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Kalter Krieg unter dem Packeis

Der Kampf um die Bodenschätze der Arktis hat begonnen. Obwohl durchaus zweifelhaft ist, wie viel förderbare Rohöl- und Gasvorkommen rund um den Nordpol zu finden sind, stecken die Anrainerstaaen bereits ihre Claims ab. Der Klimawandel lässt die Polkappen schmelzen und macht die Region zugänglicher von Dominique Kopp

Neun Stunden dauerte die Tauchfahrt, die am 2. August die beiden russischen Mini-U-Boote Mir 1 und Mir 2 unter dem arktischen Packeis durchführten. Dabei hissten sie am Nordpol, aber 4 261 Meter unter der Meeresoberfläche, eine russische Flagge aus unverwüstlichem Titan. Eine Weltpremiere. An Bord der Mir 1 verkündete Artur Tschilingarow, anerkannter Polarforscher und Vizepräsident der Duma: „Auf dem Meeresgrund liegt gelblicher Kies. Da unten ist kein einziges Lebewesen zu sehen.“ Und dann nach einer kleinen Pause: „Den Boden in einer solchen Tiefe zu berühren, das ist wie der erste Schritt auf dem Mond.“ Ein Satz, der aufhorchen lässt.

Während die Russen ihre Freude nicht verhehlen können, löst ihre Politik der vollendeten Tatsachen in anderen Ländern Verärgerung aus. Der kanadische Außenminister Peter MacKay kommentierte ironisch: „Wir sind nicht im 15. Jahrhundert. Man kann heute nicht einfach um die Welt reisen, eine Flagge hissen und sagen: ‚Wir erheben Anspruch auf dieses Gebiet.‘ “1 Tom Casey, der Sprecher des US-Außenministeriums, drückte sich noch unmissverständlicher aus: „Eine Flagge auf dem Meeresboden zu hissen, ist rechtlich ohne jede Bedeutung.“

Die Arktis ist ein von Land umgebenes Meer, also eine Art „Mittelmeer des Nordens“. Im Gegensatz zum geografische Pol hat der magnetische keine feste Position, weil sich die Magnetfelder der Erde ständig verschieben. Obwohl das Meer zu Eis erstarrt ist, kann man also nur schwer einen Punkt bestimmen, an dem man sich einfach festsetzen könnte.

Die russische Expedition, die vom Institut für Arktis- und Antarktisforschung (AARI) in St. Petersburg geleitet und im Rahmen des im März eröffneten Internationalen Polarjahrs durchgeführt wurde, verfolgte eine doppelte Mission: Zum einen ging es darum, die Veränderungen der Wassertemperatur und des Salzgehalts sowie die Strömungsgeschwindigkeit zu beobachten. Vor allem aber sollte der Beweis erbracht werden, dass der Meeresboden am Nordpol eine Fortsetzung des russischen Kontinentalschelfs darstellt.

Der in internationalen Gewässern gelegene Nordpol gehört allen. Und damit niemandem. So jedenfalls regelt es die UN-Seerechtskonvention, die allen Meeresgrund außerhalb staatlicher Hoheitsgebiete zum „gemeinsamen Erbe der Menschheit“ erklärt. Die 1982 beschlossene und 1994 in Kraft getretene Vereinbarung2 legt fest, dass die Hoheitsgewässer eines Küstenstaats eine Ausdehnung von maximal 12 Seemeilen (22,2 Kilometer) haben können. An diese küstennahe Hoheitszone schließt sich eine „Ausschließliche Wirtschaftszone“ (AWZ) an, in der die unterseeischen Bodenschätze ausgebeutet werden dürfen. Diese erstreckt sich bis 200 Seemeilen (360 Kilometer), gemessen von der Küstenlinie.

Die Wirtschaftszone kann allerdings ausgeweitet werden, wenn die äußere Grenze des geologischen Festlandsockels über die 200 Seemeilen hinausreicht. Sollte Russland also der Nachweis gelingen, dass der Lomonossow-Rücken – eine unterseeische, 2.000 Kilometer lange Gebirgskette, die sich bis zum Nordpol zieht und Sibirien mit der kanadischen Ellesmere-Insel und Grönland verbindet – geologisch zu Russland gehört, könnte es den Meeresboden unter dem Pol ausbeuten. Hier liegt, jenseits des Prestigewerts dieser wissenschaftlichen und technologischen Großtat, das eigentliche Ziel, das Moskau mit der Polarexpedition verfolgt.

