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Streit um den Blumenberg

Streit um den Blumenberg

Ein mexikanisches Dorf wehrt sich gegen falschen Naturschutz von Anne Vigna

Arcenio Osorio zeigt auf den mächtigen Berg, der das Dorf Santiago Lachiguiri am Isthmus von Tehuantepec im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca überragt. „Er versorgt alle Dörfer hier in der Umgebung mit Wasser, und für uns Zapoteken ist er heilig. Ihn wollten wir offiziell schützen lassen.“ Osorio ist Sekretär der Gemeindeversammlung und somit gewählter Vertreter der traditionellen Rechtsstruktur. Die 8 000 Bewohner des Landkreises haben schon immer an der Bewahrung ihres Cerro de las Flores („Blumenberg“) mitgewirkt. Auch die in Mexiko für Naturschutzgebiete zuständige Bundesbehörde Comisión Nacional de Áreas Protegidas (Conanp) hat dem Berggebiet seine „außergewöhnliche Artenvielfalt“ und den „hervorragenden Zustand der Ökosysteme“ bestätigt.

Unten in den Tälern wächst biologisch angebauter Kaffee. Auf den Berghängen wechseln sich Wald und Maisfelder ab. Nach mehreren Stunden Fußmarsch und Kletterei gelangt man zu Kiefernwäldern, unter denen hunderte verschiedener Blumenarten beheimatet sind. Die Höhe von 2 200 Metern und sein besonderes Gestein machen den Berg zu einem riesigen natürlichen Schwamm, der den Großteil des Wassers für die Region liefert. Doch in den letzten Jahren ist der Berg zu einem Exempel für die Konflikte um den Naturschutz geworden.

Im August 2003 wurde der Cerro de las Flores zum ersten „Naturschutzgebiet auf Gemeindeinitiative“ erklärt. Laut Conanp sind das Programme, die „auf Ersuchen der örtlichen Bevölkerung eingeführt werden und die natürliche Artenvielfalt bewahren, indem sie den Bewohnern nachhaltige wirtschaftliche Perspektiven bieten“. (Inzwischen, so Conanp, werden in Mexiko 207 887 Hektar Land auf diese Weise verwaltet.) Aber nach nur sieben Jahren beschlossen dieselben Dorfbewohner bei einer Gemeindeversammlung, künftig auf den Status des „Naturschutzgebiets“ zu verzichten. „Die Regierung hat uns hinters Licht geführt“, erläutert Osorio zornig. „Wir sind zwar noch die rechtmäßigen Besitzer des Landes, aber wir haben hier jetzt nichts mehr zu sagen.“

Enan Eduardo, im Dorf für die Verwaltung des Gemeindelands zuständig, sieht das ähnlich: „Wir haben herausgefunden, dass die Naturschutzzertifizierung der 1 400 Hektar auf dem Cerro de las Flores nicht für fünf Jahre gilt, wie in der Gemeindeversammlung beschlossen, sondern für dreißig.“ Doch es geht nicht nur um die Laufzeit des Programms: „Diese Auffassung von Naturschutz läuft darauf hinaus, dass wir unsere landwirtschaftlichen Produktionsmethoden ändern müssen, obwohl das in ökologischer Hinsicht keinen Sinn macht.“

Mit der Zertifizierung wird eine neue Raumordnung in Kraft gesetzt. Sie beruht auf einer Bestandsaufnahme des jeweiligen Gebiets durch Vertreter von NGOs und Bundesbehörden wie der Conanp und dem Ministerium für Ökologie. Eigentlich sollte dieser Prozess mit einem „offenen Workshop“ beginnen, in dessen Rahmen die betroffene Bevölkerung informiert, angehört und in die Entscheidungen miteinbezogen wird. Vor allem Letzteres gilt allgemein als unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Naturschutzpolitik. Doch in Santiago Lachiguiri kam das Mitspracherecht zu kurz. Zwar gab es laut Conanp eine „Mitwirkung und Information der Bewohner“, doch wie die aussah, beschreibt Arsenio Osorio anschaulich: „Wir sind mit ihnen jeden Winkel unserer Felder abgegangen und haben ihre Fragen beantwortet. Aber wir hatten nicht die geringste Ahnung, was sie da ausarbeiten wollten.“

Hier wächst kein Mais mehr

Das Ergebnis: Zum Naturschutzgebiet gehören nun auch die Berghänge. 517 Hektar, auf denen 140 Bauern bisher ihren Mais anpflanzten. Auf diesen Flächen ist nun jede landwirtschaftliche Nutzung untersagt, und die Gemeinde bekommt eine Entschädigung: 400 Pesos (etwa 21 Euro) pro Hektar und Jahr, insgesamt also 11 000 Euro. Das ist weniger, als die Gemeinde vorher mit der Bewirtschaftung verdiente. Im Umweltschutzplan waren außerdem eine Reihe von Gewerben vorgesehen, die als ökologisch unbedenklich gelten, in diesem Fall vor allem der Ökotourismus und eine Abfüllanlage für Mineralwasser. Doch schon nach vier Jahren waren beide Projekte am Ende. Zwei Berghütten mussten schließen, weil kaum Touristen in die abgelegene Region kamen. Die Abfüllung scheiterte an den hohen Transportkosten für den Vertrieb.

