz: ein Gebilde, das politisch und ideologisch dem Gegensystem angehört, freier, offener, wohlhabender ist und deshalb anziehend für die Menschen, die den Sozialismus in erster Linie als Mangelwirtschaft erlebten. Weshalb man es schließlich einmauern muss, um das heimliche Entweichen der Bevölkerung zu unterbinden.

Seit 1949 verließen jährlich 200 000 DDR-Bürger ihr Land, die Einwohnerschaft einer mittleren Großstadt wie Rostock oder Erfurt, über 2 Millionen Menschen seit der Staatsgründung, rund 15 Prozent der Bevölkerung, zur Hälfte jünger als 25 Jahre. Sie gingen über Westberlin. Wie dieses Schlupfloch zu schließen sei, war in Wahrheit das Thema der zweiten Berlinkrise, was man allerdings nur hinter vorgehaltener Hand aussprach. Die drei Westmächte interessierte anfangs ebenfalls nicht die Stadt an sich. Sie waren als Besatzer nach Berlin gekommen, nicht als Beschützer. In den ersten Nachkriegsjahren hatte sich eine politische Loyalität zu den Westberlinern noch nicht herausgebildet. Zudem war die Exklave, abgeschnitten von den eigenen Versorgungsbasen und ohne sichere Nachschubwege, der ungünstigste Ort, sich mit der Sowjetunion anzulegen. Ausschlaggebend für die Berlinkrise von 1948 war deshalb die globale Dynamik im Ost-West-Verhältnis. Containment hießt die Lösung des Westens: die Eindämmung sowjetischen Ausdehnungsstrebens. Sie stand auf dem Prüfstand, zumal die Verhandlungen über das nordatlantische Bündnis gerade begonnen hatten.

Wie unwichtig, ja lästig die westalliierte Berlinpräsenz auch sein mochte – man konnte schlecht deklamieren, einer potenziellen Bedrohung widerstehen zu wollen, und dann gleich vor der ersten wirklichen Herausforderung kapitulieren. Damit verbot sich die Preisgabe des verbrieften Rechts auf die Präsenz des Westens in der Stadt. Auf die in manchen europäischen Ländern noch schwankende öffentliche Meinung, ob die Furcht vor Moskau begründet und eine Allianz unter Führung der USA ein verlässlicher Schutz sei, hätte ein Rückzug aus Berlin verheerend gewirkt. Für dieses Publikum lieferte die Berlinblockade eindrucksvolle Bilder, die sowohl den Aggressor zeigten als auch das tägliche Schauspiel des Retters in Aktion. Am Ende der Bewährungsprobe konnte die Nato mit der stattlichen Anzahl von zwölf Gründungsunterschriften besiegelt werden. Fortan verstanden sich die Westberliner als Westdeutsche. An keinem Platz der Welt, an dem der Westen machtpolitisch engagiert war, geschah dies mit so eindeutiger Zustimmung der Bevölkerung. Die hätte es völlig abwegig gefunden, zwischen der Sicherheit der Bundesrepublik und der Sicherheit ihrer Stadt zu unterscheiden. Beides erwartete man von dem Bündnis, dem man beitrat, ohne immer voll zu begreifen, dass Berlin für die Alliierten auch eine Bürde darstellte.

Der ungeschützte Außenposten war strategisch ohne besonderen Wert und militärisch nicht zu halten, zudem erhöhte er das Risiko einer direkten Kollision mit der Sowjetmacht. Andererseits war Westberlin der Prüfstein für die Glaubwürdigkeit des US-amerikanischen Engagements in und für Europa und die Klammer zwischen der Bundesrepublik und der Nato. Aus diesen Gründen galt es als unaufgebbar.

Den Westmächten wäre viel Ärger erspart geblieben, hätten sie gegen Kriegsende für die Zeit der militärischen Kontrolle Deutschlands auf einem weniger unpraktischen Besatzungsregime bestanden. Vorstellbar war etwa ein sektoraler Zuschnitt der Verwaltungszonen mit Berlin im Zentrum, das über territoriale Brücken mit allen vier Zonen verbunden ist. Stattdessen steckten sie gemeinsam mit ihrem östlichen Partner die vier getrennten nationalen Besatzungszonen ab, erklärten Berlin, gleichfalls viergeteilt, zum Sondergebiet und kapselten es in eine der Zonen ein.

