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Mamor, Gold und Wasserspiele

Kasten: Nijasows Lieblingsauto

Kasten: Partner Türkei

Marmor, Gold und Wasserspiele

In Turkmenistan baut der französische Konzern Bouygues zahlreiche Prestigeobjekte für das Regime von David Garcia

Am 21. Dezember 2006 kannte das staatliche Fernsehen in Turkmenistan nur ein Thema: den Tod des Präsidenten Saparmurat Nijasow. „Wir stehen alle unter Schock“, erklärte ein Minister der Nachrichtenagentur AFP. Groß war die Betroffenheit auch bei Bouygues, einem französischen Mischkonzern, dessen Geschäfte von Bau über Mobilfunk bis Fernsehen reichen. Mit dem Ableben Nijasows verlor das Unternehmen, das seit 1994 in dem erdgasreichen zentralasiatischen Land aktiv ist, einen treuen Kunden. Der selbst ernannte „Turkmenbaschi“ (Vater der Turkmenen) regierte mit eiserner Hand – und gab das Geld mit vollen Händen aus. In der Hauptstadt Aschgabat ließ der größenwahnsinnige Potentat einen Prunkbau nach dem andern errichten: ein opulentes Opernhaus, prachtvolle Ministerien, eine Zentralbank in Form eines Goldbarrens, ein mit seinem Profil garniertes Pressezentrum und dergleichen mehr.

Bouygues nahm die Aufträge von Nijasow und dessen Nachfolger Berdymuchammedow gern entgegen und errichtete in den vergangenen 20 Jahren 64 Gebäude. Bausumme: 2,5 Milliarden Euro. Nach Angaben des französischen Außenministeriums bestritt die turkmenische Tochtergesellschaft die Hälfte des gesamten Auslandsgeschäfts von Bouygues in der Bausparte.

Charlie Senter, die Nummer zwei bei Bouygues in Turkmenistan, rief bei der Nachricht von Nijasows Tod sofort seinen Chef Aldo Carbonaro an. „Der Präsident hat vor seinem Tod noch Bouygues mit seiner Bestattung beauftragt. Wir müssen sofort einen Sarg für die Aufbahrung beschaffen mit zwei Deckeln, einem aus Glas und einem aus Holz.“ Der Wortlaut dieses Telefonats ist der unveröffentlichten Autobiografie Carbonaros1 zu entnehmen, in der er hautnah und mit allen Details die Komplizenschaft zwischen dem Konzern und dem Regime schildert.

Als einer der engsten Vertrauten des Verstorbenen übernahm Carbonaro selbst die Leitung der Operation Präsidentensarg. Nur ein geeignetes Exemplar ließ sich in Paris auftreiben. Es war so groß, dass es nicht in den Laderaum einer Linienmaschine passte. Schließlich musste die Cockpitrückwand eines Challenger-Flugzeugs der konzerneigenen Luftflotte entfernt werden, um das Ungetüm nach Aschgabat zu schaffen. Wehmütig schildert Carbonaro die feierliche letzte Reise seines Geschäftspartners und Freundes durch die ganze Hauptstadt bis in seine 15 Kilometer entfernte Geburtsstadt Kiptschak.

Der Turkmenbaschi ruht dort in einem Mausoleum, dessen gewaltige Kuppel mit einer speziellen Glasmasse und Blattgold überzogen ist – eine Sonderanfertigung von Bouygues. Zwei reglose Wachsoldaten stehen am Eingang des Grabmals. Wie vor den meisten staatlichen Gebäuden ist das Fotografieren strengstens verboten. In der Gruft hebt sich der schwarze Marmor von fünf Sarkophagen vom strahlenden Weiß des Marmors an Boden und Wänden ab. Saparmurat Nijasow liegt im mittleren, die anderen sind leer: Die Leichname seiner Mutter und zwei seiner Brüder, die beim Erdbeben von 1948 ums Leben kamen, wurden nie gefunden, auch der des Vaters nicht, der als Soldat der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg fiel.