Unter Berufung auf eine Studie des Forschungsinstituts United States Geological Survey (USGS) aus dem Jahre 2000 wird behauptet, dass etwa 25 Prozent der globalen Vorkommen an fossilen Brennstoffen im Gebiet des nördlichen Polarkreises lagern. Doch diese Schätzung ist mit Vorsicht zu genießen. Schon in der kaspischen Region hatte das USGS ein neues Kuwait vorhergesagt; heute geht man nur noch von einem Achtel der anfangs vermuteten Bodenschätze aus. Auch für die arktische Region gibt es inzwischen genauere geologische Studien. So kommen die Experten von Wood Mackenzie, einem britischen Beraterunternehmen für Energiefragen, zu dem Schluss, dass „vor den Nordpolarmeerküsten Amerikas und Grönlands nur ein Viertel der verschiedentlich prognostizierten Vorkommen vorhanden sind“.3

Dennoch vermuten die Anrainerstaaten hier ein Eldorado, das jeder von ihnen – Russland, die USA, Kanada, Norwegen, Dänemark, Finnland, Schweden und Island – beanspruchen könnte, sofern er nachweisen kann, dass es sich um die Verlängerung seines eigenen Kontinentalschelfs handelt.

Russland war lange Zeit der einzige Staat, der seine Rechte am Nordpol geltend zu machen suchte. Bereits im Dezember 2001 hatte Moskau einen ersten Antrag bei der Festlandsockel-Kommission der UNO gestellt. Diese verlangte zusätzliche Forschungsergebnisse, daher der Einsatz der Mir 1 und Mir 2. Die internationale Gemeinschaft zeigte bislang kein wirtschaftliches Interesse an der gewaltigen Eislandschaft. Aber die Gas- und Ölvorräte werden knapper, und auch die Erderwärmung spielt eine Rolle. So unterschiedlich die Erklärungen für dieses Phänomen auch sein mögen, in einem sind sich die Forscher einig: Das Eis der Arktis schmilzt, die Polregion wird also zugänglicher. Nach einer 2004 veröffentlichten Studie des Arctic Climate Impact Assessment (ACIA)4 sind in den letzten dreißig Jahren 988 000 Quadratkilometer Packeis abgetaut, eine Fläche von der doppelten Ausdehnung Frankreichs. Das Schmelzen des Packeises5 könnte die Vorkommen an Erdöl und Mineralien (Diamanten, Gold, Silber, Blei, Kupfer, Zink) zeitgemäß erschließbar machen. Ein gigantisches Potenzial schlummert in den Tiefen des Meeres.

Verlockend an diesen Schätzen ist nicht zuletzt die Tatsache, dass sie in einer geopolitisch viel stabileren Region lagern, als es der Nahe Osten ist. Die Arktis könnte es möglich machen, die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) zu umgehen, die Energiesicherheit der Anrainerstaaten zu garantieren und die steigende Nachfrage von Schwellenländern wie China und Indien zu bedienen. Das nun von Moskau beanspruchte Gebiet ist etwa 1,2 Millionen Quadratkilometer groß und bildet ein flaches Dreieck mit den Eckpunkten Murmansk, Tschuktschen-Halbinsel und Nordpol. In diesen Gewässern lagern angeblich mehr als 10 Milliarden Tonnen fossiler Brennstoffe – das entspricht dem gesamten Vorkommen im Persischen Golf.

Die USA, die 2015 voraussichtlich nur noch 30 Prozent ihres Bedarfs an Erdöl selbst produzieren werden – derzeit sind es noch 40 Prozent – sind ebenfalls dabei, Besitzansprüche auf einen 600 Seemeilen (965 Kilometer) langen Streifen vor der Küste Alaskas anzumelden. Noch steht ihnen dabei ein gewaltiger Eisberg im Weg: Sie sind der UN-Seerechtskonvention nicht beigetreten, was aber die Voraussetzung ist, um territoriale Ansprüche durchzusetzen. Deshalb dringt die Bush-Administration nun auf eine rasche Unterzeichnung und Ratifizierung.