So entstand das Problem der Zufahrtswege. Es verschaffte der Sowjetunion in Spannungszeiten einen fein verstellbaren Krisenhebel. Moskau konnte die Umklammerung Westberlins verstärken oder lockern. Um den Zugang in die Stadt zu versperren, genügte eine schlichte Schranke, irgendwo hinter Helmstedt auf die Autobahn gestellt. Den Zugang wieder zu öffnen, erforderte den handgreiflichen Akt, nämlich das Hindernis abzuräumen – auf dem Territorium des Gegners. Damit lag das Risiko der Eskalation beim Westen.

Das war genau der Punkt, über den sich 1948 Präsident Truman und der Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Deutschland, General Clay, in die Haare gerieten. Als die sowjetische Militärverwaltung die Baufälligkeit der Elbbrücken bei Magdeburg zum Vorwand nahm, die Berlinblockade auszurufen, trat Clay für die „Instandbesetzung“ der Autobahn ein. Technische Schwierigkeiten seien technisch lösbar, also könnten US-Pioniere den Schaden reparieren. Dass er selbst mit dem reibungslosen Verlauf der Aktion nicht rechnete, bewies sein Vorschlag, dem Bautrupp Geleitschutz in Regimentsstärke zu geben – mit Infanterie- und Panzerabwehrwaffen.

Unter Hinweis auf die mögliche Kriegsgefahr und die mangelnde Vorbereitung der USA auf einen globalen Konflikt lehnte Truman ab. Er entschied sich für die aufwendigere, aber weniger riskante Demonstration technischer Leistungsfähigkeit: Man überflog das Hindernis und versorgte die Millionenstadt aus der Luft, volle zehn Monate lang. Zugleich wurden acht Staffeln B-29-Bomber über den Atlantik nach Europa verlegt. Maschinen dieses Typs hatten 1945 die Atombombenangriffe auf Japan geflogen. Von den neuen Stützpunkten aus konnten sie die gesamte Sowjetunion erreichen. Die Botschaft war mehr als deutlich. Truman notierte damals in seinem Tagebuch: „Forrestal, Bradley, Vandenberg berichteten mir von Basen, von Bomben auf Moskau, auf Leningrad und so fort. Ich habe das schreckliche Gefühl, dass wir einem Krieg sehr nahe sind.“1

Das atomare Patt als Schutzschild über Berlin

Konnte 1948 die nukleare Überlegenheit der USA noch als Trumpfkarte gelten, so war dieser Vorteil während der zweiten Berlinkrise dahin. Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre entstand das „atomare Patt“. Von da an verfügte die Sowjetunion zusätzlich zu ihren Atomwaffen auch über Trägersysteme interkontinentaler Reichweite. Der erfolgreiche Sputnik-Flug im Herbst 1957 riss die amerikanische Gesellschaft aus ihrem Traum militärischer Unverwundbarkeit. Während die strategischen Kernwaffen der USA weiterhin das sowjetische konventionelle Übergewicht in Schach hielten, wurden diese nun ihrerseits kompensiert durch das strategische Arsenal der UdSSR. Formal herrschte Waffengleichheit, doch es war die Gleichheit gelähmter Riesen. Nur verbal bestanden noch Spielräume, die durch einen Dialog des lautstarken Bluffs ausgefüllt wurden.

Anfang Juni 1961 demonstrierten die Führer der beiden Supermächte in Wien unverblümt die Bereitschaft zum Krieg gegeneinander. Drohgebärde folgte auf Drohgebärde. Zwei denkwürdige Fernsehansprachen glichen sich bis in die rhetorischen Figuren. Kennedy am 25. Juli: „Wir wollen den Kampf nicht, aber wir haben schon gekämpft.“ Chruschtschow am 7. August: „Wir wollen keinen Krieg, aber unser Volk fürchtet sich nicht vor Prüfungen.“2

