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Dunkle Sonne

Im Erdzeitalter des Kapitals von Elmar Altvater

Seit dem Ende der bipolaren Welt verweisen Geowissenschaftler und Klimaforscher – anders als politische Ökonomen – nicht nur auf „Grenzen der Globalisierung“, sondern auf „planetary boundaries“.1 Grenzen werden definiert, um überwacht und geschützt zu werden. Dazu dienen der globalisierte Datenklau durch die NSA, aber auch „Dienste“ oder Killerdrohnen und andere Waffen für globale „Hightech-Kriege“.2 Dazu passt, dass Geopolitik – seit der „Volk ohne Raum“-Rhetorik der Nazis komplett desavouiert – längst wieder eine weltweit anerkannte Disziplin geworden ist.

Andererseits ist das Ende der Fahnenstange erreicht, auch wenn da oben noch stolz die Flagge von Kapitalismus, Wachstum, Wohlstand flattert. Beginnt jetzt also, nach der Globalisierungseuphorie, der Katzenjammer? Im Gegenteil: Das Spektakel des Wandelns an planetarischen Grenzen wird fasziniert genossen. Filmemacher produzieren Blockbuster wie „Avatar – Aufbruch nach Pandora“. Aber das Genre des Transhumanismus ist längst keine Kinofiktion mehr. Menschen haben nicht nur die Natur des Planeten Erde in eine Realdystopie verwandelt, sondern sich selbst in Avatare, in Hybride aus organischen und technischen Elementen.

Kommunikation zwischen Menschen wird zu Schnittstellenmanagement, weil immer ein Technokonstrukt – Mobiltelefon, PC oder Tablet – samt der „Cloud“ der ganz irdischen Supercomputer dazwischen geschaltet ist. Mit der Folge, dass die dabei ausgetauschten Daten von der NSA und anderen „Diensten“ abgefangen werden können. Deshalb sind die Dimensionen des planetarischen Datenklaus, den Edward Snowden aufgedeckt hat, erst im Kontext des neuen Erdzeitalters voll zu erfassen: als Teil der Bemühungen, das planetarische Energie-, Klima- oder Wirtschafts- und Informationssystem unter Kontrolle zu halten.

Der Homo sapiens in seiner ganzen Weisheit hat die biblische Botschaft, sich die Erde untertan zu machen, so wirkungsvoll in die Realität umgesetzt, dass inzwischen „das ganze Universum in unseren Händen ist“. So sagt es mit imperialer Überheblichkeit Ray Kurzweil, ehemals Chefingenieur bei Google und einer der Gurus der „technologischen Wahnideen des Silicon Valley“.3 In seinem Schmöker über die „Menschheit 2.0“ behauptet Kurzweil, diese Menschheit habe „eine neue Art von Evolution“ angestoßen, durch Technik. Dank „dieser Entwicklung konnte der beschleunigende Fortschritt weitergehen, der mit der biologischen Evolution begann?“4

Die Evolution hat die Menschen mithilfe der Technik aus dem Holozän in ein neues Erdzeitalter, in das Anthropozän, befördert. Als Menschheit 2.0 beherrscht sie heute alle entscheidenden Sphären der Erde nach Art eines komplexen Systems: Wir sind alle Geoingenieure, wenn wir den Globus mit Pipelines umwickeln, oder CO2 in die Atmosphäre blasen und das Klima kollabieren lassen, oder Braunkohle in der Lausitz, Teersand in Alberta und Eisenerz in Carajás wegbaggern und Mondlandschaften hinterlassen. Wir alle sind planetarische Zauberlehrlinge.

Begriffe wie „Erdsphären“ oder „planetarisches System“ sind nicht unstrittig. Geowissenschaftler unterscheiden die unbelebte Geosphäre (Atmosphäre, Hydrosphäre, Kryosphäre, Lithosphäre und Pedosphäre) und die belebte Biosphäre. Nach dieser Systematik bilden beide Sphären die ökologische Sphäre, die natürliche Umwelt des Menschen. Dieser hat sich eine Anthroposphäre geschaffen (und darin Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Kultur in all ihren historischen Varianten hervorgebracht), die aber in der gesamten Erdgeschichte nur einen verschwindend kurzen Zeitabschnitt ausfüllt. Ökosphäre und Anthroposphäre bestimmen zusammen die Entwicklung des Erdsystems. In der bisherigen Erdgeschichte, so die Schlussfolgerung, haben die Geschehnisse der Ökosphäre – Meteoriteneinschläge, Erdbeben, Sturmfluten, Sauriersterben – die Entwicklung der Erde und die Erdzeitalter bestimmt.

