Tata - eine indische Legende

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Tata - eine indische Legende
Zwangsumsiedlungen

Tata – eine indische Legende

Im Inneren eines paternalistischen Weltkonzerns von Jyotsna Saksena

Werte, härter als Stahl“ – der Slogan des größten indischen Stahlkonzerns Tata Steel unterstreicht die Einzigartigkeit der größten privaten Unternehmensgruppe des Landes. Diese Werte, die an die Prinzipien von Firmengründer Jamshedji Nasarwanji Tata anknüpfen, heißen Vertrauen, Zuverlässigkeit und soziale Verantwortung.

Jeder in Indien kennt die Legende der Familie Tata, die ein Imperium gegründet hat, dem man in fast allen Lebensbereichen begegnet: von Nahrungsmitteln über Stahl, Chemie, Energie, Autos und Kosmetik bis hin zur Informatik. Den Produkten des Unternehmens entkommt in Indien niemand. Für die Bevölkerung ist Tata eng mit dem Aufbau der Nation verbunden: Das Unternehmen ist Teil der Entwicklung des Landes und seines wirtschaftlichen Schicksals seit Ende des 19. Jahrhunderts.

Die Legende beginnt im Jahr 1868. Damals verließ Jamshedji die Import-Export-Firma der Familie, die auch im Opiumhandel mit China tätig war,1 und gründete eine Textilfirma. Mit seinem ältesten Sohn Dorab und seinem Cousin Ratanji Dadabhoy Tata gründete er das Unternehmen, das heute unter dem Namen Tata Sons ltd. als größte Holding der Gruppe bekannt ist. Jamshedji stand der 1884 gegründeten Kongresspartei nahe, deren herausragende Persönlichkeit Mahatma Gandhi wurde, und stellte sich frühzeitig hinter deren Forderung nach Unabhängigkeit vom britischen Empire. Er sah in der wirtschaftlichen Stärke eine Voraussetzung für die politische Freiheit und entwickelte Ideen für so unterschiedliche Bereiche wie Stahlindustrie, Energie und Forschung. Wegen seiner Vision von der Entwicklung und Modernisierung des Landes erklärte Ministerpräsident Jawaharlal Nehru ein halbes Jahrhundert später, Jamshedji Tata sei „allein eine ganze Plankommission“ gewesen. Verwirklicht wurden seine Pläne allerdings erst nach seinem Tod 1904.

Unter der britischen Kolonialverwaltung gründete Tata seine ersten Unternehmen in den Bereichen Stahl, Energie, Zement, Öl, Versicherungen, Chemie, Luftfahrt und Fahrzeugbau. 1911 gründete der Konzern das berühmte Institut der Wissenschaften in Bangalore. Die Stadt ist heute vor allem auf dem Gebiet der IT-Dienstleistungen und Informationstechnologien ein Symbol des Fortschritts. Das 1944 in Bombay gegründete Tata-Institut für Grundlagenforschung wurde später zu einem weltweit angesehenen Kernforschungsinstitut, mit dem bedeutende Namen verbunden sind, wie C. V. Raman, der 1930 den Nobelpreis für Physik erhielt, und Homi K. Bhabha, der Vater der indischen Atombombe.

Nach der Unabhängigkeit 1947 stützte sich die weitere Expansion des Mischkonzerns auf die von der neuen Regierung vorangetriebene Politik der autonomen Entwicklung. Diese beruhte auf Planwirtschaft, dem Ausbau der Schwerindustrie, einer Industriepolitik, die auf inländische Produkte anstelle von Importen setzte, und dem Schutz des Binnenmarkts. Premierminister Nehru, Symbolfigur für die Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik, vertraute mehreren Direktoren des Unternehmens wichtige Posten in seiner Regierung an. Einer von ihnen, John Mathai, wurde 1948 Finanzminister.

