15.03.2002

Die Revanche der Geschichte

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Die Revanche der Geschichte

Madagaskar ist seit Monaten in Aufruhr. Nach den Präsidentschaftswahlen vom 16. Dezember 2001 hat sich der erfolgreiche Unternehmer Marc Ravalomanana zum Sieger ausgerufen. Er weigert sich, zu einem zweiten Wahlgang anzutreten, und hat die Bevölkerung zum Generalstreik aufgerufen, um gegen den angeblichen Wahlbetrug zu protestieren. Sein Gegenspieler wiederum, der alte Staatschef Didier Ratsiraka, hat den Staatsnotstand ausgerufen und sich in die Küstenstadt Toamasina geflüchtet. Dort haben sich die Gouverneure von fünf Provinzen für autonom erklärt und dem „Rebellenpräsidenten“ Ravalomanana die Gefolgschaft verweigert. Damit droht ein Konflikt, der die kulturelle und politische Einheit Madagaskars gefährden könnte.

Von JEAN-AIMÉ RAKOTOARISOA *

IM Januar und Februar 2002 zogen Vertreter aller Schichten und Altersgruppen der Bevölkerung, Studenten, Arbeitslose und Politiker in Antananarivo wochenlang täglich über die place du 13 Mai und die avenue de l’Indépendance. Eine bunt gemischte und friedliche Menschenmenge forderte einen Wechsel an der Staatsspitze. Ausgelöst wurden diese Demonstrationen durch die von der Opposition angezweifelten Ergebnisse des ersten Durchgangs bei den Präsidentschaftswahlen vom 16. Dezember 2001. Nach diesen Wahlen hatte sich Marc Ravalomanana, Bürgermeister von Antananarivo und Chef des größten Agrarunternehmens von Madagaskar, zum Sieger erklärt. Er will 52,15 Prozent der Stimmen errungen haben, während das „amtliche“ Endergebnis ihm lediglich 46,21 Prozent zubilligte, was einen zweiten Wahlgang gegen den Amtsinhaber Didier Ratsiraka zur Folge gehabt hätte. Am 28. Januar rief Ravalomanana die Bevölkerung gegen den angeblichen Wahlbetrug zum Generalstreik auf, der ein großes Echo fand.

Eine Mobilisierung von solchem Ausmaß ist in Madagaskar durchaus keine Seltenheit. 1972 spielten sich auf derselben Avenue im Herzen der Hauptstadt wochenlang beeindruckende Demonstrationen ab. Damals forderte die überwiegend studentische Menge die Aufhebung der Kooperationsverträge zwischen Frankreich und Madagaskar. 1991 hatte die Bevölkerung monatelang demonstriert, was schließlich zum Sturz des Regimes von Didier Ratsiraka führte – dem einstigen „Roten Admiral“, der sich unter dem Diktat des Internationalen Währungsfonds zum „Sozialliberalismus“ bekehrt hatte (und der dann im Dezember 1996 erneut zum Präsidenten gewählt wurde).

Zur Erklärung dieser mächtigen Demonstrationen wird gern auf die im kollektiven Gedächtnis verwurzelten kabary verwiesen. Auf diesen großen, von den Herrschern einberufenen Versammlungen fand ein Gesprächsritual statt, in der manche eine urprüngliche demokratische Form zu erkennen glauben. Doch die großen kabary dienten lediglich dazu, das Volk zur Zustimmung zu den Beschlüssen der Herrscher zu bewegen.

Tatsächlich ist die aktuelle Krise vor allem wohl eine Reaktion auf die anhaltende Armut, die kein einziges Regime in den letzten vierzig Jahren erfolgreich zu bekämpfen vermochte. Kulturelle Aspekte spielen dabei freilich eine wichtige Rolle. Die politischen Entscheidungsträger, denen die Argumente ausgegangen sind, beschwören wieder die ethnischen Schreckgespenster, indem sie die Merina – die in Antananarivo und im Hochland herrschende Ethnie, der auch Ravalomanana angehört – gegen die Küstenbewohner ausspielen.1 Diese Erklärungen lassen eine alte Auseinandersetzung wieder aufleben, von der sich das Land eines Tages wird befreien müssen.

Seit der Unabhängigkeit, die 1960 von den Franzosen oktroyiert wurde, pflegten sämtliche Politiker des Landes – egal welcher Couleur – kulturelle Fragen herunterzuspielen oder ganz auszuklammern, angeblich aus Furcht, „die nationale Einheit zu gefährden“. Vor allem scheute man sich, von der Vielfalt der Traditionen zu reden, die auf der „großen Insel“ mit ihren offiziell achtzehn ethnischen Gruppen gar nicht zu übersehen ist. Man verwechselte politische Einheit mit kultureller Einheit. In ihrem Drang, diese Einheit um jeden Preis herzustellen, unterliefen den politischen Entscheidungsträgern zumindest zwei Fehleinschätzungen.