Die kitschigste Moschee von Zentralasien

Marmor bedeckt auch die Fassade der Moschee gleich nebenan, der größten in Zentralasien, wie sich Bouygues brüstet. Es ist wohl auch die kitschigste: Marmor, Gold und riesige Wasserspiele, die Nijasow’sche Trias. „Der fertige Komplex nimmt sich äußerst elegant aus mit seinen gewaltigen Brunnen und seinen sprudelnden Wasserwänden entlang der Wege“, lobt sich Baumeister Carbonaro. Das Land, das zu 80 Prozent aus Wüste besteht, leidet unter chronischem Wassermangel.

Turkmenistan fehlt es nicht nur an Wasser. Zwei Jahrzehnte Unterdrückung und Personenkult haben jegliches kritisches Denken ausgelöscht. Das zentrale Instrument der Indoktrination ist die vom Turkmenbaschi höchstpersönlich verfasste Ruhnama, das „Buch der Seele“. Dieser 1993 veröffentlichte Wälzer voller antiaufklärerischer Absurditäten verkündet Lebensregeln und eine spezielle Version der turkmenischen Geschichte und Kultur. Der Inhalt ist Prüfungsthema von der Grundschule bis zur Universität. Die Turkmenen erfuhren daraus, dass sie das Rad und die Schrift erfunden haben. Und dass „der Bart aus dem Gehirn sprießt. Je länger der Bart ist, desto kleiner ist das Gehirn. Und je kleiner das Gehirn, desto dümmer der Mensch.“2

Bouygues hatte keine Hemmungen, die Moschee von Kiptschak mit Zitaten aus der Ruhnama auszuschmücken. Der Konzern trieb seinen Eifer sogar so weit, den zweiten Band der Ruhnama ins Französische übersetzen zu lassen. Zu seiner Entlastung sei angefügt, dass Bouygues nicht das einzige Unternehmen war, das gern in die Tasche griff, um Nijasows Launen zu befriedigen. DaimlerChrysler besorgte die Übersetzung der Ruhnama ins Deutsche (siehe Text links). Ungarische, irische und italienische Multis trugen ebenfalls dazu bei, das Nijasow’sche Gedankengut in die Welt zu tragen, wie der finnische Journalist Arto Halonen 2007 in seinem Dokumentarfilm „Ruhnama – Im Schatten des Heiligen Buches“ zeigte. Auch in der Schweiz interessiert sich ein Großunternehmen, das einem hochrangigen Politiker gehört, zunehmend für die Goldgrube Turkmenistan.3

Die Nacht bricht an in Kiptschak. In der Moschee, die 10 000 Gläubigen Raum bietet, betet ein einzelner Mann, an eine Säule gelehnt, den Blick auf den Mihrab in Richtung Mekka gerichtet. Dann ruft der Muezzin von einem der vier 91 Meter hohen Minarette zum Gebet. Zwei Gläubige hasten noch über den Mittelgang. Die größte Kultstätte Zentralasiens, die 129 Millionen Euro gekostet hat, ist von seltenen Ausnahmen abgesehen das ganze Jahr über so gut wie leer.

Das Land ist extrem dünn besiedelt – zehn Menschen pro Quadratkilometer bei einer Bevölkerung von fünf Millionen – und üppig mit Bodenschätzen gesegnet. Seit fünf Jahren wächst die Wirtschaft um durchschnittlich 10 Prozent, vor allem dank der Erdgasexporte. Turkmenistan verfügt über die viertgrößten Vorkommen der Erde – ein Reichtum, der nur einer kleinen Minderheit zugutekommt. Nach Russland hat Turkmenistan das zweitgrößte soziale Gefälle unter den ehemaligen Sowjetrepubliken. 40 Prozent der Bürger im erwerbsfähigen Alter sind arbeitslos, aber sie profitieren wenigstens davon, dass Gas, Strom, Benzin, Wasser und Salz praktisch gratis sind.