Unterdessen hat eine US-Expedition Kurs auf den Nordpol genommen. Eine weitere amerikanisch-norwegische erkundet den Gakkel-Rücken, einen rund 1 800 Kilometer langen und bis zu 3 000 Meter hohen unterseeischen Gebirgszug, der zwischen Sibirien und Grönland liegt. Am 12. August schickte Dänemark ein Forscherteam auf den Weg, das den Nachweis erbringen soll, dass der Lomonossow-Rücken eine Verlängerung von Grönland darstellt. All diese Expeditionen finden ebenfalls im Rahmen des Polarjahres statt, das die wissenschaftliche Forschung fördern und die internationale Zusammenarbeit intensivieren soll. Das wissenschaftliche Interesse an diesen Fragen hat einen realen Hintergrund. Nicht zufällig wurden beim letzten G-8-Gipfel die Themen Klimawandel und Erschließung natürlicher Ressourcen in derselben Arbeitsgruppe behandelt.

Eine wichtige Rolle spielt im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung auch die erwartete Öffnung neuer Verkehrswege. Die freie Nordwestpassage entlang der kanadischen Küste würde die Schiffsroute zwischen Europa und Japan um 7 000 Kilometer und die zwischen der Ostküste der USA und China um 8 000 Kilometer verkürzen.

Um die Nordwestpassage gibt es jedoch bereits allerhand Streit.6 Die EU und vor allem die USA bestreiten die kanadischen Hoheitsrechte an diesem Seeweg. Washington betrachtet den Kanal, der sich zwischen den kanadischen Inseln hindurchschlängelt und den Atlantischen Ozean mit dem Pazifik verbindet, als frei befahrbare internationale Wasserstraße. Ottawa hingegen sieht ihn als Teil seiner Binnengewässer und beharrt auf seinen Hoheitsrechten, auch im Hinblick auf ökologische Probleme etwa bei Tankerunfällen.

Inzwischen bauen China, Japan und Korea, deren Küsten nicht unbedingt von Packeis bedroht sind, Schiffe mit verstärktem Bug, die für die Fahrt durchs Eismeer gewappnet sind. Der Frachtverkehr in der Arktis wird nach Prognosen von 3 Millionen Tonnen im Jahr 2005 bis 2015 auf 14 Millionen Tonnen ansteigen.7 Auch die Arctic Research Commission der USA8 geht davon aus, dass die Gewässer entlang der kanadischen Küste im Sommer 2050 praktisch eisfrei sein könnten, Pessimisten rechnen damit sogar schon ab 2030.

Ottawa wird angesichts dieser Prognosen gewiss nicht tatenlos am Ufer sitzen. 2006 stellte Premierminister Stephen Harper einen Arktis-Plan vor, der unter anderem vorsieht: die Beobachtung des Gebiets durch Drohnen großer Reichweite, den Ankauf von drei Super-Eisbrechern, den Bau eines Tiefseehafens in Nanisivik nahe der Einfahrt zu Nordwestpassage sowie die Errichtung einer Militärbasis in Resolute Bay auf der Insel Cornwallis, die ebenfalls an dem legendären Seeweg liegt. Inzwischen sind zwar die drei Eisbrecher wieder vom Radar verschwunden, aber Anfang Juli 2007 erging der Auftrag für den Bau von sechs bis acht geschützbestückten Patrouillenbooten.

Washington wiederum plant den Ankauf von drei neuen Eisbrechern. Und der Kongress erwägt eine Etaterhöhung für die Küstenwache um 17 Millionen Dollar. Die Russen sind schon gerüstet. Sie verfügen bereits über sechs Eisbrecher, die ganzjährig Patrouillen fahren können, während die USA nur einen und Kanada keinen einzigen solchen Eisbrecher besitzt.

Natürlich glaubt niemand in Russland, man könnte sich Hoheitsrechte sichern, indem man auf dem Grund der Arktis eine Flagge platziert. Und doch macht die Geste deutlich, dass Moskau in dem großen Drama des 21. Jahrhunderts, das von Rohstoffvorkommen, wissenschaftlicher Forschung und Seewegen handelt, eine Hauptrolle spielen wird. In all diesen Bereichen lockt der hohe Norden mit glorreichen Perspektiven, die jedoch womöglich einen hohen Preis fordern werden. Denn wenn für die ökonomische Erschließung der Arktis kein klarer, verbindlicher Rahmen abgesteckt wird, werden die Folgekosten am Ende alle belasten.

