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China leidet unter seiner Kohle

China leidet an seiner Kohle

von Any Bourrier

Der chinesische Hochgeschwindigkeitszug CRH (China Rail Highspeed) rast mit über 300 Stundenkilometern von Peking nach Taiyuan, Hauptstadt der Provinz Shanxi. Über die dicht befahrenen Straßen rollen überladene Lkws. Ein tristes graues Dorf reiht sich an das nächste. Shanxi war früher das größte Kohlefördergebiet Chinas, doch inzwischen wird weiter nördlich in der Inneren Mongolei noch mehr abgebaut. Die Kohle hat überall ihre Spuren hinterlassen, nicht nur in der Landschaft, auch die Häuser und Menschen sind schwarz von der Bergwerksarbeit. Vom täglichen Auswaschen der Rohkohle sind die Flüsse und das Grundwasser so stark kontaminiert, dass man es weder trinken noch die Felder damit wässern kann.

Trotz laufender Modernisierungen hat sich äußerlich an den Zechen seit Jahrzehnten praktisch nichts verändert: Vor dem Eingang türmen sich abholbereit für die Laster riesige Kohlehaufen. Auf einer Schiefertafel draußen vor der Verwaltung stehen neben der Losung des Tages auch die neuesten Anordnungen der für die Sicherheit verantwortlichen staatlichen Bergwerksaufsicht, denn seit 2010 (damals gab es nach offiziellen Angaben 1 043 Unfälle mit 2 433 Toten) ist die Zahl der Grubenunglücke wieder stark gestiegen.1

Auch wenn Chinas Regierung mehr Atomkraftwerke2 und Staudämme bauen will, setzen die Stromproduzenten3 und die ortsansässige Industrie immer noch primär auf Kohle. Der städtischen Entwicklungs- und Reformkommission zufolge wird Peking bis 2015 einen Jahresverbrauch von 20 Millionen Tonnen Steinkohle verzeichnen (2010 lag der Wert bei 11 Millionen). Für diese Annahme sprechen drei Gründe: Erstens ist China einer der weltweit größten Kohleproduzenten mit schätzungsweise 118 Milliarden Tonnen Reserven, die ohne große Schwierigkeiten abgebaut werden können. Zweitens ist der Kohlebergbau ein wichtiger Beschäftigungssektor, gerade auf dem Land, wo Stellen rar sind. Und drittens sind die Produktionskosten verhältnismäßig niedrig.

Dank guter Beziehungen zu einigen aufstrebenden Ländern Afrikas und Südamerikas, die, wie Südafrika oder Kolumbien, reiche Kohlevorkommen haben, betreibt China schon seit etwa einem Jahrzehnt die Diversifizierung seiner Bezugsquellen. Neuerdings interessiert es sich auch für den australischen Tagebau. Momentan decken die einheimischen Kohlebergwerke 60 Prozent des chinesischen Bedarfs. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua gibt es in ganz China offiziell etwa 12 000 Zechen. Würden allerdings die illegalen Betriebe hinzugerechnet, wären es nach Expertenmeinung doppelt so viele.

Die chinesische Führung hält diese Zersplitterung für fatal, weshalb sie inzwischen mehrere ehrgeizige Projekte zum Aufbau von Großbergwerken angeschoben hat, um die Produktion zu vereinheitlichen. Bereits 2006 veröffentlichte die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform einen Plan, nach dem bis 2015 durch Fusion oder Schließung kleinerer Zechen in den wichtigsten Fördergebieten fünf oder sechs riesige Bergbaukonzerne entstehen sollen. Zu diesem Zweck wurden die Heilongjiang Longmei Holding Group mit 88 000 Beschäftigten oder die Datong Coal Mine Group gegründet, die auch an der Börse von Schanghai notiert ist. China unterhält 2011 offiziell 24 große staatlich bewirtschaftete Bergbaugesellschaften, die aus Unternehmensfusionen und der Schließung kleinerer, vor allem privat geführter Zechen hervorgegangen sind, in denen sich die meisten Unfälle ereignet hatten. 1995 gab es noch 87 000 Zechen, 2005 war ihre Zahl bereits auf 26 000 geschrumpft.