Nur Wahnsinnige, polterte Chruschtschow immer wieder, könnten eines anachronistischen Privilegs wegen den Dritten Weltkrieg riskieren. Das „anachronistische Privileg“ meinte die Präsenz der Westalliierten in Berlin. Dieses Privileg beruhe auf originärem Siegerrecht und sei deshalb kein Privileg, lautete die Erwiderung aus Washington, es verbürge die Freiheit Westberlins und werde gegebenenfalls mit hohem Mitteleinsatz verteidigt. „Hoher Mitteleinsatz“ war die diplomatische Umschreibung für die Nukleargarantie Berlins – für die Entschlossenheit, ein Vorgehen gegen den Westteil der Stadt notfalls mit dem Einsatz von US-Atomwaffen zu kontern. Die Situation war damals – durchaus im wörtlichen Sinne – bis zum Zerreißen gespannt.

Wie hätte der US-Präsident wirklich reagiert, wäre es 1961 – wie von Moskau angedroht – zu einer neuerlichen Berlinblockade gekommen, und zwar unter Einschluss der Luftwege und einer Sperrung der Landverbindungen auch für die westlichen Schutzmächte? Wir kennen die Antwort nicht, und es ist müßig, darüber zu spekulieren. Allerdings konnten im Krisensommer 1961 auch die Verantwortlichen im Kreml die Antwort nicht genau wissen. Für Washington bestand kaum eine realistische Aussicht, die „Nukleargarantie“ einzulösen, wogegen für die Sowjetunion das Ignorieren dieser Garantie kaum ein realistisches Wagnis war. Aber „kaum ein Wagnis“ ist riskanter als „überhaupt kein Wagnis“ – jedenfalls an der Schwelle zum Atomkrieg.

Wie die Moskauer Führung das Restrisiko einschätzte, zeigt der weitere Krisenverlauf: Sie verzichtete auf die einseitige Umsetzung der Blaupausen, die sie seit Herbst 1958 entworfen hatte: Aus der „entmilitarisierten Freien Stadt“ oder der „selbstständigen politischen Einheit Westberlin“ wurde nichts. Stattdessen gab Chruschtschow grünes Licht für den Mauerbau. Er wählte, wie vor ihm Truman, den ungefährlicheren, aber kostspieligeren Ausweg. Denn teuer war auch die Mauer – nicht in Dollar, wie die Luftbrücke, sondern in der knappen Währung internationalen Ansehens.

Die Krise verlief vor allem deshalb so glimpflichen, weil der Westen die Essentials seiner Berlin-Position unmissverständlich markiert hatte. Die drei Kernforderungen Kennedys – Präsenz der Westalliierten, freier Zugang und Lebensfähigkeit – bezogen sich auf Westberlin und seine Bürger, nicht aber auf Ostberlin. Dagegen umfassten sie nicht den Fortbestand freier Bewegungsmöglichkeiten in ganz Berlin. Seit der offiziellen Verkündung der Kernforderungen stand am Brandenburger Tor längs der innerstädtischen Grenze eine unsichtbare Warntafel, auf der östlichen Seite mit der Inschrift: „Nukleare Schwelle“. Exakt an dieser Stelle wuchs die Mauer, aber keinen Fußbreit darüber hinaus.

In der Erinnerung der Berliner – und auch in vielen aktuellen Darstellungen – ist die Errichtung der Mauer und die zweite Berlinkrise ein und dasselbe. Diese Wahrnehmung erklärt sich aus der aufgeheizten Stimmung der folgenden Wochen mit ihren demonstrativen Konfliktgesten. Die USA verstärkten ihre Berlingarnison um eine Kampfgruppe von 1 500 Soldaten. Im Westteil der Stadt wurden die Konvois begeistert empfangen. Andere westliche Länder kündigten an, ihre Militärhaushalte zu erhöhen, ihre Truppen zu verstärken, Reservisten einzuberufen und die Entlassung von Wehrpflichtigen zu verschieben. Auch die Bundeswehr veranstaltete Militärmanöver, die über reine Routine hinausgingen. Die Sowjetunion schließlich verstieg sich zu einer Serie provokanter Kernwaffentests über der Eismeerinsel Nowaja Semlja, bei denen Bomben im Megatonnenbereich erprobt wurden.