Tata profitierte also von einem geschützten Markt, in dem es zu einem großen Monopolunternehmen gedeihen konnte. Es baute immer neue Bereiche auf, nacheinander folgten Klimaanlagen, Tee, IT-Technologie, Uhren, Schmuck und Brillen. Die Firma brachte mit Lakme auch die erste indische Kosmetikmarke auf den Markt, nachdem Nehru um Hilfe gebeten hatte, weil die Frauen des Landes gegen das Importverbot für Kosmetika protestierten.

Mit der Verstaatlichung seiner Luftfahrtgesellschaft Air India International 1953 und seiner Versicherungsgesellschaft erlitt das Unternehmen kleinere Rückschläge. Trotzdem wuchs der Konzern von 14 Firmen im Jahr 1938 auf 95 im Jahr 1991 an. Der damalige Chef Jehangir Ratanji Dadabhoy Tata – bekannt unter seinen Initialen JRD –, ein Neffe von Jamshedji und ebenfalls eine Legende der Familie, ist der einzige Geschäftsmann, der nach seinem Tod im November 1993 durch das indische Parlament geehrt wurde.

1992, am Vorabend der Öffnung und Liberalisierung der indischen Wirtschaft, stellten die Einnahmen des Konzerns fast 2 Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) dar. Dann investierte Tata im Ausland, vor allem in Großbritannien, wo es die Teemarke Tetley, den Stahlproduzenten Corus und den Automobilhersteller Jaguar-Landrover kaufte. In Indien selbst unterzog sich der Konzern einer Restrukturierung und setzte die Diversifizierung fort. Tata stieg in den Mobiltelefonmarkt ein, übernahm die Kontrolle über den ersten Internetprovider, stellte mit Indica das erste ausschließlich in Indien produzierte Auto her, und lieferte ab 2008 den Nano, das billigste Auto der Welt. 2013 wurde gemeinsam mit Singapore Airlines die Luftfahrtgesellschaft Vistara gegründet.

Der Ruf von Tata als besonderes Unternehmen beruht auf der paternalistischen Führung. Schon Ende des 19. Jahrhunderts gründete Jamshedji in seinen Textilfabriken Fonds für Renten und Arbeitsunfälle, baute Wohnungen und Sportanlagen. „Wir behaupten nicht, wir wären altruistischer, großzügiger oder philanthropischer als andere“, erklärte er. „Aber wir folgen einfachen und soliden Prinzipien, die Interessen unserer Aktionäre sind auch unsere, die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Mitarbeiter sind das sicherste Fundament für unseren Wohlstand.“2 Entsprechend dieser wohlverstandenen Interessen wurden in der 1907 von Jamshedjis Nachfolger Dorab gegründeten Tata Iron and Steel Company limited (Tisco) der Achtstundentag, kostenlose Gesundheitsversorgung und bezahlter Urlaub eingeführt.

Stahl, Strom, Getränke oder eine ganze Stadt

1908 ließ Dorab für die Fabrikarbeiter in einer der ärmsten Regionen Indiens, im heutigen Bundesstaat Jharkhand, eine ganze Stadt errichten, Jamshedpur, auch Tatanagar (Tatastadt) genannt. Die dortige Landbevölkerung wurde vertrieben, ihr Widerstand brutal unterdrückt. Das Unternehmen erhielt einen günstigen Standort – in unmittelbarer Nähe von Wasser und Eisenminen – und konnte fast umsonst riesige Flächen pachten. Die nachfolgenden Regierungen erneuerten die Pachtverträge als Gegenleistung für die Entwicklung der Stadt. Zudem konnte Tisco die Baukosten steuerlich absetzen. Um Arbeitskräfte anzulocken, erhielten die Mitarbeiter Wohnungen, die Schulen waren kostenlos, ebenso die medizinische Versorgung und die Sportanlagen, der Zugang zu Trinkwasser wurde garantiert.

Inmitten der grünenden Hügel wirkt Jamshedpur mit seinen breiten baumbestandenen Boulevards, den wunderbar gestalteten Grünanlagen, Seen und Flüssen, den Villen für die leitenden Angestellten und den unzähligen wissenschaftlichen, kulturellen und sportlichen Einrichtungen, die von Tata unterstützt werden, heute wie ein Vorzeigemodell der Stadtplanung. Am meisten beeindrucken jedoch die Sauberkeit und der Zugang zu Trinkwasser und Strom rund um die Uhr – in Indien ein Luxus! Die Luft ist sauber, trotz der großen Fabriken von Tata Steel – die hier immer noch Tisco heißt –, Tata Motors und Tata Powers.