Die indigenen Völker in Russland, Kanada, den USA und Grönland spielen bei dem Wirbel, der um ihre Jagd- und Fischfanggebiete entbrannt ist, ohnehin nur die Zuschauerrolle. Sie sind im Arktischen Rat9 zwar als ständige Teilnehmer vertreten, haben aber nicht den Status von Mitgliedstaaten, weil sie keine Nation bilden. Seit 2006 hat Norwegen den Vorsitz inne. Seitdem sind Naturschutz, Ökologie und nachhaltige Entwicklung auf der Agenda nach oben gerückt. Norwegen bemüht sich, die Einnahmen aus der Ausbeutung von Rohstoffen mit den Indigenen zu teilen und deren Lebensformen zu erhalten. Ein ermutigender Anfang, aber reicht das aus?

Am Südpol dagegen ist alles anders. Die Antarktis hat einen international garantierten Rechtsstatus, der ihr umfassenden Schutz gewährt. Einzig die Forscher der verschiedenen Länder dürfen hier ihren Zwecken nachgehen. Der 1961 in Kraft getretene Antarktis-Vertrag gestattet lediglich wissenschaftliche Aktivitäten, jegliche Form militärischer oder nuklearer Präsenz ist untersagt. Die Frage der Ausbeutung von Bodenschätzen hatte man zunächst ausgespart, sie wurde dann jedoch 1998 im Protokoll von Madrid geregelt. Das macht die Gebiete südlich des 60. Breitengrads zum Naturschutzgebiet und verbietet jede Ausbeutung von Bodenschätzen bis 2041. Wobei dieses Verbot unbegrenzt verlängert und nur einstimmig, also von allen Unterzeichnern aufgehoben werden kann.

Die Antarktis als Vorbild

Eine vergleichbare Regelung existiert für den Nordpol nicht, obwohl es hier viel dringlicher wäre, weil der geopolitische Kontext ungleich brisanter ist. Die Beziehungen zwischen den USA und Russland sind seit der Ankündigung Washingtons, in Osteuropa einen Raketenschutzschild einrichten zu wollen, auf einem Tiefpunkt angelangt.10 Aber auch das Verhältnis zwischen Kanada und den USA ist nicht das beste, weil beide Staaten ihre Präsenz in der Region verstärken wollen. Die anderen Anrainerstaaten melden ebenfalls Hoheitsansprüche an, aber ihre Stimmen gehen im Chaos der ungeregelten Debatten unter.

Die EU steckt in einer Zwickmühle. Sie hat es schwer, die russischen Ansprüche offen zu verurteilen und kann auch das diskretere Norwegen kaum in die Schranken weisen. Diese beiden Länder sichern nämlich mehr als ein Drittel ihres Energiebedarfs. Zudem hat sich kürzlich der französische Energiemulti Total, als Partner des russischen Erdgasmonopolisten Gazprom, eine 25-prozentige Beteiligung an der Ausbeutung der Ölvorkommen von Schtokman in der Barentssee gesichert – wodurch sich US-Amerikaner und Norweger vor den Kopf gestoßen fühlten. Gazprom-Sprecher Sergej Kuprijanow sprach von einem gigantischen Vorkommen von 3 800 Milliarden Kubikmeter, „mehr als die Menge, die wir in den letzten dreißig Jahren zusammen nach Europa ausgeführt haben“.11 Obwohl die Gazprom-Vertreter manchmal so auftreten, als wären sie allein auf der Welt, bewirken die Rationalisierung der Erdölgewinnung und die damit verbundenen Rentabilitätserwägungen eine größere Öffnung und Bereitschaft zu internationaler Zusammenarbeit.

Eine derartige Zusammenarbeit wird in der Antarktis seit fast fünfzig Jahren mit Erfolg praktiziert. An ihr sollte sich die wissenschaftliche Nutzung und der Ressourcenabbau auch des Nordpols unbedingt orientieren. Denn es geht nicht nur um enorme Investitionen, sondern auch um deren langfristige Folgen für unseren ganzen Planeten.

