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Nie wieder Müll

In der Kreislaufwirtschaft bleibt nichts übrig von Annette Jensen

Der Natur gelingt es, aus demselben Material immer Neues hervorzubringen. Müll kennt sie nicht. Was das eine Wesen ausscheidet, ist Nahrung für andere – eine vielfach vernetzte Kreislaufwirtschaft. Zwar sterben laufend Arten aus, doch tendenziell wächst die Vielfalt. Somit wirtschaftet die Natur nicht statisch im Kreis, sondern in Spiralen, die zunehmend komplexer werden: ein qualitatives Wachstum. Bei alldem bleiben Grundstoffe wie Wasser unverändert rein.

Die menschliche Ökonomie hingegen ist weitgehend linear strukturiert. Immer rasanter wachsende Mengen an Rohstoffen werden ausgegraben, kurzfristig genutzt und anschließend „entsorgt“ – wobei häufig ein giftiges Stoffgemisch entsteht, das weder für den Menschen noch für andere Lebewesen brauchbar ist, sondern oft krank macht oder sogar tötet. Ganze Ökosysteme werden abgebaggert, planiert, vergiftet, oder sie verschwinden lautlos, weil die natürlichen Kreisläufe und Vernetzungen zu stark durchlöchert wurden. Die Menschheit hat Wasser als wichtigsten Grundstoff allen Lebens hochgradig und dauerhaft verschmutzt.

Politiker, Manager und Ingenieure versuchen, die offensichtlichsten Folgen dieser Wirtschaftsweise durch neue Techniken zu beseitigen oder in andere Weltgegenden zu verlagern. Nachdem sie zu Anfang auf höhere Schornsteine und Wasserfilter gesetzt hatten, rückte mit der Zeit mehr und mehr der gesamte Lebenszyklus von Produkten in den Blick. Inzwischen ist selbst auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Idee einer „Kreislaufwirtschaft“ angekommen.

Der Begriff findet in Hörsälen, Ministerien und auf Wirtschaftskongressen immer öfter Verwendung. Im Fokus stehen dabei bisher jedoch stets nur Teilaspekte. Ging es zunächst darum, wachsender Müllberge Herr zu werden, so bestimmt gegenwärtig die Sorge um den Rohstoffnachschub die Diskussion. Was hingegen nicht auf der Agenda von Politikern und Wirtschaftsbossen auftaucht, ist die Ursache der gegenwärtigen Materialschlachten: Hergestellt wird immer schneller immer mehr und angeblich Neues, weil die Preise auf Massenmärkten tendenziell sinken.

Wer im Kapitalismus außerhalb von Nischen überleben will, muss die Verkaufsmengen permanent steigern. Folglich werden auch die Firmen immer größer: Der taiwanesische Elektronikriese Foxconn beispielsweise produziert inzwischen etwa 40 Prozent aller weltweit gehandelten PCs, Laptops und Smartphones. Solche Hersteller haben gar kein Interesse daran, langlebige, reparaturfreundliche Geräte aus wiederverwendbaren Materialien auf den Markt zu bringen – das könnte ja ihren Absatz schmälern.1

Folglich verkleben sie häufig Gehäuse und Schrauben, verzichten auf öffentlich zugängliche Dokumentationen und liefern Ersatzteile nicht einzeln, sondern bestenfalls als größeres Bauteil. Grundlegendes Element einer echten Kreislaufwirtschaft wäre hingegen ein modularer Aufbau von Produkten, ihre einfache Demontierbarkeit und der Einsatz von Materialien, die sich gut recyceln lassen.

Die Wirtschaft der Natur geht darüber allerdings noch weit hinaus. In vielfältigen Kaskaden gegenseitiger Abhängigkeiten haben Flora und Fauna seit Millionen Jahren in einem dauerhaften Wandel stabile Strukturen aufgebaut und bringen dabei bis heute laufend Neues mit unterschiedlichsten Qualitäten hervor. Was es in ökologischen Systemen freilich nicht gibt, sind Masterpläne für die ganze Welt und Dauerplätze für einzelne Arten in bevorzugten Lagen. Lebewesen, die auf Reaktionen und Rückkopplungen ihrer Umwelt nicht angemessen reagieren, verschwinden – und machen Platz für Neues.