Aber nicht alle Einwohner profitieren von dieser Lebensqualität. Obwohl Jamshedpur ständig wächst, gibt es keine einheitliche Stadtverwaltung. Der gepachtete Teil – die „Stahlstadt“, wie sie hier heißt (etwa ein Viertel der Stadtfläche) – wird von den Managern einer Tisco-Tochter verwaltet. Deshalb bestehen zwischen diesem Teil und dem Rest der Stadt in Bezug auf Infrastruktur und Ausstattung gewaltige Unterschiede. Die knapp drei Viertel der Bevölkerung, die nicht für das Unternehmen arbeiten, können von den beschriebenen Vorteilen nur träumen.

Eine andere Besonderheit des multinationalen Konzerns besteht darin, dass dank eines Systems gemeinnütziger Stiftungen Mitglieder der Familie Tata noch heute wichtige Kontrollfunktionen ausüben. Zwei Drittel der Aktien der Hauptholding Tata Sons ltd. sind in der Hand dieser Stiftungen, die wegen ihres gemeinnützigen Status in den Genuss massiver Steuervorteile kommen, bis hin zur völligen Befreiung von der Ertragsteuer. Durchschnittlich 10 Prozent ihrer gigantischen Einkünfte verwenden die Stiftungen, um soziale und ökologische Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, kulturelle Aktivitäten und Forschungseinrichtungen zu finanzieren – mit alldem sorgt Tata für sein Image als unerhört großzügiges Unternehmen.

Jedes Unternehmen der Gruppe ist gehalten, seine gemeinnützigen Aktivitäten aus eigenen Mitteln zu finanzieren, um Steuern zu sparen. Diese Aktivitäten, die zur Aura des Konzerns beitragen, „sichern eine bessere Eingliederung des Unternehmens in seine geografische Umgebung“, erklärt uns Ashok Mattoo, der 22 Jahre lang Leiter der Personal- und Sozialabteilung für Tata Steel war. So hat Tata Steel in Jamshedpur eine NGO gegründet, die Gesellschaft für ländliche Entwicklung, die mit ihren Initiativen mehr als 600 Dörfer in den Bundesstaaten Jharkhand und Odisha erreicht.

Zum Mythos Tata tragen allerdings auch andere Vorkommnisse bei. Als Tata Finance im Jahr 2002 wegen Unterschlagungen kurz vor dem Ruin stand, verpflichtete sich Ratan Tata öffentlich, die Kunden – zumeist Privatpersonen, deren gesamte Ersparnisse gefährdet waren – bis auf den letzten Cent auszuzahlen. Er hielt Wort, aber es kostete das Unternehmen fast 700 Millionen Euro. Was anfangs eine schwere Bedrohung für das Image des Konzerns war, stärkte paradoxerweise am Ende seinen Ruf.3

Tata hat sich auch der Entwicklung von Produkten für einkommensschwache Familien verschrieben. Besonders bekannt ist die Erfindung eines Wasserfilters für 1 000 Rupien (etwa 14 Euro) – unschätzbar in einem Land, in dem Hunderttausende Familien keinen Zugang zu Trinkwasser haben. Nach dem Tsunami von 2004 wurde zudem ein Wetterwarnsystem für Fischer entwickelt. Das bekannteste Beispiel ist jedoch der Kleinwagen Nano: Der Legende zufolge hatte Ratan Tata gesehen, wie eine vierköpfige Familie auf einem der weit verbreiteten, aber gefährlichen Scooter fuhr. Er entwarf eine Autokarosserie um ein Zweirad herum und forderte die Ingenieure von Tata-Motors auf, ein solches Fahrzeug für umgerechnet 1 300 Euro zu produzieren.

