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Versöhnung und Erpressung

Versöhnung und Erpressung

Der Kampf um die Macht in Libyen von Patrick Haimzadeh

Es ist der 5. November. Am Vorabend des islamischen Opferfestes Aïd al-Adha sind die meisten Leute in Tripolis damit beschäftigt, ein Schaf zu finden, das nach islamischer Tradition zum Opferfest geschlachtet werden soll. Bei einem Kilopreis von 25 libyschen Dinar (etwa 20 Euro bzw. knapp 25 Franken) – doppelt so viel wie vor dem Krieg –, können sich viele Familien nur ein Importschaf aus der Türkei leisten.

Am Tag scheint das Leben in der libyschen Hauptstadt seinen normalen Gang zu gehen. Weit unruhiger sind die Nächte, in denen es öfter zu Scharmützeln zwischen bewaffneten Gruppen kommt. Zuletzt zwischen den Bewohnern bestimmter Viertel und den thuwar1 aus der Stadt Sintan. Deren Bataillon war an bei der „Befreiung“ der Hauptstadt entscheidend beteiligt, neben den Einheiten aus Misurata, Tripolis und anderen Städten des Westens (wie Jafran, Jadu, Rogeban). Nachdem der Großteil des Misurata-Bataillons an die Front nach Bani Walid2 und Sirte abgezogen ist und viele andere Kämpfer in ihre Heimatstädte zurückgekehrt sind, stellen die Sintaner mit ihren etwa 1 200 bewaffneten Männern die größte militärische Macht in der Hauptstadt.

Im August hatten die Kämpfer aus Sintan nach dreitägigen Gefechten die Vororte um den internationalen Flughafen von Tripolis eingenommen, wo sich auch die größte Residenz von Exmachthaber Gaddafi mit seinem Sicherheitsbataillon befand. Danach erhielten sie vom Nationalen Übergangsrat den Auftrag, in einer Zone im Umkreis von 25 Kilometern um den Flughafen für die Sicherheit zu sorgen. Ihr Kommandeur ist der charismatische Muchtar al-Achdar, eine geradezu mythische Figur der Rebellion in den Nafusa-Bergen.

Seit Ende März war al-Achdar bei allen Kämpfen dabei. Vor dem Krieg betrieb er eine Firma, die Autos mit Chauffeur vermietete; die Kunden waren vor allem Ölfirmen. Seine militärische Erfahrung beschränkte sich auf seinen Militärdienst in den 1980er Jahren, als er wie viele junge Libyer in den Norden des Tschad geschickt wurde. Al-Achdar nimmt seinen Auftrag sehr ernst. Er erzählt ganz stolz, dass der Präsident des Nationalen Übergangsrats, Mustafa Abd al-Dschalil, ihm persönlich die Überwachung der ehemaligen „Universität des islamischen Aufrufs“ übertragen hat. Inzwischen hat der Übergangsrat seinen Sitz in der Hochschule genommen.

Der 7. November war auch für al-Achdar ein großer Tag, denn an diesem Montag wurde mit einem Turkish-Airlines-Flug aus Istanbul der zivile Luftverkehr in Libyen wieder aufgenommen. Aber die Ereignisse der vorangegangenen Nacht machen ihm schwere Sorgen. Bei einem Streit zwischen Thuwar aus Sintan und Jugendlichen aus dem Stadtviertel al-Andalus drohte die Lage zu eskalieren: Beide Seiten holten zur Verstärkung immer mehr Leute herbei, die mit Pick-ups und schweren Waffen anrückten. Am Ende musste al-Achdar bei den Chefs der Militärräte3 des Viertels intervenieren, um Schlimmeres zu verhindern.

Zwischenfälle dieser Art, bei denen es auch Tote gab, sind in den letzten Wochen häufiger geworden. Daran waren auch Milizionäre des selbst ernannten Militärgouverneurs von Tripolis, des ehemaligen Dschihadisten Abdel Hakim Belhadsch beteiligt. Seither richtet sich die Unzufriedenheit vieler Tripolitaner gegen die Thuwar aus Sintan, die als undiszipliniert und als Diebe gelten. Viele fordern, dass sie die Stadt verlassen. Al-Achdar gibt zu: „Meine Thuwar sind keine Heiligen. Manche Zwischenfälle erklären sich aus dem Konsum von geschmuggeltem Alkohol, der in der Hauptstadt immer weiter zunimmt.“ Er beteuert jedoch, dass seine Kompaniekommandeure Befehl bekommen haben, gegen Unruhestifter in den eigenen Reihen vorzugehen.