Ganz im Sinne dieser Konzentrationslogik wurde im Februar 2010 die Eröffnung einer riesigen Kohlegrube in der Provinz Gansu angekündigt, deren abbaufähige Vorkommen auf mehr als sieben Milliarden Tonnen geschätzt werden. Sie soll auf einer Fläche von 1 100 Quadratkilometern 20 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr fördern.4 Die Ningzheng-Zeche, benannt nach dem Distrikt, in dem sie liegt, gilt bereits als weltweit größtes Kohlebergwerk.

Die Regierung rechtfertigt solche Megaprojekte und die damit einhergehenden Fusionen stets mit einem Zugewinn an Sicherheit. Slogans wie „Die Sicherheit ist unser himmlisches Prinzip“ oder „Feiern wir die aktuelle Bergwerksreform“ stehen auf den Backsteinwänden der Bergwerksschächte von Shanxi und Henan.

Dabei haben die neuen Großkonzerne sich gar nicht als sicherer erwiesen. Zwar ist der traurige Rekord von 2009 mit 6 995 Toten bislang unübertroffen, doch die Zunahme der Unfälle in den letzten beiden Jahren hat trotzdem den Volkszorn entfacht. 2007 hat die Regierung zum ersten Mal überhaupt Schadenersatz gezahlt: Nach einer Schlagwetterexplosion im Nordosten Chinas hatten die Angehörigen der tödlich verunglückten Bergleute eine Entschädigung von umgerechnet jeweils etwa 25 000 Euro erhalten.

Die fatale Folge der nun häufiger bewilligten Schmerzensgelder war allerdings, dass die Kumpel von mafiösen Banden bedroht wurden, die Morde an Bergleuten als Unfälle tarnten, um die ständig steigenden Entschädigungssummen zu kassieren. In den Provinzen Hebei, Yunnan und Sichuan gab es mehrere Fälle, in denen mingongs (Wanderarbeiter) Opfer von organisierten Banden wurden, die häufig auch noch mit der Bergwerksleitung unter einer Decke steckten. Bestraft wurde niemand.

Von diesen Serienmorden handelt auch der im Ausland mit zahlreichen Preisen bedachte Film „Blind Shaft“ (2003) von Li Yang, der auf dem Roman „Shenmu“ (Blinder Schacht) von Liu Qingbang basiert. Zum ersten Mal erfuhr eine breite Öffentlichkeit – der Film lief auch in chinesischen Kinos – vom Ausmaß der kriminellen Machenschaften. Ende 2010 deckten chinesische Medien einen weiteren Skandal auf: 62 geistig Behinderte wurden von einem privaten Behindertenheim verkauft und mussten anschließend als Arbeitssklaven in den Zechen von Sichuan schuften.

Angesichts des wachsenden Unmuts in der Bevölkerung begann die Regierung härter durchzugreifen. Nach einer Schlagwetterexplosion mit 35 Todesopfern in der Provinz Guangxi im September 2010 erteilte Premierminister Wen Jiabao den Eigentümern der Zeche den Befehl, mit den Bergarbeitern in den Schacht einzufahren, da sie die Pflicht hätten, „das Risiko ihrer Beschäftigten zu teilen, um sich zu überzeugen, dass die Sicherheitsregeln eingehalten werden“.

Außerdem hat die Regierung endlich Maßnahmen ergriffen, die Ursache der tödlichen Explosionen zu bekämpfen. Das unter Tage austretende Grubengas (Methan) soll nun abgesaugt werden, bevor die Arbeiter in den Schacht einfahren. Laut Huang Shengchu, dem Leiter des Chinese Coal Information Institute, will die Regierung zukünftig 200 Millionen Euro jährlich in solche Absauganlagen investieren. Zudem kann das Grubengas als Brennstoff in Elektrizitätswerken weiterverwendet werden. Eines der ersten großen Methankraftwerke, das von einem örtlichen Kohlebergwerk gespeist wird, steht seit 2008 in Jincheng in der Provinz Shanxi.

