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Kollaboration mit den NS-Besatzern

Über den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, den das nationalsozialistische Deutschland und seine Verbündeten im Osten führten, wissen wir heute sehr viel mehr als früher: aus neuen Archiven, Projekten zur Feldforschung und der Neubewertung bereits bekannter Quellen. Und einige „Tabus“ sind aufgehoben. Unter anderem kann nun auch die Rolle der Nationalisten, vor allem in den baltischen Staaten und in der Ukraine, vorurteilsfrei untersucht werden. Wobei allerdings das Thema „Kollaboration mit den Nazis“ bei der aktuellen Rehabilitierung der ukrainischen Nationalisten ausgeklammert bleibt.

Nach einer kurzen Phase der Unabhängigkeit zerfiel die Ukraine nach dem Ersten Weltkrieg in mehrere Gebiete: In der Zentral- und Ostukraine setzte sich die sowjetische Herrschaft durch, 1922 wurde die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik offiziell Teil der neu gegründeten Sowjetunion; Galizien und Wolhynien gingen an Polen, die Bukowina fiel an Rumänien und die Karpato-Ukraine (Zakarpatja) an die Tschechoslowakei. Als Widerstandsorganisation gegen die polnische Herrschaft in Ostgalizien bildete sich 1920 die Ukrainische Verteidigungsorganisation (UVO), aus der 1929 die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) hervorging. Deren Gründer Jewhen Konowalez hatte schon 1922 Kontakt mit Adolf Hitler aufgenommen. Chefideologe der OUN war Dmytro Donzow. Sein konservativ-elitär geprägter „integraler Nationalismus“ betonte den „europäischen“ Charakter der Ukraine – im Unterschied zum „asiatischen“ Charakter Russlands.

Unterstützung fand die OUN beim NS-Ideologen Alfred Rosenberg und ab 1933 auch bei der „Abwehr“, dem deutschen Militärgeheimdienst. Der aus dem Baltikum stammende Rosenberg versprach den baltischen, ukrainischen und georgischen Nationalisten und selbst den Muslimen im Kaukasus „Autonomie“. Mit diesem Plan sollte Russland isoliert und die Sowjetunion zerschlagen werden. Die Allianz zwischen Berlin und der OUN erwies sich allerdings wiederholt als problematisch. OUN-Gründer Konowalez fiel 1938 einem Attentat des sowjetischen Geheimdienstes zum Opfer, sein Nachfolger Andrej Melnyk stand unter dem Einfluss von Andrej Scheptizki, dem Metropoliten der griechisch-katholischen Kirche und „geistlichen Führer“ von Ostgalizien – das sich die UdSSR, gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, nach dem deutschen Angriff auf Polen einverleibte.

1940 kam es zu einer Spaltung der Bewegung. Der radikale Nationalist Stepan Bandera gründete die scharf antisemitische OUN-B („banderowzi“), aus deren Reihen sich die Freiwilligen schon 1940/41 für zwei ukrainische Wehrmachtsbataillone („Nachtigall“ und „Roland“) rekrutierten. Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, am 22. Juni 1941, beteiligte sich Banderas OUN-B an zahlreichen Pogromen in der Ukraine.

In Berlin verfolgte man zunächst die Absicht, die „jüdischen Bolschewisten“ in „spontanen“ Aktionen von örtlichen Nationalisten umbringen zu lassen. So erhielt das mehrtägige Pogrom in Lwow (Lemberg) Ende Juli 1941 den Codenamen „Petljura-Tage“ (nach einem ukrainischen Nationalisten). Angeblich handelte es sich dabei um eine „Vergeltung“ für die Hinrichtung von Gefangenen durch das sowjetische NKWD, das als von Juden gelenkt galt. Tatsächlich koordinierten die „SS-Einsatztruppen“ die Mordkommandos, auch unter der Mitwirkung von Wehrmachtsangehörigen.

Ab Juli/August 1941 galt eine neue Direktive aus Berlin: Statt sich auf Vergeltungsaktionen zu beschränken, sollte die jüdische Bevölkerung jetzt massenhaft umgebracht werden. Nach diesen Anweisungen handelten die Truppen des rumänischen Diktators Ion Antonescu in der Südukraine (etwa in Odessa). Einheiten des ungarischen Reichsverwesers Miklós Horthy deportierten die ruthenischen Juden nach Kamenetz-Podolsk, wo sie umgebracht wurden. Anfang 1942, sechs Monate nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion, waren in den eroberten Gebieten bereits 900 000 Juden umgebracht worden.1

Am 30. Juni 1941 hatte die OUN-B einen ukrainischen Staat ausgerufen und Jaroslaw Stetsko2 zum Regierungschef gemacht. „Ruhm der deutschen Armee und dem Führer Adolf Hitler!“ hieß es in einer seiner Erklärungen3 , aber in Berlin ließ man sich nicht zur Anerkennung des neuen Staates bewegen – Bandera und Stetsko wurden interniert. Damit waren die Träume der Nationalisten von der Unabhängigkeit geplatzt. Für die Besatzungsmacht waren die Ukrainer eben doch nur „Untermenschen“ wie alle Slawen.