Einige Stunden später besucht al-Achdar ein Fest in dem riesigen Park, in dessen Mitte die von Nato-Bomben zerstörten Gebäude und die Zelte des ehemaligen Revolutionsführers Gaddafi liegen. Organisiert ist das Fest von der „Organisation für die nationale Versöhnung“, die ein angesehener Bürger Ende August gegründet hat.4 Man hat Frauen und Kinder eingeladen, die nach dem Sturz des Regimes ihre Dörfer und Städte verlassen mussten, weil deren Bewohner Gaddafi unterstützt hatten. Hier sollen sie für ein paar Stunden Ruhe und Entspannung finden.

Bei traditionellen Festtagsspeisen sitzen die Mitglieder der Versöhnungsorganisation beisammen. Zwischen denen, die aus den Küstenstädten stammen, und den Repräsentanten der Thuwar gehen die Meinungen auseinander. Erstere plädieren dafür, dass die Thuwar endlich aus Tripolis abziehen und sich der Nationalen Befreiungsarmee anschließen. Die Kämpfer selbst meinen natürlich, sie seien für die Sicherheit der Stadt unentbehrlich. Im Übrigen gehe die Propagandakampagne gegen sie von Abdel Hakim Belhadsch aus. Da sich die Thuwar als Gewinner des Kriegs empfinden, sehen sie nicht ein, warum sie sich dem Kommando der Generäle der Nationalen Befreiungsarmee unterstellen sollen, von denen viele ehemalige Gaddafi-Leute oder Exiloppositionelle sind. Muchtar al-Achdar sieht außerdem noch umfassenden Verhandlungsbedarf: über Dienst- und Besoldungsgrade, über die Bezahlung für acht Monate Einsatz, über Jobs oder Uni-Stipendien für Kämpfer, die nicht in der Armee dienen wollen. Beim Gezerre um Macht, Einfluss und den Zugriff auf die libyschen Energieressourcen möchte er die Interessen seiner Männer und seines Stammes möglichst erfolgreich vertreten.

Auch kommt es für al-Achdar nicht infrage, einfach aus Tripolis zu verschwinden und das Feld Belhadsch und seinen Truppen zu überlassen (die lediglich 300 Mann zählen). In diesem Punkt sind sich auf dem Versöhnungsfest alle Gäste einig. Alle halten Belhadsch für einen Dschihadisten, der nach der politischen Macht greift, ohne den geringsten Rückhalt in der lokalen Bevölkerung zu haben. Man nennt ihn spöttisch den „Mann mit dem Stempel“, denn als er in Tripolis ankam – ohne sich an den Kämpfen zu beteiligen –, soll er nicht nur ein Al-Dschasira-Fernsehteam mitgebracht haben, sondern auch seinen Amtsstempel als Militärgouverneur. Von seiner sektiererischen Islamauffassung will hier niemand etwas wissen, die sehen alle im Widerspruch zu den lokalen Traditionen. Deshalb werfen sie dem Schutzherrn Belhadschs, dem Emir von Katar, Einmischung in die inneren Angelegenheiten Libyens vor.

Beduinen, Städter, Dschihadisten

Allseits beliebt ist hingegen der Vorsitzende des Übergangsrats, Mustafa Abd al-Dschalil. Man schätzt ihn als Mann der Gesetzlichkeit, als jemanden, der zuhören kann und gewillt ist, die traditionelle wie die muslimische Identität zu verteidigen.

Die nationale Versöhnung lässt in Libyen allerdings noch auf sich warten. Nicht viele machen sich Gedanken über das Schicksal der Menschen aus den Dörfern und Städten, die das gestürzte Regime unterstützt hatten und deshalb Repressalien ausgesetzt sind. Auf den Landstraßen und in den Städten findet eine systematische Hetzjagd auf Autos mit Nummernschildern aus Bani Walid oder Sirte statt: Sie werden angehalten, die Insassen kontrolliert und gefilzt, manchmal auch ausgeraubt.