Im Kampf gegen die schädlichen Auswirkungen der intensiven Kohlenutzung ist China schon länger auf der Suche nach Alternativen. Umweltschützer verweisen insbesondere auf die Luftverschmutzung durch die großen Anlagen zur Kohlestaubfeuerung, in denen gemahlene Kohle verbrannt wird. Um das Image Chinas als Land der tausend schwefelspuckenden Schornsteine loszuwerden, sieht die Regierung in den neuen „sauberen“ Kohletechnologien eine geeignete Lösung, zumal das Reich der Mitte inzwischen zum weltweit größten CO2-Produzenten aufgestiegen ist. So verwendet China mittlerweile „superkritische“ Verbrennungsverfahren, bei denen extrem heißer Wasserdampf erzeugt wird, mit dem Turbinen angetrieben werden. Ein Verfahren mit vergleichsweise guter Energieausbeute und geringer Treibhausgasemission. Inzwischen wird in China jeden Monat ein solches Dampfturbinenkraftwerk gebaut, und zwar zu 30 Prozent geringeren Kosten als ein konventionelles Kraftwerk in den USA.

Zwar hat China das Kioto-Protokoll unterzeichnet, doch die Regierung in Peking ist nach wie vor der Ansicht, dass das Land zum Aufbau seiner Wirtschaft ein Anrecht auf die gleichen historischen Privilegien hat wie die westlichen Industriestaaten, auch wenn das einen höheren CO2-Ausstoß zur Folge haben mag. Nach einem Bericht der Chinese Academy of Sciences (CAS) von 2008 könnten sich die chinesischen CO2-Emissionen bis 2030 auf 3 bis 4 Milliarden Tonnen pro Jahr verdoppeln.5 Dazu kommt die Wasserverschmutzung, wie Greenpeace berichtet: „Zur Produktion einer Tonne Kohle werden 3 bis 4 Tonnen Wasser verbraucht. Die Abwässer der Kohlewaschanlagen bilden allein 25 Prozent des Abwassers im ganzen Land und enthalten große Mengen giftiger Metalle.“6 Die hygienischen Folgen sind dramatisch: Nach einer Studie der OECD leiden 190 Millionen Chinesen an Krankheiten, die durch kontaminiertes Wasser entstehen, und jedes Jahr sterben 30 000 Kinder an Durchfallerkrankungen.7

Im 12. Fünfjahresplan (2012–2016) hat sich die chinesische Regierung zum Ziel gesetzt, die Kohlenutzung in fünf Jahren um 17 Prozent zu verringern, übrigens auch mithilfe einer weiteren sauberen Alternative, der Solarenergie.

Fußnoten: 1 China Daily, Peking, 10. Mai 2011. 2 2010 kamen 1,1 Prozent der in China produzierten Energie aus Atomkraftwerken. Bis 2015 oder 2020 sollen es 4 Prozent werden. 3 In China speist sich die Stromgewinnung zu 83 Prozent aus Kohlekraftwerken, während es in Australien 80, in Indien 70 und in den USA etwas mehr als 50 Prozent sind. 4 Das Bergwerk wird von der Shengua Zhungeer Energy Company betrieben. Vgl. „China approves Gansu coal mining plan“, in: Peoples’s Daily, Peking, 8. Februar 2010. 5 Siehe Wei Yiming, Liu Lancui u. a., „China Energy Report (2008): CO2 Emissions Research“, CAS. 6 Siehe Mao Yushi, Sheng Hong, Yang Fuqian, „The true cost of coal“, Greenpeace, September 2010. 7 Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), „Environmental Performance Review: China (2006/2007)“, Genf 2007. Aus dem Französischen von Sabine Jainski Any Bourrier ist Journalistin in Peking.

Le Monde diplomatique vom 09.12.2011,