Die akademische Debatte über „industrielle Ökologie“ und Kreislaufwirtschaft nahm Anfang der 1990er Jahre im englischsprachigen Raum ihren Ausgang. Parallel entstand in Deutschland mit der Verpackungsverordnung das erste Gesetzesvorhaben unter dem Label Kreislaufwirtschaft. Vorausgegangen waren zwei Jahrzehnte ungehemmter Müllproduktion. Mit „Ex und hopp“ hatte die Getränkewirtschaft in den 1960er Jahren erfolgreich für Einwegflaschen geworben. Das passte gut zu einer Gesellschaft, die sich mehr und mehr über ihren wachsenden Konsum definierte.

In Selbstbedienungsläden buhlten die Hersteller um die Aufmerksamkeit der Kundschaft – und je mehr verschiedene Joghurt-, Saft- und Seifensorten die Blicke der Käufer auf sich ziehen sollten, desto aufwändiger und individueller wurden die Verpackungen. Dass das Ganze ein Ressourcenproblem werden könnte, sah damals noch kaum jemand. Stattdessen richtete sich die Aufmerksamkeit auf Abfallberge, überquellende Deponien und durch Sickerwasser verseuchte Trinkwasserbrunnen.

Mit dem im Frühjahr 1990 vorgelegten Entwurf einer Verpackungsverordnung wollte Bundesumweltminister Klaus Töpfer Ladenbetreiber und Hersteller zwingen, die Verantwortung für ihre Produkte zu übernehmen und das von ihnen verursachte Abfallproblem zu lösen: Die Händler sollten die Dosen, Becher, Folien und Kartons zurücknehmen und würden den Druck an ihre Lieferanten weitergeben, so das Kalkül. Sähen die sich plötzlich mit dem von ihnen in die Welt gesetzten Müll konfrontiert, würden sie sparsamer mit den Materialien umgehen und Stoffe verwenden, die sich gut recyceln lassen. Darüber hinaus wollte Töpfer bestimmte Mehrwegquoten vorschreiben.

Der Ansatz war umweltpolitisch neu: Erstmals sollte nicht mehr nur Dreck gesammelt, gefiltert und sicher abgelagert werden, was im Fachjargon als End-of-the-pipe-Ansatz bezeichnet wird. Stattdessen zielte die Verordnung darauf ab, Abfälle zu vermeiden. Töpfer vertraute auf die Innovationskraft der Hersteller: Die Rückkehrschleifen würden umweltfreundlichere und wiederverwertbare Materialien fördern.

Doch mehrere Anhörungen mit „beteiligten Kreisen“ verwässerten das Konzept. Die Produzenten etablierten mit dem dualen System eine private Müllentsorgung auf Kosten der Verbraucher, die beim Kauf jedes Produkts ein paar Pfennige für den aufgedruckten Grünen Punkt zahlen mussten. Insbesondere fürs Recyceln von Kunststoffen entstand eine neue Branche. Sie stellte klobige braune Parkbänke und Zaunpfähle her, entwickelte ein sehr teures und keineswegs umweltfreundliches Verfahren, Plastik in Öl zurückzuverwandeln, und drängte darauf, den Grünen-Punkt-Müll als Ersatzbrennstoff in Zementfabriken einzusetzen oder gleich in die Müllverbrennungsanlage zu schicken. In der Anfangszeit wurden auch erhebliche Mengen in den globalen Süden exportiert – illegal oder als „Wertstoffe“ deklariert.

