Ein Delfin bringt sich nicht um

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Ein Delfin bringt sich nicht um

Gespräche in Teheran von Mitra Keyvan

Teheran, 1. November 2007. „Der kollektive Selbstmord der Delfine geht weiter“, titelt Iran, die offizielle und „autorisierte“ Tageszeitung der iranischen Presseagentur. „Anwohner versuchen Delfine ins Meer zurückzulenken, aber die wollen nicht“, heißt es weiter.1

Ich lese die Schlagzeile im Vorbeigehen an einem Zeitungskiosk, betrachte das Foto der am Strand liegenden Delfine2 und setze meinen Weg fort wie jeden Tag: über die Fußgängerbrücke zum Privatkrankenhaus Mehrad, wo ich arbeite und zugleich meine Magisterarbeit über „Datenverarbeitung in der Medizin“ schreibe. Auf dem Metallsteg rutschen meine Absätze, die Benzinrationierung und die damit einhergehende Preiserhöhung haben keine praktische Auswirkung auf den Verkehr, und die Autos rollen unverändert so dicht unter meinen Füßen, dass die Brücke zittert. Ich vermeide den Blick nach unten und denke an das bleiche Gesicht des Ehemanns meiner Freundin.

Eine erste Welle von „Delfin-Selbstmorden“ hatte es Ende September gegeben, 79 Tiere waren gestrandet; die zweite folgte am 24. Oktober mit mehr als 70 Delfinen. Ich selbst war Augenzeugin.

Im Krankenhaus angekommen, ziehe ich mich in der Garderobe neben dem Gebetsraum für Frauen um, ehe ich den Flur des Katheter-Labors entlanggehe. Einige Leute warten auf ihre Angehörigen, die sich einer Angiografie unterziehen oder gerade operiert werden, andere warten auf mich, um sich ihre Rechnung beglaubigen zu lassen, damit sie von der Sozialversicherung einen Teil des Geldes zurückerstattet bekommen können.

Ein alter Mann, leicht getöntes Haar, in marineblauem Anzug aus den Siebzigerjahren, Ton in Ton mit seiner Krawatte, auf der unübersehbar und mindestens dreißig Jahre alt das Label „Cacharel“ prangt, fragt, wie hoch die Kostenerstattung der Sozialversicherung für seine Koronarangiografie wäre, die über zwei Millionen Toman (etwa 1 500 Euro) gekostet hat. Ich sage ihm, wenn er keine Zusatzversicherung habe, werde er nicht mehr als 250 000 Toman (200 Euro) bekommen. Seine Frau, perfekt geschminkt und mit einem alten Hermès-Tuch, sagt laut: „Du hättest eben doch mit mir zum Gutachter gehen und deine Invalidität bestätigen lassen sollen, jetzt ist es zu spät.“ Der Mann entfernt sich, puterrot im Gesicht.

Anfang Oktober war ich auf die traurigen Augen einer Frau mittleren Alters aufmerksam geworden, in ihrem schwarzen Tschador saß sie mir gegenüber und las eine Reportage über die Familie Sarkozy in der Zeitschrift Khanevadeh (Familie). Während meiner Pause erzählte sie mir, ihr Mann leide an Herzproblemen und sei wegen Atemnot im Operationssaal. Die Herzinsuffizienz könne auch mit seinem Kriegseinsatz zu tun haben, vor fünfundzwanzig Jahren sei er an der Front im Krieg gegen den Irak „begast“ worden.