Das hat sich mit der sogenannten Moderne geändert. Seitdem wird die Erdgeschichte maßgeblich von den Geschehnissen in der Anthroposphäre beeinflusst. Das neue Erdzeitalter wird daher Anthropozän genannt.5 Die Menschheit 2.0 beherrscht in der kapitalistischen Moderne die Welt. Heißt dies, dass die Menschen die Erdsysteme komplett kontrollieren? Keineswegs. Denn zugleich haben sie mit ihrer – von Kurzweil und vielen anderen verklärten – Technik die globale Ökonomie, die Gesellschaften und die Politik und nicht zuletzt die Natur des Planeten, die Geo- und die Biosphäre in tiefe Krisen gestürzt.

Das Anthropozän hat nach gängiger Meinung am Ende der Warmzeit des Holozän begonnen. Ein genauer Zeitpunkt kann nicht angegeben werden, aber das neue „Menschenzeitalter“ muss zwischen der Geburt der europäischen Moderne im „langen 16. Jahrhundert“6 und der industriell-fossilen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts begonnen haben. In diesem relativ kurzen Zeitraum ist die Produktivität der Arbeit und mit ihr der „Wohlstand der Nationen“ sprunghaft gestiegen.

Das war das Resultat der Beschleunigung aller Prozesse: in der Produktion und Konsumtion, in der Kommunikation und Zirkulation, vor allem im Transportwesen. Dadurch wurden Zeit und Raum erheblich verdichtet. In kürzeren Zeitintervallen lassen sich mehr Produkte herstellen, können Dinge und Personen weiter transportiert und Informationen schneller ausgetauscht werden.

Dazu bedarf es einer Technik, die mit der „europäischen Rationalität der Weltbeherrschung“ (Max Weber) seit der Neuzeit zunächst imaginiert und dann praktisch entwickelt wurde. So hat etwa Leonardo da Vinci viele der Apparaturen zur Steigerung der Produktiv- und Destruktivkräfte (etwa seine Kriegsmaschinen) bereits gezeichnet, die erst später aus neuen Materialien hergestellt und mithilfe neuer und starker, nämlich fossiler Antriebskräfte in Bewegung gesetzt wurden.

Vor dieser Epoche wurden Wasserkraft und Windenergie wie auch das Holz der Wälder in großem Umfang als Energiequelle genutzt, neben der biotischen Energie von Tieren und Menschen. Wobei Letztere als Energieträger wie nichtmenschliche „Energiesklaven“ behandelt wurden, was womöglich erklärt, warum ihnen als Sklaven und Leibeigenen das „Recht, Rechte zu haben“ (Hannah Arendt) verweigert wurde.

Mit Verweis auf die präfossilen Energieträger sollte man deshalb die historische Bedeutung der industriell-fossilen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts relativieren und als Moment einer tiefen sozialökologischen Transformation auffassen, die im 15. Jahrhundert begonnen hat und sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Dieser grundlegende Wandel wurde, wie Jason Moore darlegt, durch „four cheaps“ begünstigt: billige Arbeitskraft, billige Nahrungsmittel, billige Energie sowie billige mineralische und agrarische Ressourcen.7

Die „four cheaps“ kamen in einer gesellschaftlichen Formation zusammen, deren handelnde Subjekte es verstanden, die billigen Inputs zu ihrem und der Gesellschaft Vorteil zu nutzen. Gemeint ist die sich in Europa herausbildende kapitalistische Gesellschaftsformation, die mit kolonialistischer und imperialistischer Gewalt in alle Welt exportiert wurde. Der ganze Planet wurde diesen Prinzipien unterworfen: gewaltsam und brutal durch Kriege, aber auch durch friedlichen Handel oder auf leisen Sohlen, über die Verbreitung von Wissenschaften, der eigenen Kultur und der eigenen Religion. So wurden Landschaften umgepflügt, Ressourcen geplündert, Ökosysteme mit bis dato nicht gekannter Radikalität verändert.