Inzwischen gibt es zwar wesentlich bessere Sortier- und Aufbereitungsverfahren als in der Anfangszeit, und ein Teil des Materials wird zu Müllsäcken, Kanistern, Kabelisolierungen oder Wasserrohren verarbeitet. Weil es den Verpackungsherstellern aber gelungen ist, zu verhindern, dass ihre Produkte nach dem Gebrauch zu ihnen zurückkehren, mussten sie selbst nichts Grundlegendes ändern: Weiterhin steht das Marketing an erster Stelle, der Gesamtverbrauch ist deutlich gestiegen – bei Kunststoffhüllen seit dem Jahr 2000 um weit über 50 Prozent. Derweil kreist die Debatte um den Streit, ob Private oder Kommunen den Abfall bekommen sollen, den die Verbraucher so fleißig sammeln und sortieren. Das hat den deutschen Konsumenten nicht nur den Weltmeistertitel als Müllverwerter eingebracht, sondern kostet sie etwa 13 Euro pro Kopf und Jahr.

Wie wenig Schwung das Kreislaufkarussell im Kunststoffbereich bisher hat, belegen Zahlen aus Deutschland, das international als Vorreiter gilt. Laut einer Studie fielen 2011 etwa 5,5 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an – fast doppelt so viele wie 1994. Neben Verpackungen zählen dazu auch Spielzeug und Stühle, Druckerpatronen, Einwegbesteck oder Industrieabfälle.

Weniger als 4 Prozent des in Deutschland verarbeiteten Plastiks besteht aus Recyclingmaterial – der große Rest ist Frischware. Die Kunststoffindustrie optimiert ihr Material mit Pigmenten, Weichmachern und anderen Additiven auf das jeweilige Produkt hin – allein für die rasch wachsenden Massen des Kunststoffs Polypropylen gibt es mehr als 900 verschiedene Zusatzstoffe. Da die Hersteller ihre Rezepturen geheim halten, würden sich in Rezyklaten alle möglichen Stoffe anreichern, die die Qualität als Ausgangsstoff deutlich mindern. Deshalb besteht ein Großteil der Granulate, die als Sekundärkunststoffe verkauft werden, aus sauberen und sortenreinen Industrieabfällen. 56 Prozent des Kunststoffmülls in Deutschland werden verbrannt, 64 Prozent der Rezyklate exportiert.

Nach der Verpackungsverordnung folgten im Rahmen eines Kreislaufwirtschaftsgesetzes2 weitere Regelungen für Batterien und Elektrogeräte. Auch hier kreist tatsächlich nur sehr wenig. So wurden laut Bundesumweltministerium im Jahr 2010 Geräte mit einem Gewicht von 1,7 Millionen Tonnen in Deutschland verkauft – und immerhin mehr als 770 000 Tonnen wurden im gleichen Zeitraum wieder eingesammelt. Wiederverwendet wurden davon jedoch gerade einmal 1 Prozent, obwohl ein Großteil der Geräte noch voll funktionsfähig war. In der Regel werden Computer aber zusammen mit Laubsaugern und Stereoanlagen in große Container auf den Recyclinghöfen geworfen. Mitarbeiter schrauben die Gehäuse ab, sichern giftige Bestandteile wie Blei und Kadmium und reißen die Kabel raus. Der Rest kommt in den Schredder. Maschinen sortieren anschließend die winzigen Partikel nach Material.

Ein erheblicher Teil der in Europa ausrangierten PCs und Kühlschränke landen außerdem in Asien und Afrika – von Geschäftemachern als Spenden deklariert, um das EU-Exportverbot zu umgehen. Allein in Ghana sollen monatlich etwa 500 Container ankommen. Tausende von Menschen versuchen auf der größten Müllhalde des Landes mit primitivsten Methoden, Rohstoffe aus Platinen, Tastaturen und Bildschirmen herauszuätzen. Sie hantieren mit hochgiftigen Chemikalien. Die PVC-haltigen Kabelmäntel verbrennen sie. Dabei ruinieren sie ihre Gesundheit und die Umwelt.3

Das Recycling von Mengenmetallen gilt weltweit inzwischen als Routine. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) geht davon aus, dass über die Hälfte des Kupfers, Eisens, Zinns, Titans und eines Dutzends weiterer Metalle recycelt wird. Doch bei über 30 Metallen gehen mehr als 99 Prozent nach dem ersten Gebrauch verloren. Vor allem wo kleine Mengen in komplexen Produkten verbaut werden, findet so gut wie keine Rückgewinnung statt. Selbst in hochmodernen Anlagen gehen etwa 75 Prozent des in Handys enthaltenen Goldes und anderer wertvoller Rohstoffe unwiederbringlich verloren. Nur wenige Anlagen weltweit können seltene Metalle wie Indium aus den Geräten herauslösen. Oft verbinden sich auch die verschiedenen chemischen Elemente im Produktions- oder im Recyclingprozess untrennbar miteinander.

