Jinbangs Arm

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Jinbangs Arm

Jinbangs Arm

Eine Erzählung von Yan Lianke

Yinzi war nur Bier holen gegangen. Als er zurückkam, war seine Welt zusammengestürzt, gerade so, als wären die Flaschen in seinen Händen geräuschlos explodiert.

Der Laden, eine weiße Baracke mit drei Regalen an der Uferstraße, verkaufte Zigaretten, Getränke, Bonbons, Kekse und deftige Häppchen, die man knabbert, um den Alkoholspiegel zu senken. Er beherbergte auch die Küche und die Schlafstellen der Familie des Besitzers. Jinbang, der Freund, der ihm die Arbeit verschafft hatte, behauptete, das Wasser, das klar und rein zu seinen Füßen floss, sei das Wasser, das alle Pekinger tranken, sogar die von der Staatsführung.

Mit seinen Flaschen in den Händen, am Ufer stehend, nahm er sich Zeit, die Hauptstadt flussabwärts zu bewundern. Das Glas des Wolkenkratzerwalds funkelte so gleißend, dass er an große Feuer dachte. Während er diese Glut betrachtete, geschah es plötzlich. Es war März, der Monat, in dem die Frühlingsbrise in den Weiden am Ufer rauscht. Die Sonne umhüllte Blätter von zartem, reinem Grün. Die Städter waren paarweise mit dem Auto hergekommen und saßen am Wasser. Besonders eine Schülerin fiel ihm auf, vielleicht siebzehn, achtzehn, die auf den Knien eines Endvierzigers saß und ihn mit Küssen bedeckte. Ja, das war der Frühling: Alle Welt sprach von Liebe und machte einander den Hof. Nach dem harten Winter erwachte die Stadt, verströmte ein sanftes Licht und den Wunsch nach einem Neuanfang.

Er verfolgte aus dem Augenwinkel das Geschmuse des Paares und bewunderte die Gebäude von Peking, als plötzlich unter seinen Füßen mit einem dumpfen Grollen die Erde bebte. Sofort drehte er den Kopf und stellte fest, dass das friedlich fließende Wasser leicht zu einer Seite schwappte, wie in einer Wasserschüssel, die man bewegt. Am Ufer hielten die Verliebten erschreckt in ihren Umarmungen inne. Sie beruhigten sich schnell und setzten ihre Liebkosungen fort, die Hände, die im Streicheln innegehalten hatten, machten da weiter, wo sie gerade lagen.

Die Welt war zu sich selbst zurückgekehrt.

Nichts hatte sich verändert.

Das feuchte Schmatzen der Küsse erinnerte ihn an eine Hand, die in einen Luftballon kneift. Irgendwie löste es einen Reiz aus, ein Kribbeln am ganzen Körper. Das Gefühl, dass dennoch ein Unglück geschehen war, durchfuhr ihn wie ein Windstoß, der durch einen Mauerspalt saust. Blitzschnell wandte er den Kopf, überwand mit dem Blick die hundert Meter bis zur Baustelle und stellte fest, dass sich über dem Gebäude, das sie gerade fertiggestellt hatten, Rauch und eine graugelbe Staubwolke erhoben. Einen Moment lang blieb die Wolke in der Luft stehen, dann löste sie sich auf, einen Moment lang war er verstört, dann fand er seine Ruhe wieder. Nichts Ernstes, wohl ein Steinhaufen, der umgefallen war.

Er hätte es sehen müssen, aber der Moment war vorbei.

Ohne Hast ging er durch das Weizenfeld und kroch durch ein Loch im Baustellenzaun. Nach ein paar Metern blieb er fassungslos stehen. Es war kein Steinhaufen. Es waren das Gerüst und die beiden obersten Etagen der Hauswand. Auf der Baustelle war kein Mensch mehr zu sehen, nur sehr viel frisches Blut, dessen lauer Geruch die Luft durchtränkte. Der Lastwagen mit den Verletzten fuhr gerade zum Südtor. Leute rannten ihm hinterher, andere stießen sie weg, sobald sie versuchten hinaufzuklettern, die einen fluchten auf die anderen.

Sie versuchten umsonst, lauter zu schreien als der Lastwagen, das Motorengeräusch ertränkte ihre Stimmen.