Der Streit zwischen Behörden und Bevölkerung entzündete sich aber vor allem an der Frage der Landnutzung. Die indigenen Gemeinden arbeiten mit der Technik der Brandrodung. Dabei wird alle sieben Jahre ein neues Waldstück gerodet und besät. Die Asche wirkt als natürlicher Dünger. Auf den Feldern wachsen Mais, Bohnen, Tomaten und Paprika.

„Der Wanderfeldbau ist die beste Art, ohne Umweltschäden das Land zu bestellen – wenn er sachkundig und nach strengen Regeln angewandt wird“, erklärt der mexikanische Biologe Eckart Boege. Doch die maßgeblichen Institutionen im In- und Ausland halten eben diesen Wanderfeldbau für eine ökologische Bedrohung, seit die Reduktion von CO2-Emissionen zu einem Hauptanliegen der Umweltpolitik geworden ist und damit Geld verdient werden kann. Hinzu kommt, dass unsachgemäße Brandrodung in Mexiko tatsächlich große Schäden an Wäldern, Böden und der Artenvielfalt angerichtet hat.

Das gilt jedoch nicht für das Land der indigenen Bevölkerung, die in Santiago Lachiguiri und anderswo den Feldbau traditionell sehr diszipliniert und nachhaltig betreibt.1 „Richtig angewandt, kann diese Technik Artenvielfalt und Biomasse des Waldes sogar vergrößern“, meint der auf Brandrodungen spezialisierte Agrarwissenschaftler Álvaro Salgado. In der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur ist das mittlerweile Konsens, doch die Conanp wollte davon nichts wissen. Sie setzte im Fall von Santiago Lachiguri auf eine andere Methode: die Agroforstwirtschaft2 . Dabei werden bestehende Feldkulturen mit Bäumen durchsetzt (in Santiago Lachiguiri waren es Aprikosenbäume). Auch diese Maßnahme war schlecht vorbereitet, wurde der Bevölkerung aufgedrängt und überzeugte sie nicht. Nach drei Jahren waren die Böden ausgelaugt, die Bäume verkümmert. „Als der Mais nicht wuchs, riet uns die Conanp zur Verwendung chemischer Dünger, um den Boden zu verbessern“, erzählt Enan Eduardo. Von den 140 landlos gewordenen Bauern haben die meisten das Dorf verlassen. Einige sind in die USA ausgewandert, andere in mexikanische Städte. Manche arbeiten auf einer nahe gelegenen Autobahnbaustelle, und die Jüngsten haben sich nach einer Anwerbungskampagne der mexikanischen Armee zum Dienst verpflichtet.

Nun verlangt die Gemeinde von Santiago Lachiguiri die Aufhebung des Naturschutzstatus und will auch keine „Ausgleichszahlungen für ökologische Leistungen“ mehr in Anspruch nehmen. Sie entsandte zwei Vertreter zum Alternativen Forum, das zeitgleich mit der 16. UN-Klimakonferenz der Unterzeichnerstaaten im Dezember 2010 in Cancún stattfand. Für den internationalen Klimaschutz sind deren Tatsachenberichte brisant, denn sie stellen das 2007 auf Bali beschlossene REDD-Programm (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) grundsätzlich infrage.

Nachdem sich die Staaten nicht auf die Reduktion ihrer Emissionen einigen konnten, erhofften sie sich von diesem Programm einen 15-prozentigen Einspareffekt bei Treibhausgasemissionen durch CO2-Bindung. Diego Rodriguez, Sondergesandter der Weltbank beim Klimagipfel in Cancún, war sich sicher: „Mit REDD schaffen wir die Kehrtwende beim Klimawandel.“