Doch diese ganze Drohakustik ist nicht mit dem eigentlichen Konfliktverlauf zu verwechseln. Die Mauer bildete nicht, wie 1948 die Blockade, den Auslöser der Krise, sondern sie signalisierte deren Ende. Mit dem 13. August wich der ultimative Ton aus der Kontroverse. Moskau ließ durchblicken, mit der Erfüllung der östlichen Berlinforderungen habe es nun keine besondere Eile mehr. Neue Fristsetzungen unterblieben. Und die ultimativen Chruschtschow-Noten von 1958 gerieten nach und nach in Vergessenheit.

Massenvernichtungswaffen, sagt die Abschreckungstheorie, sollen von Aggressionen dadurch abhalten, dass die Wahrscheinlichkeit ihres Einsatzes unkalkulierbar und das Ausmaß des möglichen Schadens nicht hinnehmbar sind. Die beiden Weltkrisen um Berlin zeigen anschaulich, wie Abschreckung im Ost-West-Konflikt funktionierte. Jede Seite wollte die eigenen Ziele möglichst umfassend durchsetzen, war aber zugleich bemüht, die Risikobereitschaft des Gegners auszuloten, ohne den Bogen zu überspannen. Zwei Mal standen Washington und Moskau vor der Wahl, die Krise zu verschärfen oder Zurückhaltung zu üben. Jedes Mal haben beide darauf verzichtet, ihre Optionen auszuschöpfen.

Das gilt für Trumans Entscheidung im Juni 1948, den Straßen-, Schienen- und Wasserstraßenzugang nach Berlin nicht zu erzwingen, wie für Stalins Entscheidung im September 1948, die Versorgung der Westsektoren auf dem Luftweg nicht zu unterbrechen. Und es gilt für Chruschtschows Entscheidung im August 1961, die Unterstellung Westberlins unter eigene Kontrolle nicht durchzusetzen, wie für Kennedys Entscheidung, die Sperranlagen zwischen den beiden Stadthälften nicht niederzureißen.

Am Rande des Abgrunds erwiesen sich die Luftbrücke und der Mauerbau als „Notnägel“ gegen den Absturz. Jeder Berliner, der Zeuge dieser dramatischen Vorgänge war, wird es anstößig finden, die beiden Aktionen in einem Atemzug zu nennen. Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen und Menschen hinter Stacheldraht einzuschließen – dazwischen liegen tatsächlich Welten. Aber die Politik der Krisenbewältigung im Nuklearzeitalter folgte keinem moralischen Prinzip. Es ging ihr nur um den rettenden Ausweg zwischen Kapitulation und Katastrophe. Ihr Erfolg hing davon ab, dass wenige Entscheidungsträger in extremen Situationen sowohl Nerven als auch Augenmaß bewiesen. Sich die Alternative vorzustellen, wäre schwärzeste Fiktion. Ist aber, muss man mit Henry Kissinger fragen, nicht auch die Verhütung des Krieges ein moralisches Prinzip?3

Poker nach monströsen Regeln

Verdiente ein Bauwerk der Moderne monströs genannt zu werden, so die Mauer in Berlin. Die Menschen, die ihretwegen starben, und die Gewalt, die sie verkörperte, haben sehr konkrete Schuld begründet. Das ist die eine Ebene der Betrachtung. Es gibt eine zweite, abstraktere. Hier verschmilzt Stadtgeschichte mit Weltpolitik, in der Berlin jahrzehntelang ein einzigartiger Part zufiel. Auf dieser Ebene erscheint der Mauerbau als kühl kalkulierter Schachzug in einem Poker, dessen Regelwerk selbst der Inbegriff des Monströsen war.

Sucht man nach einem anschaulichen Beispiel für alternative Formen der Konfliktregulierung zu Zeiten der Blockrivalität, wird man ebenfalls in Berlin fündig. Nochmals zehn Jahre später stand die geteilte Stadt zum dritten Mal im Brennpunkt der Weltpolitik. Im September 1971 endeten die Viermächte-Verhandlungen nach 18 Monate mit einem neuen Berlin-Abkommen. Die Geschichte der Diplomatie kennt nur wenige Beispiele internationaler Konferenzen, zu deren Beginn die Ausgangspositionen so weit auseinander lagen, und die dann doch einen Vertrag hervorbrachten, der sich überdies als tragfähig erwies.

