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Eine Mauer ist eine Mauer

Eine Mauer ist eine Mauer

Utopisch bis zynisch: Architekten und Künstler entwerfen Grenzanlagen zwischen Mexiko und den USA

von Jeremy Harding

Präsident Barack Obama hat während seiner Amtszeit mehr illegale Einwanderer deportieren lassen als alle seine Vorgänger. Das wird jedenfalls behauptet. Ende 2014, also nach der Hälfte von Obamas zweiter Amtszeit, war die Zahl auf 2 Millionen gestiegen. Deshalb hat Janet Murguia, die Vorsitzende des National Council of La Raza,1 Obama den Titel „deporter-in-chief“ verliehen. Aber die neuesten Zahlen, die das US-Heimatschutzministerium Ende 2016 – kurz vor dem Amtsantritt von Donald Trump – veröffentlicht hat, ergeben ein etwas anderes Bild.

Was genau ist unter Deportation zu verstehen? Diese juristisch vage Sammelbezeichnung wurde seit den 1990er Jahren nach und nach durch zwei konkretere Begriffe ersetzt: Abschiebung (removal) und Rückführung (return). Abgeschoben werden kann jeder illegale Einwanderer, der in den USA angetroffen wird; aber auch Mi­gran­ten mit Aufenthaltsberechtigung können abgeschoben werden, wenn sie ein schweres Verbrechen begangen haben. Juristisch handelt es sich um ein Abschiebeverfahren, das mit einer Zwangsausweisung endet. Abgeschobene Personen dürfen eine bestimmte – von Fall zu Fall unterschiedlich lange – Zeit nicht mehr in die USA einreisen. Werden sie vor deren Ablauf erneut in den USA aufgegriffen, droht ihnen eine Gefängnisstrafe und eine Verlängerung des Einreiseverbots. Eine Abschiebung ist also eine schwere Sanktion.

Dagegen setzt eine Rückführung – auch als freiwillige Ausreise oder freiwillige Rückkehr bezeichnet – keinen formellen Abschiebebeschluss voraus. Auch ist den Menschen, die in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden, die legale Rückkehr in die USA nicht verwehrt. In den meisten Fällen handelt es sich um Ausländer, die illegal ins Land zu kommen versuchen und dabei an oder in der Nähe der Grenze gefasst werden. Sie bleiben kurze Zeit in Haft und werden dann zurückgeschickt. Von den Menschen, die über die Grenze kommen, wird nur ein Bruchteil zurückgeführt, zumeist ältere Leute, Kranke oder auch Kinder; die große Mehrheit der Grenzgänger wird hingegen abgeschoben.2

Dass die Behandlung der illegalen Migranten in der Obama-Ära rabiater zu sein schien als unter früheren Regierungen, liegt auch daran, dass sich die dabei angeführten Zahlen meist auf das schärfere Verfahren der Abschiebung bezogen. Nachdem inzwischen alle Statistiken veröffentlicht sind, steht außer Zweifel, dass unter Obama mehr Menschen abgeschoben wurden als unter seinem Vorgänger, und zwar 3 Millionen, gegenüber 2 Millionen unter George W. Bush.

Anders sieht es bei den Rückführungen aus: Unter Bush waren es 8 Millionen, also weit mehr als die 2,1 Millionen in der Amtszeit Obamas. Wenn wir die Abschiebungen und die Rückführungen während der jeweils zwei Amtsperioden zusammenzählen, kommen wir auf insgesamt 10,3 Millionen „Deportationen“ unter Bush und lediglich 5,3 Millionen unter Obama.3

Die widersprüchlichen Zahlen sind weniger rätselhaft, als sie aussehen. Die erste Obama-Regierung strebte zwar eine Einwanderungsreform an, agierte aber vorsichtiger als die Bush-Regierung. Deshalb verwies sie auf die hohe Zahl von Abschiebungen, um die Kritiker zum Schweigen zu bringen, die Obama einen „zu weichen“ Umgang mit illegaler Einwanderung vorwarfen.

