Traditionalismus und Herrschaft

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Traditionalismus und Herrschaft

Traditionalismus und Herrschaft

Der Kampf um den rechten Glauben und die staatliche Macht in der arabischen Welt von Nabil Mouline

Hegemoniebestrebungen des muslimischen Traditionalismus sind in der arabischen Welt keine neue Erscheinung. Seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts hat Traditionalismus in verschiedenen Formen und Bezeichnungen stets einen zentralen Platz eingenommen – nach erbitterten Kämpfen, bei denen die Strömungen der Neuerer oder auch Erneuerer des Islams auf der Strecke blieben.

Erst ab dem 19. Jahrhundert wurde die alte Ordnung, wenn auch ungewollt, durch den Kolonialismus zunehmend erschüttert. Westliche Vorstellungen und Wertesysteme drangen in die islamische Welt ein. Sie öffneten den Blick und ermöglichten die Entfaltung neuer intellektueller, politischer und religiöser Bewegungen. Der muslimische Traditionalismus bestand jedoch weiter. Nach einer Periode der erzwungenen Anpassung zu Beginn des 20. Jahrhunderts meldete er sich wieder zu Wort und erhob den Anspruch, die wahren Werte des Islams gegen eine invasive Moderne zu verteidigen.

Die Erneuerung und Ausbreitung des Traditionalismus, ob nun in rein religiöser Form (wie beim Wahhabismus1 ) oder in seiner politisch-religiösen Ausprägung (wie bei den Muslimbrüdern und dem Dschihadismus), hat vielfache Ursachen, bei denen auch sozioökonomische Faktoren mitspielen. Daneben gibt es jedoch noch weitere entscheidende Variablen, die eine eingehende Analyse verdienen. Im Lauf des 20. Jahrhunderts versuchten mehrere muslimische Staaten, ihr religiöses Kapital einzusetzen, um ihr Ansehen zu verbessern und ihren internationalen Einfluss auszuweiten.

Am eindrucksvollsten ist das Saudi-Arabien gelungen, in einer überaus umfassenden und langfristigen Weise. Der Wahhabismus, der dem Hanbalismus (einer der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islams) angehört, bezeichnete sich seit seiner Entstehung im 18. Jahrhundert als einzige wahre Religion. Seine wörtliche, konservative und exklusive Auslegung des Islams sollte also für alle gelten. Wer sie ablehnte, wurde zum Heuchler, Häretiker oder gar Ungläubigen erklärt. Die politischen und religiösen Vertreter des saudischen Wahhabismus hatten jedoch weder die personellen noch die finanziellen Mittel, um ihre Ziele zu verwirklichen. Zudem genoss ihre Doktrin keinen guten Ruf und wurde von ihren Gegnern nicht ohne Grund des Extremismus bezichtigt.

Nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich diese Situation von Grund auf. König Abd al-Aziz ibn Saud, der Gründer des modernen saudischen Königreichs, nutzte die Neuordnung der Region, um seine Interessen durchzusetzen. Unter anderem machte er sich daran, den Ruf des Wahhabismus zu verbessern und benannte ihn kurzerhand in Salafismus um. Er wollte alle Muslime davon überzeugen, dass diese Doktrin genau dem Glauben und den Praktiken der Salaf (der Altvorderen aus der Frühzeit des Islams) entsprach. Sein größter Erfolg war, dass er mehrere einflussreiche Intellektuelle und Ulemas (Religionsgelehrte) für seine Sache gewinnen konnte. Zudem genoss Saudi-Arabien damals ein hohes Ansehen, weil es zwischen den Weltkriegen das einzige unabhängige arabische Land2 geblieben war. Das alles verhalf dem Wahhabismus zum Status einer neuen Orthodoxie.