Im Vorzimmer des Weltraums

Der geografische Südpol liegt nicht im Meer, sondern auf dem Festland der Antarktis unter dem ewigen Eis, direkt neben der US-Polarstation Amundsen-Scott. Schon 1959 haben die USA hier auf dem Punkt der Erdrotationsachse das Sternenbanner gehisst. Die Russen dagegen errichteten ihre Polarstation Wostok in 3 000 Metern Höhe, am Südpol der Unzugänglichkeit.12 Da blieb für Frankreich nur noch der Magnetpol – und der liegt in Küstennähe in Adélie-Land, wo 1955 die erste französische Polarstation errichtet wurde.

Die Polkappen sind nicht nur ein wichtiger Forschungsgegenstand für Klimaforscher und Glaziologen (Wissenschaftler, die sich mit Eis, Schnee, Gletschern, Permafrostböden und Schelfeis befassen), von großer Bedeutung sind sie auch für die Raumfahrt. Dank der in der Antarktis durchgeführten Proben war die US-Raumfahrtbehörde Nasa in der Lage, am 4. August dieses Jahres die Raumsonde Phoenix Mars Lander zum Mars zu schicken. Sie soll im Mai 2008 auf dem Roten Planeten landen, um unter dessen Polkappen nach Anzeichen für organisches Leben zu suchen. Auf Anfrage der Nasa beteiligt sich auch die europäische Raumfahrtbehörde ESA an dem Unternehmen – in diesen Gefilden sind sogar für die USA Alleingänge schwierig.

In den Polarregionen, insbesondere in der Antarktis, lassen sich die physiologischen und verhaltensmäßige Anpassungsschritte an extreme Umweltbedingungen vergleichsweise gut untersuchen. Nirgendwo sonst auf der Erde sind die Lebensbedingungen denen im All so ähnlich: dauerhafte, vollkommene Isolation, Dunkelheit, dünne und trockene Luft, extreme Kälte und räumliche Beengung.

Die italienisch-französische Polarstation Concordia eignet sich für derartige Versuche besonders gut. Sie liegt in 3 250 Metern Höhe, unweit des „Dome C“, der dritthöchsten Erhebung auf dem antarktischen Kontinent. In ihrer Anlage und Struktur kommt sie den auf dem Mond oder dem Mars geplanten Raumstationen schon ziemlich nahe. So gesehen ist die Antarktis eine Art Vorzimmer des Weltraums. Die am Südpol am stärksten präsenten Länder betreiben auch die größten Raumfahrtprogramme: USA, Russland, Europa und bald auch China, das den Bau einer Polarstation auf der höchsten und am schlechtesten zugänglichen Kuppe des Südpols, der Kuppe A in 4 093 Metern Höhe plant. Die Präsenz an den Polen eröffnet den Weg zu den Sternen. Der Unendlichkeit der Eismeere steht wie ein verstärktes Echo die Unendlichkeit des Weltraums gegenüber.

Aber auch im Weltraum geht es nicht nur um Grundlagenforschung oder um die Hoffnung, eines Tages auf die Spuren des Marsmenschen zu treffen. In den Schubladen der Raumfahrtbehörden liegen bereits Projekte, die Rohstoffvorkommen auf fernen Planeten im Auge haben. Zum Beispiel Helium 3, den möglichen Superbrennstoff der Zukunft, Uran auf dem Mars, Wasser auf dem Mond oder auch Gold von den Asteroiden. Heute ist die Ausbeutung der Ressourcen in der Arktis das große Thema, morgen wird ein noch viel größeres Thema die Ausbeutung des Weltraums sein.

Die internationale Raumfahrtmission ISS, die russisches, US-amerikanisches und europäisches Expertenwissen vereint, soll 2010 zu Ende gehen. Die Nasa hat angekündigt, 2020 eine erste bemannte Station auf dem Mond errichten zu wollen, bis 2024 soll eine permanente Mondstation existieren. Die Erforschung oder besser die Kolonisierung des Weltraums könnte sowohl von einer Raumstation als auch von einer Mondbasis aus beginnen. Die vorausgehende Testphase wird in jedem Fall in den Polarregionen absolviert.

