17.12.1999

Treibhaus Erde

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Treibhaus Erde

Von DOMINIQUE FROMMEL *

Im Verlauf dieses Jahrhunderts ist es zu beträchtlichen Veränderungen des natürlichen Klimakreislaufs gekommen. Auf Grund der Anreicherung von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre ist die globale Durchschnittstemperatur in den letzten hundert Jahren so schnell gestiegen wie in den zehntausend Jahren zuvor. Beim Treibhauseffekt handelt es sich indessen um ein notwendiges Phänomen, ohne das die Oberflächentemperatur der Erde auf unter null Grad absinken würde. Er entsteht durch Wasserdämpfe und bestimmte Gase in der Atmosphäre, darunter Kohlendioxid (CO2) und Methan. Diese Gase bilden einen nur für bestimmte Lichtstrahlen durchlässigen Filter und können gleichzeitig einen Teil der von der Erdoberfläche zurückgeworfenen Wärmestrahlung absorbieren. Diesem Schutzschild verdankt die Erde eine Temperatur, die das Leben gedeihen lässt.

Dass die Menschen für den außergewöhnlichen Temperaturanstieg der Erde verantwortlich sind, wird heute von niemandem mehr ernsthaft bestritten. Als gesichert gilt, dass die durch Bevölkerungswachstum und Industrie bedingte Verbrennung fossiler Energieträger für den erhöhten Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre verantwortlich ist.1 Falls sich dieser unkontrollierte Ausstoß im kommenden Jahrhundert unvermindert fortsetzt, könnte die Temperatur um 1,0 bis 3,5 Grad Celsius steigen; im 20. Jahrhundert betrug die Erhöhung etwa 0,5 Grad.

Im öffentlichen Bewusstsein wird seit der ersten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen im Jahr 1972 Umweltproblemen immer mehr Beachtung geschenkt. Präventivmaßnahmen gegen Störungen des Klimasystems – in der Vergangenheit ein Luxus, den sich nur die reichen Länder leisten konnten –, sind zu einem der wichtigsten Anliegen der nachhaltigen Entwicklung geworden. Obwohl das Thema in den Medien starke Resonanz erfährt, herrscht nach wie vor Verwirrung und Unkenntnis hinsichtlich des Treibhauseffekts. Dabei muss man sich nur über zwei oder drei grundsätzliche Fragen klar werden: Welche Auswirkungen auf die Ökosysteme und die Gesundheit hat die Erwärmung? Gibt es Mittel, diese Auswirkungen abzumildern, und wenn ja, welche?

Die Wahrscheinlichkeit und Intensität von Klimaveränderungen in der einen oder anderen Weltregion lässt sich heute wissenschaftlich noch nicht genau vorhersagen. Ferner bestehen Unsicherheiten bezüglich des Ausmaßes der im 21. Jahrhundert zu erwartenden Erwärmung. Schon heute ist jedoch klar, dass diese Umwälzungen nicht überall auf der Erde gleich verlaufen werden. Sie werden sich vor allem in der Verschärfung extremer klimatischer Bedingungen äußern und in erster Linie die schwächsten Bevölkerungsgruppen treffen, auch wenn niemand vollständig verschont bleiben wird.

Welches Szenarium angesichts des zunehmenden Kohlendioxidausstoßes am ehesten zu erwarten ist, lässt sich leicht ausmalen: Der Treibhauseffekt verstärkt sich, die Temperatur auf der Erde steigt, der Wasserkreislauf beschleunigt sich, die Verdunstung und der Wasserdampfgehalt in der Atmosphäre nehmen zu. Die abschirmende Wirkung wird stärker, und alle Kontinente erleben intensivere Regenfälle. Der durch das Schmelzen von Polareis steigende Meeresspiegel gefährdet die Küstenzonen, es kommt zur Versalzung der Deltas und zur Überschwemmung von Küstenstreifen und Inselgruppen. Wiederkehrende Trockenheiten verringern die Ausdehnung und Vielfalt der Vegetationsräume und verschärfen die Trinkwasserknappheit. Neben all diesen Verschiebungen wird auch die Häufigkeit von Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen, Überschwemmungen, Waldbränden und Erdrutschen zunehmen.2 Zur Erinnerung: 1997/98 war es durch das Klimaphänomen El Niño im Pazifikgürtel zu Störungen und Schäden in bis dahin unbekanntem Ausmaß gekommen.