Vor den Problemen, die der rasant wachsende Ressourcenverbrauch verursacht, haben Politik und Wirtschaft lange die Augen verschlossen. Bergbau galt in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als wenig lukrativ, Rohstoffe waren billig und folglich in den Bilanzen eine eher vernachlässigbare Größe.

Das änderte sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Preise für zahlreiche Metalle und Mineralien schossen in die Höhe, ein Plus von mehreren hundert Prozent binnen weniger Wochen war keine Seltenheit. Viel erschreckender als die hohen Preise erschien den Managern in Europa und den USA aber die Aussicht, dass sie selbst für teures Geld womöglich nicht ausreichend Nachschub für ihre Produktion bekommen könnten, weil China anfing, begehrte Rohstoffe zu horten.

Fast 95 Prozent der heute geförderten seltenen Erden, die für die Herstellung von Plasmafernsehern, Lasern, Smartphones und Energiesparlampen unabdingbar sind, kommen aus China. Zwar sind jeweils nur winzige Mengen erforderlich – weshalb sie auch Gewürzrohstoffe heißen. Doch China will seine Neodymium-, Thulium-, Lutetium- und Promethiumvorräte am liebsten nur an Fabriken im eigene Land liefern.

Zugleich haben sich beispielsweise die von der Industrie benötigten Kupfermengen binnen vier Jahrzehnten verdreifacht – und der Trend zeigt steil nach oben. Für ein großes Offshore-Windrad sind 30 Tonnen Kupfer einzuplanen, für Elektroautos wird von dem weichen, äußerst leitfähigen Metall deutlich mehr gebraucht als für herkömmliche Wagen. Das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung hat zwar ausgerechnet, dass das in der Erdkruste vorhandene Kupfer theoretisch für 83 Millionen Jahre ausreicht. Doch die leicht zugänglichen, ertragreichen Minen sind längst ausgebeutet: Vor 100 Jahren mussten 40 Kilogramm Gestein gebrochen werden, um ein Kilogramm Kupfer zu gewinnen, heute fallen dafür mindesten 200 Kilo Abraum an. Die Menschen neben dem größten Kupfertagebau im Norden Chiles mussten umgesiedelt werden, weil die Region mit Arsen und anderen Chemikalien verseucht ist, mit denen die Erze aus dem Geröll gelöst werden.

Dass ex und hopp auf Dauer nicht funktionieren kann, weil es immer aufwändiger wird, an die nötigen Rohstoffe heranzukommen, ist inzwischen auch in wirtschaftsnahen Kreisen ein Allgemeinplatz. In den vergangenen Jahren haben deshalb verschiedene Firmen, Institutionen und Personen versucht, das Thema Kreislaufwirtschaft theoretisch und praktisch voranzutreiben.

Der japanische Elektronikkonzern Ricoh entwickelte Mitte der 1990er Jahre eine grüne Produktlinie von Druckern und Kopierern, deren Teile gut wiederverwendbar oder zumindest recycelbar sind. Damit wollte das Unternehmen neue, umweltbewusste Kundenkreise gewinnen. Inzwischen ist es erklärtes Unternehmensziel, den Einsatz neuer Materialien bis 2050 um fast 90 Prozent zu senken. Die in Europa zurückgewonnenen Komponenten und Stoffe sollen nach Asien zurückkehren und dort erneut in Ricoh-Produkte eingebaut werden. Weil gegenwärtig mehr Tonnage von Asien nach Europa verschifft wird als umgekehrt, sind die Frachtpreise in Richtung Osten niedrig, und Ricoh kalkuliert mit Kosteneinsparungen durch Mehrfachnutzung des Materials in Höhe von 30 Prozent.