Rechtstechnisch gesehen war das Berlin-Abkommen ein Kuriosum: ohne einvernehmlich beurkundeten Vertragsnamen, ohne vereinbarten Geltungsbereich, voll verklausulierter Ortsbezeichnungen und fast nur aus einseitigen Erklärungen bestehend. Aber es war ein Kuriosum, das funktionierte.

Hatte Washington 1961 lediglich verlangt, dass Moskau die drei Essentials der USA stillschweigend respektiert, um einen direkten Zusammenstoß zu vermeiden, so stand nun unter jedem der drei Grundsätze die sowjetische Unterschrift in völkerrechtlich bindender Form. Im Ergebnis gab Moskau den Widerstand gegen die politische Selbstbestimmung Westberlins auf.

Darüber hinaus vereinbarte man auch praktische Verbesserungen für den Alltag: Die Abwicklung des Transitverkehrs wurde grundlegend vereinfacht, das Telefonnetz zwischen den Stadthälften wieder hergestellt, die innerstädtische Freizügigkeit zumindest in einer Richtung wieder zugelassen. Wer sich damals fragte, ob Entspannungspolitik auch das Leben der Menschen erleichtern würde, fand die Antwort, wenn er sich bei der Transitfahrt über die Autobahn von Dreilinden nach Marienborn an die Zeit vor 1971 erinnerte.

Das wichtigste Entspannungsresultat wurde jedoch auf einer anderen Ebene erzielt: Mit der Entschärfung des internationalen Streitfalls, der sich zwischen den Blöcken in Europa als der langlebigste und gewaltträchtigste erwiesen hatte, war die Sicherheitslage für beide Seiten entscheidend verändert. Die Zeitbombe Berlin, potenzieller Auslöser einer unkontrollierten Kriseneskalation, hatte aufgehört zu ticken, die Lunte am atomaren Pulverfass war erloschen. Zwar konnte auch die Entspannungsdiplomatie der 1970er Jahre die Gefahr eines Ost-West-Kriegs in Europa nie ganz bannen, aber dass Berlin zum Auslöser würde, stand nun kaum noch zu befürchten.

Berlin ist wiedervereint, Europa nicht mehr geteilt. Neue Brandherde lassen den monströsen Abschreckungsfrieden von einst in einem nostalgischen Licht erscheinen. Das Horrorbild des Dritten Weltkriegs, dem die zweigeteilte Welt – die Deutschen mittendrin – etliche Male nur knapp entkam, ist bereits verblasst. Zu Zeiten der Ost-West-Konfrontation war militärische Selbstmäßigung ein Überlebensgebot; inzwischen sitzen die Waffen wieder lockerer. Die unerbittlichen Regeln der Abschreckungsdisziplin greifen nicht mehr. Was gestern die Furcht vor der Apokalypse erzwang, muss heute politische Vernunft bewirken.

Fußnoten: 1 Zitiert nach Gunther Gerhardt, „Das Krisenmanagement der Vereinigten Staaten während der Berliner Blockade (1948/49)“, Berlin (Duncker & Humblot) 1984, S. 135. 2 Bundesministerium für Innerdeutsche Beziehungen (Hg.), „Dokumente zur Deutschlandpolitik“, Bd. IV/6, Frankfurt am Main 1975, S. 1 349 und 1 526. Beide Zitate stammen aus Rundfunk- und Fernsehansprachen. 3 Als Außenminister am 19. September 1974 vor dem Außenpolitischen Ausschuss des US-Senats; zitiert nach: Europa-Archiv 20/1974, S. D 464. Reinhard Mutz war bis 2006 wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg und bis 2008 Mitherausgeber des Jahresgutachtens der fünf friedenswissenschaftlichen Forschungsinstitute in der Bundesrepublik. Die Mauerkrise vor fünfzig Jahren erlebte er als Offizier eines Panzerbataillons im „Bereitstellungsraum“ unweit der Grenze zur DDR in Erwartung des Befehls, den Landweg nach Berlin „öffnen“ zu helfen.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Berlinkrisen

12. September 1944: Die USA, die Sowjetunion und Großbritanniens verständigen sich in London über die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen und der Hauptstadt Berlin in Besatzungssektoren. Frankreich tritt dem Protokoll am 26. Juli 1945 bei. Gelten soll diese Regelung nur für die „Anfangsphase der Besetzung Deutschlands, die unmittelbar auf die Kapitulation folgt“.