Sie war beunruhigt über die Ankündigung einer US-amerikanischen Blockade, „sein Schrittmacher kommt von dort“. „Was hat der Sie gekostet?“, fragte ich. „Drei Millionen der Apparat und dreizehn Millionen das Einsetzen [insgesamt etwa 12 000 Euro]“, sagte sie mit zerstreuter Miene. „Ganz schön teuer!“, gab ich zurück. Sie antwortete mechanisch und blätterte dabei die Seite mit Cécilia Sarkozys großem Foto um: „Ja, aber die Nationale Ölgesellschaft übernimmt sämtliche Kosten, mein Mann arbeitet dort in der Verwaltung.“ Sie erzählte mir, sie komme aus Bandar Abbas, ihr Mann arbeite am Hauptsitz der Raffinerie, die Gesellschaft biete einen guten Versicherungsschutz, einen Sportklub und günstige Wohnungsdarlehen, er versuche über Fernkurse sein Betriebswirtschaftsdiplom zu machen, um höher eingestuft zu werden und ein Monatsgehalt von 400 000 Toman (etwa 300 Euro) zu erzielen, die Schwiegermutter habe Diabetes und erwarte ständig Hilfeleistungen von ihrem Sohn, ohne dessen Gesundheitszustand, der sich von Tag zu Tag verschlechtere, überhaupt zu bemerken, die beiden eigenen Söhne seien arbeitslos und ohne Zukunftsperspektive …

Schließlich bot sie mir ihre Zeitschrift an, sie erwartete Neuigkeiten über den Verlauf der Operation und sagte zu mir: „Es steht nichts Interessantes drin, aber es vertreibt die Zeit.“ Sie hatte Tränen in den Augen, ich lud sie in unsere Personalkantine ein, um gemeinsam mit meiner Kollegin einen Tee zu trinken.

Meine Kollegin hatte sich verspätet, geschminkt, aber in einem sehr viel weiteren Mantel als dem eng anliegenden, den sie gewöhnlich trug, kam sie erst gegen zehn Uhr an. Sie erzählte uns ihr morgendliches Abenteuer mit einer Streife, die Verstöße gegen die Kleiderordnung ahndet und von der sie an der Bushaltestelle von Vali Asr im Stadtzentrum entdeckt wurde. Sie hatte sich geschickt aus der Affäre gezogen, im Streifenwagen weinend zum ersten und zum letzten Mal versprochen, sich abzuschminken und einen anderen Mantel anzuziehen.

Nach mehreren abschlägigen Bescheiden auf ihre Visaanträge für die USA, Kanada und England hatte meine Kollegin begonnen, in den Pausen und sogar während sie Rezepte vorbereitete, für ihren Französischkurs zu lernen, um ein Studentenvisum für Frankreich zu bekommen, sie prahlte mit Ausflügen in die Berge, die sie freitags mit Freunden in Begleitung des französischen Kulturattachés unternahm, den sie für sein Alter noch ziemlich attraktiv fand.

So unterhielten wir uns, und die Frau im Tschador erzählte, sie sei nach fünfundzwanzig Jahren Ehe immer noch verliebt in ihren Mann, obwohl sie schon seit einigen Jahren keine richtige sexuelle Beziehung mehr hätten, und sie träumte oft, er wäre an der Front geblieben und sie würde wie in ihrer Jugend auf ihn warten, um ihn während seines Fronturlaubs ein paar Tage zu sehen. Wir sprachen auch über die Delfine, die an den Stränden von Jask verendet waren, einem Küstenort im Süden.

Ich erklärte den beiden, dass die Amerikaner für Nachrichtenübermittlung oder die Überwachung des potenziellen Feindes im Persischen Golf anscheinend Wellen benutzen, die bei den Delfinen Panik auslösen und sie an die Oberfläche treiben können … Meine Kollegin glaubte, schuld seien eher Fischer, die Delfine für Thunfische gehalten und verletzt hätten … Für die Frau im Tschador dagegen konnte es nur eine Botschaft aus dem Jenseits sein, die meinte, man dürfe die Amerikaner nicht provozieren, nicht ihren Zorn erregen und den Krieg auslösen. Meine Kollegin bremste sie mit einem Hinweis auf den Fernsehsender Voice of America, der versicherte, die Amerikaner würden nicht ohne Grund angreifen und in einen Krieg eintreten, sondern sich schlimmstenfalls mit punktuellen, chirurgischen Eingriffen begnügen. Ich antwortete: „Ja, gewiss! Wie im Irak!“ und fragte die Frau im Tschador, ob sie glaube, unsere Haltung könnte etwas an der amerikanischen Kriegsstrategie ändern, sie hatte keine Ahnung …

Endlich kam der Chirurg aus dem Operationssaal, gefolgt von dem Ehemann, der auf einer Liege zu den Aufzügen geschoben wurde, sie berührte seine ausgestreckte Hand, murmelte Gebete, lächelte und drückte dem Sanitäter ein paar Scheine in Hand.

