13.11.2014

Dakar – Dorfgeist einer Metropole

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Dakar – Dorfgeist einer Metropole

von Sabine Cessou

Dakar - Der Dorfgeist einer Metropole
Kasten: Kontinent der Stdter

Dakar hat sich dermaßen verändert, man erkennt die Stadt kaum wieder!“ Modou Lo wird „der Italiener“ genannt. Vor zwölf Jahren ist er ausgewandert und seitdem nicht mehr hier gewesen. Der 34-jährige Techniker lebt in Mailand und ist gerade zu Besuch bei seinen Eltern, die in einer sandigen Straße im Vorort Guédiawaye im Norden der senegalesischen Hauptstadt wohnen. Modou lernt seine alte Heimatstadt neu kennen und merkt, dass er kein „Dakar Boy“ mehr ist: „Ich habe in der Hauptverkehrszeit ein Taxi genommen, und prompt standen wir zwei Stunden im Stau. Ich habe hier keine Orientierung mehr und weiß kaum noch, wo es langgeht. Alles ist anders. Die Häuser haben ein oder zwei Stockwerke mehr.“

Es ist drei Uhr nachmittags. Im Hof seines Hauses füllt Modou die drei traditionellen Gläser Tee für sich und seine Freunde, im Hintergrund läuft das Radio, Schafe blöken. Der Emigrant fragt jeden, was es Neues gibt. Der 32-jährige Birame hat einen Bachelor in Englisch und ist arbeitslos. Er macht sich keine Illusionen über die Absichten des neuen, im letzten Juni gewählten Bürgermeisters von Guédiawaye: „Aliou Sall ist der Bruder von Präsident Macky Sall, ein Journalist aus dem Nirgendwo. Er wird sich bereichern, und alles wird beim Alten bleiben: ein einziges öffentliches Gymnasium für ganz Guédiawaye, immer wieder Wasser- und Stromsperren, keine Arbeit und keine Verkehrsmittel. Wir haben gegen die Vetternwirtschaft gekämpft, aber da ist sie schon wieder.“

Die Trabantenstadt Guédiawaye wurde im Rahmen des Dezentralisierungsprogramms von 1972 achtzehn Kilometer außerhalb von Dakar gebaut, um Menschen aus den Slums des Plateau-Bezirks aufzunehmen. Im Jahr 1996 hat man die Vorstadt am Meer zu einem der vier Départements der Region Dakar gemacht. Sie ist inzwischen auf 286 000 Einwohner angewachsen. Dakar dehnt sich in alle Richtungen aus. Die Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden, weiß, gelb, rosa, manche mit Fliesen verkleidet, und verwandeln die alten Landstraßen in große Boulevards.

Dakar, das 1902 Hauptstadt von Französisch-Westafrika wurde, gehörte wie Saint-Louis, Gorée und Rufisque zu den „vier Gemeinden“, denen die Kolonialherren einen Sonderstatus zubilligten: Ihre Einwohner waren französische Bürger und wurden von einem Abgeordneten in der Nationalversammlung vertreten. Bei Erlangung der Unabhängigkeit 1960 hatte die Stadt 300 000 Einwohner, heute sind es etwa zehnmal so viele, ein Viertel der gesamten Bevölkerung Senegals. Inzwischen erstickt die überlastete Metropole beinahe – trotz der frischen Meeresbrise, die über die Halbinsel weht. Und sie befindet sich noch immer in einer explosionsartigen Wachstumsphase, wie viele Städte Afrikas (siehe Kasten).

Bürgermeister Khalifa Sall (der trotz gleichen Namens nicht mit dem Präsidenten verwandt ist) nannte sie einmal einen „Wasserkopf, in dem das Herz des Landes schlägt“. Das gerade neu gegründete senegalesische Tourismusbüro will Dakar zur Drehscheibe des Kongress- und Geschäftstourismus machen. Mit einem Passagieraufkommen von 1,7 Millionen im Jahr 2012 verfügt Dakar nach Johannesburg über den zweitwichtigsten Flughafen südlich der Sahara. 2015 soll der neue internationale Flughafen Blaise Diagne östlich von Dakar eröffnet werden, der als regionales Luftfahrtdrehkreuz geplant ist.