Die große Expansion des Wahhabismus begann während der 1960er Jahre. Der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Ägypten beförderte sie ebenso wie der wachsende Reichtum der Saudis durch den Erdölexport. Um die panarabischen Ambitionen des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser abzuwehren, präsentierte sich das Königreich als Schutzmacht des Islams und der traditionellen Werte und proklamierte eine Politik der „islamischen Solidarität“. Unter diesem Banner entstanden zahlreiche politische, ökonomische, soziale und religiöse Institutionen, wie die islamische Weltliga, die Islamische Universität Medina und viele andere. Unterstützt wurden die Saudis von den Muslimbrüdern, die von Nasser aus Ägypten vertrieben worden waren und damals im Königreich herzlich aufgenommen wurden.

Nach dem israelisch-arabischen Krieg im Juni 1967, der das Ende des Panarabismus einläutete, baute Saudi-Arabien seinen Einfluss weiter aus. Es nutzte die genannten Institutionen, um seinen Islam zu exportieren, und nahm dafür sehr viel Geld in die Hand. Die Islamische Weltliga erweiterte ihre Tätigkeit auf den Bau von Moscheen, humanitäre Hilfe, Jugendprojekte, Bildung, Koranschulen und vieles mehr. Die Islamische Universität Medina bildete Einheimische und Ausländer aus, um die Botschaft des Wahhabismus in die Welt zu tragen. Seit ihrer Gründung 1961 haben etwa 45 000 religiöse Kader aus 167 Ländern diese Schule durchlaufen. Hinzu kommen Tausende Studenten aus aller Welt, die andere saudische Bildungseinrichtungen im In- und Ausland besucht haben.

Die große Expansion des Salafismus

In Saudi-Arabien selbst wurden ständig offizielle, halboffizielle und private Institute eröffnet, um die ständig wachsende religiöse Nachfrage zu befriedigen. Parallel zu diesem institutionellen Netzwerk finanzierte das Königreich, meist sehr diskret, Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, die mehr oder weniger den saudischen Interessen dienen. So soll das Land mehr als 4 Milliarden Dollar ausgegeben haben, um in den 1980er Jahren die Mudschaheddin in Afghanistan zu unterstützen.

Natürlich engagierten sich die politisch-religiösen Behörden auch da, wo sich Ideen besonders gut verbreiten lassen: in den Medien und im Internet. Seit den 1990er Jahren hat Saudi-Arabien Dutzende Satellitensender und Hunderte Webseiten ins Leben gerufen. Über die sozialen Netzwerke, die natürlich ebenfalls einbezogen sind, werden verschiedenste Dienstleistungen, auch in mehreren Sprachen, angeboten. Neben dem staatlich finanzierten Engagement bei den neuen Technologien werden aber auch die alten Kommunikationsmittel weiterhin genutzt: Seit den 1980er Jahren haben die Saudis Millionen religiöser Broschüren, Kassetten, CDs und Bücher überall in der Welt für wenig Geld oder gratis verteilen lassen.

So hat sich der Wahhabismus als Orthodoxie durchgesetzt, zu der alle anderen Glaubensrichtungen Stellung beziehen müssen. Geholfen haben die Ölmilliarden, die Tatsache, dass die Wallfahrtsorte des Islams auf saudischem Territorium liegen, die Schlichtheit seiner Gebote und der Eifers seiner Anhänger. Seine wirksamste Waffe ist die Fähigkeit seiner Würdenträger, sich mit jedem beliebigen Regime zu verbünden oder zumindest zu arrangieren, wenn es ihnen ermöglicht, die Gesellschaft von unten zu islamisieren.

Die Wiedererrichtung des Kalifats gehört nicht zu seinen Zielen – anders als bei den Muslimbrüdern, die seit ihrer Gründung durch Hassan al-Banna um 1928 die ursprüngliche politische und religiöse Einheit der Umma, der Gemeinschaft der Muslime, wiederherstellen wollen. Um diese Utopie zu verwirklichen, gab al-Banna eine klare Strategie vor: Man müsse erst die Gesellschaft von unten islamisieren und die Spaltung in verschiedene theologische und Rechtsschulen überwinden, bevor man die Macht erobern und islamische Staaten gründen könne. Diese würden die traditionellen religiösen Werte garantieren und durch eine enge Zusammenarbeit den Integrationsprozess vorantreiben, der dann ganz natürlich in das Verschwinden der Grenzen und die Proklamation des Kalifats münden würde.