Die paternalistische Firmenleitung und ein System hauseigener Gewerkschaften sorgen dafür, dass es nur selten zu sozialen Unruhen kommt. Die unabhängig arbeitenden Firmen haben ihren je eigenen Aufsichtsrat und ihre eigene Gewerkschaft. Für die Mitarbeiter (nicht die leitenden Angestellten) ist der Beitritt mehr oder weniger obligatorisch. Fragen zu Arbeitsbedingungen und Löhnen werden in Konsultativkomitees in jeder Fabrik geklärt.

In den letzten Jahrzehnten gab es nur vereinzelte Proteste oder Unruhen. So wollten 1988 die Beschäftigten bei Tata Motors Lohnerhöhungen sowie die Wiedereinstellung eines entlassenen Gewerkschafters durchsetzen (lediglich die Lohnforderungen bekamen sie am Ende erfüllt), und 2003 protestierten sie bei Titan Industries (Hersteller von Uhren und Brillen) gegen den Versuch, Lohnerhöhungen an Produktivitätssteigerungen zu binden.

Doch die Zeiten des großzügigen Paternalismus sind wohl vorbei. Heute stehen auch für Tata Globalisierung, Umstrukturierung und möglichst geringe Lohnkosten im Vordergrund. Überall setzt die Firmenleitung die Senkung der Produktionskosten durch. Dafür tastet sie die Löhne der festangestellten Mitarbeiter zwar nicht an, greift aber verstärkt auf Zeitarbeitskräfte zurück und steigert die Produktivität. Bei Tata Steel in Indien ging die Zahl der Arbeitsplätze zwischen 1994 und 2013 von 77 448 auf 36 199 zurück – eine Halbierung der Beschäftigtenzahl, die durch Abfindungen für freiwilliges Ausscheiden und Vorruhestandsregelungen möglich wurde.

Ein Angestellter von Tisco, der anonym bleiben möchte, erzählt, dass der erste Umstrukturierungsplan aus den 1990er Jahren in Jamshedpur als Vorruhestandsgeld die Fortzahlung eines erhöhten Monatslohns für den Rest der Dienstzeit anbot (allerdings ohne Inflationsausgleich, bei einer Inflation von 12 bis 15 Prozent jährlich). Im Todesfall vor dem 60. Geburtstag wurde das Geld an die Familie ausgezahlt.

Bald folgten andere, nicht ganz so vorteilhafte Pläne. Außerdem wurden verschiedene Errungenschaften gestrichen, darunter die Klausel über die obligatorische Einstellung eines Familienmitglieds, wenn ein Angestellter in Rente geht, die JRD Tata 1968 in die Charta der Fabrik geschrieben hatte. Ausgehandelt wurden diese Einsparungspläne von Funktionären der einzigen Gewerkschaft bei Tata Steel, der wohlhabenden Tata Workers Union (TWU), die über einen Sozialfonds für ihre Mitglieder und deren Familien verfügt. Die Umstrukturierungen seien „für das Überleben des Konzerns unvermeidbar“ gewesen, erklären die Gewerkschaftsfunktionäre im Hauptsitz der TWU, einem schönen klimatisierten Gebäude im Stadtzentrum.

Ebenfalls mit Zustimmung der Gewerkschaft beschloss die Direktion 2008, aus dem nationalen Metallurgieverband auszutreten, der landesweit Branchenlöhne aushandelt. 2010 wurde bei Tata Steel eine Revision der Lohntabelle ausgehandelt. Zwar bleibt die Teuerungszulage bei den Grundlöhnen erhalten, aber der Vertrag sieht vor, dass neu eingestellte Arbeiter, Meister oder Ingenieure nach einer veränderten Tabelle 25 Prozent weniger Gehalt bekommen. Ihre Teuerungszulage wird nicht mehr an die hohe Inflation (2014: 9,3 Prozent) gekoppelt.