Der Mensch im Kapitalozän

Es sind nicht die Menschen schlechthin, sondern die Menschen in der kapitalistischen Produktionsweise, die derart grandiose Veränderungen aller Erdsysteme bewirkt haben. Zwar haben auch ihre Vorfahren in nicht- und vorkapitalistischen Gesellschaften große Veränderungen in Kultur und Agrikultur, in Politik und Wirtschaft zustande gebracht. Doch die räumliche und zeitliche Reichweite dieser Prozesse wurde erst unter kapitalistischen Verhältnissen so über alle menschlichen, gesellschaftlichen und natürlichen Maße ausgedehnt, dass auch Erdsysteme umgewälzt wurden.

Der moderne Kapitalismus ist mehr als eine Gesellschaftsformation, er ist eine erdsystemische Formation. Er vereinnahmt und verändert die menschliche Existenz. Er ist zum Kapitalozän geworden. Insbesondere seit der „Großen Beschleunigung“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der ökologische wie auch der ökonomische und soziale Fußabdruck des Menschen über alle Maßen angewachsen.

Spätere Erdbewohner werden die Spuren der heutigen Generationen in den Sedimentablagerungen der Erdkruste finden können, wie es der britische Geologe Zalasiewicz beschreibt: „Wenn irgendwann in der Zukunft Aliens auf die Erde kommen und sich durch die Sedimente graben, werden sie über unsere Zeit sagen: Hier geschah etwas, das die Erde radikal verändert hat.“8 Das hat Auswirkungen auf die politischen Artikulationsformen. Denn es sind nicht mehr nur die sozialen Gegensätze, sondern auch die sozialökologischen Implikationen der veränderten Erdsysteme, die Klassenkonflikte als globale Umweltkonflikte auslösen und Gesellschaften in Bewegung setzen und das Ausmaß der Einwirkung auf das Erdsystem bestimmen.

Was dies bedeutet, lässt sich mit einem Blick zurück in die Geschichte der Zivilisation erkennen. Es ergäbe keinen Sinn, den Übergang zur sesshaften Landwirtschaft im Zuge der neolithischen Revolution vor etwa 8 000 Jahren als Übergang zu einem Erdzeitalter namens Agrarozän zu bezeichnen. Das Neolithikum ist zwar, wie der rumänische Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Georgescu-Roegen ausführt, das Ergebnis der „ersten prometheischen Revolution“9 , in deren Verlauf sich die gesellschaftlichen Verhältnisse mit dem Energiesystem grundlegend verändert haben. Doch die systematische Nutzung der Sonnenenergie in der sesshaften Landwirtschaft ließ die Geologie des Planeten Erde weitgehend unberührt.

Ganz anders in der zweiten prometheischen Revolution Jahrtausende später. In der industriellen Revolution wurde die Erde umgewühlt, um fossile Energieträger zu erschließen und nach Rohstoffen für die industrielle Verarbeitung zu suchen. Die durch Produktion und Konsum verursachten Emissionen haben die Sphären des Planeten und insbesondere die Atmosphäre verändert.

In der industriellen Revolution wird also, anders als in der neolithischen, nicht nur die bestehende Gesellschaftsformation umgewälzt. Es verändern sich auch die Systeme der Geosphäre, und zwar über lange Zeiträume. Der heute eingelagerte Atommüll strahlt 100 000 Jahre. Welche Menschheit dann die Erde bevölkert, wissen wir nicht. Und dass es immer noch eine kapitalistische Gesellschaftsformation gibt, ist sehr unwahrscheinlich. Das jetzt anbrechende, vom Menschen zu verantwortende Erdzeitalter sollte – da es von der Gesellschaftsformation des Kapitalismus bestimmt ist – als Kapitalozän bezeichnet werden.