Im Übrigen hatte zu Beginn von Obamas erster Amtszeit im Jahr 2009 die bereits seit 2007 anhaltende Rezession dafür gesorgt, dass die Zahl der an der mexikanischen Grenze aufgegriffenen Menschen zurückging. Da jedoch viele von ihnen aus anderen lateinamerikanischen Ländern stammten, konnten sie nicht – wie mexikanische Staatsbürger – als freiwillige Rückkehrer regis­triert und behandelt werden, was die Statistik der Abschiebungen ansteigen ließ.

Ein letzter Faktor: Obama nahm, wie schon sein Vorgänger Bush, verstärkt spezielle Gruppen illegaler Migranten ins Visier: zum einen gewalttätige Personen oder Straftäter, zum anderen Leute, die entweder kurz zuvor oder bereits zum zweiten Mal illegal über die Grenze gekommen waren. Auch deshalb gab es unter Obama mit der Zeit deutlich mehr Abschiebungen als Rückführungen.

Glühender Boden als Hindernis

Regierungen nutzen solche statistischen Feinheiten, um ihre Grenzpolitik im Sinne ihrer politischen Ziele zu verkaufen. So gab die Obama-Regierung seit Anfang 2014, als sich Hillary Clintons Präsidentschaftskandidatur abzeichnete, nicht mehr die reinen Abschiebungszahlen bekannt, sondern nur noch die Gesamtzahl von Abschiebungen plus Rückführungen. Zweck der Übung war, die Politik Obamas gegenüber der von Bush als milder darzustellen – in der Hoffnung, bei der Wahl die Stimmen der Latinos zu gewinnen. Aber die Migrationsgegner haben diese Taktik rasch durchschaut und gegen Obama gewendet. Ihr Argument: Der Präsident habe die Kategorie Abschiebungen in früheren Statistiken überbetont, um fälschlicherweise den Eindruck zu vermitteln, er verteidige die territoriale Inte­gri­tät der USA mit großer Entschlossenheit.

Grenzen als solche stehen erst einmal fest. Doch was sie bedeuten, unterliegt einem ständigen Wandel – je nachdem, wie Regierungen ihre Einwanderungs- und Sicherheitspolitik austarieren und wie sehr die Bürger ihre Ängste auf die Randgebiete ihrer Staaten projizieren. Das gilt auch für die Grenze zwischen den USA und Mexiko.

Grenzgebiete sind Räume, die für Geografen, Demografen, Soziologen und Politologen eine besondere intellektuelle Herausforderung darstellen. Mit recht unterschiedlichen Resultaten: 1991 veröffentlichte der britische Grenzgeograf Julian Minghi – unter dem Eindruck des Berliner Mauerfalls – einen berühmt gewordenen Aufsatz. Darin proklamierte er eine neue Ära, die „normale und harmonische Kontexte“ bringen werde, als Bausteine einer „humanen Geografie“ der Zukunft.4

Seitdem sind bei dem Versuch, eine Grenze zu überqueren, mindestens 35 000 Menschen umgekommen, schätzt die Internationale Organisation für Migration (IOM). Die meisten starben an den Außengrenzen der EU, aber mehr als 6000 auch an der Grenze zwischen Mexiko und den USA.5 Diese wahrscheinlich ohnehin viel zu niedrig angesetzten Zahlen steigen weiter an, während gleichzeitig die Staaten für die Bewachung der Grenzen immer mehr Personal und öffentliche Gelder bewilligen.

In den 1970er Jahren war die Zahl der US-Grenzschützer entlang des Rio Grande mit 1350 Leuten nach Ansicht des britischen Geografen John House „lächerlich gering“.6 Heute beschäftigt die US-Grenzschutzbehörde 21 000 Beamte, von denen die meisten an der Grenze oder in ihrer Nähe patrouillieren. House war im Gegensatz zu Minghi Realist. In seinen Augen war die Grenze zwischen den USA und Mexiko „ein eindeutiges, aber variables Hindernis für einen andernfalls vereinten binationalen Arbeitsmarkt“. Und das ist sie bis heute.