Auf dem Weg zum neuen Flughafen fährt man durch Diamniadio, eine kleine Ortschaft, die Präsident Abdoulaye Wade (2000 bis 2012) zur Stadt ernannt hatte, um die Metropole zu entlasten. Der 35 Kilometer von Dakar entfernte Ort besitzt ein neues Kongresszentrum. Hier soll Ende November das Gipfeltreffen der Internationalen Organisation der Frankofonie (OIF) stattfinden.

Dakar ist inzwischen nach Angaben des Beratungsunternehmens ECA International eine der zehn teuersten Städte Afrikas. Rund um den heutigen Flughafen, in Yoff, Ouakam, Ngor und im angesagten Viertel Les Almadies werden Grundstücke zu Höchstpreisen verkauft. Wer immer es sich leisten kann, Unternehmen wie Privatleute, bauen Wohnungen: Mit Monatsmieten zwischen 150 und 1 500 Euro lässt sich hier einiges verdienen. Auch im Tag und Nacht belebten Viertel Plateau blüht die Immobilienspekulation. Die Krise in der Elfenbeinküste von 2002 bis 2011 brachte zahlreiche Mitarbeiter internationaler Organisationen und Migranten aus dem am Golf von Guinea gelegenen Ballungsraum Abidjan nach Dakar.

Die Hälfte der Einwohner ist unter 18 Jahre

Die Kleinstadt aus der Zeit der afrikanischen Unabhängigkeit ist völlig überwuchert worden. Die Leute, die in den 1970er und 1980er Jahren jung waren und dort lebten, sagen, dass sie damals lebenswerter gewesen sei, auch eleganter, intellektueller und vielleicht authentischer. Diese Generation pflegt eine gewisse Nostalgie, wie etwa Pape Samba Kane, der ehemalige Leiter des Satiremagazins Le Cafard libéré. Er schreibt: „Heute stürzt sich Dakar auf Reichtum, auf hohlen Flitter, auf flüchtigen Glanz, wie ihn die Chromleisten eines GMC-Geländewagens haben. Ein vulgärer Glanz, wie der von dicken Sonnenbrillen, die man sogar bei Talkshows im Fernsehen trägt, wie die riesigen Gebäude, die mit Koffern voller Bargeld bezahlt wurden. Dieses protzige Dakar, wo das Geld vom Himmel fällt und Mädchen in knallengen Jeans herumlaufen, dieses Dakar mit seinen schicken, seelenlosen Restaurants lebt neben einem anderen Dakar, der Kehrseite der Medaille, dem Underground von gestern, der heute Main Street ist, mit seiner Findigkeit und seinen Wirren.“1

Die Hauptstadt zieht die Leute an: mit ihren Universitäten (70 000 Studenten gibt es in der Stadt, in der 48,7 Prozent der Einwohner jünger als 18 Jahre sind), dem Schwarzafrika-Forschungsinstitut (Institut fondamental de l’Afrique noire, Ifan) und der Westafrikanischen Zentralbank (UEMOA), mit ihren internationalen Konferenzen, ihrer Kunstbiennale, aber auch mit ihrer urbanen Kultur. Die Dakarer fallen auf – wie die junge Modedesignerin Adama Ndiaye, die in verschiedenen Städten der Welt die „Black Fashion Week“ organisiert. „Wenn man hier aufgewachsen ist, hat man eine sehr gemischte Ästhetik, Filme und Einflüsse kommen von überall, orientalisch, amerikanisch, afrikanisch“, meint Omar Victor Diop. Der 33-jährige Fotograf stellt in der ganzen Welt seine Porträts von Künstlern und jungen Leuten aus, die sich in der Gesellschaft von Dakar bewegen.

Die Kehrseite des Ganzen ist die Armut: Ein Drittel der Einwohner Dakars lebt unterhalb der Armutsgrenze. Im ganzen Land sind es laut offiziellen Angaben 46,7 Prozent. Die wirtschaftlichen Aktivitäten des Landes konzentrieren sich zu 80 Prozent in einem riesigen Industriegebiet, das sich vom Hafen von Dakar (dem neuntgrößten Afrikas) entlang der Hann-Bay nach Osten bis zur Stadt Rufisque erstreckt. Ständig strömen Landflüchtige in die Hauptstadt, aber es kommen auch Einwanderer aus Guinea, Mali und Niger. Die Neuankömmlinge richten sich zunächst in Hütten aus Latten und zurechtgebogenen Blechen ein oder mieten Zimmer in den Vorstädten Pikine und Guédiawaye. In der Regenzeit Ende August werden diese beiden überbevölkerten Bezirke regelmäßig überschwemmt. Einwohner und öffentliche Angestellte pumpen dann langsam das stehende Wasser ab, das die Gefahr von Malaria und Cholera erhöht. Die Hann-Bay, die am stärksten verschmutzte Gegend im Senegal, wird seit 2009 im Rahmen eines Regierungsprogramms saniert.