Der bereits zitierte Ray Kurzweil preist zwar die unaufhörliche Beschleunigung und den technischen Fortschritt im neuen Erdzeitalter, muss aber zugleich zugeben, dass wir gar nicht wissen, was jenseits des „Ereignishorizonts“ unserer rationalen Wahrnehmung vor sich geht. Folglich müssen wir die Warnungen doch ernst nehmen, die Menschheit habe bereits „planetary boundaries“ überschritten und sei dabei, „ihren“ Planeten ganz europäisch-rational zugrunde zu richten.

Bei vielen begrenzten Ressourcen ist der Höhepunkt der Förderung (Peak Oil, Peak everything) erreicht oder überschritten, wie der Club of Rome in einem Report (von Ugo Bardi) nachweist. Auch die Tragfähigkeit und Belastbarkeit der Sphären des Planeten mit den Emissionen unserer Produktionsweise sind begrenzt. Dies belegt der Club of Rome in einem (von Jørgen Randers verfassten) Gutachten. Die Endlichkeit des Planeten begreifen wir spätestens dann, wenn wir uns auf die Suche nach einem Endlager für den Atommüll machen. Wir finden nämlich keines.

Permanente Beschleunigung endet unweigerlich im Crash, sagt Paul Virilio.10 Ob wir schon an die Kipppunkte der Erdsysteme gelangt sind, erfahren wir erst, wenn wir den Ereignishorizont erreicht, also den „point of no return“ schon hinter uns haben. Hier zeigt sich ein nicht zu behebender Defekt der europäischen Rationalität des Denkens und Handelns. Sie ist nicht holistisch, auf das Ganze bezogen, sondern lediglich partiell: darauf ausgelegt, Mittel und Zweck ins Verhältnis zu setzen. Dabei wird alles ausgeblendet, was für die Zweck-Mittel-Relation unerheblich ist oder gar negative Folgen hätte.

Die europäische Rationalität ist eine Rationalität mit Scheuklappen, die immer nur sehr begrenzte Ausschnitte eines Gesamtzusammenhangs, den Jason Moore „web of life“ nennt, wahrnehmen kann. Die unüberschaubaren Interdependenzen innerhalb dieses Netzes bleiben in der Rationalität der kapitalistischen Moderne unberücksichtigt. Den Akteuren fehlt der holistische Überblick.

Die wechselseitigen Abhängigkeiten lassen sich weder planen noch beherrschen, während sich das Netz immer mehr ausweitet. Daher ist Rationalität zwar das alles Denken und Handeln bestimmende Prinzip der „europäischen Weltbeherrschung“ (Max Weber), aber nur in den aufgezeigten Grenzen. Deshalb kann es nicht vor Überraschungen – und Kränkungen11 – schützen: Pläne scheitern, in der Wirtschaft müssen Gewinnerwartungen korrigiert und Verluste hingenommen werden. Wenn dies keine Einzelfälle bleiben, bricht die Krise aus.

In der westlichen Moderne werden der Natur Ressourcen entnommen, ohne Rücksicht auf die Zusammenhänge, in denen einzelne Substanzen und Elemente vorkommen. Die Natur wird „in Wert gesetzt“, also in einen ökonomischen Kreislauf der Kapitalverwertung integriert. Dem Kapital externe Welten werden mehr und mehr „internalisiert“. Der Zivilisationsmüll wird in den Sphären des Planeten entsorgt, ohne jede Rücksicht auf andere Menschen, andere Lebewesen und organische wie anorganische Naturzusammenhänge, deren systemische Komplexität sich allerdings geltend macht, sobald „Kipppunkte“ des Systems erreicht sind, an denen sich die Qualität des Systems verändert.

Friedrich Engels hat das ganz realistisch gesehen: „Schmeicheln wir uns […] nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns […] so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, daß wir keineswegs die Natur beherrschen, […] sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können.“12

Der hier anklingende Optimismus ist uns im Kapitalozän abhanden gekommen. Offensichtlich haben wir die Gesetze der Natur nicht richtig angewendet. Die kapitalistische Überformung der Natur produziert einen grundsätzlichen Widerspruch: Indem wir die Natursphäre mehr und mehr internalisieren, sorgen wir zugleich dafür, dass sie als Raum der Externalisierung von Folgen, die sich aus dem rationalen Handeln im Rahmen des kapitalistischen Wirtschaftens ergeben, nicht mehr verfügbar ist. Damit sind die Grundlagen der europäischen Rationalität unterminiert.