20. März 1948: Der Kontrollrat für Deutschland stellt wegen gravierender politischer Gegensätze unter seinen vier Mitgliedern seine Tätigkeit ein. Als am 16. Juni auch die Kommandantur für Berlin ihre Arbeit beendet, ist die alliierte Viermächte-Verwaltung in Berlin gescheitert.

19. Juni 1948: Die sowjetischen Streitkräfte und die deutschen Behörden der Ostzone sperren die Zugangswege aus den Westzonen Deutschlands in die Westsektoren Berlins für den zivilen Personen- und Güterverkehr. Fünf Tage später beginnt die „Luftbrücke“ mit den ersten Versorgungsflügen von US-Militärmaschinen.

12. Mai 1949 Gegen die Zusage, eine weitere Außenministerkonferenz über Deutschland einzuberufen, hebt die UdSSR die Berlinblockade auf.

27. November 1958: In gleichlautenden Noten an die drei Westmächte erklärt die sowjetische Regierung die westlichen Besatzungsrechte in Berlin für verwirkt. Da Westberlin Teil der Hauptstadt der DDR sei, müsse es in dieser aufgehen. Als Kompromiss komme auch eine entmilitarisierte Freie Stadt Westberlin in Betracht, auf den man sich jedoch binnen sechs Monaten verständigen müsse. Andernfalls werde die UdSSR ihre Hoheitsrechte auf die DDR übertragen („Chruschtschow-Ultimatum“), mit der dann alle weiteren Fragen bilateral geregelt werden müssten.

11. Mai bis 5. August 1959: Im Genfer Palais des Nations tagt zum letzten Mal eine Konferenz der vier Siegermächte auf der Ebene der Außenminister. Sie scheitert bereits am mangelnden Einvernehmen über das Verhandlungsthema. Anders als während der ersten Berlinkrise will die westliche Seite über Deutschland, die Sowjetunion über Berlin sprechen. Als Berater werden Vertreter der beiden deutschen Staaten hinzugezogen, die im Konferenzraum, jedoch nicht am Verhandlungstisch Platz nehmen dürfen.

4. Juni 1961: Ministerpräsident Chruschtschow und Präsident Kennedy treffen sich in Wien. Es kommt zu heftigen Wortwechseln, mit drohenden Hinweisen auf die Fähigkeit zum Einsatz von Atomwaffen.

13. August 1961: Ab dem frühen Morgen riegeln Einheiten der Nationalen Volksarmee, der Volkspolizei und der Betriebskampfgruppen die Sektorengrenze zu Westberlin ab. Aus den zunächst provisorischen Sperranlagen entsteht in den folgenden Wochen die Mauer. Bis zum 9. November 1989, für mehr als 28 Jahre, wird sie die im Westen und im Osten der Stadt lebenden Berliner trennen.

27. Oktober 1961: In der Berliner City gehen US-amerikanische und sowjetische Kampfpanzer gegeneinander in Stellung. Anlass ist der Streit, ob westalliierte Amtsträger sich bei Einreisen in den Ostsektor gegenüber dem Grenzpersonal der DDR ausweisen müssen.

26. März 1970: Im ehemaligen Kontrollratsgebäude in Berlin beginnen Gespräche der vier einstigen Verbündeten auf Botschafterebene. Ziel der Verhandlungen ist, künftige Komplikationen um Berlin zu vermeiden.

3. September 1971: Die Unterhändler unterzeichnen das Viermächte-Abkommen. Darin verzichten sie auf einseitige Veränderungen der inzwischen eingetretenen Lage. Sie beauftragen die Bundesregierung und die Regierung der DDR, Verhandlungen über die Erleichterung des Reise- und Transitverkehrs aufzunehmen, einschließlich der Ermöglichung von Besuchsregelungen. Das Abkommen wird durch politische Junktims mit anderen Vertragsschlüssen der Entspannungsära verzahnt, so etwa mit dem Moskauer Vertrag vom 12. August 1970 und später mit dem Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR vom 21. Dezember 1972.

Le Monde diplomatique vom 08.07.2011,