Die Ellen-MacArthur-Stiftung hat mehrere solche Beispiele zusammengetragen und 2013 beim Weltwirtschaftsforum in China ein Konzept der globalen Kreislaufwirtschaft vorgestellt, das eine „Billionen-Dollar-Chance“ für die Weltökonomie berge. Die Produktionskosten für Handys könnten um 50 Prozent gesenkt werden, ärmere Haushalte dank Leasing gute Waschmaschinen nutzen, und außerdem würden in der Recyclingbranche viele neue Jobs entstehen.

Der Umweltchemiker Michael Braungart schlägt ein Produktions- und Leasingkonzept vor, das er „Cradle to Cradle“ nannte – von der Wiege in die Wiege. Die Hersteller verkaufen den Kunden lediglich den Nutzen: beispielsweise 10 000 Stunden fernsehen, 100 000 Kilometer Auto fahren oder drei Jahre lang einen Teppichboden im Büro. Weil sie wissen, dass sie ihre Produkte zurückbekommen, setzen sie nur reine, hochwertige Stoffe ein und achten auf die einfache Demontierbarkeit der Komponenten. Braungart möchte keinerlei giftige oder gesundheitsgefährdende Stoffe zulassen, weil auch Grenzwerte dazu führen, dass sich die Schadstoffe auf Dauer akkumulieren. Das kapitalistische Wachstumsparadigma stellt er keineswegs infrage – im Gegenteil: Konsumsteigerung hält er für wünschenswert. Die Natur sei verschwenderisch, folglich könne es der Mensch auch sein.

Braungarts Epea-Institut arbeitet sowohl mit Greenpeace zusammen als auch mit dem Dualen System, BASF, Ford, Nike und dem schwäbischen Sport- und Freizeitbekleidungshersteller Trigema. In vielen Fällen gibt es eine Produktlinie, in der zum Teil eigenes Recyclingmaterial eingesetzt wird. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das aber manchmal als reiner Werbegag: So bot der US-Teppichhersteller Shaw seinen europäischen Kunden an, den Bodenbelag zurückzunehmen und die Bestandteile zu recyceln, wenn die Kunden ihn zum nächsten Überseehafen brächten. Der Rücklauf war minimal, der tatsächliche Recyclinganteil in den neuen Teppichen verschwindend gering.

Umgekehrt gibt es inzwischen Produkte wie Schreibtischstühle, die vollständig aus hochwertigen, einfach demontierbaren und gut wiederverwertbaren Komponenten und Materialien bestehen. Doch die Verantwortung, sie wieder in den Produktionskreislauf einzuspeisen, sollen die Kunden übernehmen. Das klappt ebenso wenig wie das Einsammeln alter Handys im größeren Stil oder die Kompostierung von sogenanntem Bioplastik: Ein Großteil verstaubt irgendwo in den Haushalten oder landet im normalen Müll. Günstiger ist die Ausgangslage bei teuren Gegenständen wie Autos oder Maschinen, die Firmen untereinander verkaufen und die in der Regel einen hohen Einzelwert haben. So bietet der dänische Windradhersteller Vestas seinen Kunden inzwischen an, die Anlagen zu reparieren. Wurden kaputte Generatoren bis vor Kurzem vollständig zu Schrott erklärt und von Recyclingbetrieben ausgeschlachtet, gewinnt das Unternehmen jetzt möglichst viele Komponenten zurück und baut sie wieder ein. Das spart Geld und Rohstoffe – bei gleichbleibender Qualität, wie Vestas beteuert.

Die Beispiele zeigen: Bisher gibt es allenfalls kurze Kurvenstücke oder einzelne Schlaufen einer Kreislaufwirtschaft. Von vielfältiger Vernetztheit wie in der Natur, wo kein Müll durch permanente Wiederverwendung desselben Materials entsteht, kann keine Rede sein. Vielmehr versuchen die Firmen, ihre Ressourcenprobleme individuell anzugehen und sich durch Selbstoptimierung Konkurrenzvorteile zu verschaffen.