Als im Zuge der neolithischen Revolution zunächst im Zweistromland, dann in vielen anderen Weltregionen die Jäger und Sammler zu sesshaften Bauern wurden, veränderten sie von Grund auf ihre Produktions- und Lebensweise. Städte entstanden, die Kultur blühte auf. In dieser Zeit sind auch die großen, bis heute lebendigen Religionen entstanden.

Diese wahrhaft revolutionären Jahrtausende fielen in das erdgeschichtliche Holozän. In dieser für die menschliche Entwicklung äußerst günstigen Warmzeit konnte auch der industriell-fossile Kapitalismus entstehen, der für die Epoche der Moderne prägend wird. Das gilt, wie gezeigt, auch für das Verhältnis zur planetarischen Natur, die geplündert und als externe Deponie für alle Exkremente des gesellschaftlichen Stoffwechsels genutzt wird.

Bei der „begrenzten Kugelfläche“ (Immanuel Kant) des Planeten Erde ist es aber unvermeidlich, dass die externe Natur zum Gegenstand gesellschaftlicher Gestaltung wird. Das begann in kleinem Maßstab bereits mit der Veredelung des Saatguts und der Domestizierung von Tieren, und setzte sich fort mit der Nutzung der kinetischen Energie von Fließgewässern oder dem Bau von Brücken. Doch erst die kapitalistische Dynamik führte zu Naturveränderungen, die das Potenzial haben, die „planetary boundaries“ zu überschreiten. Die gesellschaftliche Gestaltung des Naturverhältnisses erfordert deshalb Eingriffe in planetarischer Größenordnung.

Damit schlägt die Stunde des Geoengineering. Nun muss die westliche Zivilisation Reparaturkolonnen und Taskforces zusammenstellen und an allen möglichen Fronten einsetzen: im Kampf gegen den Klimawandel, den Verlust der Artenvielfalt, die Verunreinigung von Biotopen; gegen die Unwirtlichkeit der Städte, gegen die Auswirkungen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise oder auch zum systematischen Abfangen von Daten, mit deren Kontrolle das globale Herrschaftssystem stabilisiert werden soll.

Die Stunde des Geoengineering

Besonders irritierend an diesem übereifrigen Geoengineering ist die Erwartung, dass die ökonomisch rational und ökologisch irrational Handelnden nunmehr in der Lage sein sollen, die große Transformation einer globalen Zivilisation zu bewältigen, weil sich diese angeblich „ihrer Bedeutung als formende Kraft zunehmend bewusst wird“.13

An diesem Punkt erweist sich die politische Bedeutung der Unterscheidung von Anthropozän und Kapitalozän. Im Anthropozän sind „die Menschen“ in ihren mehr oder weniger entwickelten Gesellschaftsformationen die Dramatis Personae, die ihre Erdgeschichte seit der neolithischen Revolution gestaltet haben. Im Kapitalozän sind die wichtigsten Gestaltungskräfte große Konzerne, Medienmogule, global operierende Finanzinstitute und Geheimdienste, die reguliert, kontrolliert und gegebenenfalls neutralisiert werden müssen, um die negativen Wirkungen der völlig rationalen Externalisierung auf die Erdsysteme zu unterbinden. Das verlangt nach Politik, und zwar auf globaler Ebene, gegen die Bewegungsgesetze, die Sachzwänge des Kapitals.

Im Kapitalozän haben allerdings die Geoingenieure das Sagen, die versuchen, globale Probleme mit genau der Technik zu lösen, die die Probleme verursacht hat. Das muss skeptisch stimmen. „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“, gab schon Albert Einstein zu bedenken. Demnach stehen Geoingenieure vor einer praktisch unlösbaren Aufgabe. Sie müssen nicht ein Auto konstruieren oder einen Fluss aufstauen, sondern Erdsysteme, planetarische sozialökologische Beziehungen steuern, um alles, was so bequem externalisiert wurde, wieder holistisch zu internalisieren. Das aber widerspricht grundsätzlich der Rationalität in der kapitalistischen Moderne. Kurzum: Die Rationalisierung müsste holistisch werden – was ausgeschlossen ist, weil Geoengineering genau das bedeutet, was der Name sagt: eine ingenieurmäßige und keine ganzheitliche Herangehensweise.