Auch die sonstigen Zulagen (für Wohnung, Fahrtkosten, Nachtarbeit und so weiter) sinken. Künftig erhalten also Beschäftigte für die gleiche Arbeit je nach dem Zeitpunkt ihrer Einstellung unterschiedliche Löhne. Wenn man die Funktionäre fragt, warum die Gewerkschaft das akzeptiert hat, schieben sie die Schuld auf die vorige Gewerkschaftsführung. Aber sie stellen die Vereinbarungen nicht infrage, weil Tata ihrer Meinung nach „nur“ 20 Prozent der historischen Vergünstigungen gestrichen hat. Der Stolz, zu Tisco zu gehören, wiegt alles andere auf.

Obwohl einige Beschäftigte uns gegenüber Kritik an diesen Kompromissen üben, sehen sie keine Möglichkeit, eine andere Gewerkschaft zu gründen. „Bei der Einstellung muss man in diese Gewerkschaft eintreten, das ist ein ungeschriebenes Gesetz“, erklärt einer von ihnen. „Alle Festangestellten sind Mitglieder. Manchmal kommen ein paar Aktivisten des Centre of Indian Trade Unions [eine marxistische, der Kommunistischen Partei Indiens nahestehende Gewerkschaft] und verteilen vor dem Werktor Flugblätter. Aber wehe dir, wenn man dich bei ihnen sieht. Das kann dazu führen, dass sie dich rauswerfen.“ Dann fügt er noch schnell hinzu: „Aufgrund der momentanen neoliberalen Wirtschaftspolitik sind uns zwar schon einige Errungenschaften gestrichen worden – und vielleicht werden es auch noch mehr –, aber trotzdem wird Tisco die meisten Fortschritte des letzten Jahrhunderts, denen wir und unsere Familien unseren heutigen Lebensstandard verdanken, nicht zurücknehmen.“ Das glauben offenbar viele.

Das billigste Auto der Welt

Tisco stellt immer mehr Arbeitskräfte über einen Vermittler, eine Art Zeitarbeitsfirma ein. Die Zeitarbeitskräfte sind nicht durch die TWU geschützt und genießen nicht die Vorteile der Festangestellten. Trotzdem wollen sie in diesem Unternehmen arbeiten. Am Fabriktor treffen wir einen von ihnen, einen etwa dreißigjährigen Mann, dessen Vater und Großvater bis zur Rente bei Tisco gearbeitet haben. Er erklärt uns die Gründe: „Ich kann sicher sein, dass ich am Monatsende mein Gehalt bekomme, ich kann in der Kantine essen, ich bin krankenversichert, und die Arbeitsbedingungen sind immer noch besser als anderswo.“ Die Zeitarbeitskräfte erhalten nur den staatlich festgelegten Mindestlohn, ein Viertel oder sogar nur ein Fünftel dessen, was die Festangestellten verdienen, und sie genießen keinen Kündigungsschutz. Aber ihre Zahl steigt ständig an, in Jamshedpur sind es 12 000.

In anderen Tochtergesellschaften wie der 1968 gegründeten Tata Consultancy Services (TCS), heute das Flaggschiff des Konzerns und das mit Abstand rentabelste Unternehmen der Gruppe, sind auch die Festangestellten nicht vor Entlassung gefeit. Bei TCS, die weltweit IT-Services, Beratungsleistungen und Geschäftslösungen anbieten, arbeiten fast 60 Prozent der Beschäftigten des Konzerns. Doch weil sie nicht gewerkschaftlich organisiert sind, können sie trotz ihrer hohen Qualifikation mit einmonatiger Kündigungsfrist entlassen werden.

Scharfe Kritik zieht Tata auch mit seinen Aktivitäten in den rohstoffreichen Waldgebieten auf sich, in denen arme autochtone Stämme und Dalits leben (siehe Spalte). Eine andere Konzerntochter, die Amalgamated Plantations Private Limited (APPL), steht wegen Verletzung der Arbeitnehmerrechte auf Teeplantagen in Assam und Westbengalen vor Gericht. Die überwiegend weiblichen Arbeitskräfte werden unter der Stammesbevölkerung und den Dalit rekrutiert. Der APPL, zu deren Aktionären auch ein Institut der Weltbank (International Finance Corporation) gehört, wird vorgeworfen, gegen das Arbeitsrecht zu verstoßen, keine Schutzausrüstungen zu stellen und Gewalt anzuwenden. Die Ergebnisse der Untersuchung zu der Klage mehrerer NGOs sind noch nicht bekannt.4