Die Vereinten Nationen haben ihre Raumfahrtaktivitäten in dem 1967 in Kraft getretenen Weltraumvertrag festgelegt. Wie die Ozeane wird der extraterrestrische Raum als „Allgemeingut der Menschheit“ definiert, die Stationierung von Massenvernichtungswaffen ist verboten, alle territorialen Ansprüche sind nichtig. Die UN fördern die internationale Zusammenarbeit, wo es nur geht. Offen bleibt jedoch, ob die Länder, die als Erste im All ankommen, irgendwelche Ansprüche mit anderen teilen wollen.

Im Kampf um die Arktis zeichnet sich ab, was sich auf der wissenschaftlichen, der ökonomischen und der militärischen Ebene womöglich irgendwann im Weltraum abspielen wird. Die Antarktis und der Vertrag, der sie schützt, sind dagegen ein Hoffnungszeichen. Denn hier wird seit fünfzig Jahren eine bestimmte Form der Organisation und der Zusammenarbeit konkret ausgestaltet. Die Nordpolregion darf jedoch nicht dazu verdammt sein, die Zeche dafür zu zahlen, dass die Bodenschätze im äußersten Süden nicht ausgebeutet werden dürfen. Und die Welt darf sich nicht in dem ruhigen Gewissen zurücklehnen, dass sie ihren südlichsten Kontinent optimal geschützt hat.

Fußnoten:

1 Am 2. August auf dem privaten Fernsehsender Canadian Television (CTV). 2 Die Konvention trat im November 1994 in Kraft, nachdem sie von sechzig Staaten ratifiziert worden war. Einer der ersten war damals die Sowjetunion. Russland ist an die Konvention allerdings erst gebunden, seitdem das russische Parlament das neue Seerecht 1997 ratifiziert hat. 3 Zitiert nach Neue Zürcher Zeitung, 5. September 2007, S. 29. Die Studie kommt im Übrigen zu dem Ergebnis, dass ein Großteil der fossilen Ressourcen in der Arktik aus Erdgas besteht, das viel schwerer auf den Markt zu bringen ist als Rohöl. Zu weiteren Details siehe: www.woodmacresearch.com/cgi-bin/corp/portal/corp/corpPressDetail.jsp?oid=751298. 4 http://amap.no/acia. 5 Nach ersten Ergebnissen der internationalen Arctic Coring Expedition (Acex, unter Beteiligung von 16 europäischen Ländern, den USA und Japan) von 2004 herrschte in der Nordpolarregion vor 55 Millionen Jahren ein subtropisches Klima. 6 So streiten sich Kanada und Dänemark seit über dreißig Jahren um die (100 Meter breite) Hans-Insel am Eingang zur Nordwestpassage. Norwegen und Russland streiten sich über den Grenzverlauf in der Barentssee, und Moskau erkennt das amerikanisch-sowjetische Abkommen von 1990 über die Abgrenzung in der Beringstraße nicht an. 7 Siehe dazu Claude Comtois und Caroline Denis, „Le potentiel de trafic maritime dans l’Arctic canadien“, Université Loval, Montréal 2006. 8 www.arctic.gov/publications.htm. 9 Der Arktische Rat wurde 1996 in Ottawa ins Leben gerufen. Er ist der ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit sowie dem Umweltschutz verpflichtet. Er setzt sich zusammen aus Vertretern der fünf Arktis-Anrainerstaaten sowie Finnlands, Schwedens und einiger internationaler NGOs. 10 Olivier Zajec, „Amerika unter dem Schutz des Himmels. Die politische Theologie der Raketenabwehr“, Le Monde diplomatique, Juli 2007. 11 RIA Novosti, Moskau, 1. August 2007. 12 Der Südpol der Unzugänglichkeit ist der Punkt der Antarktis, der am weitesten von allen Küsten entfernt liegt. Er befindet sich bei 83° 50’ Süd, 65° 47’ Ost (bezogen auf die Eisfläche) und bei 77° 15’ Süd, 104° 39’ Ost (bezogen auf die Landmasse).

Aus dem Französischen von Barbara Kleiner

Dominique Kopp ist Journalist.

Le Monde diplomatique vom 14.09.2007,