In den ersten Jahren ihrer Existenz war die Orientierung der Muslimbrüder zwar traditionalistisch, aber relativ gemäßigt. Sie übernahmen viele westliche Ideen zumindest in ihre Rhetorik, um auch in der modernen Politik aktiv zu werden und sie schließlich kontrollieren zu können. Die Bruderschaft verbreitete sich zwar rasch in Ägypten und darüber hinaus, doch all ihre Versuche, die Macht zu erringen, scheiterten. Ende der 1940er Jahre begann in ihrem Innern ein Prozess der Radikalisierung, der sich in den 1950ern als Reaktion auf die brutale Unterdrückung durch Nasser noch verstärkte.

In diesem angespannten Umfeld entwickelte Sayyid Qutb (1906–1966), einer der Ideologen der Bruderschaft, seine Ideen. 1950 hatte dieser ehemalige Journalist eine Wandlung vollzogen, die für die arabisch-muslimische Welt gewaltige Folgen haben sollte – in politischer und religiöser Hinsicht. Qutb vertrat die Ansicht, die Welt sei vom Glauben abgefallen. Die wahren Gläubigen seien nun in der Minderheit und müssten „emigrieren“, das heißt, sich geistig wie physisch von den ungläubigen Gesellschaften abgrenzen. Wenn eine solide Basis geschaffen sei, würden diese Auserwählten die Eroberung der Macht in Angriff nehmen, mit einen totalen Dschihad den islamischen Staat errichten und das islamische Gesetz durchsetzen.

Diese Theorie der Abschottung, die in der muslimischen Geschichte nicht neu ist, wurde sehr schnell zum Fundament des modernen Dschihadismus. Der vermischte sich mit dem Wahhabismus, dem Maudadismus3 und auch europäischen – vor allem faschistischen und kommunistischen – Ideologien und wurde dadurch in den Händen von Gruppen wie al-Qaida, der Al-Nusra-Front und dem Islamischen Staat noch viel gefährlicher.

Zwar folgten die meisten Muslimbrüder Qutbs Argumention nicht, verwarfen den Dschihadismus und behielten ihre bisherigen Aktionsformen bei. Doch dem Traditionalismus blieben sie treu, schließlich wollten sie ihren Marktanteil behalten. Trotz regionaler Eigenheiten haben alle Bewegungen, die sich den Muslimbrüdern irgendwie zugehörig fühlten, eines gemein: die Entschlossenheit, die Gesellschaft zu islamisieren. Der Traum, die politische Macht einst teilweise oder ganz zu übernehmen, ob durch Unterwanderung oder Beteiligung am demokratischen Spiel, wurde nie ganz aufgegeben.

Muslimbrüder gegen Dschihadisten

Alle Regime, die nach der Entkolonialisierung in der arabischen Welt die Macht ergriffen, instrumentalisierten in irgendeiner Weise die Religion und vor allem den Traditionalismus, unabhängig von ihrer politischen Prägung. Das Scheitern oder das schlichte Nichtvorhandensein eines nationalen Einheitsprojekts legte es diesen Regimen nahe, religiöse Werte für ihre Zwecke zu nutzen. Anfangs versuchten sie, über Universitäten wie al-Azhar in Ägypten, Zitouna in Tunesien und al-Qarawiyin in Marokko Macht über die religiöse Lehre und deren Wortführer zu erlangen. Die Folge war, dass die Vertreter dieser Einrichtungen, die eine Quasimonopolstellung innehatten, nicht nur dauerhaft diskreditiert wurden, sondern plötzlich Konkurrenz von neuen religiösen Akteuren bekamen, vor allem von den Muslimbrüder und den Wahhabiten. Das spirituelle Feld zersplitterte und, schlimmer noch, die Traditionalisten machten einander erbittert Konkurrenz.