Der Beginn der innigen Beziehung zwischen Bouygues und Nijasow lässt sich exakt datieren: Am 27. Mai 1993 machte der turkmenische Staatschef während eines Privatbesuchs in Frankreich einen Abstecher nach Saint-Quentin-en-Yvelines bei Versailles. Hier befindet sich der Hauptsitz der Bouygues-Bausparte, ein schlossartiges Anwesen namens „Challenger“ in einem 30 Hektar großen Park. Der Besucher aus dem weit entfernten und wenig bekannten Land wurde empfangen wie einst ein Gesandter am Hofe Ludwigs XIV. und zwischen Wasserbecken und Skulpturen spazieren geführt.

Challenger erinnere „unweigerlich an die Herrschaft eines Königs, der das Leben seiner Untertanen in allen Einzelheiten ungehindert regelt“, schreiben die Biografen des Firmengründers Francis Bouygues, Vater des jetzigen Konzernchefs.4 Diese Pracht verfehlte ihre Wirkung auf Nijasow nicht, der seinerseits das tägliche Leben der Turkmenen bis ins kleinste und absurdeste Detail zu regeln trachtete. „Eine bloße Bemerkung des Präsidenten, auch wenn sie gar nicht im Rahmen einer formellen Direktive gefallen ist, erhält sofort Gesetzesrang“, schreibt der Politikwissenschaftler Jean-Baptiste Jeangène Vilmer. „Als er im Februar 2004 Männer kritisierte, die sich das Haar oder den Bart wachsen lassen, ließen sich alle die Haare schneiden und rasierten sich.“5

In der Anfangszeit zog Bouygues alle Register. Der Konzern besitzt einen gewaltigen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten: Er ist größter Anteilseigner des größten französischen Fernsehsenders TF1. Deshalb vertraute der Turkmenbaschi dem neuen Geschäftspartner die Modernisierung des staatlichen turkmenischen Fernsehens an. „Die Bildqualität war erbärmlich, die Studios verfallen, dicke Kabel hingen überall herum. Die TF1-Techniker haben die Sendeleitung übernommen, und wir haben ihnen jede Menge Kultur- und Unterhaltungssendungen überlassen, dazu ein paar französische Filme“, erzählt ein damaliger Bouygues-Verantwortlicher, der gern über Technik redet und von den turkmenischen Programmen lieber schweigt. Da sieht man etwa Präsident Berdymuchammedow, wie er Anweisungen gibt, während seine Minister sich schweigend Notizen machen. Diese Art von Sendung wird auf allen fünf staatlich kontrollierten Kanälen endlos wiederholt, allerdings fast ohne Zuschauer. Die Turkmenen verfolgen lieber eines der 500 Programme, die sie per Satellit empfangen können.

Mehr Einfluss als auf die Gestaltung des Fernsehprogramms hat Bouygues auf die Gestalt der turkmenischen Hauptstadt. Aschgabat liegt im Süden Turkmenistans in einer Oase zwischen der Wüste Karakum und dem Gebirge Kopet-Dag an der Grenze zu Iran. Das Machtzentrum wurde in Gänze von dem französischen Unternehmen geplant, angefangen beim monumentalen Präsidentenpalast. Typisch sind die vergoldeten Kuppeln in Kombination mit riesigen weißen Kolonnaden, ein Stilmix aus europäischer Neoklassik und islamisch-orientalischer Architektur. Direkt gegenüber liegen die luxuriösen Ministerien für Justiz und Verteidigung. Die ganze Gegend ist streng bewacht, einschließlich des Springbrunnens und der Bänke vor dem prächtigen Ruhyet-Kulturpalast. Die Bitarap-Straße ein Stück weiter ist weitgehend verlassen, mit Ausnahme der Uniformierten, genauso wie die anderen Hauptverkehrsadern der Stadt mit ihren großzügigen Bürgersteigen. Nur selten verirrt sich ein Zivilist in dieses Niemandsland, das seit 1991 als Kulisse für den präsidentiellen Personenkult dient. Die einzige Veränderung gab es 2006, als zu den goldglänzenden Statuen Nijasows die überlebensgroßen Abbilder Berdymuchammedows kamen.