Erstens waren die Madagassen zum Zeitpunkt ihrer Unabhängigkeit als Volk schon seit langem vereint. Die Kolonialverwaltung selbst hatte diesen Prozess vollendet, den im 17. Jahrhundert die Maroseranana-Dynastie im Südosten begonnen hatte. Die Merina-Herrscher setzten diese Einigung bis Ende des 19. Jahrhunderts fort, wobei sie sich auf die Könige und Fürsten der übrigen Inselregionen stützen konnten. Man konzentrierte sich also mit aller Kraft auf das falsche Problem, anstatt sich grundsätzliche Gedanken über den Prozess des nation building zu machen.

Der zweite Fehler bestand darin, dass man alles unterließ, was die kulturelle Identität der einzelnen Regionen hätte festigen können, die man als simple Folklore behandelte. Zwar machte es die Einrichtung von Provinzuniversitäten in den Achtzigerjahren möglich, den Keim für eine Forschung zu legen, die wenigstens die Restbestände der alten kulturellen Vielfalt sammeln, archivieren und der Öffentlichkeit bekannt machen sollte. In den Kommunen des Landesinnern sieht man um sich herum lauter stolz lachende Gesichter, wenn ein kleines Regionalmuseum eingeweiht wird, das die Überbleibsel einer wiederentdeckten Vergangenheit ausstellen und bewahren soll. Mehr solcher Projekte hätten ganz gewiss zur Herausbildung einer madegassischen Nation beigetragen, denn dann wäre mit der Zeit das statische Konzept von Ethnien oder Stämmen durch ein gemeinsames, aber in regionale Vielfalt aufgefächertes Selbstbewusstsein überwunden worden.

Die offizielle Festlegung auf die berühmten „achtzehn Stämme“ der Insel geht im Übrigen auf eine Karte zurück, die das Kolonialregime zu Beginn des 20. Jahrhunderts willkürlich erstellt hatte. Irgendwann fingen die Menschen an, sich in diesen Unterscheidungen tatsächlich wiederzuerkennen, zumal die gewählten Namen sich vor allem auf physische Merkmale der Regionen beziehen, wie etwa Tandroy („aus dem Land einer dornigen Pflanze mit dem Namen Roy stammend“) oder Tefasy („die aus dem Land des Sandes kommen“) oder Tanala („die aus dem Wald kommen“). Nähme man solche Kriterien wörtlich, würde man auf über zweihundert Ethnien kommen. Doch wie soll man diesen regional definierten Gruppen heute klar machen, dass ihre offiziellen Bezeichnungen historisch willkürliche Erfindungen darstellen?

Rechtsstaat und Gewohnheitsrecht

ANGEMESSENER wären Namen, die sich auf kulturelle Regionen beziehen. Deren Bewohner haben immerhin – egal woher sie kamen – gemeinsame Bräuche übernommen und respektieren nach ein paar Generationen die jeweiligen Sitten und fady (Verbote). Das erkennt man beispielsweise daran, dass sogar diejenigen, die sich auf eine bestimmte ethnische Zugehörigkeit berufen, nach wie vor die Plazenta ihrer Neugeborenen in ihre Heimatregion zurückbringen, um sie dort an den ehemaligen Familiengräbern niederzulegen, selbst wenn sie dafür ganz Madagaskar durchqueren müssen. Dagegen kann sich keine einzige ethnische Gruppe Madagaskars auf eine spezifische, exklusive Abstammung im biologischen Sinne berufen. Schließlich waren alle Madagassen per definitionem irgendwann zunächst einmal Küstenbewohner.

Mit der Zeit haben sich jedoch die Gefühle der Gruppen verstärkt, die um ihre kulturelle Identität bangen. Alle Versuche, die Gesamtbevölkerung in einen modernen „Rechtsstaat“ zu integrieren, sind gescheitert. Ein Großteil der Madagassen lebt noch immer nach dem traditionellen Gewohnheitsrecht. Da es keinen kontinuierlichen, durch pädagogische Bemühungen unterstützten Übergangsprozess gibt, herrscht – wie in vielen Staaten Afrikas – praktisch ein Doppelsystem. So verfügen etwa nur sehr wenige Madagassen über formell gültige Rechtstitel auf Boden. Alles beruht auf schriftlich nicht fixierten, je nach Region verschiedenen Regeln zwischen den Angehörigen einer Gemeinde. Dieses System funktioniert seit Jahrhunderten. Ganz allgemein hat jeder Einzelne ein legitimes Recht auf Zugang zu den natürlichen Ressourcen wie Acker- oder Weideland. Im Streitfall behält allerdings das „Legale“ über das „Legitime“ die Oberhand.