Ein Mann vom Warfalla-Stamm aus Bani Walid hat sich zu Verwandten in einem südöstlichen Stadtviertel von Tripolis geflüchtet, wo viele Stammesgenossen wohnen und wo jeden Morgen neue Pro-Gaddafi-Parolen an die Hauswände gepinselt sind. Er berichtet von der Plünderung seines Hauses durch die Thuwar aus Misurata. Das war im Oktober, und er schwört: „Wir werden niemals vergessen! Unsere Stunde der Rache wird kommen!“

Wenn die Leiden der Besiegten missachtet werden und nichts zu ihrem Schutz unternommen wird, ist nur schwer vorstellbar, dass die „nationale Versöhnung“ demnächst erfolgreich angegangen wird. Denn der Nationale Übergangsrat und seine Repräsentanten, die diese Versöhnung unablässig beschwören, haben keinerlei Macht über die Thuwar-Bataillone.

Wir fahren nach Süden in Richtung Sintan. Als erste Stadt erreichen wir al-Asisija, die Hochburg des großen Warschafana-Stamms, der das Gaddafi-Regime bis Mitte August mehr oder weniger aktiv unterstützt hat. Die Warschafana gelten deshalb nur als Rebellen der letzten Stunde.5 In den Nafusa-Bergen verläuft die Straße unweit der Riyayna-Dörfer. Hier werden die lokalen Spaltungen sichtbar, die der Krieg hervorgebracht hat: al-Riyayna al-Sharqia (Ost-Riyayna) hat sich sehr früh dem Aufstand angeschlossen, dagegen hat al-Riyayna al-Gharbiyya (West-Riyayna) bis zum Schluss zu Gaddafi gehalten. West-Riyayna ist heute ein Geisterdorf mit ausgebrannten Häusern, eingeschlagenen Haustüren und geplünderten Geschäften. Im Nachbardorf herrscht wieder normaler Alltag. Überall finden sich Lobsprüche auf die Sintaner, so hastig an die Wände gemalt, dass sie die alten Slogans kaum überdecken, die noch die unterlegenen Stämme preisen.

Dann liegt vor uns, auf einem Hügel, die Stadt Sintan. Hier befindet sich das Hauptquartier des Militärrats für die Ostregion, der bei der Koordination der Militäraktionen im Nafusa-Gebirge eine wichtige Rolle gespielt und den Sturm auf die Hauptstadt vorbereitet hat. Von den 35 000 Einwohnern sind 3 000 Thuwar, Sintan ist damit die Stadt mit dem höchsten Anteil von Militärs im ganzen Land. Nach Aussage von al-Achdar sind weitere 1 800 Thuwar an den sieben wichtigsten Ölfördereinrichtungen der Region stationiert. Desgleichen in der Gegend um Ubari, wo sie zurzeit über die Entwaffnung der Tuareg verhandeln. Unweit von Ubari haben die Sintaner am 20. November den Gaddafi-Sohn Saif al-Islam verhaftet. Der wird seitdem in Sintan festgehalten und dient offenbar als Faustpfand für politische Forderungen.6

„Mit Misurata können wir nicht konkurrieren, die haben bei 300 000 Einwohnern mehr als 12 000 Thuwar,“ sagt al-Achdar. „Aber wir haben auch andere Ziele. Deshalb wollten wir diese Leute auch nicht bei bei der Eroberung von Bani Walid unterstützen. Wir wollen unsere guten Beziehungen zu den Warfalla wahren, denn die sind unsere traditionellen Verbündeten und gute Nachbarn. Die Leute aus Misurata wollen vor allem Rache für die Belagerung ihrer Stadt durch die Warfalla, das ist eben eine alte Rivalität. Den Schutz der Ölquellen können wir am besten garantieren, weil wir unsere beduinische Tradition haben und die Wüstenregionen bis nach Ubari bestens kennen. Andere aus Tripolitanien kennen sich da nicht aus und trauen sich auch gar nicht hin.“

Wenn man al-Achdar so hört, denkt man an Ibn Chaldun (1332 bis 1406), der schon vor 500 Jahren die Kluft zwischen den Werten der Beduinen (badu) und der Städter (hadar) beschrieben hat. So halten die Sintaner die übrigen Bewohner Tripolitaniens für unterwürfig, heuchlerisch und arriviert, sich selbst sehen sie als mutig, frei und aufrichtig. Andere Bewohner der Nordwestregion bewundern zwar die Sintaner für ihren Mut und ihren Zusammenhalt, aber ihre Werte und Traditionen halten sie für unvereinbar mit einer normalen, friedlichen städtischen Lebensweise.