Festzuhalten bleibt allerdings, dass diese Kontroversen trotz des Engagements von Aktivisten und Wissenschaftlern in den indischen Medien nur auf ein geringes Echo stoßen. Das Image von Tata Tea wird bei den Indern eher positiv durch Werbespots wie „Jaago Re!“ (Wacht auf!) geprägt als durch die problematische Menschenrechtssituation auf ihren Plantagen.

Weit schädlicher für Tata ist die Verbindung seines Namens mit den öffentlichen Skandalen unter der Regierung von Manmohan Singh (2009 bis 2014). Es geht um Unregelmäßigkeiten bei der Erteilung von Telekommunikationslizenzen5 und um die „Radia tapes“-Mitschnitte von Telefongesprächen der Lobbyistin Nira Radia, die die Beziehungen zwischen Unternehmen, Regierungspolitikern und Medien enthüllen.6 In den Telefonaten ist die Rede von Schmiergeldern, die Tata Motors und Tata Steel gezahlt haben sollen. Bei Tata Motors ging es um einen staatlichen Auftrag für Autobusse in Tamil Nadu und bei Tata Steel um eine Lizenz zur Ausbeutung einer Eisenmine in Jharkhand. Die Untersuchungen laufen noch. Dazu kommen Steuerverfahren gegen einige Unternehmen des Tata-Konzerns, darunter Apex Investments, das seinen Sitz im Steuerparadies Mauritius hat.

Trotz alldem hat der Konzern seinen Kredit bei der Öffentlichkeit noch nicht verspielt. Aber wie lange noch? Seit dem 28. Dezember 2014 steht zum ersten Mal in der Firmengeschichte kein Tata mehr an der Spitze des Konzerns, sondern Cyrus Pallonji Mistry. Immerhin hat dessen Schwester Noël Tata geheiratet, den Halbbruder von Ratan Tata, der seinen Platz als CEO frei gemacht hat, und Mistrys Vater hält 18 Prozent der Aktien von Tata Sons ltd. Er ist also kein Fremder. Der neue Chef hat im Juli 2014 seine Vision für das Jahr 2025 veröffentlicht und Investitionen von 35 Milliarden Dollar in den nächsten drei Jahren versprochen, um das Imperium zu „konsolidieren und zu erweitern“.

Fußnoten: 1 Siehe Amalya Bagchi, „JRD Tata 1904–1993“, Economic and Political Weekly, Nr. 52, Bombay, 25. Dezember 1993. 2 Russi M. Lala, „The Creation of Wealth“, Neu-Delhi (Penguin Books India) 2004. 3 Morgen Witzel, „The Evolution of a Corporate Brand“, Neu-Delhi (Penguin Books India) 2010. 4 Max Bearak, „Hopes, and homes, crumbling on tea plantations“, The Hindu, Neu-Delhi, 17. Februar 2014. 5 „2G scam“, 13. August 2014: www.business-standard.com. 6 „Radia tapes“, 29. August 2014: www.firstpost.com.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Jyotsna Saksena ist Politologin.

Wann wie viel

Tata wurde 1868 gegründet und hat heute mehr als eine halbe Million Beschäftigte. Unter dem Dach der beiden Holdings – Tata Sons ltd., gegründet 1886, und Tata Industries (1944) – arbeiten zahlreiche Konzerntöchter, darunter die Tata Consultancy Services, Tata Motors, Tata Steel, Tata Global Beverages et cetera.

Im Geschäftsjahr 2013 (von März 2013 bis März 2014) machte der Mischkonzern 103,27 Milliarden Dollar Umsatz, davon gut zwei Drittel mit Aktivitäten im Ausland. Der Gewinn im Geschäftsjahr 2011/2012 betrug 5 Milliarden Dollar. Von den gut 580 000 Beschäftigten arbeiten 57,7 Prozent im Geschäftsfeld Kommunikation und Informationstechnologie, 15 Prozent im Engineering, 13,9 Prozent in der Rohstoffgewinnung, 7 Prozent im Dienstleistungssektor, 3,7 Prozent im Bereich Konsumgüter, 1,6 Prozent im Bereich Energie und 1 Prozent im Bereich Chemie.