Im Februar 2017 hat das US-Heimatschutzministerium einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben, bei dem es um „den Entwurf und Bau von mehreren Prototypen für Mauerelemente in der Nähe der US-Grenze zu Mexiko“ geht. Donald Trumps ehrgeiziger Plan, den größten Teil der 3200 Kilometer langen Grenze mit einer Mauer zu befestigen (auf 1100 Kilometern gibt es bereits Grenzanlagen), ist höchst verlockend, solche Aufträge werden schließlich viel Geld einbringen. Allerdings stellt die Aufgabe, Hindernisse zu entwerfen, die Menschen aufhalten sollen, für Architekten ein ethisches Problem dar.

Bereits 2006 hat der US-Kongress den sogenannten Secure Fence Act verabschiedet. Mit diesem Gesetz wurde der Ausbau des Zauns an der Grenze zu Mexiko beschlossen, den schon die Clinton-Regierung in den 1990er Jahren begonnen hatte. Von dem Zeitgeist, der 2006 in Washington herrschte, ließ sich auch die New York Times inspirieren. Sie forderte ausgewählte Architekten auf, das vom Kongress beschlossene Bauwerk als gutnachbarlichen Gartenzaun zu entwerfen, dem seine abweisende Funktion der Abschottung nicht anzusehen sein sollte. Die Zeitung stellte sich einen Zaun vor, der „nicht als Hindernis, sondern als Horizont der Möglichkeiten“ konzipiert sein sollte.7

Dieser merkwürdige Designwettbewerb erinnert an das legendäre Experiment des Yale-Psychologen Stanley Milgram aus den 1960er Jahren: Es testete die Bereitschaft von Menschen, auf die Anweisungen einer anerkannten Autorität hin andere Menschen mit Stromstößen zu foltern. Wie weit würden die 13 eingeladenen Architekten gehen, um die Idee vom Bau einer Barriere zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden für ihre Karriere zu nutzen?

Fünf von ihnen reichten Entwürfe ein, zu denen etwa der raffinierte „Glaswald“ des kalifornischen Architekten Eric Owen Moss gehörte. Die makaberste Idee kam von Antoine Predock. Der Architekt aus New Mexico schlug ganz im Geiste des in den letzten Zügen liegenden Postmodernismus vor, die Mauer zu „entmaterialisieren“: Sein Befestigungswall sollte aus gestampfter Erde bestehen und von mexikanischen Tagelöhnern gebaut werden. Entlang des Walls wollte er eine Art Heizplatte installieren, deren flirrende Luftspiegelungen den optischen Eindruck erzeugen, als schwebe der Erdwall über dem Boden. Allerdings würde die 100 Meter breite Heizplatte zugleich der Abschreckung dienen, weil sich die Migranten beim unerlaubten Grenzübertritt die Füße verbrennen würden.

Predock hätte mit diesem Entwurf wahrlich den „Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft“ verdient, den Adolf Hitler 1937 als Alternative zum Nobelpreis gestiftet hatte. Einer der Preisträger war 1938 Fritz Todt, der Auto­bahnbauer. Todt hatte auch die Oberaufsicht über den Bau des Westwalls, der damals auf einer Länge von 650 Kilometern an der Westgrenze des Deutschen Reichs errichtet wurde.

Vor Kurzem hat Ronald Rael, Architekturprofessor an der University of California (UCLA), in einem Manifest über die Grenze zwischen den USA und Mexiko eine gute Frage formuliert: „Machen sich Architekten, die sich einem Mauerwettbewerb verweigern, weniger zu Komplizen als solche, die sich beteiligen?“ Was er anscheinend sagen will, ist, dass es nicht hilft, sich aus Gründen der Ethik herauszuhalten. Mit der Verweigerung sorge man lediglich dafür, dass am Ende Leute wie Antoine Predock solche Anlagen in die Finger bekommen. Rael wäre es natürlich lieber, wenn es die Grenze nicht gäbe, aber er ist nicht bereit, sich Illusionen hinzugeben und so zu tun, als existiere sie nicht. Gleichwohl glaubt er, dass schräge, fantastische Konzepte den erklärten Zweck der Grenze unterlaufen könnten.

Zahlreiche akademische Lehrer, Grenzaktivisten und Künstler haben begonnen, absurde, pseudoutopische Pläne für bessere Grenzanlagen zu entwickeln, die deren dystopischen Charakter kenntlich machen. Einige dieser Ideen sind von bitterer Ironie gekennzeichnet, zum Beispiel der Vorschlag, oben auf der Mauer eine Reihe Kinderwippen anzubringen, sodass Kinder beidseits der Grenze miteinander auf und nieder schaukeln können.