Yinzis Schädel dröhnte, ihm schoss das Blut in den Kopf. Er riss sich aus seinem reglosen Entsetzen und rannte, so schnell ihn die Beine trugen, zum Unfallort. Unter dem riesigen Haufen aus Schutt, Steinen und rotgefleckten Zementsäcken lag ein Arm. Man hatte ihn vergessen. Auf dem Boden zeichnete sich die purpurrote Hand ab, die kein Blut mehr versorgte. Aber in dem halb vergrabenen Handgelenk pulsierten die Adern noch. Und die Finger verkrampften sich langsam, aber kraftvoll, in einer Geste, die sich auf ihn zu richten schien. Als wollten sie ihm mit allerletzten Kräften ein Zeichen geben.

Vor Entsetzen, sie noch so lebendig und beweglich zu sehen, drohten seine Beine zu versagen, die Flaschen in seinen Händen fielen zu Boden. Sie zerbrachen, und das Bier rann in die Blutlache. Wie auf einem rosa Teppich entstanden Blüten aus scharlachrotem Schaum, die er gelähmt anstarrte. Erst als die Flüssigkeit seine Füße erreichte, begann sein Gehirn langsam wieder zu funktionieren, und er beschloss, zum Südtor zu rennen, um die Leute im Lastwagen zu informieren, dass sie einen Arm vergessen hatten. Aber das Fahrzeug war schon durchs Tor verschwunden, und er fand nur noch Stille und die große, weite Leere der Mittagszeit.

          II In der Nacht tat er kein Auge zu.

Unaufhörlich sah er den unter der eingestürzten Mauer vergessenen Arm und die Finger, die sich bewegten, als würden sie ihn rufen. Zu wem gehörten sie? Sie waren dort liegen geblieben, ihr Besitzer war jetzt ein einarmiger Krüppel. Wäre der Arm nur trotz der Panik, trotz des Grauens und des Durcheinanders rechtzeitig entdeckt worden! Aber nein. Niemand hatte ihn gesehen, niemandem war er aufgefallen. Der blutige Körperteil verfolgte ihn. Erst recht, weil ihm war, als hätte er am Mittelfinger einen Ring gesehen. Und weil ihm eingefallen war, dass Jinbang einen vergoldeten Kupferring trug. Am Abend hatte man sie informiert, dass die Verletzten nun im Krankenhaus lagen. Einer von ihnen war allerdings in einem schlimmen Zustand. Sein Blut hatte den Anhänger förmlich durchtränkt. Hatte die Trage rot gefärbt. Die Kacheln in der Notaufnahme überschwemmt.

Das Haus, das sie bauten, war für die Mitarbeiter einer Behörden bestimmt. Sie selber hausten in Baracken, schliefen dicht gedrängt auf Gemeinschaftsbetten. Jinbang gehörte zu den Verletzten, der Platz neben Yinzi war leer. Aus irgendeinem Grund kam der Nachbar auf der anderen Seite nicht näher, fast so, als würde er ihn meiden, drückte sich an die anderen und wandte ihm den Rücken zu. Auf einmal hätte er schlafen können wie auf freiem Feld. Aber es war unmöglich, der abgerissene und vergessene Arm, die Hand am Ende dieses Arms und der Ring an ihrem Finger verfolgten ihn. Jinbang, der sommers wie winters besonders schick sein wollte, trug diesen vergoldeten Ring. Nachdem der Lastwagen verschwunden war, hatte Yinzi eine alte Zeitung geholt, und als er den Arm damit zudeckte, meinte er, den Ring gesehen zu haben. Er brauchte Gewissheit, also stand er auf und ging mitten in der Nacht zur Baustelle, wo er ihn im Licht eines Feuerzeugs reglos unter seiner Papierdecke fand. Ja, der Kupferring war da, am Mittelfinger. Sein Herz erstarrte, vor Schreck hätte er sich beinahe in den Schutt gesetzt.

Jetzt war er sicher, der Arm gehörte Jinbang.

Und noch etwas war klar: Er würde nie mehr an Jinbangs Schulter hängen. Ein Wirbel eisiger Luft schoss aus der Erde und bohrte sich durch Yinzis Fußsohlen, stieg durch die Beine bis in den Oberkörper. Es war ein Tornado, der ihn packte, bis zum Hals, bis zum Scheitel, wo die Haut zu kribbeln begann.

