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2.1. Die Lieblingsserie der Iraner

Die Lieblingsserie der Iraner

An diesem Montag im März sind die Straßen Teherans wie leer gefegt. Zu den Nouruz-Ferien, dem iranischen Neujahrsfest, das den Beginn des Frühlings ankündigt, sind viele Bewohner aus der 14-Millionen-Einwohner-Metropole Teheran geflüchtet. Auf dem Tajrish-Basar im Norden der Stadt erregt ein handbeschriebenes Stück Karton Aufmerksamkeit: Die neue DVD von „Bitterer Kaffee“ ist da. Die neuen Folgen der historischen Comedyserie werden überall in der Stadt angeboten, in Kiosken und Lebensmittelläden. Der allseits beliebte Mehran Modiri ist ihr Regisseur, Produzent, Koautor – und spielt auch selbst mit.

Seit zwei Jahrzehnten ist Modiri auf den iranischen Mattscheiben zu sehen. Und genau wie die iranische Gesellschaft hat auch er sich in dieser Zeit verändert. Er pflegt jetzt einen leichten, eher clownesken Humor, der die rote Linie zur offenen Regimekritik nie überschreitet. Er hat zwar auch schon mal Fernsehmoderatoren ausländischer Sender karikiert, aber die Politik ist eigentlich nicht sein Gebiet.

Jede DVD von „Bitterer Kaffee“ enthält drei Folgen, kostet umgerechnet knapp 2 Euro und wird über eineinhalb Millionen Mal verkauft. Für die iranische Mittelschicht ist das ein bezahlbarer Preis. Und da der Autor und Produzent sein Publikum um solidarische Bezahlung seiner Arbeit gebeten hat, wird das im Iran sehr verbreite Raubkopieren hier weitgehend unterlassen. Die Serie hat auch eine eigene Homepage, eine Facebook-Seite, einen Twitter-Account und Wikipedia-Einträge auf Farsi und Englisch.

Die Geschichte von „Bitterer Kaffee“ spielt vor 200 Jahren und verhöhnt auf witzige Weise die Hofschranzen des Herrschers – und damit den Despotismus insgesamt. Hinter jeder Figur kann sich der Zuschauer irgendeine historische Persönlichkeit vorstellen, die genauso gut zum Machtapparat von Reza Schah (dem Vater des 1979 gestürzten Schah) gehören könnte wie zur Nomenklatura des gegenwärtigen Regimes.

Am 2. April kündigte die Tageszeitung Shargh an, das Ministerium für Kultur und islamische Führung werde die 20. DVD der Serie verbieten. Offiziell ging es dabei um ein Verfahren zur Durchsetzung neuer Bestimmungen. Doch die Onlinezeitung Aftab fand heraus, dass der Stein des Anstoßes in Wirklichkeit die Ähnlichkeit einer Figur mit einem hohen Regierungsvertreter war – und der hatte das Verbot der DVD gefordert. Dennoch wurde die Folge schließlich ohne Änderungen veröffentlicht und war genauso erfolgreich wie ihre Vorgänger.

Abgesehen von solchen zaghaften Zensurversuchen wird der große Schwarzmarkt für DVDs toleriert und teilweise sogar vom Regime gefördert. Das Angebot reicht von US-amerikanischen Actionfilmen, die illegal kopiert und im Iran untertitelt werden, bis hin zu iranischen Produktionen, die keine Erlaubnis für den Vertrieb bekommen haben. Zu Letzteren gehört zum Beispiel „Santuri“ von Dariush Mehrjui, ein Film über Drogen und die Perspektivlosigkeit der Jugend in einer Gesellschaft, die ihre Werte verliert. Ebenso findet man auf DVD beliebte alte Serien aus dem staatlichen Fernsehen.

Auf den gescheiterten Versuch, nach der Revolution von 1979 die Medien völlig gleichzuschalten, folgte auf dem Feld der Kultur eine etwas tolerantere Politik. Das Regime setzt nicht mehr auf die systematische Kontrolle des medialen Raums, sondern füllt diesen mit Produkten, die es für „minder gefährlich“ hält. Die absolute Kontrolle im politischen Bereich bleibt dagegen weiter bestehen.

In der iranischen Medienlandschaft sind mittlerweile zwei parallele Räume entstanden: ein erster, offizieller, der der Stimme der Islamischen Republik gehört, und ein zweiter, weniger kontrollierter, von dem die staatlichen Stellen behaupten können, er falle nicht in ihre Zuständigkeit, weshalb er mit den politischen und moralischen Prinzipien des Regimes nicht konform gehe. Dieser „andere“ Raum bildet inzwischen auch das Gegengewicht zu der direkt aus dem Westen importierten Kultur. So imitierten iranische Sänger – anfangs noch schüchtern – Musik aus Los Angeles, wo sehr viele Exiliraner leben. Einige hatten sogar die gleiche stimmliche Färbung wie die berühmten Exilbarden in Kalifornien, wobei die Texte im Iran meist vertonte Gedichte waren, oft mit mystischem Inhalt.