Die Industriesymbiose Kaldundborg

Einen anderen Ansatz von Kreislaufwirtschaft stellen regionale Netzwerke von Firmen unterschiedlicher Branchen dar. Hier findet ein kaskardenartiger Austausch von Stoffen, aber auch von Wärme oder Energie zum gegenseitigen Nutzen statt. Das bekannteste Beispiel ist die Industriesymbiose Kalundborg in Dänemark. Hier belieferten sich zunächst mehrere nah beieinander liegende Betriebe wie eine Gipsplattenfabrik, ein Kraftwerk, eine Raffinerie und ein Bioenzymhersteller mit dem, was für den einen Emission oder Abfall, für den anderen aber wertvoller Input war. Die Zusammenarbeit war entstanden, weil einzelne Chefs sich kannten, miteinander quatschten und spielerisch Ideen entwickelten. Dabei war die wechselseitige Förderung der Betriebe keineswegs uneigennützig, sondern brachte für alle Beteiligten ökologische und ökonomische Vorteile.

Mit der Zeit entstanden immer mehr Projekte. Heute nutzt eine Fischzucht das durchs Kraftwerk erwärmte Meerwasser, und überschüssige Biomasse landet in den Schweinetrögen nahe gelegener Bauernhöfe. Die Vielfalt der Austauschbeziehungen wuchs gleichsam organisch und zum wechselseitigen Vorteil. Entscheidend für den Erfolg war das Vertrauen der Beteiligten zueinander: Kooperation, nicht Konkurrenz hat die Industriesymbiose vorangebracht. Was es dagegen in Kalundborg nicht gab, war ein Plan. Vielmehr entwickelten sich die Projekte nach und nach – und die Maschen des Netzes wurden immer enger. Somit weist das System viele Elemente einer natürlichen Kreislaufwirtschaft auf – was freilich noch nichts über die Material- und Müllbilanz des Gesamtsystems aussagt.4

Versuche, vor allem in den USA, das Modell Kalundborg zu kopieren, waren wenig erfolgreich. Ein auf Selbstorganisation basierendes, komplexes System kann nicht hergestellt werden, sondern erschafft sich im Prozess selbst. Hilfreich kann allenfalls ein Anfangsimpuls sein. Doch die Fantasie der Beteiligten, aus den regionalen Gegebenheiten etwas zu machen, lässt sich nur durch lebendige Kommunikation wecken. Gleichsam als Nebenprodukte entstehen dadurch auch ökonomische Vorteile. Sie in den Mittelpunkt zu stellen oder direkt anzusteuern, wirkt zerstörerisch.

Eine andere Form von kaskadenartiger Kreislaufwirtschaft hat der Belgier Gunter Pauli entwickelt, der einst die Bioseifenfirma Ecover geleitet und bei einem Besuch in Indonesien festgestellt hatte, dass auch sein Unternehmen zum Verschwinden des Regenwalds beiträgt, indem es Palmöl von dort bezieht. Pauli kündigte und sucht seither nach Beispielen für eine umweltfreundliche Wirtschaft, die auch Armen ein Auskommen ermöglicht. So beteiligte er sich an einem neuen Konzept für eine pleitegegangene Orangenplantage in Südafrika. Statt große Maschinen anzuschaffen und 80 Prozent der Belegschaft zu entlassen, wie Unternehmensberater empfohlen hatten, entwickelte er zusammen mit den Beschäftigten Ideen, was sie mit den vorhandenen Ressourcen – außer Orangen als Saft zu verkaufen – noch erwirtschaften könnten. Die Schalen – bisher Abfall – werden nun von einer Wäscherei genutzt, auch eine Schweinezucht ist entstanden und ein Biogaskraftwerk. Insgesamt acht verschiedene, aufeinander basierende Produkte oder Dienstleistungen bietet der Betrieb inzwischen an, die Zahl der Arbeitsplätze hat sich verdoppelt.