„Es gibt mehr Polizisten hier als normale Leute“, spottet ein ungewöhnlich mutiger Passant. Ein französischer Geschäftsmann, der die turkmenische Hauptstadt gut kennt, sieht das ähnlich: „Aschgabat ist eine Geisterstadt, wie ein Modell im Maßstab eins zu eins.“ Die Bagger haben Vorfahrt, die Bürger sind rechtlos. Von einem Tag auf den anderen wurde ein russisches Stadtviertel plattgewalzt, um für eine von Berdymuchammedow angeordnete Erweiterung des Präsidentenpalasts Platz zu schaffen. „Die Behörden haben die Einwohner gerade einmal drei Tage vor dem Abriss informiert“, erzählt ein Zeuge. „Bei einer Familie, die sich weigerte, zu gehen, haben sie alles in Umzugskartons geworfen und dabei das ganze Geschirr zerbrochen, der Mutter haben sie Handschellen angelegt.“ Immerhin wurde auf die energische Intervention einiger Nachbarinnen hin die Mutter wieder freigelassen. Als das Gebiet dann komplett geräumt war, rückte Bouygues mit seinen Kränen an.

In der Archabil-Straße im Süden der Stadt stellen die Bouygues-Bautrupps ein neues Kongresszentrum fertig. Auf dieser Ringstraße, die, so weit das Auge reicht, von unzähligen Baustellen gesäumt ist, sieht man außer den Arbeitern keine Spur menschlichen Lebens. Ein Bouygues-Mitarbeiter hat einmal US-Diplomaten anvertraut, dass „im neuen Kommunikationsministerium mit einer Bürofläche von 15 000 Quadratmetern insgesamt 170 Menschen arbeiten werden“.6 Das wären dann im Schnitt recht komfortable 88 Quadratmeter für jeden Beamten.

Pierre Lebovics, der von 2010 bis 2014 französischer Botschafter in Turkmenistan war, stellt den Autoritarismus des Regimes in einen historischen Kontext. Er stört sich deshalb weder am Bauwahn des Präsidenten noch an dem wesentlichen Propagandabeitrag, den Bouygues mit seinen Protzbauten leistet: „Dass ein neuer Staatschef eines Landes, das auf gerade einmal 23 Jahre Geschichte zurückblicken kann, das Gesicht der Hauptstadt prägen will, erscheint mir keineswegs illegitim. Was haben die französischen Könige und auch die Präsidenten unserer Republik anderes gemacht?“

Die turkmenischen Staatschefs sind pingelige Bauherren, die ihre Projekte höchstpersönlich überwachen und nicht zögern, ihre französischen Partner bei etwaigen Verspätungen vor laufender Kamera zu rügen. „Nijasow musste ja sehr direkten Umgang mit den französischen Bauleitern pflegen, da er sich um alles selbst gekümmert hat, bis ins letzte Detail. Er hat alles mit den Chefs von Bouygues Turkmen und sogar mit Martin Bouygues besprochen“, erzählt Christian Lechervy, der bis 2010 französischer Botschafter in Turkmenistan und bis Juli 2014 Asienberater von Präsident Hollande war. Konzernchef Martin Bouygues besucht Turkmenistan mindestens einmal im Jahr, zum Unabhängigkeitstag am 27. Oktober. Das ist dann die Gelegenheit, seine Beziehung zum Präsidenten zu pflegen und Aufträge an Land zu ziehen. „Zu Nijasows Zeit wurde Martin immer wie ein Staatschef empfangen, mit allem, was das Protokoll gebietet“, berichtet Exmanager Carbonaro.

Der gewaltsame Tod einer Journalistin

Als symbolischer Höhepunkt dieser machtvollen Beziehung kann der 27. Oktober 2001 gelten. Alle Botschafter in Aschgabat waren im Anschluss an die Unterzeichnung dreier Verträge zu einem Bankett geladen. Zum Leidwesen sämtlicher Botschafter und ganz besonders der US-Botschafterin war der Ehrengast niemand anderes als Martin Bouygues. Wie brave Soldaten taten die Mitarbeiter des Firmenchefs alles, was ihnen befohlen wurde, ohne mit der Wimper zu zucken – auch als Nijasow Carbonaro zwang, vor der erheiterten Ministerschar einen Liter Wodka in sich hineinzuschütten.