ZWAR können sich gewisse Ökosysteme an den Klimawandel anpassen, allerdings um den Preis grundlegender Veränderungen, die ihrerseits weitreichende Folgen haben. Hochkonzentriertes Kohlendioxid wirkt wie ein Düngemittel und fördert das Wachstum der kräftigsten Pflanzenarten, auf Kosten der schwächsten. Das hat eine Abnahme der biologischen Vielfalt zur Folge.3 Welche Auswirkungen die Temperaturveränderungen auf die Gesundheit des Menschen haben werden, ist Gegenstand zahlreicher interdisziplinärer Forschungsprojekte. Die Schlussfolgerungen aus diesen Studien sind auf den ersten Blick jedoch wenig spektakulär, da sich der Mensch durch eine hohe Anpassungsfähigkeit auszeichnet. Natürlich werden Hitze- wie Kältewellen zu neuen Höchstziffern an Todesfällen führen. Der Süden hat schon heute unter Wirbelstürmen und Überschwemmungen schwer zu leiden. Bekannt ist, dass durch die erhöhte ultraviolette Strahlung das Hautkrebsrisiko beträchtlich zunimmt und das Immunsystem geschwächt wird.4 Zusätzlich greifen die bei der Verbrennung fossiler Energieträger freigesetzten festen Schwefelpartikel (Aerosole) die Atmungsorgane an und verursachen Krankheiten, die zur Invalidität führen können. Zwischen 1964 und 1990 hat sich das Auftreten von Asthmaerkrankungen in Großbritannien und Australien, aber auch in Ostafrika verdoppelt.

Nicht darin liegt jedoch die größte Gefahr, sondern in der Abhängigkeit des Menschen von seiner Umwelt. Schon immer haben Migration, überbevölkerte städtische Ballungsräume, schwindende Grundwasserreserven, Umweltverschmutzung und Armut einen idealen Nährboden für die Verbreitung krankheitsübertragender Mikroorganismen abgegeben. Die Reproduktions- und Infektionsfähigkeit zahlreicher Insekten und Nagetiere, die als Überträger von Parasiten oder Viren fungieren, hängt von der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit in der Umgebung ab. Schon ein bescheidener Temperaturanstieg wird folglich die Ausbreitung zahlreicher Überträger von Krankheiten auf Mensch und Tier schüren.

In den letzten Jahren haben sich parasitäre Krankheiten wie Malaria, Schistosomiasen (Wurmerkrankungen) und die Schlafkrankheit oder Virusinfektionen wie das Denguefieber, verschiedene Arten von Hirnhautentzündungen und hämorrhagische Fieber verbreitet. Sie treten entweder erneut in Gebieten auf, in denen sie bereits ausgerottet waren, oder breiten sich in bisher verschonten Regionen aus. Im Laufe der letzten zehn Jahre ist in Ostafrika und Madagaskar die Malaria in hoch gelegene Regionen über 1 800 Metern vorgedrungen; diese Schwelle hatte sie zuvor nicht überschritten. Prognosen für das Jahr 2050 gehen davon aus, dass die Malaria zu diesem Zeitpunkt 3 Milliarden Menschen bedrohen wird. Ebenfalls Anlass zur Sorge gibt die starke Ausbreitung von Arbovirosen, die vor allem durch Stechmücken übertragen werden. Zwischen 1955 und 1970 wurden in 9 Ländern Fälle dieser Krankheit verzeichnet, bis 1996 waren bereits 28 Länder hinzugekommen.