Solange ihr Mann stationär behandelt wurde, haben wir fast jeden Tag zusammen Mittag gegessen, nachmittags betete sie und trank dann ihren Tee mit uns, stets brachte sie Datteln oder Rosinen mit. Einmal hat sie mir während meiner Pause die Augenbrauen gezupft, ich fühlte mich ihr sehr nahe und erzählte ihr von meinen Heiratsplänen, wenn mein Freund den Militärdienst beendet hätte. Er ist dreimal durch die Aufnahmeprüfung für die Universität gefallen und will nach seiner Rückkehr ins Tourismusgeschäft mit Kuba und einigen Ländern in Lateinamerika einsteigen, sofern die Amerikaner uns nicht in der Zwischenzeit angreifen, das würde seinen Militärdienst verlängern. Seit dem Teheran-Besuch von Daniel Ortega im Juni ist er überzeugt, dass dort die Zukunft liegt.

Meine neue Freundin wurde oft von ihren Söhnen auf dem Handy angerufen und bekam viele SMS, manchmal ganz witzige. Ihr geschwächter Mann war ebenfalls reizend, wir führten lange Diskussionen über die Delfine. Ich hatte als mögliche Erklärung von einem Problem des Ökosystems infolge der zunehmenden Meeresverschmutzung gelesen, die durch die Aufschüttung der künstlicher Inseln als Wohnorte für Reiche in Dubai verursacht wird. Er nickte und sagte ausdrücklich, es könne sich auf keinen Fall um Selbstmord handeln: „Ein Delfin bringt sich nicht um, er liebt die Freiheit und gibt niemals auf.“

Er sprach vom Roman eines peruanischen Schriftstellers mit dem Titel „Der träumende Delfin“3 , ein Buch, das er im Krankenhaus gelesen hatte: ein eigenwilliger, Freiheit suchender Delfin, dem seine innerste Stimme den Weg weist, wohin er schwimmen soll. Mich erinnerte die Geschichte an „Der kleine schwarze Fisch“ von Samad Behranghi4 , eine Kindergeschichte, die mir mein Onkel vorgelesen hatte, als ich klein war: ein Fisch, der sich auf die Reise macht, um das Ende des Flusses und den Ursprung des Lebens zu suchen. Mein Onkel hat sich seitdem sehr verändert, er ist deutlich weniger idealistisch. An der Spitze eines Import-Export-Unternehmens, das mit der politisch einflussreichen Revolutionsgarde zusammenhängt, besteht seine einzige Sorge jetzt darin, wie sich die UNO-Sanktionen auf sein „Business“ auswirken. „Gewiss, wir brauchen die Nuklearindustrie, es muss eben verhandelt werden, wir haben ja Trümpfe und Verbündete, das letzte Wort hat das Business“, sagt er zu uns.

Als der Ehemann aus dem Krankenhaus entlassen wurde, fuhren die beiden nach Shah Abdol Azim, einem Wallfahrtsort im Süden von Teheran. Meine Kollegin und ich haben sie frühmorgens vor dem Gebäude der Ölgesellschaft am Toupkhaneh-Platz abgeholt und dorthin begleitet. Meine Kollegin trug wieder ihren engen kakifarbenen Mantel und überschüttete mich den ganzen Weg über mit Neuigkeiten von der Europatournee des Sängers Mohsen Namjoo. Sie schwärmt für diesen ungewöhnlichen Musiker, der bei uns nur über das Internet bekannt ist und dessen CDs heimlich zirkulieren. Er verbindet die traditionelle Musik und Jazz, singt den Koran nach italienischen Melodien, und hinten im Frauenabteil des Busses murmelte meine Kollegin leise seinen Refrain „die neukantianischen Ideen für mich, die Mohnblume der Normandie für dich“.5

Ich war seit mehreren Jahren nicht mehr bei dem Mausoleum gewesen, die Frauen gingen nicht mehr, wie in meiner Kindheit, im schwarzen Tschador, sondern in Mantel und Schal, alles wirkte sauberer und besser organisiert. Das Paar ging nicht mehr mit auf den Basar, weil der Ehemann sehr müde war. Meine Kollegin kaufte für sich Schmuck aus Türkisen, ich fand ein Geißblattparfüm, das mich an meine Großmutter erinnerte.