Als Prunkstück der guten Zusammenarbeit zwischen Bouygues und den turkmenischen Diktatoren kann der Bau des turkmenischen Pressezentrums gelten. Dessen mit dem vergoldeten Profil Nijasows geschmückte Fassade in Form eines geöffneten Buchs erinnert an das Ruhnama – und damit an die nicht vorhandene Pressefreiheit. Dass nur wenige Wochen vor der Einweihung die Journalistin Ogulsapar Muradowa gefoltert wurde und im Gefängnis starb, interessierte Martin Bouygues nicht. Im Gegensatz zum damaligen französischen Botschafter, der seine Missbilligung dadurch ausdrückte, dass er der Zeremonie fernblieb, nahm der Konzernchef an der Seite des Turkmenbaschi an den üblichen Lustbarkeiten teil.

Zwei Monate später starb Nijasow, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen auf die Auftragslage des Konzerns gehabt hätte. Die Prestigebauten den Franzosen, die Infrastrukturbauten den Türken, die Krankenhausausstattungen den Deutschen und die Kraftwerke den Amerikanern – so teilte Berdymuchammedow die Aufträge auf.

Eines Morgens zitierte der Schwager des neuen Präsidenten, ein gewisser Muchammedow Ischanguliew, Carbonaro zu sich. Als Chef des Präsidialamts hatte er einen Auftrag von höchster Wichtigkeit für den Leiter von Bouygues Turkmen: die Beschaffung einer Jacht. Die beiden Männer nahmen also ein Flugzeug nach Cannes, und nach einigen Irrungen und Wirrungen trieben sie tatsächlich das gewünschte Exemplar auf. Der dankbare Präsident erklärte Carbonaro, wie in solchen Fällen verfahren wird: „Immer wenn Ischanguliew Sie um etwas bittet, was außerhalb Ihres Geschäftsbereichs liegt, machen Sie es trotzdem. Sie brauchen keine Angst zu haben, Sie werden auf jeden Fall dafür bezahlt.“ Und zwar hundertfach, hätte er hinzufügen können.

Zusätzlich zur Erweiterung des Präsidentenpalasts bestellte Berdymuchammedow bei Bouygues noch das extravagante Hotel Oguzkent für rund 270 Millionen Euro. Diese beiden Bauten sind die größten Aufträge, die der Baukonzern in Turkmenistan je realisiert hat – und auch die lukrativsten. Die von der Präsidialverwaltung selbst betriebenen Hotels stehen fast immer zu drei Viertel leer; und sie zeugen von der extremen Ungleichheit in Turkmenistan. „Es gibt keine Umverteilung des Reichtums. Er bleibt in den Händen der Regierungsmitglieder und ihrer Günstlinge“, schreibt Vilmer in seinem Buch. Peter Zalmayev, Leiter der New Yorker NGO Eurasia Democracy Initiative, ergänzt: „Das Regime ist in seinem Wesen seit der Unabhängigkeit unverändert. Berdymuchammedow ist nur einfach jünger als Nijasow. Von kleinen Details abgesehen, übt er seine Macht genauso aus wie der Turkmenbaschi.“

Berdymuchammedow wurde – wie sein Vorgänger – im Februar 2010 von Präsident Sarkozy in Paris empfangen und speiste anschließend in Neuilly-sur-Seine mit Martin Bouygues. Mit am Tisch saßen der inzwischen verstorbene Vorstandsvorsitzende des französischen Ölkonzerns Total, Christophe Margerie, und der Chef des Strom- und Transportunternehmens Alstom.