In gleicher Weise nimmt auch die Häufigkeit von Krankheiten zu, die durch das Wasser übertragen werden. Die Erwärmung von Süßwasser begünstigt die Vermehrung von Bakterien, jene von Salzwasser, insbesondere wenn es mit menschlichen Abwässern angereichert ist, die beschleunigte Fortpflanzung von Phytoplankton, das eine regelrechte Brutstätte für Cholerabazillen darstellt. Seit dem Wiederauftreten von Cholera sind dieser seit 1960 in Lateinamerika praktisch ausgerotteten Krankheit zwischen 1991 und 1996 bereits 1 368 053 Menschen zum Opfer gefallen. Gleichzeitig tauchen neue Infektionskrankheiten auf oder verlassen die ökologischen Nischen, auf die sie beschränkt waren.5 Wie jüngste Beispiele zeigen, steht die Medizin trotz aller Fortschritte der explosionsartigen Zunahme zahlreicher unerwarteter Krankheitsbilder machtlos gegenüber. In der Epidemiologie der Infektionskrankheiten, auf deren Konto heute weltweit nahezu ein Drittel aller Todesfälle geht, könnte sich im 21. Jahrhundert ein völlig verändertes Bild bieten. Dies gilt insbesondere für die Ausbreitung von Zoonosen, jenen Infektionen, die von Wirbeltieren auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden. Bezeichnenderweise erscheint in den USA, wo man selten einen Trend verpasst, neuerdings eine medizinische Zeitschrift mit dem Titel Emerging Infectious Diseases6 .

Manche Länder und selbst einige Sonderorganisationen der UNO – namentlich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) – sind sich der Bedrohung bewusst.7 Sie finanzieren klimatologische Forschungsarbeiten, berufen regelmäßig Fachgremien ein und haben damit die Grundlage für die Konventionen zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen geschaffen. Das Problem ist allerdings nicht auf Fragen der Regulierung und der Abtretung von „Verschmutzungsrechten“ (einer Art Ablasshandel im Emissionsbereich) zu begrenzen. Auf der Klimakonferenz von Buenos Aires 1998 standen die 1997 in Kyoto eingegangenen Verpflichtungen, den Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase in den Industrieländern bis zum Jahr 2012 um 5,3 Prozent zu reduzieren, übrigens gar nicht auf der Tagesordnung; vielleicht auch deshalb, weil sie unzureichende Instrumente zur Eindämmung der Gefahren sind.

Auch bei der am 5. November zu Ende gegangenen Nachfolgekonferenz in Bonn wurden nur bescheidene Ergebnisse erzielt. Zwar haben sich mehr als sechzig Länder, darunter die Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Japan und Neuseeland, die 41 Prozent der Treibhausgase der Industriestaaten emittieren, dazu verpflichtet, das Kyoto-Abkommen rechtzeitig zu ratifizieren, damit es vor 2002 in Kraft treten kann.8 Doch einmal mehr haben die Erdöl exportierenden Staaten versucht, die Konvention zu behindern. Auch die Vereinigten Staaten, die bei den Treibhausgasemissionen weltweit an der Spitze stehen, verzögern die Umsetzung und machen die Ratifizierung von den Ergebnissen der nächsten Konferenz abhängig, die im November 2000 in Den Haag tagen wird.9

Seit einigen Jahren werden die Sorgen der Ökologen auch von manchen Ökonomen geteilt. Sie ermitteln den Wert von Ökosystemen oder „natürlichen Aktivposten“, schätzen den Preis ihrer Zerstörung, die durch verspätete Maßnahmen zur Verringerung der Verschmutzung entstehenden Mehrkosten und die möglichen Gewinne, die durch den Einsatz neuer Technologien erzielt werden könnten. Kurzum, sie rechnen der Industrie vor, welchen Profit sie aus dem Schutz natürlicher Ressourcen ziehen könnte. Dennoch ist es nicht damit getan, von der „Rentabilität des Kampfes gegen die Umweltzerstörung“ zu sprechen. In einer Wirtschaft, in der nur die terms of trade zählen, gibt es keine unsichtbare Hand, die den Markt zum größtmöglichen Wohl jedes Einzelnen lenken würde.