Das Ehepaar lud uns ein, unbedingt ein paar Tage in Bandar Abbas zu verbringen, und der Mann versprach, so bald er könne mit uns nach Jask zu fahren, um uns die Delfine zu zeigen und zu beweisen, dass es kein Selbstmord gewesen war.

Zwei Wochen später, am 24. Oktober, traf ich die beiden in Bandar Abbas, allein, weil meine Kollegin sich auf ihre Französisch-Prüfung vorbereiten musste. Wie versprochen, waren sie startbereit für die Reise nach Jask, und nachmittags standen wir am Ufer des Persischen Golfs vor den verendeten Delfinen, die noch auf dem Strand lagen, ein Team von Wissenschaftlern untersuchte sie.

Es war sehr heiß, der Himmel blau und klar, man schwitzte, der Golf erstreckte sich riesig, blau, unendlich, von einer seltenen, etwas wilden Schönheit vor unseren Augen.6 Wir aßen eine Wassermelone, die wir zusammen mit Mangos aus der Umgebung am Straßenrand gekauft hatten, meine Freundin schnitt geschickt feine, gleichgroße Scheiben ab, ihr sichtlich abgemagerter Mann hustete, man hörte seinen unregelmäßigen Atem. Einige Fischer brachten halbvolle Körbe an Land. Überall am Strand verstreut sah man Männer, Frauen und Kinder beim Picknick, manche aßen Melonen, andere Datteln zu einem Glas Tee, und die Kinder liefen um die Delfine herum.

Plötzlich näherte sich eine lärmende schwarze Welle, Delfine, sie kamen von weit her, der Tschador meiner Freundin fiel zu Boden, sie begann zu beten, während ihr Mann schrie „man kann sie retten!“ und zusammen mit der Menge zum Wasser lief, er hustete immer heftiger. Die Menge versuchte die Tiere zurückzubringen ins Meer, ich wollte den Schwerkranken aufhalten. Er aber stürzte sich ins Wasser und schwamm langsam den Delfinen entgegen, man hörte sein Husten bis an den Strand, er umarmte einen Delfin und entfernte sich mit ihm. Seine Frau betete weiter, ihr Handy klingelte, aber sie antwortete nicht. Die anderen Tiere kamen näher, die Menschen vermochten sie nicht daran zu hindern, dann sprangen die Delfine einer nach dem anderen auf den feinen, glühend heißen Sand des Strandes von Jask.

Fußnoten: 1 Irna (Presseagentur), 30. Oktober 2007; www2.ir na.com/fr/news/view/menu-377/0710304273193 806.htm. 2 Foto der Delfine auf dem Strand von Jask, Studentische Pressagentur Isna, www.isna.ir/Main/Pic View.aspx?Pic=Pic-1022273-13&Lang=P. 3 Sergio Bambaren, „Der träumende Delfin“, München (Piper) 1999. 4 Samad Behranghi, „Der kleine schwarze Fisch. Märchen und Fabeln“ Stuttgart (Malik) 1987: ein Fisch, der gegen den Strom schwimmt und schließlich von einem großen Fisch verschluckt wird. 5 Die Musik des „Untergrundsängers“ Mohsen Namjoo darf im Iran nicht verbreitet werden; launch.groups.yahoo.com/group/namjoo/. 6 Siehe Kazem Bayrams Fotos vom Persischen Golf, www.golfe-persique.com/.

Aus dem Französischen von Grete Osterwald

Mitra Keyvan ist Mitarbeiterin von Le Monde diplomatique auf Farsi.

© Le Monde diplomatique, Berlin

Le Monde diplomatique vom 14.12.2007, von Mitra Keyvan

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