Er hatte keine Angst, ihm war kalt.

Vor ihm lag vergessen Jinbangs Arm.

Nach einem Augenblick der Benommenheit ging er zurück und holte einen sauberen Zementsack aus Papier, wickelte den Arm ein, brachte ihn in ein kleines Wäldchen etwas abseits und bedeckte ihn sorgfältig mit Zweigen. Die ganze Zeit blieb die Baustelle so still wie ein Friedhof. Als er zurückkam, wusste er nicht mehr, wie er das vollbracht hatte. Er hatte keine Abscheu empfunden, hatte aber jede Geste mit abgewandtem Blick ausgeführt, das Ding am ausgestreckten Arm gehalten, ein bisschen so wie als Kind, wenn er im Spiel mit einem Eiszapfen die Straße überquerte. Als er wieder im Schlafsaal auf dem Gemeinschaftsbett lag, konnte er trotzdem nicht einschlafen, unmöglich zu vergessen, dass Jinbang fortan einarmig sein und mit einem leeren, für immer hängenden Ärmel herumlaufen würde.

Am Vortag, als der Arm sich noch bewegte, war Yinzi dem Lastwagen hinterhergerannt und hatte gerufen. Aber der war schon zu weit weg, die unter dem Tor versammelten Arbeiter hatten ihn angesehen wie einen Verrückten. Also hatte er gewartet, bis sie wortlos den Weg zur Kantine eingeschlagen hatten, und war dann zu diesem Mann hinübergegangen und hatte gesagt: „Da liegt ein Arm! Der muss ins Krankenhaus gebracht werden.“ Der Mann hatte ihn nur kurz angesehen: „Geh du mal lieber essen.“ Dann war nicht mehr die Rede davon gewesen, und jetzt, wo der Arm tot war, war alles sinnlos.

Aber er gehörte Jinbang. Die ganze Nacht hatte er in Yinzis Gedanken gelebt. Weil der Arm sich darin eingenistet hatte und ausbreitete, konnte er kein Auge zumachen. Am Morgen beim Aufstehen lag sein Kopf schwer wie ein Stein auf seinen Schultern. Der Mann rief sie zum Essen und kündigte an, dass sie danach die Arbeit wieder aufnehmen würden. Dann ging er raus. Eine Minute später war er zurück und zog Yinzi beiseite:

„Hast du diesen Arm weggenommen?“

Voller Hoffnung nickte er.

„Das ist gut, der Anblick soll die anderen nicht stören.“

Die Arbeiter aßen. Und gingen dann wieder auf die Baustelle, als hätten sie alles vergessen. Als wäre nichts passiert. Ließen das Blut unter ein paar Schaufeln Sand verschwinden, den sie dann um die Wette festtrampelten, während sie Zement ranschafften und das Gerüst wieder aufbauten. Die Winde quietschte wie Zähneknirschen in seinen Ohren, aber auch er griff nach der Schubkarre und brachte Steine vom Lager zur Baustelle. Fünf Säcke pro Fuhre, das machte fünf Zentner, die er ein paar hundert Meter weit schieben musste. Um die Stelle, wo der Sand das Blut bedeckte, machte er einen Bogen.

Die anderen hatten mit ihrem Hin-und-her-Gelaufe schon Abdrücke darin hinterlassen, manche richtig tief. Einem Handlanger war die Karre umgekippt, und als er den Inhalt einsammelte, erwischte seine Schaufel auch blutigen Sand, der im Betonmischer und schließlich in der Wand landete. Yinzi hätte ihn beinahe beschimpft, dann war er aber nur stehen geblieben und hatte zugesehen. Er hatte das Gefühl, was er auch sagte, es würde nicht passen.

Warum nur? Er wusste es nicht.