Deshalb könnte es sich als wirksamer erweisen, scheinbar bescheidene, auf individueller und lokaler Ebene vereinbarte Ziele zu formulieren. Angesichts der Bedrohung für unsere und insbesondere unserer Kinder und Enkelkinder Gesundheit ist es dringend geboten, sich auf das Vorsorgeprinzip zu stützen. Seine Anwendung kommt einem Eingeständnis unserer Unsicherheiten und Unkenntnis gleich, ohne dass die Machtlosigkeit sogleich als Rechtfertigung der eigenen Untätigkeit dient. Ein weiteres Verdienst dieses Prinzips ist es, nicht von den Gegnern, sondern von den Befürwortern bestimmter industrieller oder anderer Vorhaben den Nachweis der ökologischen und gesundheitlichen Unbedenklichkeit ihres Projekts zu fordern.

Noch wirksamer wäre zweifellos die Einführung einer „Umwelterziehung“ bereits im Kindergarten und eines modernisierten Unterrichtes in Kulturgeographie und Physiogeographie. Um in jedem Einzelnen ein globales Umweltbewusstsein zu wecken, müsste dieser Unterricht die wechselseitige Abhängigkeit von Mensch und Erde hervorheben und auf die gemeinsame Entwicklung der Ökosysteme und des menschlichen Lebens hinweisen. Insgesamt müsste die Sensibilität und das Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen schon lange vor dem Erwachsenwerden geweckt werden.

dt. Birgit Althaler

* Forschungsdirektor am Institut national de la santé et de la recherche médicale (Inserm) und wissenschaftlicher Berater am Centre international de l'enfance et de la famille (Cidef).

Fußnoten: 1 Das Bevölkerungswachstum wird bis zum Jahr 2020 zu einer 50-prozentigen Steigerung des Kohlendioxydanteils in der Troposphäre führen. 2 Siehe die Serie von Jean-Paul Besset, „La terre se réchauffe“, Le Monde, Paris, 26., 27. und 28. November 1997, und S. H. Schneider, „Où va le climat? Que conaissons-nous du changement climatique?“, Lyon (Editions Silence) 1996. 3 Siehe Ignacio Ramonet, „Ruinöse Verhältnisse“, Le Monde diplomatique, November 1997. 4 M. R. Sears, „Descriptive epidemiology of asthma“, The Lance, London, Oktober 1997. 5 M. E. Wilson, „Infectious diseases: an ecological perspective“, British Medical Journal, London, 23. Dezember 1995; J. A. Patz, P. R. Epstein, T. A. Burke, M. Balbus, „Global climate change and emerging infectious diseases“, Journal of the American Medical Association, Chicago, 17. Januar 1996. Siehe auch L. Garrett, „Die kommenden Plagen. Neue Krankheiten in einer gefährdeten Welt“, Frankfurt am Main (S. Fischer) 1996. 6 Veröffentlicht vom National Center for Infectious Diseases, GA 30333, Atlanta, USA. 7 An einem auf Initiative der WHO einberufenen Ministertreffen in London vom 16./17. Juni 1999 haben fünfzig europäische Staaten eine Erklärung angenommen, in der sie ihren Willen bekunden, konkrete Maßnahmen zur Abschwächung der gesundheitsschädigenden Folgen der Umweltzerstörung zu ergreifen. 8 Um in Kraft zu treten, muss das Protokoll von 55 Mitgliedsländern der Konvention, auf die 55 Prozent der Treibhausgasemissionen entfallen, ratifiziert werden. Siehe „Klimakonferenz lässt viele Fragen offen“, Greenpeace, Hamburg, 4. November 1999. 9 Der amerikanische Senat sperrt sich gegen eine Ratifizierung, solange zwei Bedingungen nicht erfüllt sind: die Garantie, dass die Reduzierung von Emissionen vollständig durch marktwirtschaftliche Mechanismen gewährleistet wird, und die Zusicherung der großen Entwicklungsländer wie Indien und China, ihren Ausstoß ebenfalls zu reduzieren. (Gegenwärtig haben erst vierzehn Staaten – darunter laut Greenpeace kein einziger Industriestaat – das Klimaprotokoll von Kyoto ratifiziert.) Siehe Le Monde, 7./8. November 1999.

Le Monde diplomatique vom 17.12.1999, von DOMINIQUE FROMMEL