Wie soll man diese rasende Urbanisierung in den Griff bekommen? Bei den vielen Entscheidungsebenen der nach französischem Vorbild organisierten Verwaltung fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Seit 1996 ist Dakar in 19 Arrondissements oder Stadtbezirke aufgeteilt. Verschiedene Stadtplanungsideen konkurrieren hier miteinander, dabei wäre schnelles Handeln notwendig: In zehn Jahren wird Dakar 5 Millionen Einwohner zählen. Khalifa Sall, der 2009 gewählte sozialistische Bürgermeister, kritisiert vor allem den „dritten Akt“ der 1990 begonnenen Dezentralisierung: Damals wurden weitere Zuständigkeiten, vor allem die für öffentliche Aufträge, den Arrondissements übertragen. Er sorgt sich, die von der Stadt angestoßenen Projekte könnten aus Geldmangel „jetzt auf Eis gelegt werden“, und bemängelt, dass Staat und Stadt nicht an einem Strang ziehen.

In den letzten Jahren wurden an der Corniche (Küstenstraße) Luxusimmobilien hochgezogen, die Strände dort privatisiert und die Sicht auf den Atlantik verbaut. Der Verein SOS Littoral (SOS Küste) hat das große Hotel Terrou-Bi verklagt, weil es sich den ehemaligen Kinderstrand unter den Nagel gerissen hat und jetzt Eintritt verlangt. Die Sängerin Aby N’Dour, eine der Schwestern des berühmten Youssou N’Dour, kann ihr geplantes Restaurant mitten auf dem Kreisverkehr in Fann-Résidence nicht bauen, denn es handelt sich um eine der letzten Grünflächen dieses Küstenviertels. Pierre Goudiaby, Vorsitzender von SOS Littoral und der Architektenkammer, rief den Bürgermeister von Fann zu Hilfe, als die Sängerin im August Bulldozer auffahren ließ, um den öffentlichen Platz zu planieren. Der vorige Amtsträger hatte ihr eine Genehmigung erteilt, die anschließend wieder kassiert wurde. „Es ist zum Verrücktwerden, aber sie hat alle nötigen Papiere und alle Vorschriften eingehalten! Wenn es etwas zu verdienen gibt, erteilen die Bürgermeister alle möglichen Genehmigungen und fällen Entscheidungen, deren Bedeutung sie gar nicht überschauen“, klagt Goudiaby, der selbst Chef des Baukonzerns Atepa („Baumeister“) ist und dem ehemaligen Präsidenten Wade nahesteht.

Viele fragen sich, woher das Geld stammt, mit dem all diese Bauten errichtet werden. In ihrem letzten Bericht erinnerte die Internationale Aktionsgruppe gegen Geldwäsche in Westafrika (Giaba) daran, dass der Kokainhandel zwischen Lateinamerika und Europa auch über Senegal läuft. Die Autoren des Berichts zeigten sich besorgt angesichts „des Immobilienbooms, vor allem in Dakar und in den Touristengebieten, der nicht der wirtschaftlichen Realität des Landes entspricht“.2 „Wir wollen kein Drogengeld!“, ruft Goudiaby, der für seine Großbauten in ganz Afrika bekannt ist.