Das zeigt sich am klarsten beim Thema Energie. Die meisten Probleme des Anthropozän – beziehungsweise Kapitalozän – sind entstanden, weil die Nutzenergie aus den „Bordmitteln“ der Erde gefördert und die Verbrennungsrückstände „an Bord“, nämlich in der Atmosphäre, gespeichert werden, wodurch sich die Strahlenbilanz der Erde (zwischen eintreffender und reflektierter Sonnenstrahlung) verändert hat. Die kapitalistische Modernisierung durch Externalisierung gerät zwangsläufig an einen Endpunkt, der durch die Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen und menschlichen Arbeitskräften sowie durch die Tragfähigkeit der Sphären der Erde definiert ist.

Diese harte Grenze lässt sich nach heutigem Wissensstand auch nicht durch Geoengineering aufweichen. Weder die Beeinflussung der Sonneneinstrahlung (Solar Radiation Management, SRM) noch die CO2-Abscheidung und -Speicherung (Carbondioxid capturing and storage, CCS) sind technisch machbar, geschweige denn politisch und ethisch verantwortbar.14

Geoingenieure sind zum holistischen Denken nicht qualifiziert. Zum Beispiel wollen sie die Folgen der ersten Externalisierung, das sind die Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre, mit einer zweiten Externalisierung bekämpfen, indem sie die Sonne verdunkeln, um die solare Wärmeeinstrahlung zu reduzieren. Damit treiben sie die Methode des fossilen Zeitalters, das Energiesystem der Sonne zu schließen und vorwiegend (heute zu etwa 80 Prozent) die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas zur Erzeugung von Arbeitsenergie zu nutzen, durch Verdunkelung der Sonne auf eine absurde Spitze.

Geoengineering ist keine Lösung der Probleme des Kapitalozän. Zumal ein weiteres Problem aus der Welt des globalen Kapitalismus hinzukommt: Bevor die physischen Grenzen erreicht sind, werden die „four cheaps“ zur Neige gehen, die für die kapitalistische Dynamik der vergangenen Jahrhunderte so entscheidend waren. Die Ressourcen werden teurer und die Kosten der Entsorgung der Emissionen steigen. Ökologische Ökonomen versprechen sich davon Impulse für ein „Wachstum der Grenzen des Wachstum“. Die Suche nach nichtkonventionellem Öl und Gas in fragilen Ökosystemen, in den polaren Meeren, in der Tiefsee, in tropischen Regenwäldern wird angespornt. Die Ressourcen für die Fortsetzung der verschwenderischen Arbeits- und Lebensweise stehen zur Verfügung.

Dafür sind jedoch gewaltige Investitionen notwendig, die rentabel scheinen, weil der Ölpreis infolge von Peak Oil und steigender Nachfrage langfristig nach oben tendiert. Genau dies aber ist im Kapitalozän gefährlich: Das zusätzliche Angebot unkonventionellen Öls drückt ja auf den Preis, so dass viele Investitionen unrentabel werden. Die Investmentblase platzt. Das würde noch vor der ökologischen Krise die nächste Finanzkrise auslösen – mit all ihren verheerenden Folgen.

Das „große Ja“ zum planetarischen Geoengineering ist keine Antwort auf die Grenzen der Erdsysteme. Der Kapitalismus bricht nicht zusammen; wer etwas anderes glaubt, ist von vorgestern, heißt es in postmoderner Flapsigkeit. Erdsysteme allerdings können kollabieren, freilich ohne zugleich den Kapitalismus als soziale Formation niederzureißen. Wir stehen vor der Paradoxie eines Kapitalozän mit einer kapitalistischen Gesellschaftsformation, die ihre – unverzichtbare – natürliche und soziale Grundlage aufgebraucht und untergraben hat, die nun mit Ingenieurskunst wiederhergestellt werden soll.