Die Intellektuellen, die neu über Grenzen nachdenken, sind inspiriert von einem kühnen Essay über die israelische Trennmauer, den der US-Architekt Lebbeus Woods 2004 veröffentlicht hat. Er spielt den illusionären Gedanken durch, Israel hätte beschlossen, die Mauer nicht fertig zu bauen, und stellt sich vor, wie Architekten und Bauunternehmer auf beiden Seiten für die bereits errichteten Abschnitte eine Fülle ständig neuer Funktionen, alternativer Nutzungen und Spezifizierungen entwickeln. Damit entstehe „irgendwann ein Ungleichgewicht, das theoretisch die Mauer zu Fall bringt“.8

Für die Palästinenser klingen Vokabeln wie „irgendwann“ und „theoretisch“ allerdings ziemlich hohl, denn sie selbst werden behandelt, als seien sie Eindringlinge in ihrem eigenen Land – ob sie nun seinerzeit durch die Gründung Israels verdrängt wurden oder, wie im Westjordanland, seit fünfzig Jahren die militärische Besatzung und den Siedlerkolonialismus der Israelis erleben. Demgegenüber sind Leute, die unerlaubterweise von Mexiko in die USA gelangen wollen, Eindringlinge im eigentlichen Sinne, auch wenn wir verstehen können, was sie antreibt und warum sie das Risiko eingehen.

Vielleicht können Architekten und Stadtplaner tatsächlich dazu beitragen, die prinzipielle Absurdität jeder Barriere, die Menschen aussperrt, kenntlich zu machen. Und vielleicht ist die Tatsache, dass dabei die Grenzen zwischen Satire und Ernst verschwimmen, sogar ein neuer und begrüßenswerter Trend. Schließlich gehört das Verschwimmen und die Uneindeutigkeit zu jeder Grenze: Sie nimmt sich ernst und lässt doch gewisse Abweichungen zu, genau wie wir selbst, wenn wir sie übertreten.

Per Katapult von Tijuana nach San Diego

Die neuen Grenzskeptiker setzen gern auf Spott und Provokation. Zum Beispiel mit der kuriosen Idee, entlang der Grenze Beichtstühle aufzustellen, sodass die Priester auf der einen Seite den Sündern der anderen Seite geistlichen Beistand leisten können. Oder das Konzept von „binationalen Pferderennen“, für die auf beiden Seiten der Grenze zwei parallel verlaufende Rennbahnen angelegt werden.

Die beiden genannten Projekte gehen übrigens auf reale Begebenheiten zurück. Mit der Beichtstuhlidee wird die Arbeit eines Methodistenpfarrers in San Diego gewürdigt, der seit 2008 jeden Sonntag ein grenzübergreifendes Abendmahl zelebriert, wobei er den Kommunikanten auf mexikanischem Boden die Hostien durch den Stacheldraht reicht – eine radikale Form der seelsorgerischen Tätigkeit, die von den Christen in den USA zunehmend als ziviler Ungehorsam betrachtet wird.

Die zweite Idee erinnert an ein berühmtes Rennpferd der 1950er Jahre: den Fuchshengst Relámpago, der in den USA geboren wurde, aber zu einem mexikanischen Rennstall gehörte. Relámpago sollte im Herbst 1958 gegen den Sieger des Kentucky Derbys antreten, ein Pferd aus einem Stall bei Douglas, Arizona. Aber dann brach vor dem Renntag die Maul- und Klauenseuche aus, und keines der beiden Pferde durfte über die Grenze gebracht werden. Damals war der Grenzzaun in Arizona übrigens kaum höher als eine Schafhürde. Also ließ man Relámpago auf der mexikanischen und seinen Herausforderer auf der US-Seite laufen, sodass die Zuschauer beide Pferde verfolgen konnten. Relámpago startete schlecht, gewann am Ende aber.