Windräder auf vorhandene Strommasten

Hundert Projekte hat die von Pauli ins Leben gerufene internationale Zeri-Stiftung inzwischen zusammengetragen. Neben land- und forstwirtschaftlichen Kaskaden zählen dazu auch kostengünstige und ressourcenschonende Techniken wie der Einbau von Kleinwindrädern in vorhandene Strommasten oder Solaranlagen, deren Material von einer Müllkippe stammt.

Regional angepasste, kleinteilige Projekte, die auf Grundversorgung der Beteiligten und nicht auf möglichst hohe Gewinne abzielen, stehen bisher nicht im Fokus der Debatte über Kreislaufwirtschaft. Dominant sind Stimmen wie die der Ellen-MacArthur-Stiftung, die darin eine neue Innovations- und Wachstumsschleife für den Kapitalismus sehen und Vorreitern immense Profite in Aussicht stellen.

Aber vielleicht sind die im Kapitalismus unweigerlich entstehenden Großkonzerne zentraler Teil des Problems und völlig ungeeignet für eine ressourcenschonende und müllvermeidende Kreislaufwirtschaft. Schließlich müssen sie immer mehr Waren auf den Weltmarkt schleudern, um profitabel und damit stabil zu bleiben. Am günstigsten für sie ist es, wenn sie die ganze Welt mit Einheitsprodukten beliefern.

Auch der Transportaufwand, den zentrale Produktionsstätten verursachen, scheint gegenwärtig wie naturgegeben und wird kaum als Ressourcenproblem thematisiert, obwohl der Verkehr für einen immer größeren Anteil des Energieverbrauchs verantwortlich ist und bisher kaum durch erneuerbare Energien bewerkstelligt werden kann.

Aber würde im gegenwärtigen Wirtschaftssystem nicht auch dann noch permanent frisches Material benötigt, wenn es gelänge, alle eingesetzten Stoffe zu recyceln? Sicher ließe sich das Problem durch eine teils schrumpfende Produktion etwas besser auf die lange Bank schieben. Auch tragen immaterielle Güter wie Softwareprogramme, Markenimage, Suchmaschinen und Finanzprodukte immer mehr zum Wirtschaftsprodukt bei. Aber ganz ohne materielle Basis kommen auch sie nicht aus. So schaukeln sich beispielsweise Computersoft- und -hardware gegenseitig hoch: Neue Programme laufen nur auf PCs mit größeren Speichern – und weil die Software ein paar Jahre nach Erscheinen nicht mehr aktualisiert wird, müssen die Kunden ständig auf beiden Feldern aufrüsten. Kurzum: Sind Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit und Modularität als allgemeine Prinzipien auf einem kapitalistischen Massenmarkt denkbar? Könnten immaterielle Güter allein das im Kapitalismus notwendige „Immer mehr und immer schneller“ des Konsumgütermarkts übernehmen? Oder ist der Kapitalismus mit der Begrenztheit unseres Planeten schlicht inkompatibel, weil ihm der Sprung vom quantitativen zum qualitativen Wachstum nicht gelingen kann?

Fußnoten: 1 Einer aktuellen Langzeitstudie des Umweltbundesamts zufolge gehen immer mehr Elektrogeräte relativ schnell kaputt. Für diesen „geplanten Verschleiß“ sollen u. a. gezielt eingebaute Schwachstellen in den Produkten verantwortlich sein. 2 Die neueste Fassung unter www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/krwg/gesamt.pdf. 3 Vgl. Cosima Dannoritzer, „Verdächtige Ladung. Wie unser giftiger Elektroschrott verbotenerweise in der Welt verteilt wird“, Le Monde diplomatique, November 2014. 4 Vgl. Detlef Schreiber, Netzwerklernen und Kreislaufwirtschaft, München 2006. Annette Jensen ist freie Journalistin und Autorin. Zuletzt veröffentlichte sie mit Ute Scheub, „Glücksökonomie: Wer teilt, hat mehr vom Leben“, München (Oekom) 2014. © Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 12.03.2015,