Zum Glück hatte er den Arm letzte Nacht im Wald versteckt. Eigentlich war es eher eine Schonung mit armdünnen Pappeln, die weiß und grün glänzten und einen angenehmen Frühlingsduft verströmten. Jedes Mal, wenn er daran vorbeiging, warf er einen Blick hinein. Das dicke Packpapier hatte die rosagraue Farbe menschlicher Haut angenommen. Ein paar Schubkarrenfuhren und noch ein paar, der Mittag kam heran, die Essenszeit. Da tauchte der Mann auf, der am Vortag mit ins Krankenhaus gefahren war, zog ihn beiseite und sagte ganz leise: „Jinbang ist tot. Er hatte zu viel Blut verloren.“

Yinzi stand reglos da, außerstande, seinen Blick von den belaubten Zweigen loszureißen. In seinem Kopf war alles weiß bis auf den schwärzlich-violetten Arm. Stumpf starrte er ins Leere, dann ging er in den Schlafraum. Dort hatte jemand – wer von denen, die vor ihm gewesen waren? – Jinbangs Gepäck geöffnet. Ein topmoderner Lederkoffer, mit ausländischen Schriftzeichen bedruckt. Sein schicker Anzug, den er gleich nach Feierabend anzog, um einen Schaufensterbummel zu machen oder seine Familie zu besuchen, war verschwunden, genauso die makellos glänzenden Schuhe. Ob sonst etwas fehlte, Geld vielleicht, wusste Yinzi nicht. Die alten Klamotten, Unterhosen und Socken hatte man auf die Matratze geworfen wie auf eine Müllhalde. Als ob nichts wäre, kamen die Leute rein, holten ihre Essschalen und gingen zur Kantine.

Er blieb vor dem Bett stehen. Die Mittagssonne schien ihm durch die Tür auf Kopf und Schultern und warf seinen Schatten genau auf die Stelle, wo Jinbang die Füße gehabt hatte, wenn er schlief. Erneut packte ihn das Entsetzen. Als alle hinausgegangen waren, drehte er den Kopf zur Kantine. Das Geklapper der Schalen machte Musik.

          III „Ich will ins Krankenhaus und ihn ein letztes Mal sehen.“

„Lasst mich die Nacht bei ihm im Leichenschauhaus verbringen!“

„Ich kann die Einäscherung nicht versäumen. Wir kommen aus demselben Dorf, er hat mich hergebracht. Wenn er mich vorgestern nicht Bier holen geschickt hätte, wäre vielleicht ich verschüttet worden und es hätte mir den Arm abgerissen!“

Aber alles ging ganz schnell, er begriff nicht, warum, so schnell wie die Autos auf der Autobahn neben der Baustelle. Nach drei Tagen war Jinbang eingeäschert und die Asche zu seiner Familie nach Henan geschickt. Dabei ist Yinzi am Tag der Einäscherung noch zu dem Mann gegangen: „Da ist noch der Arm“, hat er gesagt. Der Mann hat ihn merkwürdig angeschaut, aber Yinzi hat sich nicht abschrecken lassen: „Das ist wirklich sein Arm! Wenn man ihn verbrennt, soll er auch vollständig sein.“ Die Augen, die ihn anstarrten, wechselten den Ausdruck, er las darin Feindseligkeit, etwas, das ihm sagte, dass er ein Schwachkopf sei, unfähig, das Wohlwollen zu würdigen, mit dem man ihn behandelte. In diesem Moment, am Fuß des Gerüsts, während um ihn herum eine seltsame Stille herrschte, fasste er seinen Entschluss.

Es war keine leichte Entscheidung, so schwer, als müsste er sich an einen geheimen Schwur erfüllen. Er sagte nichts mehr, er arbeitete, er aß, und wenn er an dem Wäldchen vorbeiging, schaute er in eine andere Richtung. Nur wenn keiner in der Nähe war, wagte er einen flüchtigen Blick. Im Frühling verwandelt sich die Natur rasend schnell: Drei Tage zuvor hatte die Schonung nur aus weißem Holz bestanden mit ein paar dünnen, zerbrechlichen Zweigen in zartem Jadegrün, auf dem sich winzige gelbliche Knospen erhoben. Jetzt gab es sattes Grün an dicht belaubten Ästen und unzählige Weidenkätzchen von schimmernder Weichheit. Sogar die Äste, die er abgebrochen hatte, um den Arm darunter zu verstecken, begruben ihn nun unter ihren grünenden Trieben.