Eine dritte Geschichte haben Grenzskeptiker im Sinn, die die Staatsgrenze wie ein Theaterstück inszenieren wollen. 2005 ließ sich der Zirkuskünstler David Smith als menschliche Kanonenkugel vom mexikanischen Tijuana aus über die Mauer schießen, um 60 Meter weiter im kalifornischen San Diego in einem Sicherheitsnetz zu landen. Smith’ akrobatische Nummer war keine Grenzverletzung: Er hatte sich von der US-Grenzschutzbehörde die Erlaubnis geben lassen, auf die mexikanische Seite zu wechseln. Dort schwenkte er zum Gaudium der Menge seinen US-Pass, bevor er in die Kanone stieg, die ihn zurück in sein Land schoss.

Ähnlich machen es auch die Drogenkartelle: Sie expedieren Marihuana- und Kokainpakete von Mexiko aus mit Katapulten und Pressluftkanonen über die Grenze – wie Lebensmittelrationen in eine belagerte Enklave. Die Schießapparaturen können bis zu 14 Kilo Drogen durch die Luft werfen. Ohne diese Lieferungen würde so manche US-Stadt bald zu einer unruhigen und rebellischen Zone werden. Derartige Ironie liegt den Architekten und Raumplanern, die mit der mexikanisch-amerikanischen Grenze befasst sind, fern. Einige ihrer Entwürfe – etwa ein „linearer städtischer Park“ für Radfahrer und Fußgänger – haben eher die Gesundheits- und Freizeitbedürfnisse der besser verdienenden US-Amerikaner im Kopf. Andere entspringen der typisch kalifornischen Sorge über schrumpfende Ressourcen und ökologische Bedrohungen.

Die Entwürfe von Professor Ronald Rael sehen eine massive Nutzung der Sonnenenergie vor sowie das Auffangen von Regenwasser und die Sanierung der Grenzflüsse. Und er ersinnt natürliche Sperren, wie Mauern aus Kakteen statt aus Stahl, die Migranten daran hindern sollen, sich durch den Organ Pipe Cactus Nationalpark nach Arizona durchzuschlagen. Aber warum sollte eine „natürliche Grenzsperre“ – wie dichte Kaktushecken – annehmbarer sein als ein künstliches Hindernis, das Migranten vom gefährlichen Grenzübertritt abhält? Ist ein Stück regulierter Natur, das den Migranten die Haut zerfetzen würde, denn besser als eine Heizplatte, die ihnen die Füße verbrennt?

Die Zielländer haben sich inzwischen damit abgefunden, dass ihre Außengrenzen militarisiert sind. Ihnen fällt nichts anderes ein, als die Flucht nach vorn anzutreten und die Schande der globalen Ungleichheit mit Gerede zuzudecken: über segensreiche Begrünung und fit machende Fahrradpisten, über Sonnenenergie und saubere Grenzflüsse. Während sie versuchen, den ökologischen Fußabdruck zu verwischen, verdecken sie zugleich den moralischen Fußabdruck unserer Volkswirtschaften, von deren Reichtum Mi­gran­ten träumen.

Die Idee der Freizügigkeit über Staatsgrenzen hinweg wirkt heute in den USA – ebenso wie in Europa – wie eine Bedrohung. Weder die Aktivisten entlang der Grenze zu Mexiko noch die Theoretiker der Grenzenlosigkeit noch die marktfundamentalistischen Befürworter einer unbegrenzten Migration konnten ihre Prinzipien durchsetzen. Die Mauer ist offensichtlich Volkes Wille. Und das Volk hat gesprochen.

Aber viele Architekten und Intellektuelle wollen das Thema nicht achselzuckend dem Heimatschutzministerium überlassen. Sie bemühen sich ernsthaft, entlang der Grenze Räume für Begegnungen und Kontakte zu schaffen. Im Friendship Park auf der Grenze zwischen San Diego und dem mexikanischen Tijuana ermöglichte es Leuten von beiden Seiten, sich für ein paar Stunden dort zu treffen. Das galt seit der Grenzregelung von 1924. Heute ist der Friendship Park ein von hohen Mauern umzingeltes Gelände, in dem sich höchstens 25 Mexikaner gleichzeitig aufhalten dürfen, und das nur am Samstag und Sonntag von 10 bis 14 Uhr.