Dennoch kann dieses System nur schwer überleben: Die demografische Entwicklung (die Bevölkerungszahl stieg zwischen 1950 und 2002 von drei Millionen auf fünfzehn Millionen) hat die verfügbaren Flächen erheblich verringert. Der ökonomische Austausch konzentriert sich in den weiträumigsten Gebieten mit der größeren Vielfalt an Produkten. Das soziale Netz wird weitmaschiger, der Weise bzw. Dorfälteste muss seine Autorität heute mit neuen Akteuren teilen: mit Wirtschaftsbossen, religiösen Oberhäuptern – christlichen, muslimischen, traditionellen und Sektenführern –, mit Intellektuellen, politischen Entscheidungsträgern, Verwaltungsbürokraten usw.

Hätte man die Etablierung von „autonomen Provinzen“ im Juni 2001 besser vorbereitet, hätte man die Probleme leichter lösen können. Doch diese neuen Verwaltungseinheiten wollten von der Krise profitieren, um ihre Existenz und ihr Recht auf Teilhabe an der nationalen Debatte zu behaupten und den Vorrang des Zentrums gegenüber der Peripherie zu beenden. Ihre Argumentation ist äußerst simpel: Wenn „Tana“ (Kurzform für Antananarivo) die Zentralgewalt durch Streiks lahm legen kann, dann können wir umgekehrt die Hauptstadt durch Straßensperren strangulieren.

Einige Politiker der Hauptstadt waren überrumpelt und reagierten ungeschickt, indem sie mit ihren Reden die alten Dämonen des Tribalismus zu neuem Leben erweckten. Im Eifer der Wortgefechte vergaßen sie, dass in Antananarivo seit über einem Jahrhundert sämtliche Ethnien Madagaskars vertreten sind. Die kulturelle Dimension der madagassischen Krise kommt auch darin zum Ausdruck, dass die christlichen Religionsführer seit zehn Jahren im politischen Leben äußerst aktiv sind. Sie haben sich zum Rat der christlichen Kirchen Madagaskars (FFKM) zusammengeschlossen und sich, trotz aller Beteuerungen ihrer Unparteilichkeit, entschieden für Ravalomanana engagiert – der stellvertretender Vorsitzender des Rats der protestantisch-reformierten Kirche ist.

Auf nationaler Ebene ist der Einfluss der Christen allerdings zu relativieren, da sie höchstens ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Die Mehrheit bekennt sich zum Islam oder praktiziert die Religion der Vorfahren oder auch beides zugleich: Für die meisten Madagassen ist ihr Alltag durch religiösen Synkretismus geprägt. Allerdings spielen diese kulturellen Faktoren angesichts ihrer drängenden Alltagsprobleme keine große Rolle. Die meisten Menschen sind vor allem damit beschäftigt, ihre Überlebensgrundlage zu sichern.

Das gilt zumal für diese Wahlperiode, die in die Zeit der Reisernte fällt. Man weiß zwar, worum es in der Politik aktuell geht, aber die Informationsquellen sind durchaus beschränkt. Die große und leider schweigende Mehrheit hat in erster Linie Angst vor einer korontana – einem landesweiten Aufruhr, der auch Menschenleben gefährden könnte. Das wäre vor allem dann der Fall, wenn die Konflikte die Form von Stammesfehden annehmen sollten, denn viele Madegassen stammen aus multiethnischen Familien.

dt. Matthias Wolf

* Direktor des Institut de Civilisations an der Universität von Antananarivo, Madagaskar.

Fußnoten: 1 In Le Monde vom 19. Februar 2002 erhob Präsident Ratsiraka gegen Marc Ravalomanana beispielsweise den Vorwurf, er wolle die Herrschaft der Merina-Großbourgeoisie von Antananarivo auf der „großen Insel“ durchsetzen. 2 Siehe Philippe Leymarie, „Madagaskar: Eine Brise von Freiheit und ein Hauch von Angst über der großen Insel“, Le Monde diplomatique, Juli 2001.

Le Monde diplomatique vom 15.03.2002, von JEAN-AIMÉ RAKOTOARISOA