10.08.2001

Der späte Foucault

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Der späte Foucault

NUR allmählich enthüllt sich eine wenig bekannte Seite des Denkens von Michel Foucault: seine Lehrtätigkeit am Collège de France. Nunmehr kann sich der Leser in die Vorlesungen des akademischen Jahres 1981/82 vertiefen: „L’Herméneutique du sujet“ („Hermeneutik des Subjekts“).1 Die in diesem Band versammelten Texte unternehmen es, die Geschichte der Beziehungen zwischen Wahrheit und Subjekt in der Kultur der Antike zu rekonstruieren; sie drehen sich um den Begriff der „Praktik des Selbst“.

Zwischen der philosophischen Übung Platons und der Entwicklung der christlichen Askese liegen tausend Jahre; dieses Millennium wird im vorliegenden Buch ausgeschritten. In allen diesen Jahrhunderten waren philosophische Forderung und spirituelle Forderung miteinander verknüpft. Wenn Philosophie die Frage nach den Wegen ist, die dem Subjekt den Zugang zur Wahrheit gestatten, so ist Spiritualität „die Suche, die Praktik, die Erfahrung, wodurch das Subjekt an sich selbst jene Verwandlungen bewirkt, die für einen Zugang zur Wahrheit notwendig sind“. Die Forderung der „Sorge um sich“, durch welche die „Praktiken des Selbst“ ins Werk gesetzt werden, ist Ausdruck dieses spirituellen Wesens der Philosophie.

Der „cartesianische Augenblick“ machte dieser Sorge um sich in der Philosophie ein Ende und leitete damit die Moderne ein. Seit dem „Discours de la méthode“ nehmen wir als gesichert an, dass das Subjekt von Natur aus, ohne vorgängige Konversion, des Zugangs zur Wahrheit fähig ist: Es genügt, die Methode richtig anzuwenden. Diese traditionelle Forderung der Spiritualität nach Verwandlung des Subjekts hat Descartes endgültig aus dem Bereich von Philosophie und Wissenschaft verbannt. Spiritualität erheischt die Verwandlung des Subjekts. Liebe (seit Platon) und Askese (von Pythagoras bis zur späten Stoa) bezeichnen die beiden großen historischen Formen dieses Herausreißens des Subjekts aus seinem Sosein, um es für die Wahrheit tauglich zu machen. Michel Foucault postuliert einen ersten, „sokratisch-platonischen“ Augenblick, den der „Alkibiades“ repräsentiert. Das ist es, was Sokrates den jungen Alkibiades lehrt: Wer beansprucht, das Gemeinwesen beherrschen zu können, muss zuvor lernen, sich selbst zu beherrschen. Die Sorge um sich impliziert ein Drittes: den Meister, sei es nun der Mäeutiker (Sokrates), das Oberhaupt einer Schule (Epikur), das Vorbild (Epiktet) oder der Briefeschreiber (Seneca). Mit dem Verschwinden der Sorge um sich, des spirituellen Charakters der Philosophie, verschwand zugleich diese Notwendigkeit des Meisters als dem Dritten: Descartes meditiert ganz allein („cogito, ergo sum“) und nimmt in dieser Einsamkeit der philosophierenden Vernunft Spinoza, Leibniz und Kant vorweg.

DER zweite Augenblick versetzt uns in die Anfänge der christlichen Ära. Die Sorge um sich ist zu einer das ganze Dasein erfassenden Verpflichtung geworden. Die Epikuräer wie die Stoiker bekräftigen, dass man sein ganzes Leben lang philosophieren muss, und zwar nach Maßgabe von „Praktiken des Selbst“, die in genauen Übungen kodifiziert sind. Die Praktik des Selbst wird gleichbedeutend mit der Sorge um die eigene Seele: Die Philosophie ist der Heilkunst analog, der Philosoph – mit Epiktet – der Arzt der Seele. Dieser Augenblick bringt neue Techniken des Selbst hervor. Zunächst die parrhesia, die Freimut des Diskurses, die Wahrhaftigkeit. Sodann: das Heil. Die Philosophie ist auf das „Heil“ ausgerichtet, doch deckt dieses Wort nicht das ab, was später das christliche Heil heißen wird. Das Heil ist eine Praktik des Selbst, durch die das Subjekt sein eigenes Leben rettet (während das christliche Heil das Subjekt ins Jenseits projiziert). Und endlich: die Meditation. Weit davon entfernt, das moderne Spiel des Subjekts mit seinem Denken zu sein, ist die antike Meditation jene spirituelle Übung, die das Subjekt verwandelt. Alle diese Formen zusammen bilden die Askese.

Diese Askese ist nicht, wie im Christentum, Entsagung; vielmehr entspricht sie einem vollen, erfüllten Bezug zu sich selbst, dessen Muster nach Seneca die Idee des Alters liefert. Durch die Askese kann das Wahr-Sprechen, die parrhesia zum Seinsmodus des Subjekts werden. Ziel der Askese ist also – vor dem Christentum, das sie verändern, und vor der modernen Philosophie, die sie aufgeben wird – die „Subjektivierung des wahren Diskurses“.

Dieser späte Foucault ist der erstaunlichste und der unerwartetste; es ist der Foucault einer wunderbaren Mutation in seinem Denken. Es ist ein arbeitendes Denken, das sich in seiner parrhesia ausgibt. Foucault schlüpft hier aus seiner modernen Haut des nichtspirituellen Philosophen und nähert sich jenen Philosophen der Antike an, von denen er zu uns spricht, als wäre ihr Studium an sich schon eine Praktik des Selbst. Im Laufe dieser Hermeneutik des Subjekts entfernt sich Foucault von den Küsten der modernen Philosophie, um selbst ein spiritueller Philosoph zu werden.2

ROBERT REDEKER

Fußnoten: 1 Michel Foucault, „L’Herméneutique du sujet. Cours au Collège de France, 1981–1982)“, Paris (Gallimard-Seuil) 2001, 541 Seiten, 160 Francs (24,39 Euro). 2 Parallel hierzu legt Gallimard in der Sammlung „Quarto“ in einer Neuauflage wieder sämtliche Artikel und sonstigen öffentlichen Stellungnahmen Foucaults vor: Michel Foucault, „Dits et Ecrits, 1954–1975“, Paris 2001, 1708 Seiten, 190 Francs (28,96 Euro).

Le Monde diplomatique vom 10.08.2001, von ROBERT REDEKER