In dieser Situation wird die Erörterung von Alternativen zu einer unabweisbaren Notwendigkeit. Die Alternative zu dem einen „großen Ja“ all derer, die an der Produktionsweise nichts ändern wollen und Geoengineering als Rettung aus dem selbst verschuldeten Desaster propagieren, sind viele „kleine Jas“, sprich viele und kleine alternative Projekte.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Wenn ein Projekt klein genug ist, gerät es nicht in eine „Pfadabhängigkeit“, die für die Menschheit mindestens so gefährlich ist wie Drogenabhängigkeit für den einzelnen Menschen. Und man kann eine andere Richtung einschlagen, wenn sich der Pfad als zu holprig oder irreführend erweist. Man ist auch nicht „too big to fail“ und zieht nicht viele andere in einen selbst produzierten Schlamassel. Dezentral heißt: Man kann auf vielen Wegen nach Rom gelangen. Aber all die Gruppen, die sich auf den Weg machen, werden sich an gemeinsame Leitplanken halten, die sie davor schützen, die „planetary boundaries“ zu überschreiten. Und sie können in demokratischer Willensbildung beschließen, sich mit anderen Politikansätzen etwa zur Arbeitszeitverkürzung und zum garantierten Grundeinkommen zu verbinden.

Fußnoten: 1 Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf, „Grenzen der Globalisierung“, Münster (Westfälisches Dampfboot) 1996 (7. Aufl. 2007); Johan Rockström und andere, „Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity“, in: Ecology and Society, Heft 2, 2009: www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32/. 2 Vgl. Götz Neuneck, „Die neuen Hightech-Kriege? Von der Massen- zur Cyberarmee“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, August 2014. 3 Thomas Wagner in: Junge Welt, 28. Oktober 2014. 4 Ray Kurzweil, „Menschheit 2.0. Die Singularität naht“, Berlin (Lola Books) 2013, S. 505. 5 Der Begriff Anthropozän geht auf den Chemiker und Klimawissenschaftler Paul Crutzen zurück, siehe Christian Schwägerl, „Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Wie wir heute die Welt von morgen erschaffen“, München (Goldmann) 2010. 6 Das „lange 16. Jahrhundert“ (Braudel) reicht von den großen Entdeckungen seit Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur Entstehung des internationalen Systems am Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1648. 7 Jason W. Moore, „The Capitalocene. Part I: On the Nature & Origins of Our Ecological Crisis“, Manuskript, 2014. 8 Bei der Eröffnung des „Anthropozän-Projekts“ im Haus der Kulturen der Welt in Berlin, siehe Jörg Häntzschel in: Süddeutsche Zeitung, 14. Januar 2013. 9 Die prometheische Revolution zeichnet sich durch den Übergang zu einem effizienteren Energiesystem aus. Nicolas Georgescu-Roegen zufolge gab es in der Geschichte nur zwei solcher Revolutionen: die neolithische und die industrielle Revolution. Georgescu-Roegen gilt als Vater der bioökonomischen Theorie. Er war der erste Ökonom, der den Begriff der Entropie auf die Wirtschaftswissenschaften anwendete. Siehe dazu: „The Entropy Law and the Economic Process“, Cambridge, Massachusetts/London (Harvard University Press) 1971. 10 Paul Virilio, „Der eigentliche Unfall“, Wien (Passagen) 2009. 11 Siehe Reiner Klingholz, „Sklaven des Wachstums. Die Geschichte einer Befreiung“, Frankfurt/New York (Campus) 2014. 12 Friedrich Engels, „Dialektik der Natur“, in: Marx Engels Werke, Band 20, Berlin (Dietz Verlag) 1968, S. 453. 13 Christian Schwägerl, siehe Anmerkung 5. 14 Siehe den Bericht des Kiel Earth Institute: „Gezielte Eingriffe in das Klima? Eine Bestandsaufnahme der Debatte zu Climate Engineering“, im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (2011). Elmar Altvater ist Professor emeritus für Politikwissenschaft an der FU Berlin und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac. Zuletzt erschien von ihm „Marx neu entdecken. Das hellblaue Bändchen zur Einführung in die Kritik der Politischen Ökonomie“, Hamburg (VSA Verlag) 2012. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 13.11.2014,