Dass es immer häufiger zu bewaffneten Zusammenstößen kommt, liegt weniger an den vielen umlaufenden Waffen als an der zunehmend militarisierten Mentalität und am Rückzug auf vermeintlich ursprüngliche Identitäten.7 Die örtlichen Kommandeure leugnen natürlich, dass es sich um Spannungen zwischen den Clans handelt. Sie sprechen von Einzelfällen, von einer mysteriösen „fünften Kolonne“ oder „gaddafitreuen Schläferzellen“, die angeblich auf die Spaltung (fitna) des „libyschen Volks“ hinarbeiten. Das offizielle Motto „Nein zum Tribalismus! Nein zum Regionalismus!“, das seit kurzem auf zahlreichen Plakaten und Spruchbändern in der Hauptstadt prangt, wirkt wie ein frommer Wunsch.8

Als Alternative zu den „undisziplinierten Beduinen“ könnte sich der selbst ernannte Militärgouverneur Belhadsch von Tripolis anbieten, der über eine ideologisch geschulte und disziplinierte Gefolgschaft verfügt und von der Regierung Katars wie vom Sender al-Dschasira unterstützt wird. Aber das würde die Sintaner provozieren und könnte zu gewaltsamen Konflikten führen. Und auch die Rachebedürfnisse der unterlegenen Stämme und Regionen, die von den Rebellen wegen ihrer Unterstützung des Gaddafi-Regimes gedemütigt wurden, könnten sich in brutalen Vergeltungsaktionen entladen.

Nach einem achtmonatigen bewaffneten Konflikt, den die politisch Verantwortlichen im Westen noch immer nicht als Bürgerkrieg bezeichnen wollen, ist der Schutz der Zivilbevölkerung – der offizielle Grund für die Intervention der Nato – noch längst nicht gesichert. Die auftrumpfende Sprache der führenden Nato-Staaten, die sich nach der Eroberung von Sirte und Gaddafis Tod zu „ihrem Sieg“ beglückwünscht haben, lässt ein tiefes Desinteresse am Schicksal des libyschen Volkes erkennen, das sie durch ihre Bomben angeblich schützen wollten.

Wenn sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert und die Zusammenstöße in Tripolitanien zunehmen, werden sie allerdings bald begreifen, dass in einem Bürgerkrieg ein militärischer Sieg allein noch nichts bedeutet – schon gar nicht eine Garantie für den „Schutz der Zivilbevölkerung“.

Fußnoten: 1 Thuwar ist der Plural von thaïr, was „Revolutionär“ bedeutet. Die Bezeichnung für Mitglieder der Bataillone (katiba), die gegen das Gaddafi-Regime gekämpft haben. 2 Bani Walid ist das Zentrum des Warfalla-Stammes, des größten in Tripolitanien, der eine Stütze des Gaddafi-Regimes war. 3 In Tripolis gibt es offiziell 53 Stadtteil-Militärräte. 4 Die Organisation hat bereits 5 000 Mitglieder. 5 Zwischen dem 10. Und 12. November gab es schwere Gefechte zwischen den Warschafana und Milizen der Küstenstadt Sawija, bei denen es mindestens 17 Todesopfer und dutzende Verletzte gab. 6 Die Sintaner sollen die Überstellung des Gaddafi-Sohns an den Nationalen Übergangsrat an die Bedingung geknüpft haben, dass der Chef ihrer Brigade, Osama Dschuili, zum Verteidigungsminister ernannt wird. Das ist inzwischen geschehen. Siehe AFP-Meldung vom 29. November 2011. 7 Alle wichtigen Städte der Revolution haben inzwischen ihre eigenen Zeitungen und Fernsehkanäle (14 im gesamten Land). Und sie unterhalten, wie die großen Stämme auch, ihre eigene Facebook-Seite. 8 Bereits 1969, als die „Freien Offiziere“ unter der Führung Gaddafis die Macht übernahmen, war ein offizielles Ziel die Unterdrückung der Stammesstrukturen. Es wurden sogar konkrete Maßnahmen ergriffen. Diese blieben aber nur wenige Jahre in Kraft, bis Gaddafi die Stämme wieder als tragende Säule seiner politischen Macht entdeckte. Siehe dazu Patrick Haimzadeh, „Nach Gaddafi“, Le Monde diplomatique, September 2011. Aus dem Französischen von Jakob Horst Patrick Haimzadeh ist ehemaliger französischer Diplomat in Libyen (2001 bis 2006) und Autor von „Au coeur de la Libye de Kadhafi“, Paris (Jean-Claude Lattès) 2011.

Le Monde diplomatique vom 09.12.2011,