Auch in seinem Herzen herrschte Frühling. Sein Entschluss war gekeimt und blühte nun auf. Er grübelte nicht mehr über die Geschichte mit der eingestürzten Wand und dem vergessenen Arm. Als wäre nichts geschehen, transportierte er Steine, verwandte seine ganze Energie darauf, Sand aufzuhäufen, verausgabte sich am Fuß des Gerüsts. Um den Eindruck zu erwecken, nur ein einfaches und glückliches Vögelchen zu sein, pfiff er sogar manchmal vor sich hin. Der Mann bemerkte seinen Eifer und klopfte ihm manchmal im Vorbeigehen auf die Schulter. Nach der Arbeit fuhr er ihm manchmal freundlich übers Haar. Zwei Tage später suchte Yinzi ihn, tat so, als treffe er ihn zufällig und ging mit nichtssagendem Lächeln an ihm vorbei, dann machte er auf dem Absatz kehrt, als wäre ihm etwas eingefallen: „Ich würde mir gern im Ort einen Anzug kaufen, könnten Sie mir vielleicht Geld vorschießen?“

„Hundert Yuan, ist das in Ordnung?“

„Wenn Sie mir zweihundert geben könnten? Ich möchte mir etwas Anständiges kaufen, etwas Modernes.“

Mit dem Zaster in der Tasche machte er sich mitten in der Nacht davon. Als die anderen fest schliefen, schnappte er sich seinen Sack und rannte in das Wäldchen. Dort wickelte er den Arm zusammen mit einer Menge Erde und Laub in ein großes Stück Plastik und dann in mehrere Säcke, verschloss das Ganze so fest wie möglich und legte es ganz unten in seinen Sack. Dann warf er einen Blick nach links, einen Blick nach rechts und verschwand. Am Trinkwasserkanal entlang lief er bis in die Hauptstadt. Als er den Arm unter den bergenden Zweigen hervorholte, hatte er erst die Absicht, ihn zu untersuchen. Aber als er sich darüber beugte, hielt ihn der Geruch davon ab. Vielleicht war es der Arm, der schon verweste, oder das verfaulte Papier, das ihn umhüllte, vielleicht auch das trockene Wintergras, das sich mit der Feuchtigkeit der Frühlingsnächte vollsaugte. Was auch immer, der Gestank verpestete die reine Luft und nahm ihm den Atem. Er packte den Arm hastig ein.

          IV Zwei Tage später war sein ganzes Geld für Fahrkarten draufgegangen, aber er war zu Hause, im Osten von Henan. Aus Sorge, die Kontrolleure könnten entdecken, was er mit sich führte, hatte er nicht den Zug, sondern den Bus genommen und war dreimal umgestiegen.

Es war gerade Mittag, als er ins Dorf kam. Die Sonne leuchtete in goldenem Rot, und in ihrer Hitze kam es ihm vor, als köchelten Berge, Felder und Häuser auf kleinem Feuer. Henan liegt viel weiter südlich als Peking und der Frühling hatte schon mit Pauken und Trompeten Einzug gehalten. Nacheinander waren Ulmen, Aprikosen Schnurbäume und Pfirsiche aufgeblüht und überschwemmten die Straßen mit ihrem Duft. Kaum war er angekommen, hörte er Stimmengewirr. Irgendwo wurde gefeiert. Als er um eine Ecke bog, stieß er auf einen Platz mit vielleicht zwanzig Tischen, auf denen sich Brathähnchen, geschmorter Fisch, Alkohol und Zigaretten türmten. Ein fettiger Fleischgeruch und das ebenso durchdringende Aroma von Schnaps breiteten sich aus wie Zorn. Yinzi sah, dass Jinbangs Eltern die Gastgeber waren, und da er den Grund dieses Festschmauses ahnte, zögerte er einen Moment, bevor er sich unter die Gäste mischte.

