Chemical Valley

zurück
Chemical Valley

Chemical Valley

Der Lärm der Explosionen im Coal River Valley dringt angenehmerweise nicht bis zum Kapitol von Charleston vor, wo die Abgeordneten des Bundesstaats West Virginia tagen. Man pflegte hier schon immer beste Beziehungen zur Bergbau- und Chemieindustrie – bis am Morgen des 9. Januar 2014 ein verdächtiger Geruch die Parlamentssitzung störte. Maya Nye, Spezialistin für Industrierecht, schaltete ihr Laptop ein. Die Mails aus ihrem Freundeskreis versetzten sie sofort in Alarmbereitschaft. Ein starker Geruch „wie nach Lakritz“ zöge durch die Stadt – das untrügliche Zeichen für eine undichte Stelle in einem der Betriebe des „Chemical Valley“, wie die Gegend wegen ihrer zahlreichen Fabriken und Chemikalienlager genannt wird.

Dank der nahe gelegenen Kohleförderung werden seit den 1930er Jahren hier Dünger, Pestizide, Frostschutzmittel und das berüchtigte Entlaubungsmittel „Agent Orange“ produziert beziehungsweise gelagert. Die Menschen im Tal sind stolz darauf und machen sogar ihre Witze darüber: Auf dem Logo des Roller-Derby-Frauenteams posieren beispielsweise zwei Pin-ups auf Rollschuhen vor einer Gasmaske.

Maya Nye ist in dieser Welt der Warnsirenen und Katastrophenschutzräume aufgewachsen. Ihr Elternhaus liegt einen Kilometer von einer Union-Carbide-Fabrik entfernt. Die gesamte Nachbarschaft hat hier gearbeitet. Dort wurde auch MIC (Methylisocyanat) gelagert, das Gift, das die Katastrophe in Bhopal1 verursacht hat. In Charleston war die Lagermenge sogar fünfmal größer als in der indischen Fabrik. Nach der Übernahme durch Bayer CropScience kamen bei einer Explosion 2008 zwei Bergleute ums Leben. Hätte ein MIC-Behälter, der 15 Meter entfernt stand, Feuer gefangen, wäre ganz Charleston Opfer eines Chemieunfalls geworden, dessen Folgen „die von Bhopal noch in den Schatten gestellt hätten“, wie es in einem parlamentarischen Untersuchungsbericht hieß. Dennoch wurde danach kein einziges Gesetz verabschiedet, um solche Unfälle künftig zu vermeiden.2

Maya Nye kennt sich mit suspekten Gerüchen aus. Als Kind begann sie die wiederkehrenden Düfte einzuordnen: Mal roch es nach „vergammeltem Kohl“, mal nach „Frittiertem“. Und wenn sie ihren Vater fragte, antwortete der: „Das ist der Geruch des Geldes, mein Schatz.“ Der Lakritzgeruch war nie dabeigewesen.

An jenem 9. Januar übertrafen die einlaufenden Meldungen ihre schlimmsten Befürchtungen: Die Firma Freedom Industries benachrichtigte die Behörden, dass eine unbekannte Menge von MCHM – ein Chemiecocktail zur Behandlung von Kohle – aus einem Behälter ausgetreten sei und den Elk River verseucht habe. Die Fabrik lag nur einen Kilometer von der Wasseraufbereitungsanlage entfernt, die Charleston mit Trinkwasser versorgt. 300 000 Einwohner waren betroffen. Und die Behörden konnten ihnen nicht einmal genau sagen, wodurch ihr Wasser vergiftet worden war: MCHM zählt zu den etwa 80 000 Chemikalien, deren Herstellung und Lagerung von der Regierung genehmigt wurden, ohne zuvor ihre Auswirkungen auf den Menschen zu testen.

Ein Geruch wie nach Lakritz

Vom Kapitol aus blickt man auf den Kanawha River, in den der Elk River mündet. Am Tag des Unfalls waren 134 Abgeordnete im Kuppelsaal versammelt. Die Sitzung wurde vertagt. Einige Senatoren erkrankten. So wurden die Gesetzgeber selbst zu Opfern eines Unfalls, der durch Gesetzeslücken mitverursacht worden war, von denen die Industrie profitierte. In den Rettungsstellen klingelte pausenlos das Telefon; Gouverneur Earl Ray Tomblin rief den Notstand aus und Präsident Barack Obama schickte Hilfsteams der Katastrophenschutzbehörde.

Das Gesundheitsministerium von West Virginia informierte die Öffentlichkeit darüber, welche Symptome bei einer Berührung mit Substanzen wie MCHM auftreten können: schwere Verbrennungen im Rachenbereich und an den Augen, starkes Erbrechen, Atemnot, Hautbläschen. Die Einwohner wurden gewarnt, unter keinen Umständen Trinkwasser zu nutzen, außer für die Klospülung. Bei einer Pressekonferenz am 10. Januar mussten die Behörden zugeben, dass sie die Eigenschaften von MCHM nicht kennen würden. Freedom Industries hatte sie gemäß dem Gesetz über industrielles Eigentum über die exakte Zusammensetzung der ausgetretenen Substanz nicht informiert.

Die Behörden ordneten verschiedene, einander widersprechende Maßnahmen an. Zunächst hieß es, man solle auf keinen Fall Trinkwasser zu sich nehmen; wie in einem Krisengebiet rückte die Nationalgarde zum Verteilen von Wasserkanistern an. In den Supermärkten stritten sich die Kunden um Wasserflaschen. Die Reichen verließen Charleston zuerst und zogen in ihre Ferienhäuser; alle anderen stellten Wannen und Eimer in den Garten, in der Hoffnung, dass es regnen würde. Dann hob die Regierung das Verbot wieder auf, um es kurz darauf teilweise wieder einzuführen. So wurde etwa Schwangeren empfohlen, kein Leitungswasser zu konsumieren. Am 20. Januar, elf Tage nach dem Unfall, wandte sich Gouverneur Tomblin mit folgendem Ratschlag an die Öffentlichkeit: „Ich weiß nicht, ob das Wasser zu 100 Prozent sicher ist. Wenn Sie sich damit nicht wohlfühlen, dann trinken Sie es nicht.“

„Es hätte vorab Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung geben müssen“, meint Maya Nye. „Das liegt doch auf der Hand, wenn so viele Menschen betroffen sind.“ Nach zwei Monaten öffentlicher Proteste wurde am 8. März 2014 das Gesetz 373 verabschiedet, das die Industrie dazu verpflichtet, Chemikalien zu deklarieren, die in oberirdischen Tanks gelagert werden. Dies ist vermutlich das restriktivste Gesetz, das jemals in der Geschichte dieses Bundesstaats erlassen wurde. Maxime Robin

Fußnoten: 1 In der indischen Stadt Bhopal ereignete sich die bislang größte Industriekatastrophe der Geschichte. In der Nacht vom 2. auf den 3. Dezember 1984 führte ein Leck in einem MIC-Behälter zum Tod von mehreren tausend Menschen, mehrere hunderttausend wurden verletzt. 2 Nach einem Bürgerbegehren, eingebracht von der Organisation People Concerned About Chemical Safety, deren Vorsitz Maya Nye führt, schloss Bayer CropScience die Fabrik im Jahr 2011.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2015, von Maxime Robin

Le Monde diplomatique Jubiläumsabo

2020 feiert die deutschsprachige Ausgabe von Le Monde diplomatique ihren 25. Geburtstag

Und den wollen wir mit unseren Leserinnen und Lesern feiern – und zwar mit einem besonderen Abo, das Sie auch verschenken können: 25 Euro für ein Jahr LMd.