Er plante das neue Große Theater, das mit chinesischen Mitteln neben dem Bahnhof – einem wunderbaren Kolonialbau – errichtet wurde. Außerdem entwarf er das Denkmal der afrikanischen Wiedergeburt, ein 52 Meter hohes, ästhetisch umstrittenes Denkmal im Stil des sozialistischen Realismus, das eine nordkoreanische Firma im Austausch gegen ein paar Hektar Land aufstellte. Der Architekt meint: „Zu Zeiten Senghors3 fand zweimal im Jahr ein landesweiter Stadtplanungsrat statt, wo alle zusammenkamen, vom Präsidenten bis zu den Feuerwehrleuten. Damals war die Sache klar. Senghor sagte: ‚Der Stadtplanungsminister bin ich.‘ Jetzt ist dieser Rat seit dreißig Jahren nicht mehr zusammengetreten. Das Ergebnis ist, dass jeder macht, was er will!“

Selbst das schicke Viertel Les Almadies, wo Prominente wie Goudiaby oder der Sänger Youssou N’Dour wohnen, bleibt vom Chaos nicht verschont. „Nehmen wir nur mal unseren Freund Mimran [ein französischer Zuckermilliardär]: Er musste zusehen, wie vor seinem Garten ein achtstöckiges Gebäude hochgezogen wurde, das hat einiges Durcheinander verursacht“, fährt der Architekt fort. Im Hinblick auf den Verkehr hat sich unter Präsident Wade zumindest etwas verbessert: Anlässlich des Gipfeltreffens der Organisation für islamische Zusammenarbeit (Organisation of Islamic Cooperation, OIC) im Jahr 2008 wurden Autobahnkreuze und Schnellstraßen gebaut. Aber nicht alles ist durchdacht: Der Tunnel, der unter der Corniche gegraben wurde, verhindert, dass Touristen in das Kunsthandwerkerdorf direkt gegenüber dem Fischmarkt von Soumbédioune kommen.

Wenn die Energie und der Unternehmergeist der Dakarer in die richtigen Bahnen geleitet würden, könnten sie einen großen Beitrag zur Verwaltung und Planung der Hauptstadt leisten. „Dakar besteht aus großen Dörfern“, betont der Architekt Bécaye Blondin Diop. „Mancherorts kann man das noch sehen, zum Beispiel in Yoff, Ngor und Soumbédioune. Die Stadtplanung muss diesen Dorfgeist berücksichtigen, aber auch die Bedürfnisse der Menschen. Man muss die gesamte Nordküste in diesem Sinne aufwerten, das sind über 100 Kilometer von Yoff bis M’Boro, aber eben nicht bloß mit Luxusprojekten.“

Fußnoten: 1 In: „Dakar Émoi“, Dakar (Éditions Clairafrique et Vives Voix) 2010. 2 Giaba Annual Report 2013, S. 53 f.: www.giaba.org/reports/annual/reports.html. Giaba ist eine Organisation der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas). 3 Léopold Sédar Senghor (1906 bis 2001) war der erste Präsident des unabhängigen Senegal. Der Dichter war Mitglied der Académie française. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Sabine Cessou ist Journalistin.

Kontinent der Städter

Bis 2040 werden die meisten Afrikaner in Städten wohnen. Prognosen zufolge wird die Zahl der Stadtbewohner von 400 Millionen im Jahr 2009 bis dahin auf eine Milliarde steigen. Der Anteil der Landbewohner wird laut des UN-Habitat Berichts „State Of African Cities 2014 – Re-imagining Sustainable Urban Transitions“ von 60 auf 40 Prozent sinken. 2025 werden Lagos (Nigeria) und Kinshasa (Demokratische Republik Kongo) mit 18 beziehungsweise 14 Millionen Einwohnern die elft- und zwölftgrößten Städte der Welt sein. Dakar belegt bislang Platz 15 in Afrika, seine Bevölkerung wird im nächsten Jahrzehnt um 130 000 Bürger pro Jahr wachsen und könnte ab 2025 5 Millionen zählen.

Die senegalesische Hauptstadt hat sich zu einer der zehn teuersten Städte Afrikas entwickelt. Die Mieten explodieren: In Neubauten zahlt man bis zu 1 500 Euro pro Quadratmeter. Ähnlich sieht es im Innenstadtbezirk Deux-Plateaux von Abidjan (Elfenbeinküste) aus, im Stadtzentrum von Nairobi (Kenia) liegt man mit 1 200 Euro noch darunter, in Lagos (Nigeria) mit 1 300 Euro ebenfalls. Die teuersten Städte sind Luanda (Angola) mit 1 700 Euro und Johannesburg (Südafrika) mit 1 850 Euro pro Quadratmeter.

Le Monde diplomatique vom 13.11.2014, von Sabine Cessou