30 Kilometer westlich von Kiptschak erstreckt sich die Steppe endlos in der brütenden Hitze. Baumwollfelder in Reih und Glied umgeben die Gemeinde Gökdepe, wo Bouygues Mitte der 1990er Jahre seine erste Moschee in Turkmenistan errichtete. Es ist ein historischer Ort: Hier lieferten sich die Turkmenen 1881 die letzte Schlacht mit den russischen Invasoren. Heute leben die Einwohner von der Textilindustrie. Im Zentrum der Kleinstadt prangt das Porträt des omnipräsenten Berdymuchammedow, aber keine Menschenseele ist zu sehen. Auch die sonnendurchflutete, nach allen vier Seiten offene Moschee ist leer. Der Ort gehört den Tauben, die die zentrale Kuppel besetzt haben. Unerschütterlich preist unser Fremdenführer die Ausschmückung der Moschee „im turkmenischen Stil“. Dabei tut er so, als habe er unsere Frage nicht verstanden: Ob es sinnvoll war, 10 Millionen Dollar an einen internationalen Konzern zu bezahlen für eine Kultstätte, die niemand benutzt. Auch der russische Fahrer will sich dazu nicht äußern. In Turkmenistan kann man für die geringste Kritik am Regime im Gefängnis landen.

Die Brutalität der Gefängniswärter ist bekannt, und das unheimliche Ovadan-Depe-Gefängnis 30 Kilometer nordwestlich von Aschgabat kann auch den Unerschrockensten den Mut rauben. Politische Gefangene sitzen dort in strenger Isolationshaft. Sie werden geprügelt und mit Hunden misshandelt und sind Temperaturen ausgesetzt, die zwischen 50 Grad im Sommer und minus 20 Grad im Winter schwanken.

Lange hat sich in Turkmenistan nichts geändert, auch nicht für Bouygues. Doch inzwischen drängt mit Vinci ein weiterer französischer Bauriese auf den turkmenischen Markt und konkurriert um Aufträge. Ist das womöglich der Anfang vom Ende für Bouygues in Turkmenistan? Ein früherer Manager winkt ab. „Was auch geschieht, die in Aschgabat errichteten Bauwerke werden für Bouygues immer ein Aushängeschild sein. Ohne Turkmenistan hätten wir vielleicht nie zwei Drittel aller Pariser Luxushotels renovieren können.“

Fußnoten: 1 Aldo Carbonaro, „Le Béton d’Allah“. Zitiert mit Erlaubnis des Verfassers. 2 Zitiert in Jean-Baptiste Jeangène Vilmer, „Turkménistan“, Paris (CNRS Éditions) 2010. 3 www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Der-heisse-Draht-nach-Turkmenistan/story/29163957. 4 Elisabeth Campagnac und Vincent Nouzille, „Citizen Bouygues. L’histoire secrète d’un grand patron“, Paris (Belfond) 1988. 5 Siehe Anmerkung 2. 6 Wikileaks, zitiert in Le Monde, 14. Dezember 2010. Aus dem Französischen von Nicola Liebert David Garcia ist Journalist und Autor von „Le Pays où Bouygues est roi“, Paris (Danger public) 2006.

Nijasows Lieblingsauto

Zentralasien ist reich an Despoten. Unter den Kollegen aus Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien und Tadschikistan gilt der verstorbene turkmenische Diktator Nijasow als die mit Abstand bizarrste Figur. Für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Wüstenstaat und Deutschland war das nicht ohne Bedeutung: Der Turkmenbaschi ließ sein Vermögen von der Deutschen Bank verwalten und hatte eine ausgesprochene Schwäche für Autos der Marke Mercedes.

Diese Liebe begann 1996 mit der Eröffnung einer Mercedes-Werkstatt in Aschgabat und endete erst mit Nijasows Ableben. In den Jahren dazwischen lieferte DaimlerChrysler dem Diktator zahlreiche hochklassige Fahrzeuge, darunter ein Mercedes CL Coupé, das eigens für ihn gebaut wurde.

Der Konzern war der Vorreiter – längst sind auch andere deutsche Unternehmen im Geschäft, vor allem aus der Energiebranche. Turkmenistan, so ist es auf der Website der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing zu lesen, besticht durch seinen Reichtum an Erdgas. Das Land verfügt über die weltweit viertgrößten förderfähigen Gasvorräte. Bereits 2009 schloss die RWE AG mit der turkmenischen Regierung eine langfristige Vereinbarung zur Erforschung des turkmenischen Teils des Kaspischen Meers.