Allerdings macht REDD seine Rechnung ohne die 300 Millionen Menschen auf der Welt, die im und vom Wald leben. Es beruht auf dem Prinzip der Wiedergutmachung: Ein Unternehmen oder ein Staat soll seine Treibhausgasemissionen (umgerechnet in Tonnen Kohlendioxid) durch den „Schutz“ eines Waldes ausgleichen können. Zwar gibt sich das Verfahren rigoros wissenschaftlich, doch es überzeugt längst nicht alle Fachleute. So hat eine Forschergruppe an der Stanford University nachgewiesen, dass der Weltklimarat IPCC das gespeicherte CO2 eines Waldes in Peru um ein Drittel zu hoch eingeschätzt hat.3

„Das Prinzip der CO2-Speicherung bringt ein Verbot von Rodungen mit sich“, erklärt Anne Petermann von der NGO Global Justice Ecology Project. „Indigene Gruppen wenden sich gegen REDD, weil sie der Auffassung sind, dass das Programm zur Vertreibung ganzer Dorfgemeinschaften führen und ihre Lebensweise ernsthaft beeinträchtigen wird.“ Die zahlreichen Vertreter indigener Völker in Cancún wollten dementsprechend vor allem das Prinzip der Freiwilligkeit verankern: Kein REDD-Projekt sollte in Kraft treten, bevor die Gemeinden vor Ort nicht ausdrücklich und in Kenntnis der Sachlage zugestimmt haben. „Wir fordern das Recht, nein zu sagen, wenn ein Unternehmen auf unserem Land CO2 kompensieren will“, sagte Orel Masardule, ein Vertreter des Volkes der Kuna in Panama. Im Schlussdokument der offiziellen Konferenz fand sich allerdings nur ein vager Verweis auf „soziale und ökologische Garantien“. Zudem ist die Erklärung nicht bindend. Zwei aktuelle Studien4 legen den Schluss nahe, dass die Landrechte, die Mitspracherechte und der Anspruch auf Information indigener Völker systematisch missachtet werden.

Seit sechs Jahren werden in diesem Rahmen verschiedene Projekte finanziert – von Unternehmen (etwa von Shell und Gazprom in Indonesien, von BP in Bolivien, von Rio Tinto in Australien) und von Staaten (Frankreich in Mexiko, Norwegen in Indonesien und Brasilien5 ). Auch Sonderfonds internationaler Institutionen wie der Weltbank und verschiedene Unterorganisationen der UNO sind auf diesem Gebiet aktiv. Im Klimaabkommen von Cancún wird die Frage nach der Art der Finanzierung gar nicht angeschnitten, und auch der Vorschlag der Weltbank, REDD-Zertifikate in den Weltmarkt für Emissionsrechte einfließen zu lassen, scheint immer weniger aussichtsreich.

Zudem mehren sich Hinweise, dass Zertifikatmärkte weder zum Abbau von Emissionen noch zur Finanzierung einer umweltschonenden Wirtschaft beitragen werden. „Der CO2-Handel bietet keinen Anreiz, den Verbrauch einzuschränken, sondern nährt die Illusion, man könne Umweltverschmutzung wiedergutmachen“, sagt die Forstwirtin Kate Dooley von der NGO Fern. „Wenn das REDD-Prinzip zur Grundlage eines CO2-Markts wird und dem Wald ein ‚CO2-Wert‘ zugeschrieben wird, könnten wir bald eine gewaltige Welle der Bodenspekulation erleben.“ Was aus den vielen Kleinbauern werden soll, die einfach nur weiter ihren Mais anbauen wollen, bleibt dabei völlig offen.

Fußnoten: 1 Zwingend vorgeschrieben sind zum Beispiel: Brachen alle sieben Jahre, strenge Vorkehrungen beim Feuerlegen, Anbringen von Abtragssperren. 2 Vgl. Mark Hertsgaard, „Sawadogos Leidenschaft für Bäume“, Le Monde diplomatique, August 2010. 3 Die Studie entstand 2010 unter der Leitung von Greg Asner an der Carnegie Institution for Science in Stanford und erfasste 43 000 Quadratkilometer Wald in der peruanischen Region Madre de Dios. 4 Kate Dooley, Tom Griffiths, Francesco Martone und Saskia Ozinga, „Smoke and Mirrors: A Critical Assessment of the Forest Carbon Partnership Facility“, Fern und Forest Peoples Programme, Brüssel, Februar 2011; Emmanuel Freudenthal, Samuel Nnah und Justin Kenrick, „REDD and Rights in Cameroon“, Forest Peoples Programme, Moreton-in-Marsh, Großbritannien, Februar 2011. 5 Im Rahmen des sogenannten Amazonienfonds, an dem auch Deutschland beteiligt ist: www.dgvn.de/815.html. Aus dem Französischen von Herwig Engelmann Anne Vigna ist Journalistin in Mexiko.

Le Monde diplomatique vom 09.12.2011,