Aber die Grenzskeptiker in den USA ändern mit ihrer abenteuerlichen Mischung aus Subversion und Kompromissen nichts an der Schmach, die die Mauer für die Menschen auf der mexikanischen Seite bedeutet. Für Norma Iglesias Prieto, Professorin an der San Diego State University, ist die Grenze ein Zeichen für die Doppelmoral der USA: Man will die Bewegungsfreiheit der Illegalen beschränken, zugleich aber „die Früchte in Form von billigen und rechtlosen Arbeitskräften“ ernten. Iglesias Prieto denkt dabei vor allem an die scheußlichen Metallzäune in der Gegend um Tijuana und San Diego. Aber egal aus welchem Material der „sichere Zaun“ letztlich gemacht ist – für Menschen, die ihn überwinden wollen, wird er stets eine Schmach bleiben.

Wenn sich Künstler mit Grenzanlagen aus­ein­andersetzen, machen sie sich weniger angreifbar als Architekten und Planer. Ein prominentes Beispiel ist der palästinensische Künstler Khaled Jarrar. In einem Video dokumentiert er, wie eine Mutter und ihre Tochter durch die israelische Trennmauer hindurch Kontakt suchen und es fast schaffen, sich mit den Händen zu berühren. Jarrar hat auch eine Skulptur aus Betonbrocken geschaffen, die er aus der Trennmauer herausgeschlagen hat.

Im vergangenen Jahr beschaffte sich Jarrar einen Metallpfosten der Grenzmauer in Tijuana, zersägte ihn und schweißte die Teile zu einer Leiter zusammen. Die mexikanische Künstlerin Ana Teresa Fernández, die in den USA lebt, hat Teile der Mauer mit Tarnfarben bemalt, um die Illusion zu erzeugen, dass ein Mauerabschnitt verschwunden ist – von Weitem sieht es jetzt aus wie eine Lücke in der Mauer, durch die man hindurchgehen kann.

Man kann sich dafür starkmachen, dass an der Grenze ein binationales Kino entsteht oder mehr Korridore für die heimischen Wildtiere eingeplant werden. Aber eine Mauer bleibt eine Mauer – egal ob sie so hart und hässlich ist wie ihr mächtigster Befürworter oder ob man sich einbildet, sie sei etwas anderes als eben eine Mauer.

1 Der NCLR ist die größte Organisation, die sich um die Verteidigung der Rechte der Latinos in den USA bemüht; sie hat ihren Sitz in Washington.

2 Siehe Dara Lind, „Removals versus Returns: How to think about Obama’s Deportation Record“: vox.com/2014/4/11/5602272/removals-returns-and-deportations-a-very-short-history-of-immigration, 11. April 2014.

3 Siehe Tabelle 1 in: „Immigration Enforcement Record, Fiscal Years 1993–2016“, Muzaffar Chishti, Sarah Pierce, Jessica Bolter, „The Oba­ma Record on Deportations“, 24. Januar 2017: migrationpolicy.org/article/obama-record-deportations-deporter-chief-or-not

4 „From Conflict to Harmony in Border Landscapes“ in: Dennis Rumley und Julian Minghi (Hrsg.), „The Geography of Border Landscapes“, London (Routledge) 1991.

5 Siehe: „Fatal Journeys: Tracking Lives Lost during Migration“, IOM, 2014: publications.iom.int/system/files/pdf/fataljourneys_countingtheuncounted.pdf.

6 John W. House, „Frontier on the Rio Grande“, Oxford (University Press) 1982.

7 „A Fence with more Beauty, Fewer Barbs“, New York Times, 18. Juni 2006.

8 Ronald Rael, „Borderwall as Architecture: A Manifesto for the U.S.-Mexico Boundary“, Oakland (University of California Press) 2017, S. 18.

Aus dem Englischen von Niels Kadritzke

Jeremy Harding ist Redakteur bei London Review of Books. Autor von: „Border Vigils. Keeping Migrants Out of the Rich World“, London (Verso) 2012.

© Le Monde diplomatique, Berlin (eine kürzere Fassung dieses Beitrags erschien in London Review of Books am 20. April 2017)

Le Monde diplomatique vom 08.06.2017, Jeremy Harding