Bitterer Kaffee für alle

Später kam eine zweite Welle mit selbstbewussteren Musikern und besseren Stücken. Im Lauf der Zeit unterschieden sich weder Musik noch Texte von den im Ausland produzierten Songs, die das iranische Regime als Produkte der „Verdorbenen der Erde“ verurteilt (mofsedin fil arz, so die Bezeichnung für alle „Verwestlichten“). Die einst verbotene und illegal produzierte Pop- und Rockmusik verbreitet sich ebenfalls über diese halblegalen Netzwerke, allerdings mit weniger großem Erfolg.

Auch der offizielle Bereich des medialen Raums ist vielfältiger geworden. Es gibt mehr staatliche Fernsehsender, und deren Programm ist heute abwechslungsreicher. Neben Familien- und Kinderprogrammen laufen vor allem lokal produzierte Serien mit oft gigantischen Budgets. Das geht von der hollywoodartigen Version der Liebesgeschichte von Josef und Suleika über Sendungen zu Politik und Geschichte bis hin zu Comedyserien. Mehran Modiri ist einer von denen, die zu diesen Veränderungen beigetragen haben.

Die Radiosender gehen in eine ähnliche Richtung. Manche haben, wie zum Beispiel der ursprünglich als Verkehrsfunk für Teheran geplante Kanal Payam, schon in den 1990er Jahren angefangen, Musik zu spielen, die bis dahin nicht toleriert worden war. Die Popmusik, nach der Revolution zunächst völlig verschwunden, hat sich langsam ihren Platz zurückerobert. Weil sie schließlich auch in den staatlichen Medien lief, wurde sie für die „traditionalistischen“ Kreise wieder salonfähig. In den 2000er Jahren ging man sogar so weit, religiöse Nohehs1 damit zu unterlegen.

Mit dem Satellitenfernsehen wurde der Kampf um die Medien heftiger. Parabolantennen sind zwar offiziell verboten, trotzdem besitzen die meisten Haushalte in den Städten wie auf dem Land eine. Die Regierung hat kapituliert und ihren Plan, alle Antennen zu beschlagnahmen, aufgegeben. Mit dem Ergebnis, dass die staatlichen Sender gegen die Meinungsvielfalt und die kritische Berichterstattung der ausländischen Satellitenkanäle nicht mehr ankommen.

Da politische Informationssendungen auch im Iran ohnehin keine Quotenrenner sind, konzentriert sich das Regime lieber auf andere Gebiete. Die nicht unmittelbar politischen Programme der Satellitenkanäle werden toleriert, auch wenn sie die propagierten Moralprinzipien untergraben. Zurzeit laufen auf den offiziell verbotenen Kanälen in Endlosschleife Musikclips, die augenfällig nicht mit dem islamischen Kanon übereinstimmen, unterbrochen von Werbeclips mit eingeblendeten Handynummern.

Die Auswirkungen dieser widersprüchlichen Haltung kann man sich leicht ausmalen. Die Einstufung als „minder gefährlich“ wird willkürlich getroffen. Wer kann sagen, dass ein amerikanischer Actionfilm über Außerirdische weniger „gefährlich“ ist als ein klassisches Melodrama? „Unpolitische“ Filme können zu westlichem Lebensstil und grenzenlosem Konsum einladen. Den haben sich weite Teile der städtischen Mittelschicht sowieso längst angewöhnt. So ist der Iran mittlerweile der zweitgrößte Importeur für Kosmetikprodukte im Mittleren Osten. Manche kommerziellen Feiertage, wie zum Beispiel der Valentinstag, die bis vor 30 Jahren noch völlig unbekannt waren, erfreuen sich in den iranischen Großstädten inzwischen großer Beliebtheit.

Seit drei Jahren muss sich das iranische Regime mit dem Erfolg des Fernsehsenders Farsi 1 herumschlagen. Der gehört zur News Corporation von Rupert Murdoch, sendet pausenlos lateinamerikanische Telenovelas und erreicht einen großen Teil der einfachen Bevölkerung. Der US-Journalist Dexter Filkins2 meint sogar, Farsi 1 sei zu einer Bedrohung für das Regime geworden.

Das iranische Regime hat sich mit dem Versuch, ein größeres Publikum zu erreichen und die Politisierung der Medien zu verhindern, selbst eine Falle gestellt: Es hat faktisch das Lob des westlichen Lebensstils erlaubt. Das ist Wasser auf die Mühlen seiner Gegner, die sein Gebaren für „mittelalterlich“ halten.

Shervin Ahmadi

Fußnoten: 1 Feierliche Liturgien, mit denen der Tod des Imams Hussein, eines Enkels des Propheten Mohammed, in Kerbala im Jahr 680 gewürdigt wird. 2 New York Times, 21. November 2010.

Aus dem Französischen von Jakob Horst

Shervin Ahmadi ist Journalist und verantwortlich für die Farsi-Ausgabe von Le Monde diplomatique.

Le Monde diplomatique vom 08.07.2011,