Ab Anfang der 1970er Jahre versuchten die meisten Regime in der Region, diese religiösen Unternehmer mit der gebotenen Vorsicht für ihre Zwecke einzuspannen. So bedienten sich mehrere Regierende – wie Präsident Sadat in Ägypten und König Hassan II. in Marokko – der Muslimbrüder, um sich der laizistischen Opposition zu entledigen. Mit Billigung des Staats schwächte die Bruderschaft nachhaltig den Einfluss der Linken, vor allem in Schulen, Universitäten und Gewerkschaften. Aber das war nicht alles: Die Machthaber wilderten auch noch auf dem ideologischen Terrain der Muslimbrüder, einerseits um sie zufriedenzustellen, andererseits und vor allem, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Das geschah nicht nur auf dem Gebiet der Rechtsprechung (wie bei der Verankerung des Islams beziehungsweise der Scharia in der Verfassung, beim Personenstandsrecht und beim Strafrecht), sondern auch im Bereich der Bildung (etwa im Hinblick auf Lehrpläne) und der Medien. Das gipfelte darin, dass die Staatschefs keine Gelegenheit ausließen, ihre Religiosität zur Schau zu stellen: durch demonstrative Abhaltung religiöser Rituale, Pilgerreisen nach Mekka und den Bau von Moscheen.

Auch wenn die Muslimbrüder toleriert und instrumentalisiert wurden: Das Misstrauen gegen sie blieb bestehen. Niemand vergaß, dass das politische Endziel der Bruderschaft nach wie vor die Machtübernahme war. Deshalb versuchten die Regime nach Möglichkeit, die Muslimbrüder zu diskreditieren, zu schwächen oder gar zu vernichten. So zum Beispiel in Saudi-Arabien Anfang der 1990er Jahre, nachdem es zu Protesten gekommen war. Andere Regierungen begannen, vor allem nach den Attentaten vom 11. September 2001, sich nicht mehr auf die Muslimbrüder, sondern – mit einem ähnlichen Kalkül – auf die Sufi-Bruderschaften zu stützen. Es funktionierte nicht.

Mit dem Aufstieg der Muslimbrüder nach den Volksaufständen von 2011 entdeckten mehrere Regime deshalb die Vorteile des Wahhabismus: seine Feindschaft zu den Muslimbrüdern, sein politischer Antimodernismus und sein Gebot, den Regierenden bedingungslos zu gehorchen. All dies haben die Regime weidlich ausgenutzt; und für die kommenden Jahre sind weitere geheime Absprachen zu erwarten. Es weist also alles darauf hin, dass der religiöse Traditionalismus seine Expansion fortsetzen wird, umso mehr als die Zivilgesellschaften schwach sind und von den Intellektuellen, vor allem den fortschrittlichen, kaum jemand übrig ist.

Fußnoten: 1 Benannt nach dem Gründer der Bewegung, Muhammad ibn Abd al-Wahhab. 2 Einige Länder waren, wie Ägypten, formal unabhängig, faktisch aber unter britischer Kontrolle. 3 Benannt nach Abu al-Ala Maududi (1903–1979), einem indisch-pakistanischen Intellektuellen, Religionsgelehrten und Politiker. Er war einer der wichtigsten Vordenker des modernen Islamismus.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Nabil Mouline ist Forscher am historischen Institut CNRS/EHESS, Paris, und Autor von: „Les Clercs de l’islam. Autorité religieuse et pouvoir politique en Arabie Saoudite“, Paris (Presses universitaires) 2011.

Le Monde diplomatique vom 09.04.2015, von Nabil Mouline

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