Der „Generalplan Ost“ der nationalsozialistischen Führung rechnete mit dem Tod von 30 Millionen Sowjetbürgern, mindestens weitere 30 Millionen sollten nach Osten deportiert werden, um Raum für die Siedler der „nordischen Rassen“ zu schaffen und die „Modernisierung“ des neuen deutschen Lebensraums zu ermöglichen. Aber der Plan scheiterte, als die Rote Armee am 7. Dezember 1941 vor Moskau den deutschen Vormarsch stoppte. Dennoch kam es zu Massendeportationen in die Arbeitslager oder Vernichtungslager; im Frühjahr 1942 begannen die Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

Die OUN-M („melnikowzi“) von Andrej Melnyk arbeitete mit der Verwaltung und Polizei der Besatzungsmacht zusammen und unterstützte 1943 die Aufstellung der SS-Division „Galizien“. Das Hakenkreuz auf dem blau-gelben Banner der Truppe wurde später durch die galizischen Symbole Dreizack und Löwe ersetzt. Melnyk, inzwischen in Berlin, verfolgte weiterhin Pläne zur ukrainischen Unabhängigkeit. Im Februar 1944 saß er für kurze Zeit in Haft.

Dagegen wagte die OUN-B in Wolhynien den aktiven Aufstand. Ende 1942 setzte sich Roman Schuchewitsch, der frühere Befehlshaber des Bataillons „Nachtigall“ und des 201. Schutzmannschaft-Bataillons (einer Polizeitruppe) an die Spitze der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA). Die neue Bewegung kämpfte nun gegen die Deutschen, aber (bis 1947) auch gegen die Polen und vor allem (bis Anfang der 1950er-Jahre) gegen die Sowjetunion. Im Kampf gegen die Sowjets erhielt sie nach 1945 hin und wieder auch Unterstützung von westlichen Geheimdiensten.4

Ende 1943 hatte Schuchewitsch Befehle zur Liquidierung von Polen, Juden und Roma gegeben, aber im Februar 1944 wies er seine Truppen an, sich nicht mehr an der Ermordung von Juden zu beteiligen. „Die Ukraine den Ukrainern!“ und „Das Land den Bauern!“ lauteten die Parolen der UPA. Die Geschichte dieser Bewegung ist noch nicht geschrieben. Es bleibt offen, ob sie eher als Bauernrebellen, als patriotische Widerstandskämpfer oder als ein Haufen versprengter Faschisten zu bewerten ist.

Im September 1944 kamen Bandera und Stetsko frei. Man wollte sie – was sie am Ende ablehnten – für das von den Nationalsozialisten kontrollierte Ukrainische Nationalkomitee gewinnen, das unter Führung des früheren SS-Sturmbannführers General Pawlo Schandruk stand. Am 27. Januar 1945 vereinigte sich in der Slowakei unter Schandruks Führung die SS-Division „Galizien“, jetzt umbenannt zur Ersten Division der Ukrainischen Nationalarmee, mit den Hilfstruppen der Wehrmacht („Hiwis“) zur Ukrainischen Nationalarmee (UNA). Der Krieg war verloren. Anfang Mai 1945 nutzten die ukrainischen SS-Angehörigen Kontakte nach Großbritannien und in die USA, um vor den Sowjets zu flüchten.

Die Rote Armee schlug 1943–1944 an der ukrainischen Front die entscheidenden Schlachten, die Deutschlands Niederlage besiegelten. An diesem Befreiungskrieg haben auf sowjetischer Seite Millionen ukrainischer Soldaten und mindestens 200 000 Partisanen teilgenommen, die mit Hilfe der Westalliierten der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und dem Völkermord ein Ende setzten.

Fußnoten:

1 Nach Schätzungen wurden auf dem Gebiet der Sowjetunion 1,5 bis 2 Millionen Juden getötet, weiterhin 3,3 Millionen gefangene Rotarmisten und eine Million Partisanen und ihre angeblichen Komplizen in den ländlichen Gegenden. Bei der Belagerung Leningrads verhungerten 600 000 Menschen. Unzählige Zivilisten wurden verschleppt und starben in den Lagern der Nazis. Hinzu kommen die Gefallenen: In der Ukraine (1941 mit 42 Millionen Einwohnern) wird die Zahl der Kriegstoten auf 8 Millionen geschätzt. 2 Stetskos Ehefrau Slava tauchte 1986 als Präsidentin des Blocks anti-bolschewistischer Nationen wieder auf; 1992 führte sie den Kongress der Ukrainischen Nationalisten (KUN), und am Ende ihrer Karriere saß sie als Abgeordnete des Bündnisses „Unsere Ukraine“ im Parlament. 3 Siehe www.galiciadivision.com/lib/sirski/d2.html. 4 Nach Kriegsende führte die UPA in einigen westukrainischen Regionen ihren Guerillakampf fort. Attentate und Sabotageakte richteten sich gegen Vertreter und Institutionen (vor allem die Kolchosen) der Sowjetmacht. Erst 1950 brachte das NKWD die Lage unter Kontrolle. Es gab noch kleinere Gefechte, aber die Mehrzahl der UPA-Kämpfer waren getötet worden, hatten sich ergeben oder wurden deportiert.

Le Monde diplomatique vom 10.08.2007,