Sobald man ihn erblickte, rief es von allen Seiten:

„Yinzi! Bist du zurück?“

„Jinbang ist tot, und du kommst zurück?“

„Stell deinen Sack ab und trink ein Glas! Wir haben ihn gerade begraben. Seine Familie will dem ganzen Dorf danken.“

Also war ihm die Asche zuvorgekommen und schon der Erde übergeben worden. Mit dem Gefühl, etwas verpasst zu haben, zu spät gekommen zu sein, zögerte er noch einen Moment. Dann drängte er sich durch die Menge, ignorierte Blicke und Worte und ging, ohne seinen Schultersack abzustellen, direkt zum Haus des Verstorbenen. Dank dem Geld, das Jinbang jeden Monat geschickt hatte, war sein Haus das erste im Dorf, das zwei Stockwerke besaß. Im Hof wuselten wegen des Festes alle eifrig herum. Als er sich geradezu aggressiv vor die Tür stellte, spürte er neben der Überraschung, die ihm entgegenschlug, eine gewisse Feindseligkeit. Die Verwandten spürten wohl, dass er etwas Unangenehmes brachte, und fanden, dass er einen anderen Zeitpunkt hätte wählen können. Die auf ihn gerichteten Blicke waren seltsam hart, die Augen jagten ihn davon. Er ging direkt in den Wohnraum. Im Gänsemarsch folgten ihm Jinbangs Eltern, Brüder und Schwägerinnen. Sie schlossen die Tür hinter sich und umringten ihn. Sie starrten ihn an, schielten nach dem alten Leinensack und fragten sich, was er ihnen zu sagen und was er ihnen aus Peking mitgebracht hatte.

„Ihr habt Jinbang begraben? Aber sein einer Arm wurde nicht mit eingeäschert.“

„Er hat mich damals nach Peking gebracht, das war das Mindeste, was ich tun konnte.“

„Natürlich, das könnte noch etwas kosten, aber auf die Ausgaben sollte man nicht schauen, sein Arm muss mit ihm begraben werden.“

Niemand hatte Lust, das Grab wieder zu öffnen. Eine so frische Grabstelle, das bringe Unglück. Ganz zu schweigen von dem Aufwand, den Sarg aufzubrechen, außerdem müssten sie dann noch einmal das ganze Dorf einladen, was für ein Aufwand. „Yinzi“, sagten sie zu ihm, „du siehst doch, dass das ganze Dorf versammelt ist und schlemmt. Das ist nicht der richtige Moment. Schaff den Arm und dein Gepäck irgendwohin, wir müssen uns erst vergewissern, ob es seiner ist, dann reden wir weiter. Stell dir vor, wir begraben ihn, und dann findet sich Jinbang in der anderen Welt mit drei Armen wieder? Glaubst du nicht, er wäre wütend?“

Trübsinnig verließ Yinzi das Haus, schwenkte seinen Schultersack wie einen Korb mit verfaultem Getreide, wenn man sich nicht entscheiden kann, ob man es wegwerfen oder noch essen soll. Plötzlich hatte er Hunger, er war erschöpft, wie gern hätte er sich an einen der großen Tische gesetzt, sich den Bauch vollgeschlagen und ausgeruht. Die Sonne, die langsam nach Westen zog, war so heiß, dass sie ihn förmlich erdrückte, der Schweiß rann in Strömen. Die anderen wandten sich wieder ihren Beschäftigungen zu, aßen, tranken und scherzten in kleinen Grüppchen. Die Rufe der Morra-Spieler1 tönten wie ein Gewitter. Kinder hüpften mit einer Schale oder einem Hühnerschenkel in der Hand zwischen den Tischen und den Beinen der Erwachsenen herum wie Vögel in einem Wald von Zwergbäumen.

Einen Augenblick lang blieb er inmitten des Durcheinanders auf dem Dorfplatz stehen. Dann beschloss er, den Arm selbst zu beerdigen. Er griff sich einen Spaten und schlug den Weg zum Friedhof hinter dem Dorf ein, der kaum ein halbes Li2 entfernt war. Das Grab entdeckte er sofort, ein gelber Erdhügel, bedeckt mit weißen, noch nicht verblühten Blumenkränzen. Ringsum Schuhabdrücke und niedergetretenes Gras, Raketenreste und Weihrauchasche. Über den Gräbern kreisten Raben. Weit und breit kein Mensch, nur weiter oben, am Berghang, hütete ein Schäfer weiße Wollknäuel, die wohl seine Schafe waren. Das Dorf, sein alkoholgeschwängerter Lärm und seine Spiele wurden ungewiss, wie irreal.