Tata ist der zweitgrößte Teeproduzent der Welt, der siebtgrößte Lkw-Bauer und der zehntgrößte Stahlproduzent. Bei den IT-Dienstleistungen rangiert das Unternehmen auf Platz 6. Äußerst aktiv ist die Gruppe auch bei Telefonie und Internet, Telekommunikationsdienstleistungen für Unternehmen und in der Hotellerie. Ihr gehören die Indian Hotels Company und das berühmten Taj Mahal Hotel in Mumbai.

Zwangsumsiedlungen

Anfang der 1990er Jahre beschloss die Regierung des Bundesstaats Odisha, einen Industriekomplex zu errichten. Sie kaufte den Bauern von Kalinganagar Land ab. In der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen hatten sich die Bauern bereit erklärt wegzugehen. Sie wurden jedoch bald enttäuscht. Viele von ihnen besaßen keine Eigentumstitel für ihr Land und erhielten keinerlei Entschädigung. Bei den anderen war sie, verglichen mit dem Kaufpreis, den die Regierung später den Unternehmen anbot, lächerlich gering. Auch die Angebote für Umsiedlung und berufliche Neuorientierung waren unbefriedigend.

Schon 1997 gab es bei den ersten Vertreibungen gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Bauern. Dann wurde die Organisation Visthapan Virodhi Jan Mancha (Forum der Völker gegen die Umsiedlung) gegründet, um die Rechte der Bauern zu verteidigen. Als Tata Steel beschloss, ein neues Stahlwerk mit einer Kapazität von 6 Millionen Tonnen pro Jahr zu bauen, kam es zu massiven Protesten. 2006 konnte der Konzern das von der Regierung gekaufte Land nur unter Polizeischutz in Besitz nehmen. Bei den Protesten starben 13 Menschen, darunter ein Polizist, 37 Bauern wurden verletzt.

Der Konzern versichert, dass die Bevölkerung nach diesen und weiteren Zwischenfällen im Jahr 2010 höhere Entschädigungen erhalten habe und dass man darüber hinaus zugesagt habe, aus jeder umgesiedelten Familie mindestens einen Erwachsenen einzustellen. Die erste Bauphase der Fabrik wird demnächst abgeschlossen sein. Am Ende wird Tata Steel in den beiden Fabriken in Jharkhand und Odisha insgesamt 16 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr produzieren.

Die Verteidiger der ursprünglichen Bewohner erzählen eine andere Version der Geschichte, die wenig mit der Tata-Legende zu tun hat. Sie nennen Beispiele von Erweiterungsplänen für Eisenminen in Noamundi und ein Stahlwerk für 5 Millionen Tonnen jährlich in Lohandiguda. Und sie behaupten, dass dort, im Bundesstaat Chattisgarh, die gesetzlichen Verfahren manipuliert worden seien, um die Zustimmung der Dorfräte, der gram sabha, und die Genehmigung der Umweltbehörde zu erhalten.1

Ähnliche Auseinandersetzungen gibt es um den Vertrag für eine Kohlegrube in Gopalpur, Odisha. Die Dorfbewohner erklären, niemand habe jemals mit ihnen darüber geredet, die Behörden behaupten das Gegenteil. Inzwischen hat der oberste Gerichtshof die Genehmigung für Gopalpur ebenso wie die für fast alle anderen derartigen Projekte, die im Zeitraum 1993 bis 2010 bewilligt wurden, wegen „willkürlicher“ und „illegaler“ Erteilung wieder zurückgezogen.

Fußnote: 1 Siehe „Singur rerun in Bastar, Tata’s project hangs fire“, 15. August 2013, www.indiatimes.com.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2015, von Jyotsna Saksena

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