Mannesmann, Claas, MAN, Bosch, Bentek, Siemens, Unionmatex, ThyssenKrupp, Airbus, Cifal, Knauf, Goetzpartners, Inhar, Textina, die Bauer Comp Holding und Lemken liefern Maschinen, Anlagen und sonstige Ausrüstungen für die verarbeitende Industrie und die Öl- und Gaswirtschaft, außerdem Baumaschinen, EDV-Technik, elektrische und optische Geräte sowie Fahrzeuge und Kfz-Teile.

Die deutschen Lieferungen nach Turkmenistan beliefen sich laut Statistischem Bundesamt 2013 auf 399 Millionen Euro. In den ersten zehn Monaten 2014 gingen die Ausfuhren allerdings im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent auf 231 Millionen Euro zurück.

Katja Tichomirowa

Was wann geschah

1881 Das russische Zarenreich unterwirft in der Schlacht von Gökdepe die seit dem 6. Jahrhundert in der zentralasiatischen Wüste lebenden turksprachigen Stämme, die zuvor lange von den Mongolen beherrscht waren. Die turkmenischen Gebiete werden der russischen Provinz Turkestan einverleibt.

1924 Die Sozialistische Sowjetrepublik Turkmenistan wird ausgerufen. Die turkmenischen Nomaden werden gewaltsam sesshaft gemacht.

27. 10. 1991 Turkmenistan erklärt sich für unabhängig und wird zum souveränen Staat. Staatschef ist der ehemalige Erste Sekretär der Kommunistischen Partei des Landes, Saparmurat Nijasow, der wenige Monate zuvor am Putschversuch gegen Präsident Gorbatschow teilgenommen hatte.

1992 Nijasow wird mit 99,5 Prozent der abgegebenen Stimmen zum Präsidenten der Republik gewählt. Die Kommunistische Partei benennt sich in Demokratische Partei um, eine weitere ist nicht zugelassen.

1999 Nijasow lässt sich zum Präsidenten auf Lebenszeit wählen.

25. 11. 2002 Es kommt zum Putschversuch gegen Nijasow. Der ehemalige Außenminister Boris Schichmoradow wird als Anstifter festgenommen und vier Tage später zu lebenslanger Haft verurteilt.

21. 12. 2006 Tod Nijasows.

2007 Der stellvertretende Ministerpräsident und Gesundheitsminister Gurbanguly Berdymuchammedow wird Präsident.

Partner Türkei

Turkmenistan unterhält enge Beziehungen in die türkischsprachige Welt. Etwa 3 000 türkische Geschäftsleute halten sich gewöhnlich in Aschgabat auf. Nur China liefert noch mehr Waren und Dienstleistungen nach Turkmenistan als die Türkei. Als Präsident Gurbanguly Berdymuchammedow zu seinem 56. Geburtstag im Juni 2013 in Awasa am Kaspischen Meer den ersten Jachtclub einweihte, zeichnete der große türkische Konzern Polimeks verantwortlich, der zwei Drittel der turkmenischen Baubranche beherrscht. Auch andere türkische Unternehmen, wie etwa Renaissance Construction, erzielen hier beachtliche Umsätze. Das in Westeuropa weitgehend unbekannte Unternehmen Polimeks hat die zwei größten Aufträge an Land gezogen, die Turkmenistan zu vergeben hatte: den neuen Flughafen in Aschgabat mit einem Volumen von 2,4 Milliarden Euro und die Sportanlagen für die Asienspiele von 2017 für 5 Milliarden Euro. Erol Tabanca, der Vorstandschef des türkischen Multis, tut noch mehr als Martin Bouygues, um seinen hochrangigen Auftraggeber bei Laune zu halten. „Unterwürfig“ nennt ein französischer Unternehmer das Verhalten Tabancas. „Das geht weit über das normale Verhältnis zwischen Dienstleister und Kunden hinaus: Er ist dem Präsidenten wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes zu Diensten.“ D. G.

Le Monde diplomatique vom 12.03.2015,