Nachdem er seinen Sack neben den frischen Erdhügel gestellt hatte, wandte er den Blick zum Himmel. Es war ein klarer Tag. In seinem Glanz war die Ähnlichkeit mit den in der Sonne funkelnden Fensterscheiben Pekings zu erkennen. Das kräftige Licht blendete ihn, es war gleißend, als wären unzählige Glastürme in der Luft aneinandergereiht. Ihn packte das Verlangen, den Sack zu öffnen und zu sehen, was aus dem Arm geworden war. Schon beim Einpacken hatte er schon geglaubt, die Verwesung zu riechen. Nun waren noch einmal zwei Tage vergangen, und die Temperatur war gestiegen, gut möglich, dass der Arm nach Aas stank, dass widerliche Ausdünstungen von Fäulnis in seine Nase beißen würden, oder dass gar der Kupferring vom zerfallenden Fleisch rutschen würde. Er überlegte, zauderte. Schließlich warf er den Spaten beiseite und griff nach dem Sack. Öffnete den Reißverschluss, holte die zuoberst liegenden Kleidungsstücke heraus, und tatsächlich überfiel ihn ein starker Geruch. Aber es roch nicht nach Verfall, Yinzi dachte eher an Gras und Sonne. Er holte den Arm aus seinen Hüllen. Zum ersten Mal würde er ihn genau betrachten, wie einen Schatz. Es war mitten am Tag, er kam nicht auf die Idee, Angst zu haben. Er passte nur auf, ihn nicht fallen zu lassen und sorgsam abzulegen. Nacheinander entfernte er die Schnüre und Hüllen, als er beim Plastik angelangt war, hielt er jedoch verblüfft inne.

In der Rolle hatte die Frühlingswärme eine kleine Pappel keimen lassen. Einen stöckchendünnen Trieb mit zarter, blassgrauer Rinde und ein paar leuchtend gelben Blättchen, von denen ein frischer Pflanzengeruch ausging. Der Arm war kein Arm mehr, sondern fruchtbarer, großzügiger Mutterboden.

Nach kurzem Nachdenken pflanzte er den Steckling vor das Grab.

Die Nacht brach an, der Mond ging auf, und das Dorf schlief. Auch bei Jinbang kehrte allmählich Ruhe ein. Als alles still war, kam einer der Verwandten zu Yinzi und bat ihn vor das Haus, er müsse mit ihm sprechen. Wollte er den Arm holen? Nein. Jinbangs Tod hatte der Familie viel Geld gebracht, doppelt so viel, wie sie verlangt hatten. Aber für jeden einzelnen ihrer vielköpfigen Sippe blieb nur ein kleiner Betrag. Da war ihm der Ring eingefallen, den Jinbang am Finger getragen hatte. Natürlich war es wahrscheinlich nur Kupfer oder Doublé. Auf jeden Fall, kurz und gut, wenn er den linken Arm mitgebracht habe, müsse er ihn zurückgeben, auch wenn er nicht aus Gold sei, ein Ring bleibe ein Ring.

Zwischen Yinzi auf der Schwelle und seinem Gegenüber floss murmelnd das Mondlicht. Der Mann starrte ihn an. Yinzi bestätigte ihm, dass der Ring da gewesen sei. Nun aber sei der Arm im Grab, sei verwest und Mutterboden für einen kleinen Baum.

Der Mann ging nach Hause. Yinzi schloss die Tür und legte sich schlafen.

Fußnoten: 1 Uraltes Spiel, bei dem zwei Spieler gleichzeitig einen bis fünf Finger ausstrecken und gleichzeitig eine geratene Zahl aller gezeigten Finger ausrufen. 2 250 Meter. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Yan Lianke ist Schriftsteller und lebt in Peking. Auf Deutsch sind von ihm erschienen: „Dem Volke dienen“, 2007, und „Der Traum meines Großvaters“, 2009, beide Berlin (Ullstein Verlag) sowie „Gedächtnisschwund. Die Kultur des kollektiven Vergessens als chinesische Führungsstrategie“, in: Lettre International, Nr. 100, Frühjahr 2013. Diese Erzählung schrieb der Autor für Le Monde diplomatique.

Le Monde diplomatique vom 08.01.2015, von Yan Lianke

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